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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 80
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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6. Steigerung der Konsumtionsfähigkeit

Aus dem bisher Gesagten geht ferner hervor, daß Zeiten der Krise und der Arbeitslosigkeit in der künftigen Gesellschaft unmöglich sind. Die Krisen entspringen dem Umstand, daß die kapitalistische Produktion, gereizt durch den Profit und ohne jedes zuverlässige Maß für den wirklichen Bedarf, die Überfüllung des Warenmarktes, die Überproduktion, erzeugt. Der Charakter der Produkte unter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung als Waren, die ihre Besitzer auszutauschen bestrebt sind, macht den Verbrauch der Waren von der Kauffähigkeit der Konsumenten abhängig. Die Kauffähigkeit ist aber bei der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung, die für ihre Arbeitsleistung unterwertig bezahlt wird und für dieselbe keine Verwendung findet, wenn ihre Anwender nicht Mehrwert aus derselben pressen kann, beschränkt. Kauffähigkeit und Konsumtionsfähigkeit sind in der bürgerlichen Welt zwei verschiedene Dinge. Viele Millionen haben Bedürfnisse nach neuen Kleidern, Schuhen, Möbeln, Wäsche, nach Eß- und Trinkwaren, aber sie besitzen kein Geld, und so bleiben ihre Bedürfnisse, das heißt, es bleibt ihre Konsumtionsfähigkeit unbefriedigt. Der Warenmarkt ist überfüllt, aber die Masse hungert; sie will arbeiten, aber sie findet niemand, der ihre Arbeit kauft, weil der Unternehmer nichts dabei verdienen kann. Stirb, verdirb, werde Vagabond, Verbrecher, ich, der Kapitalist, kann es nicht ändern, ich kann keine Waren gebrauchen, für die ich mit entsprechendem Profit keinen Abnehmer habe. Und der Mann hat in seiner Art vollkommen recht.

In der neuen Gesellschaft wird dieser Widerspruch beseitigt sein. Diese produziert nicht »Waren«, um zu »kaufen« und zu »verkaufen«, sondern sie produziert Lebensbedürfnisse, die verbraucht, konsumiert werden, sonst haben sie keinen Zweck. Bei ihr findet die Konsumtionsfähigkeit nicht, wie in der bürgerlichen Welt, an der Kauffähigkeit des einzelnen ihre Grenze, sondern an der Produktionsfähigkeit der Gesamtheit. Sind Arbeitsmittel und Arbeitskräfte vorhanden, so kann jedes Bedürfnis befriedigt werden. Die gesellschaftliche Konsumtionsfähigkeit findet ihre Schranke nur in der – Gesättigtheit der Konsumenten.

Gibt es aber in der neuen Gesellschaft keine »Waren«, so gibt es schließlich auch kein Geld. Geld ist scheinbar der Gegensatz von Ware, aber es ist selbst Ware! Aber Geld, obgleich selbst Ware, ist zugleich die gesellschaftliche Äquivalentform, der Wertmesser für alle anderen Waren. Die neue Gesellschaft produziert aber nicht Waren, sondern Bedürfnisgegenstände, Gebrauchswerte, deren Herstellung ein gewisses Maß gesellschaftlicher Arbeitszeit erfordert. Die Arbeitszeit, die durchschnittlich nötig ist, um einen Gegenstand herzustellen, ist allein das Maß, an dem er für den gesellschaftlichen Gebrauch gemessen wird. Zehn Minuten gesellschaftlicher Arbeitszeit in einem Gegenstand sind gleich zehn Minuten gesellschaftlicher Arbeitszeit in einem anderen, nicht mehr und nicht weniger. Die Gesellschaft will nicht »verdienen«, sie will nur den Austausch von Gegenständen gleicher Qualität, gleichen Gebrauchswerts unter ihren Gliedern bewerkstelligen, und schließlich hat sie nicht einmal nötig, einen Gebrauchswert festzusetzen, sie produziert, was sie bedarf. Findet zum Beispiel die Gesellschaft, daß zur Herstellung aller benötigten Produkte eine tägliche dreistündige Arbeitszeit nötig ist, so setzt sie eine dreistündige fest Man beachte immer wieder, daß die ganze Produktion auf höchster technischer Stufenleiter organisiert ist und alle tätig sind, so daß unter Umständen eine dreistündige Arbeitszeit noch zu lang sein kann. Owen, der ein großer Fabrikant war, also als Sachverständiger gelten darf, hielt – erstes Viertel des neunzehnten Jahrhunderts – eine zweistündige Arbeitszeit für ausreichend. . Verbessern sich die Produktionsmethoden so, daß der Bedarf schon in zwei Stunden hergestellt werden kann, setzt sie zwei Stunden Arbeitszeit fest. Verlangt dagegen die Gesamtheit die Befriedigung höherer Bedürfnisse, als trotz Zunahme der Zahl der Arbeitskräfte und erhöhter Produktivität des Arbeitsprozesses in zwei oder drei Stunden hergestellt werden können, so setzt sie mehr Stunden fest. Ihr Wille ist ihr Himmelreich.

Wieviel jedes einzelne Produkt an gesellschaftlicher Arbeitszeit zur Herstellung bedarf, ist leicht zu berechnen »Die in einem Produkt steckende Menge gesellschaftlicher Arbeit braucht nicht erst auf einem Umweg festgestellt zu werden; die tägliche Erfahrung zeigt direkt an, wieviel davon im Durchschnitt nötig ist. Die Gesellschaft kann einfach berechnen, wieviel Arbeitstunden in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in hundert Quadratmeter Tuch von bestimmen Qualität stecken. Es kann ihr also nicht einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die sie alsdann direkt und absolut kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden, unzulänglichen, früher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem dritten Produkt auszudrücken und nicht in ihrem natürlichen adäquaten, absoluten Maß der Zeit.... Sie wird den Produktionsplan einzurichten haben nach den Produktionsmitteln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte gehören. Die Nutzeffekte der verschiedenen Gebrauchsgegenstände, abgewogen untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen, werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten Wertes.« Fr. Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Stuttgart, J.H.W. Dietz. . Danach bemißt sich das Verhältnis dieses Arbeitszeitteils zur ganzen Arbeitszeit. Irgendein Zertifikat, ein bedrucktes Stück Papier, Gold oder Blech, bescheinigt die geleistete Arbeitszeit und setzt den Inhaber in die Lage, diese Zeichen gegen Bedürfnisgegenstände der verschiedensten Art auszutauschen Herr Eugen Richter ist in seinen »Irrlehren« über den Wegfall des Geldes – abgeschafft wird es nicht, es kommt durch die Aufhebung des Warencharakters der Arbeitsprodukte, weil überflüssig, von selbst in Wegfall – in der sozialistischen Gesellschaft so überrascht, daß er diesem Vorgang ein besonderes Kapitel widmet. Namentlich will ihm nicht einleuchten, daß es gleichgültig sei, ob der Ausweis über die geleistete Arbeitszeit ein bedrucktes Stück Papier, Gold oder Blech sei. Er sagt: Mit dem Golde käme aber der Teufel der jetzigen Weltordnung wieder in den sozialdemokratischen Staat hinein – daß es schließlich nur noch eine sozialistische Gesellschaft, keinen sozialdemokratischen »Staat« gibt, übersieht Herr Richter hartnäckig, ein gut Teil seiner Polemik würde alsdann den Boden verlieren – denn Gold hat einen selbständigen Metallwert, kann leicht aufbewahrt werden, und würde somit der Besitz von Goldstücken die Möglichkeit gewähren zur Anhäufung von Werten, zum Loskaufen von der Arbeitspflicht und selbst zu Darlehen gegen Zins.

Man muß seine Leser für große Dummköpfe halten, um ihnen solches Blech über unser Gold vorzusetzen. Herr Richter, der den Kapitalbegriff nicht los werden kann, kann selbstverständlich auch nicht begreifen, daß, wo kein Kapital, keine Ware ist, es auch kein »Geld« geben kann, und wo kein »Kapital« und kein »Geld« ist, auch kein Zins sein kann. Herr Richter ist in den Kapitalbegriff so verrannt, daß er sich eine Welt ohne »Kapital« nicht zu denken vermag. Wir möchten wissen, wie das Mitglied einer sozialistischen Gesellschaft sein goldenes Arbeitszertifikat »sparen« oder gar an andere verleihen und »Zins« dabei herausschlagen kann, wo alle anderen ebenfalls besitzen, was der eine ausbietet und – von dem er lebt.

. Findet er, daß seine Bedürfnisse geringer sind, als was er für seine Leistung erhält, so arbeitet er entsprechend kürzere Zeit. Will er das Nichtverbrauchte verschenken, niemand hindert ihn daran; will er freiwillig für einen anderen arbeiten, damit dieser dem Dolce far niente obliegen kann, oder will er seine Ansprüche an die Gesellschaftsprodukte mit ihm teilen, niemand wehrt es ihm. Aber zwingen kann ihn niemand, zum Vorteil eines anderen zu arbeiten, niemand kann ihm einen Teil der Ansprüche für seine Arbeitsleistung vorenthalten. Jeder kann allen erfüllbaren Wünschen und Ansprüchen Rechnung tragen, aber nicht auf Kosten anderer. Er bekommt, was er der Gesellschaft leistet, nicht mehr, nicht weniger. und bleibt jeder Ausbeutung durch einen dritten entzogen.

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