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Die Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen

Berthold Auerbach: Die Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004656-4
titleDie Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen
pages138-148
created20000324
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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Zwischen hohen Mauern

Wie war Lorle voll Freude, als sie in ihrer Wohnung die Bärbel schon fand. Man war in der Nacht angekommen, und Lorle durchmusterte sofort alles, das war ja nun ihre neue Welt. Mit einer immer sich steigernden Seligkeit ordnete sie noch am Abend fast ihre ganze Aussteuer in die Schränke ein. Wie viel Unerwartetes hatte die Mutter hinzugesellt, die gute Mutter! Der Vater hatte sich's nicht nehmen lassen, nach altem Brauch eine Wiege zu schicken, und Lorle ward feuerrot, als sie diese gewahrte; dann war sie aber voll Freude über die vollen Mehlschränke, über die umfangreichen Schmalztöpfe und alle Bedürfnisse einer vollen Haushaltung, die Bärbel mitgebracht hatte; jeden Topf in der Küche wollte sie beschauen als ihr nunmehriges Eigentum. Reinhard wollte anfangs Einhalt tun, dann aber ging er selber mit durch die Küche und Kammer und freute sich an dem Glücke seines »lieben Hausmütterchens«.

Bis spät in die Nacht saßen dann die beiden noch beisammen auf dem Sofa, und Reinhard erzählte, wie er, das einzige Kind seiner Eltern, diese schon früh verloren, wie er in einem Institut erzogen, später im Widerspruch mit seinem Vormunde die Studien aufgegeben und sich der Kunst gewidmet, wie er, aller Bande los und ledig, frei in der Welt umhergeschweift. »Nie«, schloß er, »hab ich's empfunden, was ein Heimatherd ist; meine tiefe Sehnsucht ist nun erfüllt, freilich mit einem schweren Opfer, ich habe mich in Dienst begeben, aber freudig gebe ich einen Teil meines freien Künstlertums hin, um eine Heimat, ein Nest zu haben.«

Lorle umhalste ihn und sagte: »Du sollst gewiß immer gut und gern daheim sein, du armer Mensch, den sie so in die Welt hinaus gestoßen haben.«

Am andern Morgen kam der Kollaborator mit seiner Schwester zur Bewillkommnung; er hatte gleich am Tage nach der Hochzeit alle Türen der neuen Wohnung mit Kränzen geschmückt; als aber die Ankunft der Erwarteten sich verzögerte und die Kränze welk wurden, nahm er sie still wieder ab.

»Es wird mir auch mit der Zeitgeschichte so ergehen«, sagte er, »ich winde meine Kränze zu früh für den Einzug des neuen Lebens; die harrenden Blumen verdorren, und am Ende zieht die neue Welt durch ungeschmückte Tore. Sei's, wenn sie nur kommt.«

Leopoldine, die Schwester des Kollaborators, ein von Natur liebreiches, aber durch Jahre und Schicksale herb gemachtes Gemüt, hatte mit wahrhaft schwesterlicher Sorgfalt allem vorgesorgt; traf solches Anordnen und Einrichten auch mit ihrer Neigung zusammen, so war doch nicht minder wirkliche Güte dabei tätig. Unter dem wiederholten Danke des jungen Ehepaares führte sie nun Lorle in der Wohnung umher und zeigte ihr den Gebrauch jedes Schränkchens und wie man es in Ordnung halten müsse, wie man die Schlüssel umdrehe, die Schublade ausziehe, alles. Lorle war eine willfährige Schülerin, zu manchem aber bemerkte sie doch: »Das brauchet Ihr mir nicht sagen.« Sie sprach das in reiner Ehrlichkeit, sie kannte die Gesellschaftslüge noch nicht, der zufolge man sich unwissend stellen muß, um dem andern in seiner Weisheit angenehm zu erscheinen; sie wollte der »guten Person« nur die unnötige Mühe ersparen. Leopoldine sah aber hierin einen bäurischen Stolz, der sich nicht gern zurechtweisen ließe; sie war indes zu erhaben, um sich von dem Dorfkinde beleidigen zu lassen, sie widmete ihr fortwährend mitleidvolle Gönnerschaft, zumal sie wirkliches Bedauern fühlte, daß sich »das Kind« mit einem so wilden Naturell, wie das Reinhard's war, auf ewig verbunden hatte.

Der Kollaborator war in seltsamer Stimmung, er ging scherzend und singend durch alle Zimmer und versuchte allerlei Schabernack; es hatte den Anschein, als wollte er eine frühere Weise Reinhards sich aneignen; er nötigte Reinhard schon am frühen Morgen, eine Flasche Wein mit ihm auszustechen, obgleich die Schwester bemerkte, daß ihm das nie gut bekäme. Als ihr Bruder aber dennoch nicht nachgab, verzerrten sich ihre Züge auf eine höchst unangenehme Weise; mit Schrecken bemerkte dies Lorle, Leopoldine aber redete kein Wort mehr.

Nachdem »die beiden Junggesellen«, wie sie Reinhard nannte, sich verabschiedet hatten, kam es Lorle vor, als wäre ein fremdes Leben durch ihre Zimmer geschritten, als ob die Möbel anders stünden als früher; erst nach und nach heimelte sie's wieder an in ihrer Behausung.

»Nun, was sagst du zu Leopoldine?« fragte Reinhard. –

»Die ist Weinessig, ist einmal Wein gewesen«, erwiderte Lorle.

Reinhard bemühte sich, ihr eine bessere Anschauung beizubringen, und hier zum ersten Male erfuhr er eine Ihm unerklärliche Schärfe des Urteils bei Lorle, die er der Zartheit ihres liebevollen Gemütes nie zugetraut hätte. Er bedachte nicht, daß es eine Menschenliebe gibt, die streng und rücksichtslos urteilt, die aber, trotzdem daß sie die Mängel erkennt, in ungeschwächtem Wohlwollen verharrt; daß ferner ein unverbogenes Naturell ohne Rückhalt und unbarmherzig die augenblickliche Empfindung als Urteil ausspricht.

Mit Bärbel hatte Lorle an diesem ersten Morgen auch schon einen Kampf, denn die gute Alte deckte den Tisch nur für zwei Personen; keine Ermahnung und keine Bitte, daß sie doch mit am Tisch essen solle, fruchtete; denn sie behauptete, es schicke sich nicht, ja sie verbot Lorle, ihren Mann irgend damit zu behelligen, da er sie sonst für gar zu einfältig halten müsse.

Die Suppe stand endlich auf dem Tisch, Lorle betete still, Reinhard betete nicht, und sie wiederholte das Gebet noch einmal anstatt ihres Mannes.

Als sie nun beisammen saßen, fragte Reinhard: »Lorle, sind die Teller unser eigen?«

»Ja freilich, wem denn?«

»Juhu! Wenn ich jetzt einen Teller zerbrech, brauch ich dem Wirt nicht zahlen; das ist mein, alles mein eigen.« – Er nahm einen Teller und warf ihn jubelnd auf den Boden.

»Er ist von einem ganzen Dutzend«, sagte Lorle.

»Mein Dutzend hat nur zehn«, rief Reinhard und warf noch einen entzwei, dann tanzte er singend mit Lorle um den Tisch herum.

»Du bist ein wilder Kerle«, sagte sie, die Scherben zusammenlesend, »ich will andere Teller holen.«

»Nein, wir essen miteinander aus der Schüssel.«

»Mir auch recht.«

Die Bärbel kam, da sie das Zerschmettern vernommen hatte, Lorle aber sagte: »Brauchst heut keine Suppenteller mehr bringen, wir essen aus der Schüssel, da haben wir's grad wie daheim.« –

Reinhard stellte seine Frau niemand vor, sie bedurfte ja niemand außer ihm, er war ihr alles; er machte seine Antrittsbesuche bei Vorgesetzten, Gönnern und Bekannten, und wo man ihm zu seiner Verheiratung Glück wünschte, dankte er einfach und lenkte das Gespräch bald ab.

Die Galerieangelegenheit war noch keineswegs erledigt, wenn auch schon ein Beamter dafür angestellt war; in diesem Winter sollte ein außerordentlicher Landtag, und zwar, wie man solche am meisten liebt, ein bloßer Finanzlandtag einberufen werden, um wegen der in Aussicht stehenden Verheiratung die Gelder zum Baue eines Schlosses für den Thronerben zu bewilligen; auch über die Kosten zum Baue des Galeriegebäudes sollte dann mit den Ständen eine Vereinbarung getroffen werden; eine Gesetzesvorlage über Wiesenberieselung sollte den Schein des Gemeinnützigen hergeben.

Während Reinhard sich durch seine Besuche eine umfassende Kenntnis des Staatskalenders verschaffte, konnte Lorle zu Hause sich noch gar nicht in das Stadtleben finden. Wenn alles so sehr gesäubert und in Ordnung war, daß sich nun durchaus nichts mehr aufbringen ließ, vermochte es Lorle über die Bärbel, daß sie sich zu ihr in die Stube setzte; es bedurfte hierzu vieler Überredung, denn die Bärbel, die nun schon seit mehr als dreißig Jahren diente, hatte ihre festen Ansichten, man möchte sagen ihre Handwerksregeln für das Leben, von denen sie nicht gern abging; sie sagte immer zu Lorle: »Herrschaft ist Herrschaft und Dienst ist Dienst.« Erst wenn alles verschlossen war, gab sie nach und setzte sich zu ihrer »Madam« in die Stube, aber weitab vom Fenster, daß man sie aus den Häusern gegenüber nicht sehen konnte. Kam dann Reinhard, der den Schlüssel zur Hausflurtür hatte, so wollte sie sich rasch auf ihren Posten zurückziehen; sie mußte jedesmal dringend ersucht werden, doch ungestört zu bleiben. Man durfte ihr hundertmal etwas zugestehen, was außerhalb ihres Kreises lag, sie sah es dadurch nie als ihr Recht an, stets mußte sie aufs neue dazu gebracht werden; sie setzte einen gewissen Stolz darein, nicht in den vertraulichen Ton einzugehen, ihr Grundsatz war: Geb ich dir dein Ehr, mußt du mir mein Ehr geben, kannst mich nicht das eine Mal an den Tisch setzen und das andere Mal hinter die Tür stellen. – Reinhard aber sah in dieser fortgesetzten Haltung eine bäurische Umstandsmacherei, er verlor wenig Worte mehr mit der Bärbel. In seiner Abwesenheit saß sie nun bei Lorle, emsig plaudernd. Die Wohnung war, obgleich in einem ganz neuen Stadtviertel, dennoch im dritten Stock, da unsere weitgreifende Zeit gleich von vornherein hoch baut.

»Ach Gott!« klagte Lorle einmal, »es ist so hoch oben, wenn einmal Feuer ausgeht; und du dauerst mich auch, man muß das Wasser so weit herauf holen. Es ist so unheimlich. Da guck einmal nah, es schwindelt einem, und man sieht den Menschen nur auf den Hutdeckel. Die Stadtleut sind aber doch pfiffig, sie bauen in die Luft hinein, da kostet's keinen Platz, da spart man das Feld dabei. Ich laß aber nicht nach am Reinhard, bis er ein eigen Haus kauft, wo wir allein sind und nicht so in einer Kasern. Da guck, bloß da links können wir noch ins Freie sehen, aber da legen sie schon wieder mächtige Grundmauern, über's Jahr haben wir nichts als Stein vor uns.«

Bärbel, die früher, lange bevor Lorle geboren wurde, ein Halbjahr in der Stadt gedient hatte, konnte die Ausstellungen ihrer »Madam« in manchem berichtigen. – Lorle hätte gar zu gern gewußt, wer denn die Leute seien, die mit ihr unter demselben Dach wohnen, wie ihre Haushaltung ist, wovon sie leben und was sie treiben. Bärbel belehrte sie, daß das einmal in der Stadt so sei; da habe jedes seinen abgeschlossenen Hausgang und kümmere sich nichts um das andere. Lorle konnte sich aber dabei nicht beruhigen, und sie klagte: »Ich möcht jetzt nur wissen, wovon der Seiler da drüben lebt; ich hab nicht gesehen, daß er seit gestern morgen was verkauft hat. Und wenn ich über die Straß geh und da sitzen die Leut in so einem kleinen Lädle, und es kauft ihnen niemand was ab, und da möcht ich wissen, wovon die jetzt heut zu Mittag essen und noch so viel Menschen, die so herumlaufen, und man weiß gar nicht, was sie tun.«

»Guts Närrle, das kann man nicht wissen; daheim da kann man jedem in seine Schüssel gucken, aber hier geht das nicht, und du siehst ja, daß die Leut doch leben, so laß sie machen.« So tröstete Bärbel.

Vom Hause gegenüber hörte man ein Mädchen fast den ganzen Tag Klavier spielen und singen, nur bisweilen wurde dieses Tun unterbrochen, indem ein Lockenkopf am Fenster erschien, straßauf und straßab schaute. »Das muß eine schöne Hausfrau geben«, bemerkte Lorle einmal, »und die kann ja sonntags an der Musik gar kein Freud haben, wenn sie's so die ganz Woch hat, und horch nur, wie sie sich gar nicht schämt und bei offenen Fenstern singt, daß man's die ganze Straß hinab hört; wie das nur die Eltern zugeben!«

Wenn Reinhard nach Hause kam, war er meist liebevoll und zärtlich. Je tiefer er in das Getriebe der Staatsmaschine und des Staatsdienerlebens hineinschaute, je mehr er die Beengungen erkannte, die es ihm auferlegte, daß ihm der Kopf brauste, um so mehr erfaßte er den stillen Frieden, der in der Luft seiner Häuslichkeit schwebte; er sog ihn in vollen Zügen ein und wollte sich ihn stets erhalten; für ihn hatte er ja die Freiheit seines Seins geopfert. Wenn er bisweilen gedankenvoll und betrübt drein sah und Lorle ihn um die Ursache fragte, antwortete er: »Gutes Kind, du sollst und wirst nie erfahren, wie wirr und kraus es in der Welt hergeht. Du mußt mich nicht immer fragen, wenn ich so in Gedanken bin; es geht mir vielerlei im Kopf herum. Sei jetzt nur heiter, sei froh, daß du vieles nicht weißt.«

»Was du meinst, daß ich nicht wissen soll, das will ich nimmer fragen«, entgegnete Lorle.

Auf den Gängen durch die Stadt und vor den Toren begleitete der Kollaborator fast immer das junge Ehepaar. Lorle tastete noch immer an der ihr fremden Welt herum und konnte die rechten Handhaben nicht finden.

»Ich weiß nicht«, sagte sie einmal, »mir kommen die Leut in der Stadt gar nicht so lustig vor wie daheim; wenn's nicht einmal ein Schusterjung ist, sonst pfeifen und singen die Leut gar nicht, wenn sie über die Straß gehen, es ist alles so still, als wenn sie stumm wären.«

Der Kollaborator gab ihr vollkommen recht und sagte: »Die Leute bilden sich ein, sie hätten Gedanken statt Gesang, es ist aber nicht wahr.« Reinhard dagegen suchte Lorle klar zu machen, daß solche Ungezwungenheit in der Stadt nicht möglich sei; er knüpfte hieran eine weit abgehende Auseinandersetzung, daß das wahre gesunde Wesen in solcher Beschränkung nicht zugrunde gehe, sondern sich in sich erkräftige. Der Kollaborator durchkreuzte solche Darlegungen durch schneidende Entgegnungen, und hier zeigte sich ein oft wiederkehrendes Zerwürfnis zwischen den beiden Freunden, unter dem zunächst Lorle leiden mußte. Wollte Reinhard seiner Frau Achtung vor der Bildung einflößen, sie zur Bewunderung und Nacheiferung solcher Zustände anleiten, von denen sie bisher keine Ahnung gehabt hatte, so suchte der Kollaborator alles in die Luft zu sprengen; denn es entwickelte sich bei ihm immer mehr die Ansicht, die er in seinem Unmute auch bisweilen geradezu aussprach: »Wir haben uns mit unserer ganzen Zivilisation in eine Sackgasse verrannt.«

Lorle, die zwischen den Streitenden ging, gewann wenig Frucht aus diesen Erörterungen.

Einst bemerkte sie: »Ich mein die Hunde bellen in der Stadt viel weniger als bei uns im Dorf; es ist wohl, weil sie mehr an die Menschen gewöhnt sind.« Da lachte der Kollaborator und sagte: »Deine Frau hat die tiefste Symbolik.« – Lorle, die nun schon Mut hatte und sich durch ein fremdes Wort nicht mehr verblüffen ließ wie damals zu Hause, sagte jetzt: »Ihr müsset nicht so g'studiert reden, wenn es mich angeht.« Der Kollaborator erklärte nun, wie deutungsreich ihr Ausspruch war und suchte seine ganze Verachtung dieses Lebens nachdrücklich geltend zu machen. Lorle erwiderte nur, sie hätte nicht geglaubt, daß er so grimmig bös sein könne. –

Als sie einst klagte, daß durch die neue Kanzlei ihrem Hause gegenüber die Aussicht ins Freie verbaut würde, wußte der Kollaborator auch dies sinnbildlich zu deuten. Lorle verstand den Kollaborator besser, als er glaubte, aber sie war doch ärgerlich, daß er ihr alle Worte im Munde verdrehe und immer etwas anderes daraus mache, als sie gewollt hatte. Einmal nach mehrtägigem, anhaltendem Regen gingen sie durch die Promenade; da sagte Lorle: »Es ist doch viel schöner in der Stadt, da braucht man die Wege nicht erst durch die Hecken treten, da sind überall Wege ausgehauen und werden schnell wieder gangbar.« –

Der Kollaborator behielt diesmal seine symbolische Deutungslust für sich. War sie ihm etwa nicht genehm?...

Reinhard empfand nun erst recht die Wonne der Häuslichkeit, indem er wieder rüstig zu arbeiten begann. Arbeit macht selbst einsame fremde Räume zu heimisch trauten, und wie nun gar die gemeinsam bewohnte eigene Heimat! In dem kleinen Stübchen gegen Norden, das er sich zur einstweiligen Werkstatt eingerichtet hatte, ging er an die Vollendung des Bildes »Das neue Lied«, das er schon im Dorfe begonnen hatte.

Lorle war oft bei ihm, denn er hatte ihr gesagt: »Ich bitte dich, komm oft zu mir, wenn ich arbeite; ich tue alles besser und lieber, wenn du da bist. Wenn ich auch nichts mit dir rede, wenn ich auch deiner scheinbar nicht bedarf, du bist mir wie angenehme Musik im Zimmer; es tut sich alles besser dabei.«

Als er nach vollbrachter Tagesarbeit bei ihr in der Stube saß, sagte er einmal: »Stricke und nähe nicht, arbeite nicht, gar nichts, wenn du bei mir bist; es ist mir als wärest du nicht allein, nicht ausschließlich bei mir, als wäre noch ein Drittes bei uns zweien, als wärest du nur halb bei mir.«

»Hab dich schon verstanden, brauchst's nicht so um und um wenden«, entgegnete Lorle und legte das Strickzeug weg, »aber die Händ da, die wollen was zu tun haben, und da muß ich dich halt beim Busch nehmen und zausen.« Sie vollführte dies auch, schüttelte ihm den Kopf mit beiden Händen und gab ihm dann einen herzhaften Kuß.

Das war ein liebewarmes häusliches Winterleben.

Auch an kleinen Neckereien fehlte es nicht. Lorle hatte die Scheuersucht der Frauen in ungewöhnlichem Grade; die Stubenböden waren jetzt ihre Äcker, sie konnten nicht umgepflügt, aber doch sattsam aufgewaschen werden. Reinhard mahnte oft und oft zur Mäßigung, aber vergebens. Als er einmal unversehens nach Hause kam und richtig in kein trockenes Zimmer konnte, faßte er Lorle am Arm und tanzte mit ihr in der Stube herum, indem er sang:

»In Schnitzelputzhäusel, da geht es gar toll
Da trinken sich Tisch' und Bänke voll,
Pantoffel unter dem Bette.«

Auch außer dem Hause wollte Reinhard seiner Frau das neue Leben eröffnen, er führte sie ins Konzert. Der Kollaborator unterhielt sie hier sehr eifrig, sie kannte sonst niemand. Nach einer Beethovenschen Symphonie fragte er einmal: »Nun sagen Sie mir ehrlich, wäre Ihnen ein schöner Walzer nicht lieber?«

Lorle antwortete: »Aufrichtig gestanden, ja.«

Der Kollaborator kam freudestrahlend zu Reinhard und sagte: »Du hast eine herrliche, einzige Frau, sie hat noch den Mut, offen zu gestehen, daß sie sich bei Beethoven langweilt.«

Reinhard kniff die Lippen zusammen, zu Hause aber sagte er ruhig zu Lorle: »Du mußt dich vom Kollaborator nicht irremachen lassen, der hat sich an den Büchern übergessen. Du mußt nie über etwas lachen oder aburteilen, wenn du's noch nicht ganz begreifst. Es gibt nicht nur eine Musik, nach der sich unsere Körper bewegen, es gibt auch eine solche, wo wir unsere Seele in Trauer und Lust emporsteigen und sinken und sich wiegen lassen, über alles erhoben – die Seele ganz frei und allein. Ich kann dir's nicht erklären, du wirst es schon finden; aber Respekt muß man vor Sachen haben, an welche so viele große Männer ihr ganzes Leben gesetzt. Hab du nur die Achtung, und du wirst die Sache auch schon bekommen.«

Lorle versprach, sich recht zusammenzunehmen.

Im letzten Winterkonzerte, als der Kollaborator nach einem Musikstücke fragte, was sie jetzt gedacht habe, sagte sie: »An alles, und ich weiß doch nicht. Wenn so die Flöten und Trompeten und Geigen miteinander reden und einander anrufen und nachher alle zusammen sprechen, da ist's doch, wie wenn andere als Menschen reden, und da tut's einem so wohl, an alles zu denken, so geruhig; es ist, wie wenn die Gedanken auf lauter Musik spazieren gingen, hin und her.«

Der Kollaborator murrte in sich hinein: »O weh! die wird nun auch gebildet.«

Am Theater, wohin Reinhard sie in der ersten Zeit einige Mal führte, fand Lorle keine nachhaltige Freude; die lustigen Stücke kamen ihr gar zu närrisch vor, und bei den kreuzweis geköperten Intrigenstücken war's ihr zumute wie in einem Wirbelwind, der von allen Seiten reißt und zerrt, so daß man sich gewaltig zusammennehmen muß. Von zwei Stücken redete sie aber noch lange. Das eine war »Die Stumme von Portici«. Es kam ihr grausam vor, daß die Hauptperson stumm ist und die andern alle singen; auch meinte sie, es sei schon hart genug, wenn ein Mädchen betrogen wird, es brauche keine Stumme zu sein. Daß die Fischer, nachdem sie einige Soldaten niedergemacht, unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution niederknieten und beteten, kam ihr recht brav vor, aber sie hatte gräßliche Angst, es kommen jetzt andere Soldaten und schießen sie alle nieder. An Schillers »Tell« hatte sie volle Freude. In der versteckten Loge, wohin Reinhard sie immer führte, gab sie ihm während der ganzen Vorstellung kaum eine Antwort; sie sah ihn oft still an, mit der Hand begütigend, als dürfe man etwas nicht wecken. Auf dem Heimwege sagte sie: »So wie der Tell, so wär mein Vater in seinen jungen Jahren gewiß auch gewesen.«

Reinhard nahm ihr das Versprechen ab, über derartige Dinge mit niemand anderm als mit ihm zu reden.

Lorle nahm die ganze Welt um sich her keineswegs als eine gegebene hin; gerade weil ihr die Überlieferungen mangelten, worauf sich so vieles stützt, erschien ihr alles, als ob es erst heute und für sie erstünde; sie schmälzte und salzte nach ihrer eigenen Zunge.

Reinhard unterließ es jedoch bald, Lorle in die Bildungs- und Kunstsphären einzuführen, und sie hatte auch nie Sehnsucht darnach; war's ihr nicht vor die Augen gerückt, war's für sie nicht da. Reinhard sah sich nun selbst mitten im Strudel einer ihm wesentlich neuen Welt, er trat in die sich vorzugsweise so nennende »Gesellschaft«, in der alles, was nicht dazu gehört, als zusammengelaufenes, höchstens erbarmungswürdiges Volk gilt. Bei der eigenen Unfruchtbarkeit der Gesellschaft an erfrischenden Elementen ward Reinhard ihr Adoptivkind. In der ersten Zeit betrachtete er das Frequentieren der Salons – eine Phrase, mit welcher die kleine Residenz aufputzte – als einen Teil seiner Amtspflichten; es kam ihm nicht in den Sinn, wie traurig es sei, daß Lorle so allein zu Hause sitze; da waren ja noch so viele andere, die sich mit einer Bürgerlichen und nicht wie er, nun gar mit einem Bauernmädchen »mesalliiert« hatten, und sie mußten sich's alle gefallen lassen, hier als ledige Burschen zu gelten.

Anfänglich war es Reinhard oft, wie wenn man aus freiem Felde in ein dumpfes Gemach tritt; die darinnen waren, wissen nichts von der gepreßten Luft, aber dem Eintretenden beengt sie die Brust. Bald jedoch bewegte er sich in diesem Treiben wie in seiner eigenen Welt. Zwei Umstände förderten dies mit besonderer Raschheit. Der außerordentliche Landtag war einberufen. Der Prinz hatte mit Reinhard oft den Plan durchsprochen, daß man in dem neuen Palais die Beletage des Mittelbaues mit den schönsten Gegenden des Landes zieren müsse, die Reinhard al fresco malen sollte; in dem Fries sollten die eigentümlichen Volkssitten durch Figuren in den verschiedenen Volkstrachten dargestellt werden. Reinhard war voll Seligkeit, ein solches Werk ausführen zu können, das als Erfüllung eines Lebens gelten durfte; er stellte das Bild »Das neue Lied« zur Seite und machte allerlei Entwürfe. Die Vorlegung derselben gab reichen Unterhaltungsstoff, und Reinhard ward dadurch vielfach Mittelpunkt der Gesellschaft. Nun aber ergab sich, daß die Landstände mit großer Mehrheit nicht nur die Gelder zum Bau des neuen Palais, sondern auch für die Galerie verweigerten, weil die Not des Landes so groß sei, daß sie keine derartigen Ausgaben gestatte. Mit einer Mehrheit von bloß zwei Stimmen wurde hierauf die angesetzte Summe zur Einrichtung der Zimmer über dem Marstall für die Galerie und der Gehalt Reinhards bewilligt. Dagegen nahm die Regierung Rache und verweigerte eine Aufbesserung der Volksschullehrergehalte, die auf dem vorigen Landtage schon beantragt war.

Ein tiefer Mißmut setzte sich in der Folge der ersten Behinderungen in Reinhard fest, zu dem er noch die Überzeugung gesellte, daß das ständische Wesen alle Kunst vernichte, diese daher nur in dem monarchischen Prinzip einen Halt habe. Reinhard hatte bisher ohne politische Ansicht gelebt, nun war sie ihm geworden. Aus diesen Gründen fühlte er sich heimischer in der »Gesellschaft«; aber noch ein bedeutsames Motiv kam dazu.

Die junge Gräfin Mathilde von Felseneck, eine reizende und vielbesprochene neue Erscheinung, schloß sich an Reinhard auf besonders zuvorkommende Weise an; sie trat jetzt zum ersten Mal in »die Welt«, sie war einsam auf dem väterlichen Schlosse aufgewachsen; denn ihr Vater, der die Tochter seines Rentamtmanns geheiratet hatte, lebte seit zwanzig Jahren fern vom Hofe und von seinen Standesgenossen. Erst jetzt, seit dem Tode der Mutter ward ihm Versöhnung; das Kind wurde willig aufgenommen, zumal es eine blühende reiche Erbin war, von der man mit Zuversicht erwartete, daß sie den Fehler ihrer Abstammung durch eine standesgemäße Ehe ausgleichen werde. Gräfin Mathilde, die das Schicksal ihrer Mutter im Herzen trug, betrachtete sich in diesem Kreise nur als Geduldete, als Bürgerliche; sie fühlte sich zu Reinhard hingezogen, wie man im fernen Lande unter Fremden einen Heimatgenossen begrüßt; dazu ward sie mächtig angesprochen von dem freien und doch so sichern Benehmen Reinhards, der keine der Gesellschaftsformen verletzte, sie aber doch, nur dem aufmerksamen Blicke sichtbar, mit einem gewissen leichten Übermute behandelte; namentlich bemerkte sie dies dem Comte de Foulard gegenüber, der die Etikette mit einer gewissen priesterlichen Andacht wie ein hochheiliges Mysterium verwaltete. In der Tat zwang dieses ausgeprägte und feststehende Formenleben Reinhard nur eine kurze Weile eine gewisse Achtung ab, dann überließ er sich der freien Gebarung seines Wesens.

Eines Abends, als man sich eben an verschiedenen kleinen Tischen niederließ und die Bedientenschar mit märchenhafter Schnelle alles ordnete und auftrug, sagte der Comte de Foulard zu Reinhard: »Die Gräfin von Felseneck hat sich sehr geistreich über Ihre heute vorgelegten Zeichnungen ausgesprochen; sie bemerkte: ›Die Künstler haben nicht nur in ihrer Schöpferkraft etwas Gottähnliches, indem sie den vorhandenen Reichtum der Welt vermehren, sie müssen auch etwas von der göttlichen Geduld haben, ruhig über ihre Werke Kluges und Unkluges auskramen lassen.‹« Reinhard wendete sich unwillkürlich nach dem Mädchen um, das an einem andern Tische saß.

»Wenn Sie meiner Cousine vorgestellt sein wollen, bin ich bereit«, sagte ein schmucker Gardeoffizier, der neben Reinhard saß. Das Erbieten wurde mit Dank angenommen.

Von diesem Abend an gestaltete sich ein eigentümliches Verhältnis zwischen Reinhard und Mathilde. Wenn sie sich bei Hofe oder in den Salons trafen, kam eine gewisse ruhige Sicherheit über sie; so förmlich auch ihr beiderseitiger Gruß war, es lag etwas Zutrauliches darin, als hätten sie sich ohne Verabredung hier ein Stelldichein gegeben. Sie hatten beide die Empfindung, als ob das eine mit schützender und vorsorgender Hand dem andern diese Stunden zu genußreichen bereiten müsse; jedes hegte gewissermaßen die Verantwortlichkeit für einen Mißgriff oder ein Mißgeschick des andern in sich. Wenn Reinhard von seinem Gönner, dem Comte de Foulard, mit einem Kunstgespräche in einer Nische festgenagelt wurde, empfand Mathilde die höchste Langweile für ihn und merkte kaum auf die Artigkeiten und Aufmerksamkeiten, die sie umgaben; wenn dann die Gräfin Mathilde singen mußte, bebte Reinhard für sie; war die Reihenfolge ihrer Lieder eine unpassende, so machte er sich selbst Vorwürfe. Bald waren sie dann oft, in der gemessensten Haltung einander gegenüberstehend, in die launigsten Gespräche verwickelt. Nie lobte Reinhard den so seelenvollen Gesang Mathildens, er sprach nur bisweilen über die Schönheiten der Dichtung und Komposition; sie mochte daraus erkennen, wie sehr sie ihm zu Herzen gesungen hatte.

Der Vetter Arthur hatte verraten, daß Mathilde »waldfrische Volkslieder« singen könne, und nun mußte sie, da der Prinz persönlich darum bat, eines derselben vortragen. Sie stand eine Welle an dem Piano und hielt sich krampfhaft an demselben, um Ruhe zu gewinnen; dann stimmte sie in kecken Tönen ein Jodellied aus den Bergen an, so hell und froh wie die Lerche, die mit taufeuchter Schwinge hineinjauchzt in das Morgenrot. Heute zum ersten Male lobte Reinhard ihren Gesang, Mathilde aber war betrübt; sie klagte, daß es ihr vorkäme, als ob sie das heilige Geheimnis ihrer Heimatberge verraten und profaniert habe; sie glaube, daß ihr dieses Lied entweiht sei, weil sie es hier unter Kerzenschimmer und ausgebälgten Uniformen als Kuriosität preisgegeben. Reinhard widersprach ihr und erklärte, daß das wahrhaft Heilige, was wir in der Tiefe der Seele hegen, unberührt und unverletzt durch die ganze Welt schreite; daß das, was gestört oder gar zerstört werden kann, in sich und für uns keine rechte Wahrheit hatte. Mathilde war beruhigter.

Oft wollte sie auch, daß Reinhard ihr viel von seiner Frau erzählte; sie hegte offenbar den Wunsch, Lorle kennen zu lernen, aber Reinhard war in seinen Mitteilungen kurz und lehnte jenes nicht ausgesprochene Ansinnen, ohne es entschieden zu bezeichnen, mit Bestimmtheit ab; er sah darin doch mehr eine bloße Neugier und fürchtete zugleich, daß sich Lorle nicht, wie er wünschte, benehmen möchte.

Der Graf lud Reinhard auf Veranlassung seiner Tochter zu sich ins Haus, und Mathilde, die in Gesellschaft immer etwas Schmerzliches, Empfindsames hatte, war hier das heiterste Kind, voll sprudelnder Jugendlust; sie sang und spielte mit Fertigkeit und Geist, und ihre Zeichnungen verrieten ein ungewöhnliches Talent. Alle Blüten der edelsten Bildung standen hier in schöner Entfaltung, und wenn Reinhard etwas Derartiges bemerkte, sah Mathilde mit andächtiger Hoheit auf und sagte: »Sie hätten meine selige Mutter kennen sollen.« – Bisweilen sangen sie auch gemeinsam scherzhafte und schwermütige Volkslieder; von solchen wohlgebildeten Stimmen vorgetragen, hatten diese Töne noch eine ganz besondere Macht.

Wenn nun Reinhard aus der Gesellschaft nach Hause kam, regte sich oft der alte böse Blutstropfen in ihm; seine Häuslichkeit kam ihm so eng, so kleinbürgerlich vor. Drückte dann Lorle mit kindlichem Stottern ihre Gedanken und Empfindungen aus, so hörte er selten darauf und gab sich noch seltener die Mühe, sie zu ergänzen und zu berichtigen; er war es müde, das ABC der Bildung vorzubuchstabieren. Auch fiel ihm jetzt eine eigentümliche Ungrazie Lorles auf: die Hastigkeit und Kräftigkeit ihres Gebarens war nun unschön; sie faßte ein Glas, das leichteste, was sie zu nehmen hatte, nicht mit den Fingern, sondern mit der ganzen Hand, ihre Bewegungen hatten in den Stadtkleidern eine auffallende Derbheit, sie trat immer stark mit den Fersen auf, und er bat sie einmal den schwebenden und sich wiegenden Gang auf den Zehen anzunehmen.

Lorle entgegnete: »Just alles brauch ich nicht erst zu lernen, ich hab schon laufen können, wie ich noch kein Jahr alt gewesen bin.«

Zu den übrigen Residenzbewohnern hatte Reinhard keine Beziehung, und er erfuhr erst spät, daß ihn viele den »Zivilkavalier« nannten und sich damit erhaben dünkten, während sie doch selber die fürstliche Gnadenprobe vielleicht nicht besser bestanden hätten. Zu den wenigen Künstlern der Stadt war Reinhard in eine schiefe Stellung geraten; er war so ohne alle Vorbereitung zu seinem Amte gelangt; die einen glaubten in der Tat, daß ihm dies nur durch Winkelzüge gelungen sei, die anderen verleitete Neid und Bitterkeit zu ungerechter Beurteilung Reinhards und seiner Leistungen.

So hatte er außer der Hofgesellschaft nur den Kollaborator, aber auch dieser zürnte ihm; er sprach offen seinen Grundsatz aus: »Kein Ehrenmann darf von der innerlich angefaulten Sozietät mit sich eine Ausnahme machen lassen, so lange sich dort nur noch eine Spur von Exklusivem findet.«

Der Kollaborator zürnte mit Reinhard doppelt, weil dieser mit Lorle, dem frischen Naturkinde, kunstgärtnere. Das tat ihm wehe, aus persönlichen wie aus allgemeinen Gründen. Er erkannte leicht im Kleinen und Vereinzelten ein allgemeines, ja ein weltgeschichtliches Gesetz. Lorle war ihm ein Typus des Urmenschlichen, des ursprünglich Vollkommenen, an sich Vollendeten, unberührt von den Zwiespältigkeiten der Geschichte und der Bildung; es deuchte ihn eine Versündigung, sie durch alle die Labyrinthe zu quälen, ohne sicher zu sein, daß sie den jenseitigen Ausgang finde, der wiederum zur freien Natur führt – sie stand ja von selber darin, Anfang und Ende sind hier eins. Er behauptete, daß die Menschen zu allen Zeiten das ursprünglich Vollkommene, was ihnen in einem Menschen nahe tritt, martern und kreuzigen und zu Tode quälen, weil das Dasein des absolut Vollkommenen, des Urmenschen, der nichts will und nichts hat von dem ganzen Trödel, den die Menschheit nachschleppt, dieser ein Greuel sein muß. Und doch muß die Geschichte von Zeit zu Zeit wiederum erfrischt und begonnen werden von solchen ersten Menschen, die aus dem Urquell des Lebens vollendet erstehen.

Der Kollaborator wußte wohl, daß Lorle solchem höchsten Ideale nicht entspreche, aber er hatte eine fast abgöttische Verehrung für die Urtümlichkeit ihres Wesens, gegenüber dem unfertigen, ringenden und halben der Zivilisation; ihm hatte der vielverbrauchte Ausdruck, daß sie ein Kind der Natur sei, eine tiefere Bedeutung: er erfand diese Bezeichnung wiederum für sie.

Reinhard bestrebte sich, Lorle und Leopoldine miteinander zu befreunden, er brachte sie oft zu dieser; Lorle war's aber immer unheimlich. Leopoldine hatte die überfließende Redefertigkeit einer Ladenfrau, sie konnte alles, was sie im Sinn hatte, ohne Scheu aufzeigen, wie ehedem ihre Haubenmuster; dabei hatte die Vielgeprüfte etwas Entschlossenes, das sie namentlich ihrem Bruder gegenüber in einer Weise geltend machte, daß es Lorle in der nunmehrigen Zaghaftigkeit ihres Gemütes wie Schärfe und Härte erschien.

Über eine Bemerkung Lorles freute sich Reinhard einst übermäßig; sie gingen von Leopoldine weg und Lorle sagte: »Ach was schöne Blumen hat die, und so im Winter.«

»Du sollst auch solche haben.«

»Nein, ich mag nicht, ich mein, ich könnt und ich dürft mich nicht so freuen, wenn's wieder Frühjahr wird, weil ich so gezwungene Blumen vorher in der Stub gehabt hab, eh sie draußen sind. Laß mich lieber warten.«

Reinhard war von dieser Äußerung so entzückt, daß er wieder einen ganzen Tag der Liebevolle von ehedem war.

An den vielen kleinen Sächelchen auf dem Nipptisch Leopoldinens freute sich einst Lorle wie ein Kind; als ihr Reinhard versprach, auch solche Sachen zu kaufen, sagte sie: »Nein, ich möcht lieber was Lebiges haben; wenn wir einen Stall hätten, möcht ich eine Geis oder ein paar Schweinchen haben, oder in meiner Stub Turteltauben oder einen Vogel.«

Am andere Tage nahm Reinhard die Bärbel mit, als er ausging, und brachte einen Kanarienvogel in schönem Käfig und Goldfischchen in einem Glase. Lorle war voll Freude, und Reinhard erkannte aufs neue, wie leicht dieses anspruchslose Wesen zu beglücken war.

Eines Abends, als Reinhard zum Maskenball beim Minister der Auswärtigen geladen war, ging Lorle in die Teevisite zu Leopoldinen. Auf dem Wege sagte sie zur begleitenden Bärbel: »Ich wollt, ich könnt bei dir daheim bleiben: ich komm mir oft vor wie ein Waisenkind, das unter fremden Leuten herumgeschubt wird.« –

Die Bärbel tröstete, so gut sie konnte.

Lorle trat zitternd in die Stube. Die Frau Professorin Reinhard, die Kammersängerin Büsching, Frau Oberrevisorin Müller, Frau Handschuhfabrikantin Frank; so stellte Leopoldine die Anwesenden vor. Die Frau Oberrevisorin warf stolz den Kopf zurück, ihr gebührte es, vor der pensionierten Kammersängerin vorgestellt zu werden. Die alte Sängerin unterhielt sich schnell mit Lorle, und bald war sie auf ihrem Lieblingskapitel, indem sie von ihren ehemaligen Triumphen erzählte und daß sie die erste hier in der Stadt war, die die Emmeline in der Schweizerfamilie gesungen. Ihre Bemerkung gegen Lorle, daß sie auch Volkslieder sehr liebe, wurde schnell verdeckt, denn nun öffneten sich die Schleußen der Unterhaltung, und alles auf einmal sprach vom Theater, d. h. von dem Haushalt der Schauspieler und Sänger und ihren Liebesbeziehungen. Unversehens lenkte sich das Gespräch auf den heutigen Maskenball. Die Frau Handschuhfabrikantin (deren ganzes Personal, aus dem Ehepaar und einem Lehrling bestehend, Leopoldine zur Fabrik erhoben hatte) konnte die intimsten Nachrichten davon preisgeben; sie klagte nur, daß wenn die Fremden, die Engländer, nicht wären, man wenig Handschuhe mehr verkaufte; sonst habe »ein nobler Herr« zwei bis drei Paar an einem Abende verbraucht, jetzt zögen selbst die Gardeoffiziere, die doch von Adel sind, nur bei den ersten Touren frische Handschuhe an und ersetzten sie dann unversehens durch alte.

Die Frau Oberrevisorin sagte: »Ich würde mich schämen, mich um solche Dinge zu bekümmern.«

Nun brach der Zorn der Handschuhfabrikantin los, und sie bemerkte, es gebe viele Handwerksleute, die mehr verdienten als die Angestellten; man wisse wohl, da sei's oft außen fix und innen nix. Leopoldine, die den unverzeihlichen Mißgriff gemacht hatte, eine solche gemischte Gesellschaft zu laden, brachte die Sache schneller, als sie hoffen konnte, wieder ins Geleise durch die einfache Frage, ob wohl die Herrschaft bei dem heutigen Ball sein werde.

»Was ist das, die Herrschaft?« fragte Lorle. Alles sah sie erbarmungsreich an.

»Das ist der Hof, das ist die Herrschaft«, erklärte man von allen Seiten.

Lorle aber entgegnete: »Warum denn Herrschaft? Mein Herrschaft ist's nicht, ich bin kein Dienstbote, ich hab meine eigne Haushaltung und ihr ja auch.«

Kichernd und lachend erhob sich jedes himmelhoch über diese furchtbare Einfältigkeit; selbst die Frau Oberrevisorin konnte nicht umhin, der ihr vorgezogenen Kammersängerin etwas ins Ohr zu zischeln. Lorle atmete erst wieder frei auf, als der Kollaborator aus dem Bierhause kam und allerlei Scherze losließ.

»Mein Lebtag geh ich nimmer in so eine Gesellschaft«, sagte Lorle auf dem Heimwege zur Bärbel.

Sie fühlte wohl die Erbärmlichkeit eines solchen Lebens, wo man, statt an eigener gesunder Kost sich zu erfreuen, nach den Brosamen und dem Abhub der vornehmen Welt hascht.

Während dieses Abends mußte Reinhard viele ergötzliche Neckereien bestehen; er wurde stets von zwei Masken gehänselt, die ganz in derselben Bauerntracht gingen wie einst Lorle. Anfangs war er erschrocken, denn beide Masken sprachen vollkommen den Dialekt; erst beim Entlarven konnte er in der einen die Gräfin Mathilde und in der andern ihre Gesellschafterin, ein armes adeliges Fräulein erkennen.

Als Lorle ihm am andern Morgen die Ereignisse des gestrigen Abends erzählte, hörte er ihr kaum zu; seine Gedanken tanzten noch auf dem Balle.

Dennoch blieb das Verhältnis zur Gräfin Mathilde ohne Fortschritt, fast auf demselben Punkte, auf dem es begonnen hatte; zumal da sie jetzt, nach Schluß der Saison, wieder mit ihrem Vater auf seine Güter zurückkehrte.

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