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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 103
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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2. Produktion der Übervölkerung

Die Zustände, die Malthus zu seinem Notschrei und seinen brutalen Lehren veranlaßten – er richtete sie an die arbeitende Klasse und fügte so zum Schaden auch noch den Hohn –, haben seitdem sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verbreitert. Nicht bloß im Vaterland des Malthus, in Großbritannien, sondern in allen Ländern der Welt mit kapitalistischer Produktionsweise, die das Raubsystem an Grund und Boden und die Unterjochung der Massen durch die Maschinerie und die Fabrik zur Folge hat. Dieses System besteht, wie nachgewiesen, in der Trennung des Arbeiters von seinem Arbeitsmittel, sei dieses Grund und Boden oder Werkzeug, und in dem Übergang der Arbeitsmittel in die Hände der Kapitalisten. Das System schafft immer neue Industriezweige, entwickelt und konzentriert dieselben, wirft aber auch immer neue Volksmassen auf die Straße, es macht sie »überzählig«. Vielfach befördert es, wie im alten Rom, den Latifundienbesitz mit allen seinen Folgen. Irland ist das klassische Land in Europa, das vom englischen Raubsystem am schlimmsten heimgesucht wurde. Es besaß schon 1874 12.378.244 Acres Wiesen und Weideland, aber nur 3.373.508 Acres Ackerland, und jedes Jahr schreitet die Abnahme der Bevölkerung und Hand in Hand damit die Verwandlung von Ackerland in Wiesen und Weideland für Schaf- und Rinderherden und in Jagdreviere für die Landlords vor Ferdinand Freiligrath singt in dem erschütternden Gedicht »Irland«:

So sorgt der Herr, daß Hirsch und Ochs,
Daß heißt: daß ihn sein Bauer mäste,
Statt auszutrocknen seine Bogs –
Ihr kennt sie ja: Irlands Moräste!
Er läßt den Boden nutzlos ruhn,
Drauf Halm an Halm sich wiegen könnte;
Er läßt ihn schnöd dem Wasserhuhn,
Dem Kibitz und der wilden Ente.
    Ja doch, bei Gottes Fluche: – Sumpf
    Und Wildnis vier Millionen Acker!
. (Im Jahre 1908 14.805.046 Acres Wiesen und Weideland und 2.328.906 Acres Ackerland.) Das irische Ackerland befindet sich außerdem vielfach als Pachtland in den Händen einer großen Zahl kleiner und kleinster Pächter, die nicht imstande sind, die Ausnutzung des Bodens in höherem Maßstab zu betreiben. So zeigt Irland den Anblick eines Landes, das sich aus einem ackerbautreibenden Lande in ein Hirtenland zurückverwandelt. Dabei ist die Bevölkerung, die im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts über 8 Millionen Köpfe zählte, gegenwärtig auf 4,3 Millionen gesunken, und noch immer sind einige Millionen »überzählig«. Die Rebellion der Irländer gegen England erklärt sich hiernach sehr einfach. Schottland zeigt ein ganz ähnliches Bild wie Irland in seinen Bodenbesitz- und Bodenbebauungsverhältnissen »Zwei Millionen Acres, welche die fruchtbarsten Ländereien Schottlands einbegreifen, sind ganz und gar wüst gelegt. Das natürliche Gras von Glen Tilt zählt zu den nahrhaftesten der Grafschaft Perth; der Deer forest (Wildpark) von Ben Aulder war der beste Grasgrund im weiten Distrikt von Badenoch; ein Teil des Black Mount Forest war das vorzüglichste schottische Weideland für schwarzgesichtige Schafe. Von der Ausdehnung des für Jagdliebhaberei wüstgelegten Grund und Bodens mag man sich eine Vorstellung bilden aus der Tatsache, daß er einen viel größeren Flächenraum umfaßt als die ganze Grafschaft Perth. Den Verlust des Landes an Produktionsquellen infolge dieser gewaltsamen Verödung mag man daraus schätzen, daß der Boden des Wildparkes von Ben Aulder 15.000 Schafe nähren könnte und daß er nur ein Dreißigstel des gesamten Jagdreviers von Schottland beträgt.... All dieses Jagdland ist durchaus unproduktiv... es hätte ebensowohl in den Fluten der Nordsee versenkt werden können.« Der Londoner »Economist«, 2. Juli 1866, zitiert bei Karl Marx, Das Kapital, 1. Band, 2. Auflage. . Ähnliches wiederholt sich in dem erst in den letzten Jahrzehnten in die moderne Entwicklung eingetretenen Ungarn. Ein Land, so reich an fruchtbarem Boden wie wenige in Europa, ist überschuldet, seine Bevölkerung verarmt und befindet sich in den Händen von Wucherern. Aus Verzweiflung wandert sie in Massen aus. Aber der Grund und Boden ist in den Händen moderner Kapitalmagnaten konzentriert, die mit Wald und Ackerland die schlimmste Raubwirtschaft treiben, so daß Ungarn in nicht ferner Zeit aufhört, ein Getreide ausführendes Land zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Italien. In Italien hat die politische Einheit der Nation, ähnlich wie in Deutschland, der kapitalistischen Entwicklung Vorschub geleistet, aber die fleißigen Bauern von Piemont und der Lombardei, von Toskana, der Romagna und Sizilien verarmen immer mehr und gehen zugrunde. Bereits beginnen Sümpfe und Moore sich von neuem zu bilden, wo noch vor wenigen Jahrzehnten gut gepflegte Gärten und Äcker kleiner Bauern standen. Vor den Toren Roms, in der sogenannten Campagna, liegen Hunderttausende Hektar Bodens brach, in einem Landstrich, der einst zu den blühendsten des alten Roms gehörte. Sümpfe bedecken den Boden und hauchen ihre giftigen Miasmen aus. Wenn unter Aufwendung entsprechender Mittel eine gründliche Entsumpfung und eine zweckmäßige Bewässerung eingerichtet würde, erhielte die Bevölkerung Roms eine reichliche Nahrungs- und Genußquelle. Aber Italien leidet an der Großmachtssucht, es ruiniert die Bevölkerung durch schlechte Verwaltung, durch militärische und maritime Rüstungen und in »Kolonisationen«, und so hat es für Kulturaufgaben, wie die Fruchtbarmachung der Campagna, keine Mittel. Ähnlich wie in der Campagna ist es in Süditalien und Sizilien. Dieses, einst die Kornkammer Roms, verfällt immer mehr der Verarmung; eine ausgesogenere, ärmlicher lebende, mißhandeltere Bevölkerung gibt es in ganz Europa nicht mehr. Die bedürfnislosen Söhne des schönsten Landes Europas überschwemmen halb Europa und Amerika als Lohndrücker oder sie wandern in Scharen für immer aus, weil sie auf dem heimatlichen Boden, der nicht ihr Eigentum ist, nicht verhungern wollen. Die Malaria, jenes schreckliche Fieber, nahm in ganz Italien Dimensionen an, daß die Regierung schon 1882 darüber erschreckt, eine Untersuchung vornehmen ließ, die das traurige Resultat ergab, daß von den 69 Provinzen des Landes 32 in hohem Grade von der Krankheit heimgesucht, 32 bereits davon ergriffen und nur 5 noch davon verschont geblieben waren. Die Krankheit, die früher nur auf dem Lande bekannt war, drang in die Städte, weil das dort aufgehäufte Proletariat, durch die proletarisierte Landbevölkerung vermehrt, die Infektionsherde der Krankheit bildete.

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