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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 63
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Siebzehntes Kapitel
Der Konzentrationsprozeß in der kapitalistischen Industrie

1. Die Verdrängung der Landwirtschaft durch Industrie

Das kapitalistische Wirtschaftssystem beherrscht nicht nur die soziale Organisation, sondern auch die politische; es beeinflußt und beherrscht das Fühlen und Denken der Gesellschaft. Der Kapitalismus ist die leitende Macht. Der Kapitalist ist der Herr und Gebieter der Proletarier, deren Arbeitskraft er als Ware zur Anwendung und Ausnutzung kauft, und zwar zu einem Preise, dessen Höhe sich wie bei jeder anderen Ware nach Angebot und Nachfrage richtet und um die Herstellungskosten, bald über, bald unter ihnen, oszilliert. Der Kapitalist kauft aber die Arbeitskraft nicht um »Gottes willen« und um dem Arbeiter einen Gefallen zu erweisen – obgleich er es so darstellt –, sondern um aus dessen Arbeit einen Mehrwert zu erhalten, den er in der Form von Unternehmergewinn, Zins, Pacht, Bodenrente einsteckt. Dieser aus dem Arbeiter gepreßte Mehrwert, der, soweit er ihn nicht verjubelt, bei dem Unternehmen sich wieder zu Kapital kristallisiert, setzt diesen in die Lage, stetig seinen Betrieb zu vergrößern, den Produktionsprozeß zu verbessern und immer neue Arbeitskräfte in Anwendung zu bringen. Das ermöglicht ihm wieder, seinen schwächeren Konkurrenten wie ein geharnischter Reiter einem unbewaffneten Fußgänger gegenüberzutreten und ihn zu vernichten.

Dieser ungleiche Kampf entwickelt sich mehr und mehr auf allen Gebieten, und in ihm spielt die Frau als die billigste Arbeitskraft, nach der Arbeitskraft der jungen Leute und der Kinder, eine immer wichtigere Rolle. Die Folge eines solchen Zustandes ist die immer schroffere Scheidung in eine verhältnismäßig kleine Zahl mächtiger Kapitalisten und in eine große Masse kapitalloser, auf den täglichen Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesener Habenichtse. Der Mittelstand gelangt bei dieser Entwicklung in eine immer bedenklichere Lage.

Ein Arbeitsgebiet nach dem anderen, auf dem bisher das Kleingewerbe immer noch herrschte, wird von der kapitalistischen Ausnutzung erfaßt. Die Konkurrenz der Kapitalisten unter sich nötigt sie, immer neue Gebiete für ihre Ausbeutung ausfindig zu machen. Das Kapital geht einher »wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen es verschlinge«. Die kleinen und schwächeren Existenzen werden vernichtet, und gelingt es ihnen nicht, sich auf ein anderes Gebiet zu retten – was immer schwieriger und unmöglicher wird –, so sinken sie in die Klasse der Lohnarbeiter oder der katilinarischen Existenzen herab. Alle Versuche, den Niedergang des Handwerkes und des Mittelstandes zu verhindern durch Gesetze und Einrichtungen, die nur aus der Rumpelkammer der Vergangenheit genommen werden können, erweisen sich als wirkungslos; sie mögen diesen und jenen eine kurze Weile über seine Lage hinwegtäuschen, aber bald schwindet vor der Wucht der in die Erscheinung tretenden Tatsachen die Illusion. Der Aufsaugungsprozeß der Kleinen durch die Großen tritt mit der Macht und der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes jedem sichtbar und mit Händen greifbar vor die Augen.

In welcher Weise sich die soziale Struktur Deutschlands in dem kurzen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren – von 1882 bis 1895 und von 1895 bis 1907 – veränderte, darüber gestatten die Resultate der Gewerbezählungen in den genannten Jahren einen Vergleich.

Es waren vorhanden:

  Erwerbstätige im Hauptberuf Ab- oder Zunahme
1882 1895 1907 seit 1882
Landwirtschaft 8.236.496 8.292.692 9.883.257 + 1.646.761 = 19,99
Industrie 6.396.465 8.281.220 11.256.254 + 4.859.789 = 75,98
Handel u. Verkehr 1.570.318 2.338.511 3.477.626 + 1.907.308 = 121,46
Häusliche Dienste 397.582 432.491 471.695 + 74.113 = 18,63
Öffentliche Dienste
und freie Berufe
1.031.147 1.425.961 1.738.530 + 707.383 = 68156
Berufslose 1.354.486 2.142.808 3.404.983 + 2.050.497 = 151,40
Zusammen 18.986.494 22.913.683 30.232.345 + 11.245.851 = 53,95
  Erwerbstätige mit Angehörigen Ab- oder Zunahme
1882 1895 1907 seit 1882
Landwirtschaft 19.225.455 18.501.307 17.681.176 1.544.279 = 18,18
Industrie 16.058.080 20.253.241 26.386.537 + 10.328.457 = 64,25
Handel u. Verkehr 4.531.080 5.966.846 8.278.239 + 3.747.159 = 82,69
Häusliche Dienste 938.294 886.807 792.748 145.546 = 15,57
Öffentliche Dienste
und freie Berufe
2.222.982 2.835.014 3.407.126 + 1.184.144 = 53,33
Berufslose 2.246.222 3.327.069 5.174.703 + 2.928.481 = 130,36
Zusammen 45.222.113 51.770.284 61.720.529 + 16.498.416 = 34,27
Hierzu kommen
Dienstboten
1.324.924 1.339.318 1.264.755 60.169 = 4,5 3

Diese Zahlen zeigen, daß innerhalb der erwähnten fünfundzwanzig Jahre eine außerordentlich starke Verschiebung der Bevölkerung und ihres Erwerbes stattgefunden hat. Die von Industrie (Bergbau und Baugewerbe), Handel und Verkehr lebende Bevölkerung hat sich auf Kosten der landwirtschaftlichen Bevölkerung vermehrt; fast die ganze Zunahme der Bevölkerung – 6.548.171 von 1882 bis 1895 und 9.950.245 von 1895 bis 1907 – haben die ersteren allein in Anspruch genommen. Zwar ist die Zahl der Erwerbstätigen im Hauptberuf in der Landwirtschaft um 1.646.761 Köpfe gestiegen, sie blieb aber weit hinter dem Wachstum der Gesamtbevölkerung zurück, und die Zahl der Angehörigen dieser Kategorie der Erwerbstätigen ist sogar um 1.544.279 = 8 Prozent gesunken.

Ganz anders in Industrie (einschließlich Baugewerbe und Bergbau), Handel und Verkehr. In beiden Kategorien stieg die Zahl der Erwerbstätigen wie ihrer Angehörigen sehr erheblich, und zwar mehr als die Bevölkerung wuchs. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Industrie, die schon im Jahre 1895 die Zahl der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen erreichte, überstieg sie jetzt um 1.372.997 Köpfe oder um 15 Prozent. Die Zahl ihrer Angehörigen aber wuchs über die der Angehörigen der landwirtschaftlichen Erwerbstätigen um 8.705.361 Köpfe oder um 49 Prozent hinaus (im Jahre 1895 um 1.75 1.934). Eine noch stärkere Steigerung weist die Zahl der Erwerbstätigen mit ihren Angehörigen in Handel und Verkehr auf.

Das Resultat ist, daß die landwirtschaftliche Bevölkerung, das heißt der eigentliche konservative Teil der Bevölkerung, der die Hauptstütze der alten Ordnung der Dinge bildet, immer mehr zurückgedrängt und in immer schnellerem Tempo von der Industrie, Handel und Verkehr treibenden Bevölkerung weit überflügelt wird. Die erhebliche Steigerung, welche die im öffentlichen Dienste und in freien Berufen Erwerbstätigen nebst ihren Angehörigen ebenfalls seit 1882 erfuhren, ändert nichts an dieser Tatsache. Außerdem muß noch bemerkt werden, daß diese Berufsabteilung bei der letzten Zählung eine geringe Einbuße der Erwerbstätigen erlitt – zwar nur relativ –, bei den Berufszugehörigen jedoch setzt sich die Steigerung 1895 gegenüber 1882 auch 1907 fort, obwohl die Steigerung viel geringer ist – von 1882 bis auf 1895 um 38,29 und von 1895 bis 1907 nur um 21,96 Prozent. Die starke Steigerung der Berufslosen und ihrer Angehörigen ist zurückzuführen auf die Vermehrung der Rentner einschließlich der Unfallversicherungs-, Invaliditäts- und Altersversicherungsrentner, die höhere Zahl der Almosenempfänger, der Studierenden aller Art, der Insassen der Armen-, Siechen- und Irrenhäuser, der Gefängnisse.

Charakteristisch ist auch die geringe Zunahme der Erwerbstätigen im häuslichen Dienste und die direkte Abnahme der Dienstboten, was dafür spricht, erstens, daß relativ die Zahl derjenigen abnimmt, deren Einkommensverhältnisse ihnen die Beschäftigung solcher Personen gestatten, und zweitens, daß dieser Beruf unter den Proletarierinnen, die größere persönliche Unabhängigkeit erstreben, je länger desto weniger beliebt wird.

Im Jahre 1882 bildeten die in der Landwirtschaft im Hauptberuf Erwerbstätigen 43,38 Prozent, 1895 36,19 und 1907 nur noch 32,69 Prozent der Erwerbstätigen; die gesamte landwirtschaftliche Bevölkerung umfaßte 1882 42,51 Prozent, 1895 35,74 und 1907 nicht mehr als 28,65 Prozent der Bevölkerung überhaupt. Dagegen bildeten die in Industrie (einschließlich Bergbau und Baugewerbe) im Hauptberuf Erwerbstätigen 1882 33,69 Prozent, 1895 36,14 und im Jahre 1907 37,23 Prozent. Mit ihren Angehörigen bildeten sie 1882 35,51, 1895 39,12, aber im Jahre 1907 schon 42,75 Prozent. Für die in Handel und Verkehr Erwerbstätigen und ihre Angehörigen waren die betreffenden Zahlen:

  Mit
Angehörigen
Ohne
1882 10,02 8,27
1895 11,52 10,21
1907 13,41 11,50

Wir sehen also, daß jetzt 56,16 Prozent (in Sachsen sogar 74,5) der Gesamtbevölkerung in Deutschland auf Industrie und Handel angewiesen sind, und daß die Landwirtschaft nicht mehr als 28,65 (in Sachsen nur 10,07) Prozent beschäftigt.

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