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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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5. Verbrechen gegen die Sittlichkeit und Geschlechtskrankheiten

Ein anderes Übel, das sich häufig zeigt, muß ebenfalls noch kurz berührt werden. Ein Übermaß geschlechtlicher Genüsse ist weit schädlicher als ein Zuwenig. Auch ein durch Übermaß mißhandelter Organismus geht zugrunde. Impotenz, Unfruchtbarkeit, Rückenmarksleiden, Blödsinn, geistige Schwäche und andere Krankheiten sind die Folge. Maßhalten im Geschlechtsverkehr ist ebenso nötig wie im Essen und Trinken und anderen menschlichen Bedürfnissen. Aber Maßhalten erscheint namentlich der im Überfluß lebenden Jugend schwer. Daher die große Zahl »jugendlicher Greise« in den höheren Gesellschaftschichten. Die Zahl junger und alter Roués ist groß, und sie haben, weil durch Übermaß abgestumpft und übersättigt, ein Bedürfnis nach besonderen Reizungen. Auch abgesehen von jenen, welchen die Liebe zum eigenen Geschlecht (die Homosexualität) angeboren ist, verfallen viele in die Widernatürlichkeiten des griechischen Zeitalters. Die Männerliebe ist viel weiter verbreitet, als sich die meisten von uns träumen lassen; darüber könnten die geheimen Akten mancher Polizeibureaus erschreckende Tatsachen veröffentlichen Seitdem haben die Prozesse Moltke, Lynar, Eulenburg noch ein viel schrecklicheres Bild aufgerollt, als man erwarten konnte. Sie haben bewiesen, wie weit diese Perversität in höheren Gesellschaftskreisen, besonders in den Militär- und Hofkreisen, verbreitet ist. . Aber auch unter den Frauen leben die Widernatürlichkeiten des alten Griechenland in stärkerem Maße wieder auf. Die lesbische Liebe, der Sapphismus, soll unter den verheirateten Frauen in Paris ziemlich verbreitet sein und, nach Taxel, unter den vornehmen Pariser Damen sogar in enormem Maße. In Berlin soll ein Viertel der Prostituierten Tribadie treiben, aber auch in den Kreisen unserer vornehmen Frauenwelt fehlt es nicht an Jüngerinnen der Sappho.

Eine andere unnatürliche Befriedigung des Geschlechtstriebs ist das Notzuchtsverbrechen an Kindern, die sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht haben. So wurden in Deutschland wegen Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit verurteilt im Jahre 1895 10.239, 1905 13.432, 1906 13.557 Personen. Darunter auf Grund des § 174 (unzüchtige Handlungen mit Kindern) im Jahre 1902 58, 1907 72 Personen, und auf Grund des § 176« Absatz 3 (unzüchtige Handlungen mit Personen unter 14 Jahren) im Jahre 1902 4.090, 1906 4.548, 1907 4.397. In Italien belief sich die Zahl der Verbrechen wider der Sittlichkeit 1887 bis 1889 auf 4.590, 1903 auf 8.461 oder 19,44 und 25,67 auf 100.000 Einwohner. Die gleiche Tatsache ist in Österreich konstatiert worden. »Das starke Emporschnellen der Sittlichkeitsdelikte im Zeitraum 1880 bis 1890 – sagt mit vollem Recht H. Herz – zeigt, daß die wirtschaftliche Struktur der Gegenwart mit der Erhöhung der Ledigkeitsziffer und ihrer Bedingtheit durch die Wanderungen im Lande nicht zum geringsten Teile die Ursache der schlechten moralischen Verhältnisse geworden ist« Dr. Hugo Herz, Verbrechen und Verbrechertum in Österreich. S. 65. Tübingen 1908. .

Die »liberalen Berufe«, zu denen wesentlich Angehörige der höheren Klassen gehören, stellen in Deutschland zirka 5,6 Prozent zu den kriminellen Verbrechen, aber zu den Notzuchtsverbrechen an Kindern zirka 13 Prozent. Dieser Prozentsatz würde noch höher sein, hätte man in jenen Kreisen nicht reichliche Mittel, das Verbrechen zu verheimlichen. Die schreckenerregenden Enthüllungen, die in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die »Pall Mall Gazette« über den Mißbrauch von Kindern in England brachte, zeigten, was für Zustände auf diesem Gebiet vorhanden sind.

Über die venerischen Krankheiten und ihre Zunahme geben die folgenden Zahlen Aufschluß über die in den Krankenhäusern des Deutschen Reiches zugegangenen Fälle venerischer Krankheiten:

  Tripper Syphilis
1877 – 1879 23.344 67.750
1880 – 1882 28.700 79.220
1883 – 1885 30.038 65.980
1886 – 1888 32.275 53.664
1889 – 1891 41.381 60.793
1892 – 1894 50.541 78.093
1895 – 1897 53.587 74.092
1898 – 1901 83.374 101.225
1902 – 1904 68.350 76.678

Wenn wir den durchschnittlichen Jahresbetrag nehmen so ist er im Zeitraum von 25 Jahren von 7.781 (Tripper) und 22.583 (Syphilis) auf 22.750 und 25.559 gestiegen. Die Bevölkerungszahl hat nur um 25 Prozent zugenommen, die Zahl der Tripperkranken aber um 182 und die Zahl der Syphilitiker um 19 Prozent!

Wir haben noch eine Statistik, die sich zwar nicht über viele Jahre erstreckt, sondern nur einen einzigen Tag herausgreift und angibt, wie viele Patienten am 30. April 1900 wegen Tripper, Schanker und Syphilis in ärztlicher Behandlung standen. Diese Statistik ist vom preußischen Kultusministerium veranlaßt. Ein Fragebogen war an sämtliche Ärzte Preußens gerichtet. Obwohl von diesen nur 63,5 Prozent geantwortet haben, ergab diese Anfrage, daß am 30. April 1900 in Preußen nahezu 41.000 Geschlechtskranke in ärztlicher Behandlung standen. 11.000 von diesen waren mit frischer Syphilis behaftet. In Berlin allein fanden sich an diesem Tage 11.600 Geschlechtskranke, darunter 3.000 frische Syphilitiker. Auf je 100.000 erwachsene Einwohner standen in ärztlicher Behandlung:

  Männer Frauen
In Berlin 1.419 457
In 17 Städten mit über 100.000 Einwohnern 999 279
In 42 Städten mit 30.000 bis 100.000 Einw. 584 176
In 47 Städten mit unter 30.000 Einwohnern 450 169
In den übrigen Städten und Landgemeinden 80 27
In ganz Deutschland 282 92

Im einzelnen sind von den Städten besonders stark belastet die Hafenstädte, die Städte mit Hochschulen, Garnison und Industrie, sowie Städte mit Handel und Industrie und Garnison. (Königsberg auf 100.000 2.152 Männer und 619 Frauen, Köln 1.309 und 402, Frankfurt a. M. 1.505 und 399.)

Was Berlin betrifft, so findet Blaschko, »daß in einer Großstadt wie Berlin alljährlich von 1.000 jungen Männern zwischen 20 und 30 Jahren fast 200, also beinahe der fünfte Teil an Tripper erkrankt und etwa 24 an frischer Syphilis. Nun beträgt aber die Zeit, während welcher die männliche Jugend der Gefahr einer geschlechtlichen Infektion ausgesetzt ist, länger als ein Jahr; sie beträgt für manche Bevölkerungsschichten fünf, für manche zehn Jahre und darüber. Ein junger Mann also wird nach fünfjährigem Zölibat einmal einen Tripper erwerben, in zehn Jahren zweimal. Nach vier bis fünf Jahren wurde jeder zehnte, nach acht bis zehn jeder fünfte junge Mann Syphilis akquirieren. Oder mit anderen Worten: von den Männern, die über dreißig Jahre alt in die Ehe treten, würde jeder zweimal Tripper gehabt haben und jeder vierte und fünfte syphilitisch sein. Das sind Zahlen, die unter der denkbar vorsichtigsten Berechnung gewonnen sind und die uns Ärzten, denen so manches vor der Welt verschwiegen gehaltene Unglück gebeichtet wird, nicht übertrieben vorkommen.«

Die Resultate der Enquete vom 30. April 1900 finden ihre Bestätigung in einer ausführlichen Arbeit über diesen Gegenstand für die preußische Armee, die aus dem Jahre 1907 stammt und von dem Stabsarzt Dr. Schwiening verfaßt worden ist Siehe Generaloberarzt Professor Dr. Schumburg, Die Geschlechtskrankheiten, ihr Wesen, ihre Verbreitung. Leipzig 1909. .

Es ergibt sich, daß die einzelnen Armeekorpsbezirke, die sich im großen ganzen – doch nicht immer vollständig – mit den Bezirken der Provinzen decken, alljährlich ungefähr immer dieselbe Quote an venerisch kranken Rekruten liefern. Einige Armeekorps aber zeichnen sich durch besonders hohe Ziffern aus. So zunächst das dritte, aus Brandenburg sich rekrutierende Korps. Es ist Berlin, dem im wesentlichen die Schuld an den 2 Prozent geschlechtskranken Rekruten beizumessen ist. Im neunten Korps wird Berlin durch Altona (Hamburg), im zwölften durch Dresden und im neunzehnten durch Leipzig ersetzt. Noch genauer geht die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten in der Zivilbevölkerung hervor aus Schwienings Berechnung des auf die einzelnen Regierungsbezirke entfallenden Prozentsatzes venerischer Rekruten. Von 1.000 Eingestellten waren venerisch krank:

  1903 1904 1905
Berlin 40,9 37,2 45,2
27 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern 14,9 16,7 15,8
26 Städte mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern 11,6 9,6 9,5
33 Städte mit 25.000 bis 50.000 Einwohnern 8,2 6,8 9,1
Städte mit weniger als 25.000 Einwohnern und Landgemeinden 4,3 5,0 4,0
Staat 7,6 8,1 7,8

Den ersten Platz nimmt Schöneberg ein mit 58,4 venerisch kranken Rekruten von 1.000 Eingestellten. Für außerpreußische Großstädte stellte Hamburg von 1.000 Rekruten 29.8, Leipzig 29,4, Dresden 19, Chemnitz 17,8, München 16,4 geschlechtskrank ein.

Nach G. v. Mayr betrug der Jahreszugang an venerischen Krankheiten pro Tausend der durchschnittlichen Kopfstärke für 1903/04 in Preußen 19,6, in Österreich-Ungarn 60,3, in Frankreich 27,1, in Italien 85,2, in England 125, in Belgien 28,3, in den Niederlanden 31,4, in Rußland 40,5, in Dänemark 45. Besonders hoch ist der Krankenzugang an venerischen Krankheiten in der Marine: in der deutschen betrug er für 1905/06 an Bord im Ausland 113,6 pro Tausend, in den heimischen Gewässern 58,8, am Lande 57,8 und in der englischen im Jahre 1905 121,55, 1906 121,94.

Wir sehen also, wie infolge unserer sozialen Zustände Laster, Ausschweifungen, Vergehen und Verbrechen aller Art erzeugt werden und zunehmen. Die ganze Gesellschaft kommt in einen Zustand der Unruhe, unter dem die Frauen am meisten leiden.

Die Frauen fehlen dieses immer mehr und suchen Abhilfe. Sie verlangen in erster Linie ökonomische Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die Frau soll wie der Mann zu allen Tätigkeiten zugelassen werden, zu denen sich ihre Kräfte und Fähigkeiten eignen; sie verlangen insbesondere auch die Zulassung zu den mit dem Namen der »liberalen Berufe« bezeichneten Gewerben. Sind diese Bestrebungen berechtigt? Sind sie ausführbar? Helfen sie? Das sind die Fragen, deren Beantwortung sich aufdrängt.

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