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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 102
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Dreißigstes Kapitel
Bevölkerungsfrage und Sozialismus

1. Furcht vor Übervölkerung

Es gibt Leute, welche die Bevölkerungsfrage als die wichtigste und brennendste aller Fragen ansehen, weil eine »Übervölkerung« drohe, ja tatsächlich schon vorhanden sei. Diese Frage muß ganz speziell vom internationalen Standpunkt aus behandelt werden, denn Volksernährung und Volksverteilung sind immer mehr eine internationale Angelegenheit geworden. Über das Bevölkerungsgesetz ist seit Malthus viel gestritten worden. In seiner berühmt und berüchtigt gewordenen Schrift »Versuch über das Bevölkerungsprinzip«, die Karl Marx »als ein schülerhaft oberflächliches und pfäffisch vordeklamiertes Plagiat aus Sir James Stewart, Townsend, Franklin, Wallace usw.« bezeichnet, das »nicht einen einzigen selbstgedachten Satz enthält«, stellt Malthus die Ansicht auf, daß die Menschheit das Bestreben habe, sich in geometrischer Progression zu vermehren (1, 2, 4, 8, 16, 32 usw.), wohingegen die Nahrung nur in arithmetischer Progression (1, 2, 3, 4, 5 usw.) vermehrt werden könne. Die notwendige Folge sei, daß zwischen der Menschenzahl und dem Nahrungsvorrat rasch ein Mißverhältnis entstehe, das zu Massennot und schließlich zu Massentod führen müsse. Es sei darum geboten, sich in der Kinderzeugung »Enthaltsamkeit« aufzuerlegen. Derjenige dürfe nicht heiraten, der nicht genügend Mittel zur Ernährung einer Familie besitze, weil sonst am »Tische der Natur« kein Platz für die Nachkommen vorhanden sei.

Die Furcht vor Übervölkerung ist sehr alt. Sie war bereits, wie die Erörterungen in der vorliegenden Schrift zeigten, bei Griechen und Römern und wieder am Ausgang des Mittelalters vorhanden. Plato und Aristoteles, die Römer, der Kleinbürger des Mittelalters wurden von ihr beherrscht, und sie beherrschte Voltaire, der darüber im ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts eine Abhandlung veröffentlichte. Andere Schriftsteller folgten ihm, bis endlich in Malthus derjenige erstand, der diese Befürchtungen am prägnantesten zum Ausdruck brachte.

Die Furcht vor Übervölkerung tritt stets in Perioden auf, in denen der bestehende Sozialzustand im Zerfall begriffen ist. Die allgemeine Unzufriedenheit, die dann entsteht, glaubt man in erster Linie dem Überfluß an Menschen und dem Mangel an Lebensmitteln und nicht der Art, wie sie gewonnen und verteilt werden, zuschreiben zu müssen.

Alle Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht auf Klassenherrschaft. Das erste und vornehmste Mittel der Klassenherrschaft aber ist die Besitznahme von Grund und Boden. Aus dem Gemeinbesitz gelangt derselbe allmählich in Privatbesitz. Die Masse wird eigentumslos und ist genötigt, sich im Dienste der Besitzenden ihre Portion an Lebensmitteln zu erwerben. Unter solchen Umständen wird jeder Zuwachs zur Familie oder ein neuer Konkurrent als eine Last empfunden. Das Gespenst der Übervölkerung erscheint, das in dem Maße Schrecken verbreitet, wie der Grund und Boden immer mehr Monopolbesitz wird und an Produktivität verliert, sei es, weil er nicht genügend bewirtschaftet wird, oder weil man den besten Boden in Schafweiden verwandelt, oder ihn dem Vergnügen seiner Herren als Jagdgründe reserviert und ihn so dem Anbau für menschliche Nahrung entzieht. Rom und Italien hatten am meisten Mangel an Nahrungsmitteln, als der Grund und Boden sich in den Händen von ungefähr dreitausend Latifundienbesitzern befand. Daher der Schreckensruf: Die Latifundien richten Rom zugrunde. Der Grund und Boden Italiens wurde in ungeheure Jagdreviere oder Lustgärten zum Vergnügen seiner adligen Besitzer verwandelt, häufig auch unbebaut liegen gelassen, weil seine Bebauung durch Sklaven sich teurer stellte als der Preis des aus Afrika und Sizilien bezogenen Getreides, ein Zustand, der Tür und Tor dem Kornwucher öffnete, an dem in erster Linie wieder der reiche Adel Roms beteiligt war. Das wurde sogar ein Hauptgrund, die Bebauung des heimischen Grund und Bodens zu unterlassen. Der Adel gewann am Getreidewucher mehr als am Getreidebau im eigenen Lande.

Unter solchen Verhältnissen zog der römische Bürger oder der verarmte Adel es vor, auf Ehe und Kinderzeugung zu verzichten, was durch alle Prämien, die auf Eheschließung und Kinder gesetzt wurden, um die Verminderung der herrschenden Klasse zu verhindern, nicht verhindert werden konnte.

Eine ähnliche Erscheinung trat gegen Ende des Mittelalters ein, nachdem während Jahrhunderten Adel und Geistlichkeit durch alle Mittel der List und Gewalt zahlreiche Bauern ihres Eigentums beraubt und das Gemeindeland an sich gerissen hatten. Als dann infolge all der erlittenen Mißhandlungen die Bauern sich empörten, aber niedergeschlagen wurden, und nun erst recht das Raubhandwerk des Adels nur auf höherer Stufenleiter fortgesetzt und von den reformierten Fürsten auch am Kirchengut praktiziert wurde, wuchs die Zahl der Räuber, Bettler und Vagabunden wie nie zuvor. Ihre Zahl war am größten nach der Reformation. Die expropriierte Landbevölkerung strömte nach den Städten. Hier waren aber auch bereits aus früher geschilderten Ursachen die Lebensverhältnisse immer üblere geworden, und so war »Übervölkerung« überall vorhanden.

Das Auftreten von Malthus fällt nun in jene Periode der englischen Industrie, wo infolge der neuen Erfindungen von Hargreaves, Arkwright und Watt gewaltige Umgestaltungen in der Mechanik und Technik eintraten, die hauptsächlich in der Baumwollen- und Leinenindustrie zur Geltung gelangten und die Arbeiter in den betroffenen Hausindustrien zu Zehntausenden brotlos machten. Die Konzentration des Bodeneigentums und die Entwicklung der großen Industrie nahm um jene Zeit in England große Dimensionen an. Mit dem rasch steigenden Reichtum auf der einen Seite wuchs das Massenelend auf der anderen. In einer solchen Zeit mußten die herrschenden Klassen, welche die bestehende Welt für die beste anzusehen alle Ursache haben, für eine so widersprechende Erscheinung wie die Pauperisierung der Massen inmitten des steigenden Reichtums und der höchsten Industrieblüte eine plausible, sie entlastende Erklärung suchen. Nichts war bequemer, als der allzu raschen Vermehrung der Arbeiter durch Kinderzeugung und nicht ihrer Überflüssigmachung durch den kapitalistischen Produktionsprozeß und die Akkumulierung des Grund und Bodens in den Händen der Landlords die Schuld zu geben. Unter solchen Verhältnissen enthielt das »schülerhaft oberflächliche, pfäffisch vordeklamierte Plagiat«, das Malthus veröffentlichte, eine Begründung der vorhandenen Übel, die den geheimsten Gedanken und Wünschen der herrschenden Klasse Ausdruck gab und sie vor der Welt rechtfertigte. Daher erklärt sich der ungeheure Beifall, den es auf der einen Seite, und die heftigste Befehdung, die es auf der anderen fand. Malthus hatte für die englische Bourgeoisie im rechten Augenblick das rechte Wort gesprochen, und so wurde er, trotzdem seine Schrift »keinen einzigen selbstgedachten Satz« enthielt, ein großer und berühmter Mann und sein Name zum Stichwort für die ganze Lehre Daß Darwin und andere ebenfalls zu Nachbetern Malthus' wurden, zeigt nur, wie der Mangel ökonomischer Studien zu den einseitigsten Anschauungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet führt. .

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