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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Eine andere Erscheinung, die statistisch feststeht und erheblich ins Gewicht fällt, ist, daß die Frauen durchschnittlich älter werden als die Männer und es deshalb in den höheren Lebensaltern mehr Frauen als Männer gibt. Nach der Volkszählung von 1900 stellen sich die Altersverhältnisse der beiden Geschlechter folgendermaßen:

Es standen im Alter Männlich Weiblich Mehr
männlich
Mehr
weiblich
Frauen
Überschuß
Unter 10 Jahren 6.904.732 6.871.599 33.133
10 bis unt. 15 Jahren 2.925.918 2.912.573 13.345
Von 15 – 21 Jahren 3.179.813 3.162.448 17.365
Von 21 – 30 Jahren 4.251.204 4.293.775 42.571
Von 30 – 40 Jahren 3.669.656 3.731.556 61.900
Von 40 – 50 Jahren 2.770.451 2.923.228 152.777
Von 50 – 60 Jahren 2.053.085 2.320.273 267.188
Von 60 – 70 Jahren 1.300.637 1.545.808 245.171
70 u. mehr 681.751 868.671 186.920
  27.737.247 28.629.931 63.843 956.527 892.684

Diese Tabelle zeigt, daß bis zum 21. Lebensjahr die Zahl der Knaben die der Mädchen übersteigt Nach der Volkszählung von 1890 gab es einen Knabenüberschuß nur in der Altersklasse bis unter 10 Jahren und nach der Volkszählung von 1895 bis unter 16 Jahren. .

In erster Linie ist dieser Knabenüberschuß in dem Verhältnis der Geburten begründet. Überall werden mehr Knaben als Mädchen geboren; so wurden zum Beispiel im Deutschen Reich geboren:

Im Jahre 1872 auf 100 Mädchen 106,2 Knaben
Im Jahre 1884 auf 100 Mädchen 106,2 Knaben
Im Jahre 1900 auf 100 Mädchen 106,0 Knaben
Im Jahre 1905 auf 100 Mädchen 106,3 Knaben
Im Jahre 1907 auf 100 Mädchen 106,3 Knaben

Aber das männliche Geschlecht stirbt früher als das weibliche, und zwar schon im Kindesalter, in dem mehr Knaben als Mädchen sterben. So zeigt die Tabelle, daß vom 21. Lebensjahr an das weibliche Geschlecht an Zahl das männliche übertrifft.

Es starben von je 100 männlichen beziehungsweise weiblichen Einwohnern der mittleren Bevölkerung:

In den Jahren Männlich Weiblich
1872 – 1875 29,5 26,3
1876 – 1880 27,8 24,5
1881 – 1885 27,3 24,2
1886 – 1890 25,8 23,1
1891 – 1895 24,6 22,1
1896 – 1900 22,6 20,0
1901 – 1905 21,0 18,8 Das Deutsche Reich in gesundheitlicher und demographischer Beziehung. S. 29. Berlin 1907. Im Jahre 1907 kamen auf 100 weibliche Gestorbene 109,3 männliche.

Die Tabelle auf S. 169 zeigt weiter, daß im eigentlich eheschließenden Alter zwischen 21 und 50 Jahren das weibliche Geschlecht das männliche um 257.248 (im Jahre 1890 um 422.519) Köpfe überragt und im Alter von 50 bis 70 und mehr Jahren sogar um 699.279 (im Jahre 1890 um 566.400) Köpfe. Wie in England, so in Deutschland wächst mit jedem Jahr die Zahl der Greisinnen.

Ein sehr starkes Mißverhältnis der Geschlechter, das von Jahr zu Jahr wächst, stellt sich ferner unter den verwitweten und geschiedenen Personen heraus.

Bei der Volkszählung von 1890 und 1900 betrug die Zahl der Verwitweten:

  1890 1900
Männer 774.967 809.238
Frauen 2.157.870 2.352.921
Mehr Frauen 1.382.903 1.543.683

Von diesen Verwitweten standen im Alter von

  1890 1900
Männer Frauen Männer Frauen
40 bis 60 Jahren 222.286 842.920 225.191 900.357
60 und mehr 506.319 1.158.712 537.116 1.299.905

Die Zahl der Geschiedenen betrug 1890 25.271 Männer und 49.601 Frauen, 1900 31.279 Männer und 60.738 Frauen.

Davon standen im Alter von

  1890 1900
Männer Frauen Männer Frauen
40 bis 60 Jahren 13.825 24.842 16.976 30.385
60 und mehr 4.917 7.244 5.713 8.452

Diese Zahlen belehren uns weiter, daß in erster Linie die verwitweten und geschiedenen Frauen von einer Wiederverheiratung ausgeschlossen sind, und zwar auch im heiratsfähigsten Alter, denn im Alter von 15 bis 40 Jahren gab es verwitwete Männer im Jahre 1890 46.362, 1900 46.931, verwitwete Frauen im Jahre 1890 156.235, 1900 152.659, geschiedene Männer im Jahre 1890 6.519, 1900 8.590, geschiedene Frauen im Jahre 1890 17.515, 1900 21.901. Hier ist zahlenmäßig der Beweis erbracht für den Nachteil, der geschiedenen Ehefrauen aus der Ehescheidung erwächst. Unter den Ledigen gab es 1900 im Alter von

  Männer Frauen
15 bis 40 Jahren 6.700.352 5.824.464
40 bis 60 Jahren 426.388 503.406
60 und mehr Jahren 141.416 252.134 Statistik des Deutschen Reiches: Die Volkszählung am 1. Dezember 1900 im Deutschen Reiche. 150. Band, S. 98 bis 99.

Es ist also unter den Ledigen im Alter zwischen 15 und 40 Jahren das männliche Geschlecht um 875.888 Köpfe stärker als das weibliche, was für das letztere sehr günstig zu sein scheint. Aber die Männer im Alter von 15 bis 21 Jahren können mit wenig Ausnahmen nicht heiraten, das waren 3.175.453 gegen 3.064.567 Frauen. Ebenso ist von den Männern im Alter von 21 bis 25 Jahren ein großer Teil außerstande, eine Familie zu gründen – wir verweisen nur auf die Militärpersonen, Studierenden usw. –, wohingegen die Frauen in diesem Alter sämtlich heiratsfähig sind. Nehmen wir ferner an, daß eine große Anzahl Männer aus den verschiedensten Ursachen überhaupt nicht heiratet – allein die Zahl der ledigen Männer über 40 Jahre betrug 567.804, wozu noch die verwitweten und geschiedenen kommen, denen 812.181 ledige Frauen gegenüberstanden, denen ebenfalls noch die verwitweten und geschiedenen mit über 2 Millionen Köpfen hinzuzurechnen sind –, so ergibt sich, daß in bezug auf Eheschließung die Lage des weiblichen Geschlechts eine sehr ungünstige ist. Eine große Zahl Frauen ist also unter den heutigen Zuständen gezwungen, auf die legitime Befriedigung des Geschlechtstriebs zu verzichten, wohingegen die Männerwelt in der Prostitution Befriedigung desselben sucht und findet. Die Lage der Frauen würde eine ganz andere, sobald durch Umgestaltung unserer sozialen Zustände die Hindernisse beseitigt würden, die gegenwärtig viele hunderttausend Männer verhindern, eine Ehe zu gründen.

Wie bemerkt, führt eine erhebliche Verschiebung der Zahl der Geschlechter die überseeische Auswanderung herbei. Auch die Militärpflicht treibt viele junge Männer, und zwar die kräftigsten, ins Ausland. Im Jahre 1900 waren nach der dem Reichstag offiziell vorgelegten Übersicht über das Ergebnis des Heeresergänzungsgeschäftes 135.168 Mann wegen unerlaubter Auswanderung verurteilt, und 13.055 waren aus dem gleichen Grunde noch in Untersuchung. Die Zahlen umfassen die Jahrgänge bis zum 45. Lebensjahr. Der Verlust, der aus dieser unerlaubten Auswanderung an Männern Deutschland erwächst, ist bedeutend. Besonders stark ist die Auswanderung in den Jahren nach großen Kriegen, das zeigte sich nach 1866 und in den Jahren 1871 bis 1874.

Große Verluste an Männerleben haben wir ferner durch Unfälle. Die Zahl der in Preußen mit tödlichem Ausgang verunglückten Personen betrug in den Jahren 1883 bis 1905 nicht weniger als 297.983 Personen (davon im Jahre 1905 11.792 männliche und 2.922 weibliche Verunglückte). Im Laufe der Jahre 1886 bis 1907 betrug die Zahl der getöteten Personen in versicherungspflichtigen Betrieben in Industrie, Landwirtschaft, Staats- und Kommunalverwaltung 150.719, darunter ein Bruchteil Frauen. Ein anderer erheblicher Teil der in diesen Betrieben beschäftigten Personen sind infolge von Unfällen dauernd Krüppel und unfähig, eine Familie zu gründen (von 1886 bis 1907 40.744), andere sterben frühzeitig und lassen ihre Familie in Not und Elend zurück. Größere Verluste an Männerleben sind auch mit der Seeschiffahrt verbunden. In der Periode von 1882 bis Anfang 1907 gingen 2.848 Seeschiffe in Verlust und verloren dabei 4.913 Personen der Besatzung – mit wenigen Ausnahmen männliche Personen – und 1.275 Passagiere das Leben.

Die Gesellschaft wird, wenn erst volle Wertschätzung des Menschenlebens Platz gegriffen hat – was in einer sozialistischen Gesellschaft im höchsten Maße der Fall sein wird –, die weitaus größte Zahl der Unfälle verhüten können, insbesondere auch im Seeverkehr. In unzähligen Fällen fallen durch die übel angebrachte Sparsamkeit der Unternehmerklasse Menschenleben oder Gliedmaßen zum Opfer, in vielen anderen Fällen ist Hast und Übermüdung in der Arbeit die Ursache. Menschenfleiß ist billig; geht ein Arbeiter zugrunde, so sind andere vorhanden, die an seine Stelle treten.

Namentlich wird auf dem Gebiet der Seeschiffahrt vielfach unverantwortlich gewirtschaftet. Durch die Enthüllungen Plimsolls im englischen Parlament Mitte der siebziger Jahre ist die Tatsache allgemein bekannt geworden, daß aus verbrecherischer Gewinnsucht zahlreiche Schiffseigentümer seeuntüchtige Schiffe hoch versichern und sie samt ihrer Bemannung dem geringsten Seeunfall gewissenlos preisgeben, um die hohen Versicherungsprämien zu erhalten. Es sind dies die sogenannten Sargschiffe, die auch in Deutschland nicht unbekannt sind. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht die Seeämter in die Lage kommen, über eine größere Zahl von Seeschiffsunfällen ihr Urteil abzugeben, dahin lautend, daß zu hohes Alter, oder Überladung, oder mangelhafter Zustand, oder ungenügende Ausrüstung des Schiffes, oder mehrere dieser Ursachen zusammen die Verunglückung verschuldeten. Bei einem großen Teil der verunglückten Schiffe kann überhaupt nicht die Ursache ihres Unterganges festgestellt werden, weil sie mitten auf der See verunglücken und kein Überlebender übrigbleibt, der Auskunft über die Ursache des Unterganges geben könnte. Es wird gerade auf diesem Gebiet aufs schwerste gesündigt. Die Schutzmaßregeln an den Küsten zur Rettung Schiffbrüchiger sind ebenfalls noch sehr mangelhaft und unzulänglich, weil die Einrichtung derselben fast ausschließlich auf die Privatwohltätigkeit angewiesen ist. Ganz trostlos sieht es mit der Rettung Schiffbrüchiger an den fernen fremden Küsten aus. Ein Gemeinwesen, das die gleiche Förderung aller zu seiner höchsten Aufgabe macht, wird dafür Sorge tragen, daß alle diese Unglücksfälle zu den größten Seltenheiten gehören. Aber das herrschende wirtschaftliche Raubsystem, das mit Menschen wie mit Zahlen rechnet, um möglichst großen Gewinn herauszuschlagen, vernichtet nicht selten ein Menschenleben, wenn dabei ein Taler Profit herausspringt.

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