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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Die Zahl der Männer, die aus den verschiedensten Gründen der Ehe ferngehalten werden, nimmt stetig zu. Und zwar sind es die sogenannten höheren Stände und Berufe, in welchen öfter die Männer nicht heiraten, einmal weil die Ansprüche zu große sind, dann weil gerade die Männer dieser Kreise außerhalb der Ehe Genuß und Unterhaltung finden. Andererseits sind für die Frauen die Verhältnisse an Orten besonders ungünstig, an welchen viele Pensionäre mit Familien sich aufhalten und wenig junge Männer. Dort steigt die Zahl der Frauen, die nicht heiraten können, auf 20 bis 30 und mehr von hundert. Der Ausfall an Ehestandskandidaten trifft überhaupt jene weiblichen Schichten am stärksten, die infolge ihrer sozialen Stellung höhere Ansprüche machen, aber dem auf Vermögen sehenden Manne kein solches bieten können. Dies trifft namentlich die weiblichen Glieder der zahlreichen Familien, die von Gehalt existieren, sozial als respektabel gelten, aber unbemittelt sind. Das Leben der weiblichen Wesen dieser Schicht ist verhältnismäßig das traurigste ihrer Leidensgenossinnen. Aus diesen Schichten rekrutiert sich auch vorzugsweise die bedenkliche Konkurrenz, die den Arbeiterinnen in der Stickerei, Wäschenäherei, Blumenmacherei, Putzmacherei, Handschuh- und Strohhutnäherei, kurz in all den Arbeitszweigen gemacht wird, deren Erzeugnisse der Unternehmer mit Vorliebe in der Wohnung der Arbeiterin herstellen läßt. Diese Damen arbeiten für die niedrigsten Löhne, weil in vielen Fällen es sich für sie nicht darum handelt, den ganzen Lebensunterhalt zu gewinnen, sondern nur um einen Zuschuß zu demselben, um Gewinnung der Ausgabe für Garderobe und Luxuszwecke. Der Unternehmer benutzt mit Vorliebe die Konkurrenzarbeit dieser Damen, um der armen Proletarierin den Lohn zu drücken und ihr den letzten Blutstropfen auszupressen, sie wird zur Anspannung ihrer Kräfte bis zur Erschöpfung gezwungen. Auch viele Beamtenfrauen, deren Männer schlecht bezahlt sind und ihnen nicht die »standesgemäße« Lebensweise ermöglichen können, benutzen ihre freie Zeit zu dieser Schmutzkonkurrenz, die so drückend auf weiten Schichten weiblicher Proletarier lastet.

Die von den bürgerlichen Frauenvereinen entfaltete Tätigkeit zur Hebung der weiblichen Arbeit und für Zulassung der Frauen zu höheren Berufen ist hauptsächlich darauf gerichtet, Frauen aus den höheren Schichten eine bessere Lebensstellung zu schaffen. Um das mit mehr Aussicht auf Erfolg erreichen zu können, lieben sie es, sich unter das Protektorat hoher und höchster Damen zu stellen. Die bürgerlichen Frauen ahmen hier nur das Beispiel der bürgerlichen Männerwelt nach, die ebenfalls solche Protektorate liebt und sich für Bestrebungen ereifert, die nur Erfolge im kleinen, nie im großen haben können. Man verrichtet Sisyphusarbeit und täuscht sich und andere über die Notwendigkeit grundumwandelnder Reformen. Auch unterdrückt man von jener Seite alle Zweifel an der Vernünftigkeit der Grundlagen unserer Staats- und Gesellschaftsorganisation. Die konservative Natur dieser Bestrebungen verhindert, daß solche Vereine von sogenannten destruktiven Tendenzen erfaßt werden. Als auf dem Berliner Frauentag im Frühjahr 1894 von einer Minorität der Gedanke ausgesprochen wurde, die bürgerlichen Frauen sollten mit den proletarischen, das heißt den sozialdemokratischen, Hand in Hand gehen, erhob sich bei der Majorität ein Sturm der Entrüstung. Es wird aber den bürgerlichen Frauen nicht gelingen, sich an dem eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Wie groß die Zahl der Frauen ist, die durch die angeführten Umstände auf eheliches Leben verzichten müssen, läßt sich nicht genau feststellen.

Der Frauenüberschuß, den Deutschland besitzt, verteilt sich sowohl auf die einzelnen Länder und Bezirke wie nach den Altersklassen sehr ungleich. Nach der Volkszählung von 1900 (Statistik des Deutschen Reiches. 150. Band, S. 92) kamen beispielsweise

  Auf 1.000 männliche Personen
weibliche in der Altersklasse von Jahren
unter 15 15 – 40 40 – 60 über 60
Berlin 1.012 1.044 1.191 1.659
Königreich Sachsen 1.015 1.030 1.107 1.360
Königreich Bayern rechts des Rheins 1.015 1.024 1.083 1.163
Königreich Bayern links des Rheins 986 997 1.070 1.157
Königreich Württemberg 1.015 1.041 1.134 1.179
Baden 1.000 974 1.079 1.173
Hamburg 999 1.031 1.038 1.454
Provinz Brandenburg 993 1.015 1.089 1.276
Provinz Pommern 989 1.035 1.099 1.214
Provinz Rheinland 991 954 1.009 1.120
Deutsches Reich 995 1.008 1.087 1.218

Im eigentlich heiratsfähigen Alter von 15 bis 40 Jahren beträgt also der Frauenüberschuß im gesamten Deutschen Reiche 8 auf 1.000 Männer, und da innerhalb dieser Altersklassen 11.100.673 männliche Einwohner auf 11.187.779 weibliche Einwohner fallen, ergibt sich ein Überschuß von 87.106 Frauen. Und es ist leicht begreiflich, denn unter denjenigen 11.146.833 deutschen Frauen, welche 1900 im gebärfähigen Alter (18 bis 45 Jahren) standen, befanden sich nur 6.432.772 (57,71 Prozent) verheiratet, 283.629 (2,54 Prozent) verwitwet, 31.176 (0,28 Prozent) geschieden und 4.399.286 (39,47 Prozent) ledig.

In denselben vier Altersklassen stellt sich (nach der Statistik des Deutschen Reiches, 150. Band, S. 9 1) das Verhältnis der Geschlechter in anderen Ländern folgendermaßen:

  Im Jahre Auf 1.000 männliche Personen kamen
weibliche in der Altersklasse von Jahren
unter 15 15 – 40 40 – 60 über 60
Deutschland 1900 995 1.008 1.087 1.218
Österreich 1890 1.005 1.046 1.079 1.130
Ungarn 1900 998 1.029 982 1.033
Serbien 1896 969 952 925 804
Italien 1881 963 1.021 1.005 980
Schweiz 1888 999 1.059 1.103 1.148
Frankreich 1896 998 1.012 1.029 1.108
Luxemburg 1900 992 853 988 1.063
Belgien 1890 992 984 1.018 1.117
Niederlande 1899 986 1.031 1.031 1.145
Dänemark 1890 978 1.080 1.073 1.179
Schweden 1899 971 1.016 1.146 1.252
England und Wales 1891 1.006 1.075 1.096 1.227
Schottland 1891 973 1.073 1.165 1.389
Irland 1901 968 1.037 1.103 1.032
Vereinigte Staaten v. Amerika 1900 979 969 889 987
Ägypten 1897 943 996 943 1.015
Japan 1891 978 962 951 1.146
Neusüdwales 1891 978 827 679 665
Queensland 1891 976 698 559 611
Tasmanien 1891 977 877 898 632
Neuseeland 1891 979 927 661 654
Kap der guten Hoffnung 1891 989 1.008 939 1.019

Wir sehen, in fast allen Ländern mit gleicher oder ähnlicher ökonomischer Struktur bestehen ähnliche Zustände in bezug auf die Verteilung der Geschlechter nach Altersklassen. Es hat also in diesen allen ein erheblicher Teil der Frauen – abgesehen von den sonstigen schon erwähnten Gründen – keine Aussicht, in die Ehe zu treten. So waren in England im Jahre 1901 von 1.000 Frauen über 15 Jahre verheiratet 496,4; in Schottland 442,8; in Irland 370,9; in Schweden 468,2; in Norwegen 469,9.

Was sagen dazu diejenigen, die das Bestreben der Frauen nach unabhängiger, gleichberechtigter Lebensstellung abweisen, indem sie dieselben auf die Ehe und die Häuslichkeit verweisen? Am bösen Willen der Frau liegt es nicht, wenn so viele nicht heiraten.

Was geschieht aber mit diesen Opfern unserer sozialen Zustände? Die Rache der beleidigten und verletzten Natur drückt sich in den eigentümlichen Gesichts- und Charakterzügen aus, durch die sich sogenannte alte Jungfern wie alte asketische Junggesellen in allen Ländern und unter allen Klimaten von anderen Menschen unterscheiden, und legt Zeugnis ab von dem mächtigen und verderblichen Einfluß unterdrückter Naturtriebe. Die sogenannte Nymphomanie bei Frauen wie zahlreiche Arten der Hysterie entspringen in den meisten Fällen dieser Quelle. Zu hysterischen Anfällen fährt ferner das Unbefriedigtsein in der Ehe, das oft auch Unfruchtbarkeit verschuldet.

Das ist in den Hauptzügen unser heutiges Eheleben und seine Wirkungen. Das Resultat ist: Die heutige Ehe ist eine Einrichtung, die mit dem bestehenden sozialen Zustand aufs engste verknüpft ist und mit ihm steht und fällt. Aber diese Ehe ist in der Auflösung und im Verfall begriffen, genau wie die bürgerliche Gesellschaft selbst. Denn was stellten wir über die bürgerliche Ehe fest?

  1. Es sinkt relativ die Zahl der Geburten, obgleich die Bevölkerung im ganzen wächst, was dafür spricht, daß die Lebenslage der Familie sich verschlechtert.
  2. Es steigt die Zahl der Ehescheidungsanträge, und zwar erheblich stärker, als die Bevölkerung sich vermehrt, und in der Mehrzahl der Fälle sind es die Frauen, welche die Anträge stellen, obgleich sie wirtschaftlich und gesellschaftlich am meisten unter der Scheidung leiden. Das spricht dafür, daß die ungünstig wirkenden Faktoren in der Zunahme begriffen sind, die Ehe sich also auflöst und zerfällt.
  3. Es sinkt relativ die Zahl der Eheschließungen, obgleich die Bevölkerung wächst, was beweist, daß die Ehe in den Augen vieler ihren sozialen und moralischen Zwecken nicht mehr entspricht und als wertlos oder bedenklich angesehen wird.
  4. Es besteht in fast allen Kulturstaaten ein Mißverhältnis in der Zahl der Geschlechter, und zwar zuungunsten des weiblichen Geschlechts, das nicht durch die Geburten erzeugt wird – denn es werden durchschnittlich mehr Knaben als Mädchen geboren –, sondern ungünstig wirkenden sozialen und politischen Ursachen geschuldet ist, die im Staats- und Gesellschaftszustand liegen.

Da alle diese unnatürlichen, vorzugsweise der Frau schädlichen Zustände im Wesen der bürgerlichen Gesellschaft begründet sind und mit der Dauer ihres Bestandes sich steigern, so erweist sich dieselbe als unfähig, diese Übel zu heben und die Frau zu befreien. Es ist also hierzu eine andere gesellschaftliche Ordnung nötig.

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