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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 76
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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2. Harmonie der Interessen

Die auf voller Freiheit und demokratischer Gleichheit organisierte Arbeit, bei der einer für alle und alle für einen stehen, also die volle Solidarität herrscht, wird eine Schaffenslust und einen Wetteifer erzeugen, wie sie in dem heutigen Wirtschaftssystem nirgends zu finden sind. Dieser schaffensfreudige Geist wirkt aber auch auf die Produktivität der Arbeit ein.

Ferner haben alle das Interesse, da sie gegenseitig für einander arbeiten, daß alle Gegenstände möglichst gut und vollkommen und mit möglichst geringem Aufwand an Kraft und Arbeitszeit hergestellt werden, sei es um Arbeitszeit zu sparen, oder um Zeit für Erzeugung neuer Produkte zur Befriedigung höherer Ansprüche zu gewinnen. Dieses gemeinsame Interesse veranlaßt alle, auf Verbesserung, Vereinfachung und Beschleunigung des Arbeitsprozesses zu sinnen. Der Ehrgeiz, zu erfinden und zu entdecken, wird im höchsten Grade angeregt, einer wird an Vorschlägen und Ideen den anderen zu überbieten suchen »Die Macht des Wetteifers, der zu den gewaltigsten Anstrengungen anregt, um das Lob und die Bewunderung anderer zu erwecken, erweist sich erfahrungsgemäß überall nützlich, wo Menschen öffentlich miteinander wetteifern, selbst wo es sich um frivole und solche Dinge handelt, von denen das Publikum keinen Nutzen hat. Ein Wettstreit, wer am meisten für das gemeine Beste tun könne, ist aber eine Art Konkurrenz, welche die Sozialisten nicht zurückweisen.« John Stuart Mill, »Politische Ökonomie«. Jeder Verein, jede Vereinigung von Personen, die gleiche Ziele und Bestrebungen verfolgen, liefert ebenfalls zahlreiche Beispiele höheren Strebens, denen kein materieller, sondern nur ein ideeller Erfolg zuteil wird. Die Wetteifernden werden allerdings vom Ehrgeiz getrieben, sich auszuzeichnen, von der Sucht, der gemeinsamen Sache zu nützen. Diese Art Ehrgeiz ist aber eine Tugend, er betätigt sich zum Wohle aller, bei dem auch der einzelne seine Befriedigung findet. Ehrgeiz ist nur schädlich und verwerflich, wo er zum Schaden des Ganzen oder auf Kosten anderer sich betätigt. . Es wird also genau das Gegenteil von dem eintreten, was die Gegner des Sozialismus behaupten. Wie viele Erfinder und Entdecker gehen in der bürgerlichen Welt zugrunde! Wie viele werden ausgenutzt und beiseite geschoben! Sollten Geist und Talent statt des Besitzes an der Spitze der bürgerlichen Gesellschaft stehen, der größte Teil der Unternehmer müßte seinen Arbeitern, Werkmeistern, Technikern, Ingenieuren, Chemikern usw. Platz machen. Diese sind die Männer, die in neunundneunzig Fällen von hundert die Erfindungen, Entdeckungen und Verbesserungen machten, die dann der Mann mit dem großen Geldbeutel ausnutzt. Wie viel Tausende von Entdeckern und Erfindern zugrunde gegangen sind, weil sie den Mann nicht fanden, der die Mittel zur Ausführung ihrer Entdeckungen und Erfindungen hergab, wie viele verdiente Entdecker und Erfinder unter der sozialen Misere des Alltagslebens unterdrückt werden, entzieht sich jeder Berechnung. Nicht die Leute mit hellem Kopf und scharfem Verstand, sondern die mit den großen Mitteln sind die Herren der Welt, womit nicht gesagt sein soll, daß nicht auch ein heller Kopf und der Besitz eines gefüllten Beutels in einer Person vereinigt sind.

Jeder, der im praktischen Leben steht, weiß, wie mißtrauisch heute der Arbeiter jede Verbesserung, jede neue Erfindung, die eingeführt wird, aufnimmt. Mit Recht. In der Regel hat nicht er den Vorteil davon, sondern sein Anwender; er muß fürchten, daß die neue Maschine, die Verbesserung, die eingeführt wird, ihn als überzählig aufs Pflaster wirft. Statt freudiger Zustimmung zu einer Erfindung, die der Menschheit Ehre macht und Vorteil schaffen soll, hat er eine Verwünschung und einen Fluch auf den Lippen. Und wie manche Verbesserung für den Produktionsprozeß, die ein Arbeiter entdeckte, wird nicht eingeführt. Der Arbeiter verschweigt sie, weil er fürchtet, nicht Vorteil, sondern Schaden davon zu haben. Das sind die natürlichen Folgen des Gegensatzes der Interessen v. Thünen, »Der isolierte Staat« (Rostock), sagt: »In dem entgegengesetzten Interesse liegt der Grund, warum Proletarier und Besitzende fortan sich feindlich gegenüberstehen und unversöhnt bleiben werden, solange der Zwiespalt der Interessen nicht gehoben ist. Nicht bloß der Wohlstand seines Lohnherrn, sondern durch Entdeckungen im Fabrikwesen, durch Anlegung von Chausseen und Eisenbahnen, durch Anknüpfung neuer Handelsverbindungen kann auch von Zeit zu Zeit das Nationaleinkommen sich sehr steigern. Aber bei unserer jetzigen gesellschaftlichen Ordnung wird der Arbeiter davon nicht berührt, seine Lage bleibt, wie sie war, und der ganze Zuwachs von Einkommen fällt den Unternehmern, Kapitalisten und Grundherren zu.« Dieser letzte Satz ist eine fast wörtliche Antizipation des Ausspruchs Gladstones im englischen Parlament, in dem er 1864 erklärte, »dieser berauschende Zuwachs von Einkommen und Macht (den in den letzten zwanzig Jahren England erfahren) ist ausschließlich auf die besitzende Klasse beschränkt geblieben«. Und S. 207 seines Werkes sagt v. Thünen: »In der Trennung des Arbeiters von seinem Erzeugnis liegt das Übel.

In der sozialistischen Gesellschaft ist der Gegensatz der Interessen beseitigt. Jeder entwickelt seine Fähigkeiten, um sich zu nützen, und damit nützt er zugleich dem Gemeinwesen. Heute sind Befriedigung des persönlichen Egoismus und Gemeinwohl meist Gegensätze, die sich ausschließen; in der neuen Gesellschaft sind diese Gegensätze aufgehoben, Befriedigung des persönlichen Egoismus und Förderung des Gemeinwohls stehen miteinander in Harmonie, sie decken sich Bei Abwägung der Vorteile und Nachteile des Kommunismus sagt Stuart Mill in seiner »Politischen Ökonomie«: »Kein Feld kann für die Entwicklung einer solchen Auffassung (daß das öffentliche Interesse auch das persönliche sei) günstiger sein, als eine kommunistische Assoziation. Aller Ehrgeiz, sowie alle körperliche und geistige Tätigkeit, welche jetzt sich abmühen mit der Verfolgung vereinzelter und selbstsüchtiger Interessen, würden einen anderen Wirkungskreis verlangen und denselben von selbst in dem Streben für die allgemeine Wohlfahrt des Gemeinwesens finden.« .

Die großartige Wirkung eines solchen Moralzustandes liegt nahe. Die Produktivität der Arbeit wird mächtig wachsen. Insbesondere wird die Produktivität der Arbeit auch dadurch gewaltig wachsen, daß die enorme Zersplitterung der Arbeitskräfte in Hunderttausende und Millionen von Zwergbetrieben, die mit den unvollkommensten Werkzeugen und Arbeitsmitteln produzieren, aufhört. In welche Unzahl von Zwerg-, Mittel- und Großbetrieben das deutsche Gewerbeleben zersplittert ist, wurde oben nachgewiesen. Durch die Zusammenziehung der kleinen und mittleren Betriebe in Großbetriebe, die mit allen Vorteilen modernster Technik ausgestattet sind, wird eine enorme Verschwendung von Kraft, Zeit, Material aller Art (Licht, Heizung usw.) und Raum, die jetzt stattfindet, beseitigt und wird die Produktivität der Arbeit ums Mehrfache gesteigert. Welcher Unterschied in der Produktivität zwischen kleinen, mittleren und großen Betrieben vorhanden ist, mag ein Beispiel aus dem Industriezensus des Staates Massachusetts aus dem Jahre 1890 zeigen. Man teilte dort die Betriebe von zehn Hauptindustriebranchen in drei Kategorien ein. Diejenigen, die weniger als 40.000 Dollar Produktenwert erzeugten, zählten zur niederen Klasse, die zwischen 40.000 und 150.000 Dollar Warenwert erzeugten, zur mittleren Klasse, und die mit über 150.000 Dollar Warenwert zur oberen Klasse.

Das Ergebnis war folgendes:

  Zahl der
Etablissements
Prozentsatz
von den gesamten
Etablissements
Gesamtproduktions-
wert der einzelnen
Klassen Dollar
Prozentsatz
vom Gesamt-
produktwert
Niedere Klasse 2.042 55,2 51.660.617 9,4
Mittlere Klasse 968 26,2 106.868.635 19,5
Obere Klasse 686 18,6 390.817.300 71,1
  3.696 100,0 549.346.552 100,0

Die mehr als doppelt so große Zahl der kleinen Betriebe im Vergleich zu den mittleren und großen Betrieben erzeugte also nur 9,4 Prozent des Gesamtproduktes, und die nur 23 Prozent befragende Anzahl der Großbetriebe produzierte fast das zweiundeinhalbfache Quantum des Produktes aller übrigen Betriebe. Aber auch die Großbetriebe könnten noch weit rationeller eingerichtet werden, so daß bei einer Gesamtproduktion, auf der höchsten technischen Produktionsform, ein noch weit größeres Arbeitsquantum hergestellt werden würde.

Was bei einer Produktion, die auf rationellste Basis gestellt ist, an Zeit gewonnen werden kann, darüber hat 1886 Th. Hertzka in seinem Buche »Die Gesetze der sozialen Entwicklung« eine interessante Berechnung angestellt. Er untersuchte, was für ein Aufwand an Arbeitskräften und Zeit notwendig sei, um die Bedürfnisse der damals 22 Millionen Köpfe zählenden Bevölkerung Österreichs auf dem Wege der Großproduktion herzustellen. Zu diesem Zwecke zog Hertzka Erkundigungen ein über die Leistungsfähigkeit der Großbetriebe auf den verschiedenen Gebieten und stellte danach seine Berechnungen auf. Hierbei ist einbegriffen die Bewirtschaftung von 10½ Millionen Hektar Ackerboden und von 3 Millionen Hektar Wiesen, die für die erwähnte Bevölkerungszahl genügen sollen, um ihren Bedarf an Ackerbauprodukten und Fleisch zu decken. Weiter schloß Hertzka in seine Berechnung die Herstellung von Wohnungen ein, dergestalt, daß jede Familie ein eigenes Häuschen von 150 Quadratmetern mit fünf Wohnräumen erhält, das auf eine Dauer von 50 Jahren berechnet ist. Es ergab sich, daß für die Landwirtschaft, die Bautätigkeit, die Mehl- und Zuckerproduktion, die Kohlen-, Eisen- und Maschinenindustrie, die Bekleidungsindustrie und die chemischen Industrien 615.000 Arbeitskräfte notwendig seien, die in dem jetzt gewohnten täglichen Durchschnittszeitenmaß das Jahr über tätig sein müßten. Diese 615.000 Köpfe bildeten aber nur 12,3 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung Österreichs, wenn alle Frauen sowie die männliche Bevölkerung unter 16 und über 50 Jahren der Produktion fernblieben. Würden die zur Zeit der Berechnung vorhandenen 5 Millionen Männer, gleich den 615.000, beschäftigt, so braucht jeder derselben nur 36,9 Tage, rund 6 Wochen zu arbeiten, womit die notwendigsten Lebensbedürfnisse für 22 Millionen Menschen hergestellt würden. Nehmen wir aber 300 Arbeitstage im Jahre anstatt 37, so würden, den Arbeitstag mit 11 Stunden in Ansatz gebracht, bei er neuen Organisation der Arbeit täglich nur 1 3/8 Stunden nötig sein, um die notwendigsten Bedürfnisse zu decken.

Hertzka bringt auch die Luxusbedürfnisse der Bessersituierten in Rechnung und findet, daß die Herstellung derselben, für einen Bedarf von 22 Millionen Menschen, weitere 315.000 Arbeiter erfordere. Im ganzen wären alsdann, nach Hertzka, unter Berücksichtigung einiger in Österreich ungenügend vertretener Industrien, rund eine Million, gleich 20 Prozent der arbeitsfähigen männlichen Bevölkerung, mit Ausschluß derjenigen unter 16 und über 50 Jahren, nötig, um die gesamten Bedürfnisse der Bevölkerung in 60 Tagen zu decken. Bringen wir wieder die gesamte arbeitsfähige männliche Bevölkerung in Rechnung, so hätte diese täglich nur zweieinhalb Stunden durchschnittliche Arbeitszeit zu leisten In seinen »Irrlehren« spottet Herr Eugen Richter über die von uns in Aussicht gestellte enorme Arbeitszeitverkürzung, die bei allgemeiner Arbeitspflicht und höchster technischer Organisation des Arbeitsprozesses eintreten würde. Er sucht die Leistungsfähigkeit der Großindustrie möglichst herabzusetzen, dagegen die Bedeutung des Kleingewerbes aufzubauschen, um behaupten zu können, die notwendige Mehrproduktion ließe sich nicht bewerkstelligen. Damit der Sozialismus als unmöglich erscheint, müssen diese Verteidiger der bestehenden »Ordnung« die Vorzüge ihrer eigenen Gesellschaftsordnung diskreditieren. .

Diese Rechnung wird niemand überraschen, der die Verhältnisse übersieht. Nehmen wir nun an, daß bei einem solchen mäßigen Zeitmaß, mit Ausnahme von Kranken und Invaliden, auch die über 50 Jahre alten Männer noch zu arbeiten vermögen, daß ferner die Jugend unter 16 Jahren tätig sein könnte, ebenso ein großer Teil der Frauen, soweit diese nicht für Kindererziehung, Nahrungszubereitungen usw. in Anspruch genommen sind, so könnte die Arbeitszeit noch weiter ermäßigt oder es könnten die Bedürfnisse erheblich gesteigert werden. Auch wird niemand bestreiten wollen, daß nicht noch sehr bedeutende, gar nicht abzusehende Fortschritte in der Vervollkommnung des Arbeitsprozesses gemacht werden, die weitere Vorteile schaffen. Andererseits handelte es sich darum, für alle eine Menge Bedürfnisse zu befriedigen, die heute nur eine Minorität befriedigen kann, und bei höherer Kulturentwicklung entstehen immer neue Bedürfnisse, die ebenfalls befriedigt werden sollen. Es muß immer wiederholt werden, die neue Gesellschaft will nicht proletarisch leben, sie verlangt als ein hochentwickeltes Kulturvolk zu leben, und zwar in allen ihren Gliedern, vom ersten bis zum letzten. Sie soll aber nicht bloß allen ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen, sie soll auch allen ausreichende Zeit für die Ausbildung in Künsten und Wissenschaften aller Art und zur Erholung ermöglichen.

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