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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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2. Der Zwischenhandel und die Verteuerung der Lebensmittel

In der menschlichen Gesellschaft sind alle Individuen mit tausend Fäden aneinander gekettet, um so vielfältiger, je höher der Kulturgrad eines Volkes ist. Treten Störungen ein, so machen diese sich allen Gliedern fühlbar. Störungen in der Produktion wirken auf die Distribution (Verteilung) und die Konsumtion ein und umgekehrt.

Das charakteristische Merkmal der kapitalistischen Produktion ist die Konzentrierung der Produktionsmittel in immer größeren Produktionsstätten. In der Distribution macht sich ein entgegengesetzter Zug bemerkbar. Wer durch die vernichtende Konkurrenz als Produzent aus der Reihe der selbständigen Existenzen gestrichen wird, sucht in neun Fällen von zehn sich als Händler zwischen Produzent und Konsument zu drängen, um seine Existenz zu fristen »Der Rückgang des alten Handwerkes ist nicht die alleinige Ursache der unverhältnismäßigen Zunahme des kleinen Detailhandelsbetriebs. Die fortschreitende Industrialisierung und Kommerzialisierung des Landes schafft trotz ihrer Tendenz zum Großbetrieb zunächst immer wieder Boden für kleine Geschäfte. Ebenso sind Erfindungen, die neue Industriezweige schaffen, auch die Ursache, daß für den Absatz dieser Produkte auch neue Kleinbetriebe erstehen. Vor allem aber erklärt sich die starke Zunahme der Detailhandelsbetriebe daraus, daß – wie die Handels- und Gewerbekammer zu Dresden in einem der sächsischen Regierung erstatteten Gutachten (S. 18 der Broschüre ›Konsumgenossenschaften und Mittelstandspolitiker‹) ausfährt – der Kleinhandel das große Sammelbecken geworden ist für zahlreiche Personen, die daran verzweifeln, auf anderem Wege ihr Auskommen zu finden.« Paul Lange, Detailhandel und Mittelstandspolitik. »Neue Zeit«, 25. Jahrgang, 2. Band, S. 695. .

Daher die auffällige Zunahme der Zwischenpersonen, der Händler, Krämer, Höker, Geschäftsvermittler, Makler, Agenten, Wirte usw., wie oben statistisch festgestellt wurde. Die meisten dieser Personen, unter welchen die Frauen als selbständige Geschäftsinhaber besonders stark vertreten sind, führen meist ein sorgenvolles Leben und eine kümmerliche Existenz. Viele sind, um sich zu halten, gezwungen, auf die niedrigsten Leidenschaften ihrer Mitmenschen zu spekulieren und ihnen Vorschub zu leisten. Daher die Überhandnahme der Reklame, namentlich in allem, was auf die Befriedigung der Genußsucht gerichtet ist.

Nun läßt sich nicht bestreiten, und von einem höheren Gesichtspunkt betrachtet ist es sehr erfreulich, daß in der modernen Gesellschaft der Drang nach Lebensgenuß sich bemerkbar macht. Die Menschen fangen an zu begreifen, daß, um Mensch zu sein, man menschenwürdig leben müsse, und sie suchen dieses Bedürfnis in Formen zu befriedigen, die ihrem Begriff von Lebensgenuß entsprechen. In ihrer Reichtumsgestaltung ist aber die Gesellschaft viel aristokratischer geworden als in jeder früheren Periode. Zwischen den Reichsten und den Ärmsten ist heute der Abstand größer als je, dagegen ist die Gesellschaft in ihren Ideen und Gesetzen demokratischer geworden Professor Adolf Wagner spricht in der ersten Bearbeitung von Raus »Lehrbuch der politischen Ökonomie« einen ähnlichen Gedanken aus. Er sagt S. 361: »Die soziale Frage ist der zum Bewußtsein gekommene Widerspruch der volkswirtschaftlichen Entwicklung mit dem als Ideal vorschwebenden und im politischen Leben sich verwirklichenden gesellschaftlichen Entwicklungsprinzip der Freiheit und Gleichheit.« . Die Masse verlangt nach größerer Gleichheit, und sie sucht selbst im Verkehrten die Gleichheit, da sie in ihrer Unwissenheit die Wege für die Verwirklichung einer solchen noch nicht kennt, darin, daß sie es den Höherstehenden gleichzutun versucht und jeden erreichbaren Genuß sich verschafft. Alle möglichen Anreizungsmittel müssen dazu dienen, diesen Trieb auszubeuten, und die Folgen sind vielfach bedenkliche. Ein an sich berechtigtes Streben fährt in einer Menge Fälle auf Abwege, selbst zum Verbrechen, und die Gesellschaft schreitet in ihrer Weise dagegen ein, ohne das geringste damit zu ändern.

Die zunehmende Menge der Mittelspersonen hat viele Übelstände im Gefolge. Obgleich die Betreffenden meist sich schwer abmühen und in Sorgen arbeiten, sind sie in ihrer Mehrzahl eine Klasse von Parasiten, die unproduktiv tätig ist und ebenso von dem Arbeitsprodukt anderer lebt wie die Unternehmerklasse. Verteuerung der Lebensbedürfnisse ist die unumgängliche Folge des Zwischenhandels. Diese werden in einer Weise verteuert, daß sie oft den doppelten und mehrfachen Preis dessen kosten, was der Erzeuger dafür erhält So teilt Dr. E. Sax in seiner Schrift »Die Hausindustrie in Thüringen« unter anderem mit, daß im Jahre 1869 die Produktion von 244½ Millionen Griffeln 122.000 bis 200.000 Gulden Arbeitslohn für die Arbeiter abgeworfen hatte, der Verkaufspreis steigerte sich aber in letzter Hand auf 1.200.000 Gulden, er betrug mindestens das Sechsfache dessen, was der Produzent erhielt. Im Sommer 1888 wurden für fünf Zentner Schellfische aus erster Hand 5 Mark bezahlt. Der Detailhändler bezahlte dem Großhändler 15 und das Publikum dem letzteren 125 Mark. Auch werden Massen von Lebensmitteln vernichtet, weil die Preise nicht die Transportkosten lohnen. So zum Beispiel werden in Jahren eines überreichlichen Heringsfanges ganze Bootsladungen als Dünger verwendet, während im Binnenland viele Tausende Menschen existieren, die keine Heringe kaufen können. Ähnliches passierte im Jahre 1892 in Kalifornien bei einer überreichen Kartoffelernte. Als im Jahre 1901 die Zuckerpreise tief gesunken waren, machte ein Fachblatt ernsthaft den Vorschlag, einen größeren Teil der Vorräte unter Wasser zu setzen und zu vernichten, um die Preise zu heben. Bekannt ist auch, daß Charles Fourier zu seinem sozietären Gesellschaftssystem angeregt wurde, weil er als Lehrling in einem kaufmännischen Geschäft in Toulon den Auftrag erhielt, eine Schiffsladung Reis ins Meer zu versenken, damit die Preise stiegen. Er sagte sich, eine Gesellschaft, die zu solch barbarischen und widersinnigen Maßregeln greift, muß eine falsche Grundlage haben, und so wurde er Sozialist. . Ist aber eine wesentliche Verteuerung der Waren nicht rätlich und nicht möglich, weil dann eine Einschränkung des Verbrauchs eintritt, so werden sie künstlich verschlechtert, man greift zur Verfälschung der Lebensmittel und zu falschem Maß und Gewicht, um den sonst nicht erlangbaren Gewinn zu erhalten. Der Chemiker Chevalier berichtet, daß er unter den verschiedenen Arten von Fälschungen bei Lebensmitteln für Kaffee 32, Wein 30, Schokolade 28, Mehl 24, Branntwein 23, Brot 20, Milch 19, Butter 10, Olivenöl 9, Zucker 6 usw. kenne. Ein Hauptbetrug wird mit dem Verkauf fertig abgewogener Waren in den Kramläden vorgenommen; man liefert oft für ein Kilo nur 900 oder 950 Gramm und sucht so doppelt einzubringen, was man am Preise nachläßt. Am schlimmsten sind Arbeiter und kleine Leute daran, die ihre Waren auf Kredit entnehmen und darum schweigen müssen, auch wo sie den Betrug vor Augen sehen. Großer Mißbrauch mit falschem Gewicht kommt auch im Backwarenverkauf vor. Schwindel und Betrug sind eben unausbleiblich mit unseren sozialen Zuständen verknüpft, und gewisse Staatseinrichtungen, zum Beispiel hohe indirekte Steuern und Zölle, fördern Schwindel und Betrug. Die Gesetze gegen Lebensmittelverfälschungen richten dagegen wenig aus. Der Kampf um die Existenz nötigt die Betrüger, immer raffiniertere Mittel anzuwenden, und eine gründliche und strenge Kontrolle ist sehr selten vorhanden. Auch wird unter dem Vorwand, daß, um Fälschungen zu entdecken, ein umfassender und teurer Verwaltungsapparat notwendig sei – was richtig ist –, worunter auch »das legitime Geschäft leide«, jede ernste Kontrolle lahmgelegt. Greifen aber Kontrollmaßregeln wirksam ein, so bewirken sie eine erhebliche Preissteigerung, weil der niedrigere Preis nur durch Fälschung der Ware möglich war.

Um diesen Übelständen im Handel abzuhelfen, unter denen immer und überall die Masse am härtesten leidet, ist man zur Errichtung von Konsumvereinen geschritten. Insbesondere hat in Deutschland das Konsumvereinswesen für Militärpersonen und Beamte eine Bedeutung erlangt, daß zahlreiche Handelsgeschäfte dadurch zugrunde gerichtet wurden. Aber auch die Arbeiterkonsumvereine haben im letzten Jahrzehnt eine großartige Entwicklung erfahren und sind zum Teil auch zur Selbsterzeugung gewisser Verbrauchsgegenstände übergegangen. Die Konsumvereine in Hamburg, Leipzig, Dresden, Stuttgart, Breslau, Wien usw. sind mustergültige Einrichtungen geworden, und der Jahresumsatz der deutschen Konsumvereine beläuft sich auf Hunderte von Millionen Mark. Seit einigen Jahren besteht auch in Hamburg für die deutschen Arbeiterkonsumvereine eine Einkaufszentrale, die die Waren im größten Maßstab ankauft und damit ihre billigste Lieferung an die Einzelvereine ermöglicht. Diese Vereine beweisen also die Überflüssigkeit des zersplitterten Zwischenhandels. Das ist der größte Vorteil, den sie haben, neben dem, daß sie reelle Waren liefern. Die materiellen Vorteile für ihre Mitglieder sind nicht sehr bedeutend, auch genügen die Erleichterungen, die sie bieten, nicht, um denselben eine wesentliche Verbesserung ihrer Lebenslage zu verschaffen. Die Gründung von Konsumvereinen ist aber ein Symptom, daß man in den weitesten Kreisen die Überflüssigkeit des Zwischenhandels erkannt hat. Die Gesellschaft wird schließlich zu einer Organisation gelangen, durch die der Handel überflüssig wird, indem die Produkte ohne andere Zwischenpersonen als diejenigen, die der Transport von einem Orte zum anderen und die Verteilung erfordert und im Dienste der Gesellschaft stehen, in den Besitz der Konsumenten gelangen. Nach dem gemeinsamen Bezug der Lebensmittel liegt allerdings weiter die Forderung nahe, auch eine gemeinsame, im großartigsten Maßstab auszuführende Fertigstellung für den Tisch zu erlangen, was abermals eine gewaltige Ersparnis an Kräften, Raum, Material und Aufwendungen aller Art herbeiführen würde.

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