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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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2. Fortschreitende Proletarisierung. Die Vorherrschaft des Großbetriebs

Wichtig ist aber auch zu konstatieren, wie sich die erwerbstätige Bevölkerung als Selbständige, Angestellte und Arbeiter, und in diesen drei nach dem Geschlecht verteilte. Die betreffenden Zahlen sind aus der folgenden Tabelle ersichtlich.

  Selbständige Angestellte Arbeiter
1882 1895 1907 1882 1895 1907 1882 1895 1907
Landwirtschaft männlich 2.010.865 2.221.826 2.172.740 60.763 78.066 82.548 3.629.959 3.239.646 3.028.983
weiblich 277.168 346.899 328.234 5.881 18.107 16.264 2.251.860 2.388.148 4.254.488
zusammen 2.288.033 2.568.725 2.500.974 66.644 96.173 98.812 5.881.819 5.627.794 7.283.471
Industrie männlich 1.621.668 1.542.272 1.499.832 96.807 254.421 622.071 3.551.014 4.963.409 7.030.427
weiblich 579.478 519.492 477.290 2.269 9.324 63.936 545.229 992.302 1.562.698
zusammen 2.201.146 2.061.764 1.977.122 99.076 263.745 686.007 4.096.243 5.955.711 8.593.125
Handel männlich 550.936 640.941 765.551 138.387 249.920 426.220 582.885 836.042 1.354.482
weiblich 150.572 202.616 246.641 3.161 11.987 79.689 144.377 365.005 605.043
zusammen 701.508 843.557 1.012.192 141.548 261.907 505.909 727.262 1.233.047 1.959.525
Überhaupt männlich 4.183.469 4.405.039 4.338.123 295.597 582.407 1.130.839 7.763.858 9.071.097 13.694.160
weiblich 1.007.218 1.069.007 1.052.165 11.311 39.418 159.889 2.941.466 3.745.455 4.161.961
zusammen 5.190.687 5.474.046 5.490.288 307.268 621.825 1.290.728 10.705.324 12.816.552 17.836.121

Dieselbe zeigt, daß in der Landwirtschaft die Zahl der Selbständigen von 1882 bis 1895 zwar um 280.692 Köpfe = 12,5 Prozent wuchs, aber von 1895 bis 1907 wieder um 67.751 Köpfe abnahm, so daß im Vergleich mit 1882 die Zahl der Selbständigen nur um 212.941 Köpfe = 9,2 Prozent zugenommen hat. Dahingegen ist die Zahl der Arbeiter, die von 1882 bis 1895 um 254.025 Köpfe = 4,3 Prozent abnahm, seit 1895 erheblich gestiegen – um 1.655.677 Köpfe = 29,4 Prozent. Betrachten wir diese Steigerung näher, so sehen wir, daß sie hauptsächlich der Vermehrung der Gruppe der mithelfenden Familienangehörigen weiblichen Geschlechts zuzuschreiben ist (um 170.532 bei den männlichen und um 1.820.398 bei den weiblichen, zusammen um 1.990.930). Ziehen wir in Betracht nur die ländliche Tagelöhner- und Gesindearbeit, so ergibt sich eine Verminderung der männlichen Arbeiter um 381.195 Köpfe und eine Zunahme der weiblichen um 45.942, insgesamt also eine erhebliche Verminderung der landwirtschaftlichen Arbeiter um 335.253 Personen. In der Landwirtschaft haben also nicht allein die Selbständigen, sondern auch Gesinde und Tagelöhnerschaft abgenommen; die Zunahme der landwirtschaftlichen Berufsabteilung gegenüber der vorhergehenden Zählung ist auf die starke Vermehrung der Familienhilfe, besonders der weiblichen, zurückzuführen.

Anders in der Industrie. Hier sank im Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren die Zahl der Selbständigen um 234.024 = 10,6 Prozent (von 1882 bis 1,895 um 139.382 = 5,2 Prozent), während die Bevölkerung um 36,48 Prozent wuchs (von 1882 bis 1895 um 14,48). Und zwar sind es die Alleinbetriebe und die Betriebe mit zwei Hilfspersonen, welche den Ausfall zu tragen hatten. Die Zahl der Arbeiter ist von 1882 bis 1895 um 1.859.468 und von 1895 bis 1907 um weitere 2.637.414 Köpfe gestiegen. Nehmen wir nur die eigentlichen Arbeiter, ausschließlich der mithelfenden Familienangehörigen, so ist ihre Zahl von 5.899.708 in 1895 auf 8.460.338 Personen in 1907 gestiegen. Drei Viertel aller in industriellen Berufen tätigen Personen sind Arbeiter (75,16 Prozent).

Das umgekehrte Verhältnis zeigt sich wieder in Handel und Verkehr, woselbst die Zahl der Selbständigen, aber auch, wie in der Industrie, die Zahl der Angestellten und der Arbeiter, bedeutend wuchs. Es sind insbesondere die Frauen, die im Handel als Selbständige zunehmen, und zwar sind es entweder Witwen, die sich mit einem Kleinhandel durchzuschlagen suchen, oder es versucht die Ehefrau, auf diesem Wege die Einnahme des Mannes zu verbessern. Die Zahl der Selbständigen ist von 1882 bis 1907 um 310.584 = 44,3 Prozent gestiegen, aber die Zahl der Angestellten und der Arbeiter hat sich noch stärker vermehrt (um 364.361 = 258,8 und um 1.232.263 = 169,4 Prozent). Ein schlagender Beweis, wie außerordentlich stark sich der Großhandel entwickelte, insbesondere von 1895 bis 1907. Die Zahl der Angestellten hat sich beinahe verdoppelt, darunter die Zahl der weiblichen versechsfacht!

Insgesamt stieg von 1882 bis 1907 die Zahl der Selbständigen in allen drei Kategorien um 5,7 Prozent, sie blieb also erheblich hinter der Steigerung der Bevölkerung zurück (36,48 Prozent). Dagegen stieg die Zahl der Angestellten um 325,4 Prozent, was dafür spricht, daß auf allen Gebieten sich mächtig entwickelte der Großbetrieb, der Angestellte benötigt, und die Zahl der Arbeiter wuchs um 39,1 Prozent. Hierbei ist festzuhalten, daß unter den 5.490.288 Selbständigen sich eine sehr große Zahl Existenzen befindet, die ein rein proletarisches Dasein führt. So gab es zum Beispiel unter den 2.086.368 Betrieben in der Industrie nicht weniger als 994.743 Alleinbetriebe und 875.518 Betriebe, die bis zu fünf Hilfspersonen beschäftigten. Im Warenhandel gab es 1907 unter 709.231 Hauptbetrieben nicht weniger als 232.780 Alleinbetriebe, ferner gab es unter den Selbständigen in Handel und Verkehr im Hausierhandel 35.306 Alleinbetriebe, dann 5.240 Dienstmänner, Lohndiener usw., Tausende von Versicherungsagenten, Kolporteuren usw.

Des weiteren ist zu berücksichtigen, daß in allen drei Kategorien die Zahl der Selbständigen sich nicht mit der Zahl der Betriebe deckt. Besitzt zum Beispiel ein Firmeninhaber Dutzende von Filialen, wie das zum Beispiel im Tabak- und Zigarrenhandel vorkommt, oder besitzt eine Konsumgenossenschaft so und so viele Läden, so wird jede Filiale als besonderer Betrieb gezählt. Das gleiche gilt von den industriellen Unternehmungen, zum Beispiel wenn eine Maschinenfabrik auch eine Eisengießerei und eine Tischlerei usw. im Betrieb hat. Die angeführten Zahlen geben also für die Betriebskonzentration auf der einen Seite und die Qualität der Existenz auf der anderen Seite keine genügende Auskunft.

Und doch geben, trotz aller dieser Mängel, die Ergebnisse der neuesten gewerblichen Betriebszählung vom 12. Juni 1907 ein Bild der gewaltigsten Konzentration und Zentralisation des Kapitals in Industrie, Handel und Verkehr. Sie zeigen, daß Hand in Hand mit der gesteigerten Industrialisierung der gesamten Wirtschaftsordnung eine Konzentration der gesamten Produktionsmittel in wenigen Händen mit gigantischen Schritten fortgeht.

Die allein arbeitenden Selbständigen, die noch 1882 1.877.872 betrugen, haben seit 1895 noch weiter abgenommen, in 1895 wurden gezählt 1.714.351 und in 1907 nur noch 1.446.286, eine Abnahme um 431.586 = 22,9 Prozent. Der Anteil des Kleinbetriebs ist von Zählung zu Zählung stark gesunken. 1882 betrug er 59,1 Prozent, 1895 46,5 und im Jahre 1907 nur noch 37,3 Prozent aller gewerbetätigen Personen. Die entgegengesetzte Bewegung machte der Großbetrieb, welcher von 22,0 auf 29,6 und 1907 auf 37,3 Prozent stieg. Je größer die Betriebe werden, desto schneller ist das Wachstum. Von 1895 bis 1907 nahm das Personal der Kleinbetriebe um 12,2 Prozent, das der Mittelbetriebe um 48,5 Prozent und das Personal der Großbetriebe um 75,7 Prozent zu. Mit 5.350.025 gewerbetätigen Personen im Jahre 1907 ist der Großbetrieb die bei weitem größte Gruppe geworden, während er noch 1882 bedeutend weniger Personen beschäftigte als der Alleinbetrieb. In sieben Gewerbegruppen hat er die herrschende Stellung mit mehr als der Hälfte aller Personen. So wurden von je 100 Personen beschäftigt in Großbetrieben:

Bergbau 96,6 Prozent
Maschinenindustrie 70,4 Prozent
Chemische Industrie 69,8 Prozent
Textilindustrie 67,5 Prozent
Papierindustrie 58,4 Prozent
Industrie der Steine und Erden 52,5 Prozent
Industrie der Seifen, Fette und Öle 52,3 Prozent

In den übrigen Gruppen hatte der Großbetrieb schon 1895 die Mehrheit, aber seine Stelle ist überall noch erheblich verstärkt worden (Metallverarbeitung 47,0, polygraphische Gewerbe 43,8, Verkehrsgewerbe 41,6, Baugewerbe 40,5 Prozent aller gewerbetätigen Personen). Auf fast allen Gebieten ist somit die Entwicklung den größeren Betrieben zugute gekommen.

Die Betriebs-, und was gleichbedeutend ist, die Kapitalkonzentration vollzieht sich dort ganz besonders rasch, wo der kapitalistische Betrieb zur vollen Herrschaft gelangte. Nehmen wir zum Beispiel die Bierbrauerei. Im deutschen Brausteuergebiet, von dem Bayern, Württemberg, Baden und Elsaß-Lothringen ausgeschlossen sind, waren

  In Betrieb gewesen
Brauereien
Darunter
gewerbliche
Mit einer Biergewinnung
von 1.000 Hektoliter
1873 13.561 10.927 19.655
1880 11.564 10.374 21.136
1890 8.969 8.054 32.279
1900 6.903 6.283 44.734
1905 5.995 5.602 46.264
1906 5.785 5.423 45.867
1907 5.528 5.251 46.355

Die Zahl der in Betrieb gewesenen Brauereien sank also von 1873 bis 1907 um 8.033 = 59,3 Prozent, die Zahl der gewerblichen Brauereien sank um 5.676 = 51,9 Prozent, dagegen stieg die Bierproduktion um 26.700.000 Hektoliter = 135,7 Prozent. Das bedeutet Zusammenbruch der kleinen und mittleren Betriebe und gewaltige Vergrößerung der Großbetriebe, deren Leistungsfähigkeit sich vervielfacht: im Jahre 1873 auf eine Brauerei 1.450, im Jahre 1907 8.385 Hektoliter. So ist es überall, wo der Kapitalismus zur Herrschaft kommt. In Österreich gab es im Jahre 1876 2.248 Brauereien, die 11.671.278 und im Jahre 1904/05 nur noch 1.285, die aber 19.098.540 Hektoliter Bierwürzen erzeugten.

Ähnliche Resultate zeigt die Entwicklung der deutschen Steinkohlenproduktion und der gesamten Montanindustrie des Deutschen Reiches. In der ersteren ging die Zahl der Hauptbetriebe, die 1871 bis 1875 durchschnittlich 623 betrug, auf 406 im Jahre 1889 zurück, gleichzeitig stieg aber die Produktion von 34.485.400 Tonnen auf 67.342.200 Tonnen, und die mittlere Belegschaft stieg von 172.074 auf 239.954 Köpfe. Die folgende Tabelle veranschaulicht diesen Konzentrationsprozeß in der Stein- und Braunkohlengewinnung bis 1907.

Jahr Steinkohlen Braunkohlen
Haupt-
betriebe
Mittlere
Belegschaft
Menge
1.000 Tonnen
Haupt-
betriebe
Mittlere
Belegschaft
Menge
1.000 Tonnen
1900 338 413.693 109.290,2 569 50.911 40.498,0
1905 331 493.308 121.298,6 533 54.969 52.512,1
1906 322 511.108 137.117,9 536 58.637 56.419,6
1907 313 545.330 143.185,7 535 66.462 62.546,7

In der Steinkohlenproduktion hatte sich also seit den siebziger Jahren die Zahl der Betriebe um 49,8 Prozent vermindert, dagegen war die Zahl der beschäftigten Arbeiter um 216,9 Prozent und die Produktion sogar um 420,6 Prozent gewachsen.

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