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Die Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen

Berthold Auerbach: Die Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004656-4
titleDie Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen
pages138-148
created20000324
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorH. Niephaus
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Bergaus und bergein

Nachdem der Kollaborator am andern Morgen die unterbrochene Aufzeichnung der Sagen vollendet hatte, suchte er seinen Freund auf und fand denselben vor einer fast fertigen Farbenskizze: ein Tiroler, der oberschwäbischen Burschen und Mädchen ein neues Lied vorsingt.

»Da hast du ja mein Gesetz verbildlicht«, bemerkte der Kollaborator, »das Bild gewinnt eine tiefe Tendenz.«

»Bleib mir vom Hals mit deiner Tendenz«, entgegnete der Maler, »die Menschen haben den Teufel zur Welt hinausgejagt, aber den Schwanz haben sie ihm ausgerissen, und der heißt Tendenz. Wie in dem Märchen von Mörike legen sie ihn als Merkzeichen ins Buch, in alles. Ich möchte einmal etwas machen, bei dem sie gar keine Tendenz herausquälen könnten, wo sie bloß sagen müßten: Das Ding ist schön.«

»Du hast recht, das Symbolische und Typische, was jedes Kunstwerk in sich hat, muß sich auf naturwüchsige Weise gestalten.«

»Naturwüchsig? Ein schönes Wort; warum sagst du nicht naturwuchsig oder naturwachsig?«

»Spotte nur, meine Behauptung steht doch fest. In jedem Kunstwerke ist Symbolisches und Typisches; die Situation, das Ereignis ist für sich da, bedarf keiner äußern Ideenstütze, ist selbständig; in der tieferen Betrachtung aber muß sich ein sinnbildlicher oder vorbildlicher Gedanke darin offenbaren, das Konkrete wird an sich ein Allgemeines. Das ist nicht Tendenz, wo man in die magere Milch Butter gießt, um glauben zu machen, die Kuh gebe von selbst Milch mit solchen Fettaugen, das Gedankliche ist vielmehr als Saft und Kraft in jedes Atom vertrieben. Dein Bild hier kann ganz vortrefflich werden, nur ist die Frage, ob das Musikalische, das Punctum saliens gegenständlich werden kann für die Malerei. Du mußt Lessings ›Laokoon‹ studieren, dort sind die Grenzen der Kunst haarscharf gezogen. Ich sehe wohl, daß der Tiroler mit der Zither auf dem Schoße, wie er mit der einen Hand die Finger schnalzt, wie er den Mund öffnet, ein lustiges Lied singt; du hast in der Gruppe zwischen dem Burschen und dem Mädchen, die sich hinter dem Rücken des Alten zuwinken und hier zwischen den Hand in Hand stehenden, staunenden beiden Mädchen gezeigt, daß eine Liebesstrophe gesungen wird, ob aber –«

»Du wolltest ja heute das Klavier stimmen«, unterbrach ihn Reinhard.

»Das will ich. Hier an dem Klavier habe ich auch wieder ein Symbol des deutschen Volksgemütes: Alle Saiten sind noch da, keine braucht frisch aufgezogen zu werden, aber fast alle sind von rohen, ungeschickten Händen verstimmt, nur einige tiefe Töne sind noch rein. Auch das ist bezeichnend, daß ich mir jetzt vom Schulmeister den Stimmhammer holen muß. Ich gehe nun.«

»Grüß mir den Schulmeister«, schloß Reinhard und schaute eine Weile nach der Tür, die er hinter dem Störenfried verschlossen hatte. Zur Staffelei gewendet, versank er in Gedanken; er hatte so rüstig und zuversichtlich begonnen, und jetzt war's ihm doch, als ob das Musikalische nicht wohl zu malen sei. Er erinnerte sich nun, daß er ein Bild für die neue Kirche versprochen, und ging nach dem neuen Bau, um sich Räumlichkeit und Größe zu betrachten; einmal aus der Werkstatt, ging er nicht wieder zurück, sondern wanderte ins Feld. Als er hier die arbeitenden Bauern betrachtete, zog der Gedanke durch seine Seele: »Wie glücklich sind diese Menschen in der Stetigkeit ihrer Arbeit. Sie wissen nichts von Stimmungen und Zwiespältigkeiten des Berufs, ihre Arbeit ist so fest und unausgesetzt wie das ewige Schaffen der Natur, der sie dienen. Wär ich ein Bauer, ich wäre glücklich.« – Nun fiel ihm auch eine Bäuerin ein, er saß im freien Felde am hellen Mittag auf dem Pfluge, ein Weib kam den Rain herauf, sie trug das einfache Essen im tuchumwickelten Topfe, ihr Antlitz leuchtete, als sie ihren Mann sah, der, die schirmende Hand an die braune Stirn gelegt, nach ihr ausschaute; sie lächelte, und ihr Mund schwellte sich wieder zum Kusse. – »Wir sind genußsüchtige Menschen«, dachte Reinhard, aus seinen Träumen aufseufzend; »wie glücklich könnte ich leben, vermochte ich's, mich in die Beschränkung einzufrieden.«

Aber – so sonderbar ist der Mensch in seiner Doppelnatur geartet – Reinhard konnte wenige Minuten darauf sein Traumbild in flüchtigen Umrissen in sein Skizzenbuch zeichnen. Wohl tat er's nur zur Erinnerung, aber es war doch noch mehr, und daß er überhaupt so bald eine Träumerei in eine Skizze verwandeln konnte, mußte ihm zeigen, wie weitab er davon war, seinen Künstlerberuf hinter sich zu werfen. – Die Züge des Weibes hatten unverkennbare Ähnlichkeit mit einem nicht gar fernen Mädchen. Reinhard wollte sich selbst entfliehen, indem er mit voller Kraft den Bergwald hinaufrannte: er schweifte lange umher, da sah er in einer Schlucht, die zur Trift abgeholzt war, einen Hirtenknaben, der auf seinen Stock gelehnt über die weidenden Kühe hinweg nach dem Tal schaute. Reinhard schlich leise an ihn heran, nahm ihm den breiten, schwarzen Hut vom Kopfe und machte eine tiefe Verbeugung; der Knabe lachte und dankte vornehm nickend, ein frisches Antlitz von feuerroten Lockenkrausen umwallt, schaute zu Reinhard auf.

»Nun? ist das alles?« fragte der Knabe keck; »her mit dem Hut!«

»Nein, ich will dich abzeichnen, willst du still halten?«

»Ja, wenn Ihr mir einen Groschen gebt.«

Reinhard ward handelseins, der Knabe aber wollte nichts vom Stillehalten wissen, bis er den Groschen in der Tasche habe. Reinhard mußte willfahren. Während der Arbeit erfuhr er nun, daß der Knabe beim Lindenwirt diente und hier dessen Kühe hütete.

»Wen hast du denn am liebsten im Hause?«

»Da sitzt er und hat's Hüetle auf«, antwortete der Knabe schelmisch, was so viel hieß als: Man wird dir's nur schnell sagen, ja, wart ein Weilchen.

»Also die Bärbel?« fragte Reinhard.

»Nein, die gewiß nicht; ich kann's Euch meinetwegen auch sagen, aber wenn Ihr's verratet, werdet Ihr gestraft um sechzehn Ellen Buttermilch.«

»Also wer ist's?«

»Versteht sich das Lorle. Du lieber Himmel! Wenn ich nur nicht erst dreizehn Jahr alt wär, das Lorle müßte mein Weible sein; ich hab aber nur fünf Gulden Lohn im Sommer und ein paar Nägelschuh und ein paar Hosen und zwei Hemden, das gibt kein Heiratgut. Aber das Lorle, das ist ein Mädle, potz Heidekuckuck! Es kommt immer daher, wie wenn es aus dem Glasschränkle käm, und es schafft doch sellig, und da guckt es so drein, daß man nicht weiß, darf man mit ihm reden oder nicht; es hat so getreue Augen, daß man satt davon wird, wenn man's ansieht, und es sagt nichts, und es ist einem doch, wie wenn es über alle Menschen zu befehlen hätt, und wenn es was sagt, muß man ihm durch's Feuer springen, da kann man nimmer anders.«

Reinhard sah den Knaben so verwirrt an, daß dieser die Hand an die Seite stemmte und herausfordernd fragte: »Was gibt's denn? Was wollet Ihr?«

»Nichts, nichts, red nur weiter.«

»Ja was weiter? Da hab Ihr Euern Groschen wieder, wenn Ihr mich zum Narren habt, und ich red jetzt gar nicht, just nicht, gar nicht.«

Reinhard beruhigte den Knaben, der sich in Zorn hineinarbeiten wollte, er schenkte ihm noch einen Groschen; das tat gute Wirkung. –

Als die Zeichnung vollendet und Reinhard weggegangen war, jauchzte der Knabe laut auf, daß die Kühe, das abgegraste Futter im Maul haltend, nach ihm umschauten. Der Knabe setzte sich schnell auf den Boden und betrachtete mit unendlicher Befriedigung Wappen und Schrift an den beiden Groschen, dann zog er das in ein Knopfloch gebundene Lederbeutelchen vor, darin noch anderthalb Kreuzer waren, legte schmunzelnd das neue Geld hinein und sagte, den Beutel zudrehend: »So, vertraget euch gut und machet Junge.«

Während sich dies im Walde zutrug, hatte der Kollaborator im Dorfe ganz andere Begegnisse. Er besuchte den Schullehrer und traf in ihm einen abgehärmten Mann, der schwere Klage führte, wie sein Beruf so viel Frische und Spannkraft erheische und wie der bitterste Mangel ihn niederdrücke, so daß er sich selber sagen müsse, er genüge seinem Amte nicht. Der Kollaborator gab ihm zwei Gulden, die er nach Gutdünken verwenden solle, den Schulkindern eine Freude damit zu machen, ausdrücklich aber verbot er, ein Buch dafür zu kaufen. – Der neuen Kirche gegenüber auf den Bausteinen saß ein hochbetagter Greis, der jetzt den Kollaborator um eine Gabe bat. Auf die Frage nach seinen Verhältnissen erzählte der Alte, daß ihn eigentlich die Gemeinde ernähren müsse und daß sie ihm auch Essen ins Haus geschickt habe; er habe es aber nur zweimal angenommen, er könne nicht zusehen wie seine sieben Enkel um ihn her hungern, während er sich sättige. Die umstehenden Maurer bestätigten die Wahrheit dieser Aussagen. Der Kollaborator begleitete den alten Mann nach Hause, und das Elend, das er hier sah, preßte ihm die Seele so zusammen, daß er zu ersticken glaubte; er gab hin, was er noch hatte, er hätte gern sein Leben hingegeben, um den Armen zu helfen. Lange saß er dann zu Hause und war zum Tode betrübt, endlich machte er sich an die Arbeit, das Klavier zu stimmen.

Mittag war längst vorüber, da kam Lorle zu ihm; sie hatte sich zwar gestern vorgenommen mit dem »Überg'studierten« zu trutzen, aber es ging nicht. Für ein gutes Gemüt gibt es keine schwerere Last, als erfahrene Unbill oder Kränkung in der Seele nachzutragen. Lorle hatte alles Recht dazu, wieder freundlich zu sein.

»Da sehet Ihr's jetzt, wie der Herr Reinhard ist«, sagte sie, »wenn er einmal vom Haus fort ist, muß man ihm das Mittagessen oft bis um viere warm halten. Das muß man sagen, schleckig ist er nicht, er ist mit allem zufrieden; aber es tut einem doch leid, wenn das gut Sach so einkocht und verdorrt, und man kann's doch nicht vom Feuer wegtun. Und, Herr Reihenmaier, ich hab auch viel an Euch denkt; Ihr habt gestern so eine gute Sach gesagt und so schön ausgelegt, jetzt lasset's aber nicht bloß gesagt sein, Ihr müsset's auch eingeschirren und ins Werk richten.«

»Was denn?«

»Das mit dem Verein für die Kindbetterinnen; gehet zum Pfarrer, daß der die Sach in Ordnung bringt.«

»Gut, ich gehe.«

»Ja«, sagte Lorle, »jetzt nach Tisch ist grad die best Zeit beim Pfarrer, und Euch wird Euer Essen noch viel mehr schmecken, wenn Ihr so was Gutes instand bracht habt.«

Der Kollaborator traf den Pfarrer im Lehnstuhl, zur Tasse Kaffee eine Pfeife rauchend. Nach den herkömmlichen Begrüßungen wurde das Anliegen vorgetragen, der Pfarrer schlürfte ruhig die Tasse aus und setzte dann dem Fremden auseinander, daß der Plan »unpraktisch« sei, die Leute hülfen einander schon von selbst. Der Kollaborator entgegnete, wie das keineswegs der Fall sei, daß man deshalb die Wohltätigkeit organisieren müsse, um zugleich frischen Trieb in die Menschen zu bringen. Der Pfarrer stand auf und sagte mit einer kurzen Handbewegung: man bedürfe hier der Schwärmereien von Unberufenen nicht. Jetzt gedachte der Kollaborator der Armut und Not, die er erst vor wenigen Stunden gesehen; immer heftiger werdend, rief er:

»Ich kann nicht begreifen, wie Sie die Kanzel besteigen und predigen können, indem Sie wissen, daß Menschen aus der Kirche gehen, die hungern werden, während Sie sich an wohlbesetzter Tafel niederlassen.«

Der Pfarrer kehrte sich verächtlich um und sagte: er würdige solche demagogische Reden – er war noch aus der alten Schule und hatte den Ketzerstempel »kommunistisch« noch nicht – kaum der Verachtung. Er machte eine Abschiedsverbeugung und rief noch: »Sagen Sie Ihrem Freunde, er möge seine Liederpropaganda unterlassen, sonst gibt's eine Polizei. Adieu.«

Der Kollaborator kam leichenblaß zu Reinhard in das Wirtshaus und aß keinen Bissen. Als ihn Lorle nach dem Erfolge seines Ganges fragte, erwiderte er wie zankend: »Ich bin ein Narr!«, dann preßte er wieder die zuckenden Lippen zusammen und war still.

Reinhard hielt Lorle sein Skizzenbuch hin und fragte: »Wer ist das?«

»Ei der Wendelin. Lasset mir's, ich will's der Bärbel zeigen.«

»Nein, das Buch gebe ich nicht aus der Hand.«

»Warum? Ist jemand darin abgezeichnet, das ich nicht sehen darf?«

»Kann sein.«

Lorle zog ihre Hand von dem Skizzenbuch zurück.

Auf dem Spaziergange, den die Freunde nun gemeinsam machten, schüttete der Kollaborator sein ganzes Herz aus; Reinhard verwies ihm sein Verfahren, und er erwiderte:

»Du bist zu viel Künstler, um dir die Not und das Elend vor Augen halten zu können; du suchst und hältst nur das Schöne.«

»Und will's auch so halten, bis ich einmal durch ein Wunder ausersehen werde, die kranke Menschheit zu operieren.«

»Ich kann's oft nicht fassen«, fuhr der Kollaborator wieder auf, »wie ich nur eine Stunde heiter und glücklich sein kann, da ich weiß, daß in dieser Stunde Zahllose, berechtigt zum Genusse des Daseins wie ich, ihr Leben verfluchen und bejammern, weil sie am Erbärmlichsten, an Speise und Trank Not leiden.«

Die beiden gingen geraume Zeit still den Bergwald hinan; ein alter Mann, der ein Bündel dürres Holz auf dem Rücken trug, begegnete ihnen, der Kollaborator stand still und sah ihm nach, dann sagte er: »Der Instinkt, was wir mit dem Untermenschlichen gemein haben, das hilft uns noch am meisten. Wir müßten ohnedies vergehen im Kampf gegen die Welt, wohlweislich aber ist's von Gott in alle Wesen und in den Menschen besonders gesetzt. Hast du beobachtet, wie der Alte vorgebeugt seine Last trug? Er kennt die Organisation seines Körpers nicht, weiß nichts von Schwerpunkt und Schwerlinie, und doch trägt er seine Last ganz vollkommen mit den Gesetzen der Physik übereinstimmend – vielleicht trägt auch die Menschheit ihre Last auf naturtriebliche Weise, die wir noch nicht als Gesetz erkennen.«

Auf diese Notbank des Vielleicht suchte der Kollaborator seine quälende Sorge abzusetzen; es gelang ihm nicht, aber er konnte doch verschnaufen, doch so viel freien Atem schöpfen, um neuen Eindrücken offen zu sein. Reinhard traf das rechte Mittel, um den Freund zu erlösen, er stimmte jetzt mitten im Walde das Webersche »Riraro! der Sommer der ist do« an, der Kollaborator begleitete ihn schnell im kräftigen Baß; sie wiederholten die Strophen mehrmals, und so ein Lied tut Wunder auf eine betrübte Seele, die sich nach Freiheit sehnt, es leiht dem Geiste Schwingen, daß er mit den Tönen frei über die Welt hinschwebt.

»Es gibt doch keinen festeren Halt, keine sicherere Freude als die Natur«; sagte der Kollaborator wiederum, »selbst die Liebe, glaube ich, kann der namenlosen Wonneseligkeit nicht gleichen, die wir in der Natur empfinden. Der Natur Dank, daß sie stumm und gemessen fortlebt, uns nur sieht und nur zu uns spricht, wenn der Geist Natur geworden. Denke dir, wir könnten die ganze Natur hineinreißen in den grausen Wirrwarr unserer Philosopheme, Theorien und Zwiespälte, sie unterbräche durch dieselben auch ihr Dasein, experimentierte mit in unseren Ideen – wie unglücklich müßten wir werden! Nein, die Natur ist stumm und von ewigen Gesetzen gebunden. Es mag eine tiefe Deutung darin gefunden werden, daß nach der Bibelurkunde Gott die ganze Welt durch das Wort, aber ohne ausgesprochenen Willen schuf: erst als er den Menschen formte, sprach er: wir wollen einen Menschen schaffen. Die Natur spricht nicht und will nicht, wir aber sprechen und wollen, wir werden uns selbst zu Gegensatz und Kampf.«

»Lustig! Und wenn der Bettelsack an der Wand verzweifelt«, rief Reinhard endlich dazwischen, schnalzte mit den Fingern und begann zu singen:

Jetzt kauf i mir fünf Leitern
Bind's aneinander auf,
Und wann's mich unt nimmer g'freut
Steig i oben hinauf.
Huididäh usw.

Bin kein Unterländer,
Bin kein Oberländer,
Bin ein lebfrischer Bue
Wo's mi freut, kehr i zue.

Drei rüber, drei nüber,
Drei Federn aufm Huet;
Sind unser drei Brüder,
Tut keiner kein guet.

Sind unser drei Brüder
Und i bin der klenst,
Hat e jeder ein Mädle
Und i han die schönst.

E schöns Häusle, e schöns Häusle,
E schöns, e schöns Bett,
Und e schöns, e schöns Bürschle
Sust heirat i net.

Wenn i nunz ein Haus han
Han i doch e schöne Mann,
Dreih ihn rum und dreih ihn num.
Schau ihn alleweil an.

Mein Schatz, der heißt Peter,
Ist e lustiger Bue
Und i bin sein Schätzle,
Bin an lusti gnue.

Mit solchen »G'sätzle«, die Reinhard schockweise kannte, überschüttete er seinen Freund; so oft dieser zu grübeln beginnen wollte, sang er ein neues, und der Kollaborator konnte nicht umhin, die zweite Stimme zu übernehmen. Wohlgemut kamen sie zu Hause an und merkten nicht, daß die Leute die Köpfe zusammensteckten und allerlei munkelten.

Am andern Morgen stand Reinhard vor dem Bett des Kollaborators und sagte: »Frischauf! du gehst mit, wir wandern ein paar Tage ins Gebirge; das wird dir das Blut auffrischen, und ich kann doch nichts arbeiten, es gefällt mir nichts.«

Der Aufgeforderte war ohne viel Zögern bereit, er hatte sich's zwar vorgesetzt, so viel als möglich sich in das Kleinleben des Dorfes zu versenken; nun sollte sich's ändern.

Erkräftigende, sonnige Wandertage verlebten die beiden Freunde; wie der Himmel in ungetrübter Bläue über ihnen stand, so breitete sich auch eine gleiche einige Seelenstimmung über sie. Was der eine tat und vorschlug, war dem andern lieb und erwünscht; nie wurde hin und her erörtert, und so hatte jeder Trunk und jeder Bissen, den man genoß, eine neue Würze, jedes Ruheplätzchen doppelte Erquickung. Freilich war der Kollaborator noch immer der Nachgiebige, aber er war's nicht aus rücksichtsvoller Behandlung, sondern unmittelbar in freudiger Liebe. Da er es selten unterließ, einen gegenwärtigen Zustand mit einer allgemeinen Betrachtung zu begleiten, sagte er einmal: »Wie herrlich ist's, daß wir vom Morgen bis zum Abend beisammen sind. Ich bin oft gern allein der stillen Natur gegenüber, ist aber ein Freund zur Seite, so ist's eine höhere Wonne, unbewußt durchzieht mich die Empfindung, daß ich nicht nur mit der Natur, sondern auch mit den Menschen einig und in Frieden bin, sein möchte.« –

Reinhard gab auf diese Rede seinem Freund einen derben Schlag auf die Schulter, er hätte ihn gern ans Herz gedrückt, aber diese Form seines Liebesausdruckes war ihm genehmer und dünkte ihn männlicher. –

Sie kamen nun in eine geologisch höchst merkwürdige Gegend. Der Kollaborator vergaß eine Weile all das menschliche Elend, was ihn bedrückte, denn er machte in den Steinbrüchen manchen glücklichen Fund; er fand in einem Kalkbruch nicht nur einen Koprolith von seltener Vollkommenheit, sondern auch noch manche andere Seltenheit. Als er mehrere sehr schöne versteinerte Fischzähne gefunden, äußerte er seine eigentümliche Empfindung, hier Überbleibsel einer alten Weit zu haben, die viele tausend Jahre älter ist als unsere Erde. Reinhard hörte solche Auseinandersetzungen gern an, denn ihm ward jetzt auf den Wegen die Entstehungsgeschichte unserer Erde eröffnet. Der Kollaborator liebte es, in komischen Darlegungen auseinanderzusetzen, wie dieser unser Erdball mehrmals durchs Examen gefallen, bis er den Doktor, den Menschen, gemacht. Er wiederholte oft, daß die Geologie die einzige Wissenschaft sei, der er sich mit voller Lust widmen möchte, er liebte sie auch besonders, weil, wie er sagte, die Astronomie der Altgläubigkeit das Dach überm Kopfe abgehoben und die Geologie ihr den Boden unter den Füßen weggezogen habe.

Die Taschen des Kollaborators füllten sich übermäßig, er mußte manche schöne Versteinerung, deren Fund ihn ganz glücklich gemacht hatte, zurücklassen, er entschädigte sich aber dafür, indem er solche an ungewöhnlichen Orten versteckte; mit kindischer Freude malte er dann aus, wie nachkommende Stümper tiefe Abhandlungen über diese seltsamen Erscheinungen schreiben würden. Als ihm Reinhard bemerkte, daß er ja hierdurch die Wissenschaft verwirre, stand er stutzig da und half sich dann mit einem leichten Scherze darüber weg. Dennoch ließ er jede Versteinerung, die er nicht mitnehmen konnte, fortan an ihrem Orte liegen. Bei den naturgeschichtlichen Auseinandersetzungen hörte Reinhard willig zu; wenn es aber wieder an die Fragen vom Weltübel ging, begann er zu singen:

»Kollaborator! Kollaborator! Ihr Bäume, Vögel, Steine, der Kollaborator ist da und will euch eine Predigt halten. Sich, ich lehre die Vögel im Walde deinen Titel, wenn du nicht einpackst.«

Über eine Sache jedoch hörte Reinhard mit besonderen Wohlgefallen zu. Sie ruhten einst unter einem Nußbaume mitten im Walde, da bemerkte der Kollaborator: »Der Volksmund berichtet, einem Raben sei an solcher Stelle die Frucht, die er im Schnabel trug, entfallen, und sie sei zum Baume aufgewachsen. So steht auch oft mitten unter Menschen mit rauhen Sitten und Seelen ein zartes, hohes Gemüt.«

»Aber ein schöner Leib muß auch dabei sein«, bemerkte der Maler.

»Gewiß, wie glücklich ist ein schönes Menschenantlitz; freundlich lacht ihm die Welt entgegen, alle Blicke, die sich ihm zuwenden, erheitern sich, ein Widerstrahl des Wohlgefallens kehrt aus allen zu ihm zurück.«

Sie nannten Lorle nicht, und doch dachten beide an sie.

Sie sprachen einmal von Liebe, und Reinhard bemerkte: »Mir ist's oft, als wäre all das Singen und Sagen von der Liebe eitel Tradition; ich kann mir jenen süßen Wahnsinn, da der ganze Mensch in Liebe aufbrennt, nicht denken.« –

Reinhard sagte dies selber nur als Tradition aus einer vereinsamten Vergangenheit, es hatte keine Wahrheit mehr für ihn, und doch wiederholte er's wie aus Gewohnheit; sein Freund mochte das fühlen, er sah ihn bedeutsam und traurig an, indem er dann erwiderte: »Solch ein Mädchen ist wie ein Lied, das ein ferner Dichter geschaffen und zu dem ein anderer die Melodie findet, die alles und hundertfältig mehr daraus offenbart.«

Als Antwort stimmte Reinhard das Lied an: »Schön Schätzichen, wach auf!«

Der Kollaborator fand eine reife Erdbeere am Felsen, er hielt sie vor sich hin und sagte: »Wie duftig und voll würziger Kühle ist diese Beere, wie lange bedurfte das Pflänzchen, bis es Blüte und Frucht reifte, und nun steht es da zu unserer Erquickung. War sein ganzes Dasein nur ein stilles Harren auf mich? Hat der Schöpfer es bereit gehalten, bis er mich herführte?«

Reinhard betrachtete seinen Freund mit glänzenden Augen und sagte dann: »Wenn ich dich einst male, fasse ich dich so: die frische Frucht zum Genusse in der Hand und du sie betrachtend.«

In den Dörfern, wo man übernachtete, brachte der Kollaborator eine seltsame Bewegung unter die Bewohner; er ließ sich in der Nacht vom Küster die Kirche öffnen und berauschte sich im Orgelspiel, das er meisterhaft verstand. Noch viele Tage redete man in den Dörfern von dem wunderlichen, mächtigen Orgelspieler, und der Kollaborator selber sagte auf dem Heimwege: »Es ist tief bedeutsam, wie in jedem Dorf ein großes, heiliges Instrument aufgerichtet ist, dessen harrend, der einst die freien Klänge daraus erwecke. Auch das: ich bin nicht der rechte Mann des Volkes, ich verstehe nur das höchste Instrument des Dorfes, die Orgel zu spielen, und zwar wesentlich zu meiner eigenen Erholung.« – –

Die Wandertage hatten die Freunde aufs neue aneinander geschlossen; sie kehrten Freitag spät in der Nacht heim, am andern Mittag mußte der Kollaborator nach der Stadt in sein Amt zurück.

In aller Frühe stimmte er noch vollends das Klavier und sagte mit schmerzlichem Lächeln zu dem eintretenden Reinhard: »Unter der Hand wird mir alles zum Sinnbilde. Ich habe nun das Klavier gestimmt, werde aber morgen keine lustigen Tänze darauf spielen. Après nous la danse. Nach uns geht der Tanz der Weltgeschichte an. Diese Steine und die paar Schmetterlinge, das ist alles, was ich aus dem Dorf mitnehme.«

Er eilte nochmals zu der armen Familie, um zu sehen wie es ihr erginge; die Leute waren unwirsch, und er glaubte, sie wüßten, daß er ihnen nichts mehr geben könne.

Von allen Hausgenossen war es Lorle allein, die innigen Abschied vom Kollaborator nahm. Als er fort war, sagte sie zu Reinhard: »Ich kann's nicht glauben, aber die Pfarrköchin hat's im Dorf ausgesprengt, der Herr Reihenmaier sei ein gottloser Heid, er häb beim Pfarrer auf das Predigen geschimpft und den neuen Kirchenbau verflucht. Er kann aber nicht schlecht sein, nicht wahr? Er hat doch so ein gut Herz.«

Reinhard sah dankend auf Lorle. Der Abschied vom Freunde tat auch ihm wehe, und doch dünkte er sich jetzt erst recht frisch und frei; er glaubte jetzt alle störsame Reflexion los zu sein, da sie von seiner Seite gewichen war...

In einem geheimen Buche der Residenz wurde mehrere Tage darauf ein neues Konto für einen Kunden eröffnet. Darin hieß es »Ministerium des Kultus. Der Kollaborator Adalbert Reihenmaier, nach Denunziation des Pfarrers M... zu Weißenbach laut Bericht des Amtes zu G., atheistisch gesinnt, Versuch zur Aufreizung des Volkes. Reg. VII. b. act. fasc. 14 263.«

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