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Die Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen

Berthold Auerbach: Die Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004656-4
titleDie Frau Professorin / Es kamen zwei fremde Gesellen
pages138-148
created20000324
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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Das war ein Sonntagsleben

Am andern Morgen stand der Kollaborator ganz früh vor dem Bette Reinhards und sang mit wohlgebildeter, kräftiger Stimme, die man ihm nicht zugemutet hätte, das Lied aus »Preziosa«, »Die Sonn erwacht«, mit Webers taufrischer Melodie. Reinhard schlug murrend um sich.

»Ein Mann wie du«, sang der Kollaborator recitando, »der das herrliche Bild Sonntagsfrühe abkonterfeit, darf einen Morgen nicht verschlafen wie der heut, bum, bum.«

Reinhard war still, und der Kollaborator fuhr sprechend fort: »Was fangen wir heut an? Es ist Sonntagmorgen, es hat heut nacht geregnet, als ob wir's bestellt hätten; alles glitzert und flimmert draußen. Was treiben wir nun? Gibt's keine Kirchweihe in der Nähe? Kein Volksfest?«

»Brat dir ein Volksfest«, entgegnete Reinhard, »trommle dir die Massen zusammen, die du brauchst, und sattle dein Gesicht mit einem Operngucker; wirf Geld unter die Kinder, daß sie sich raufen und übereinander purzeln, dann hast du ein Volksfest mit ipse fecit.«

»Du warst gestern abend so lustig und bist heute so mürrisch.«

»Ich war nicht lustig und bin nicht mürrisch; ich bin nur ein Kerl, der eigentlich allein sein sollte und verdammterweise doch keinen Tag allein sein kann. Paß auf, wie ich's meine. Es ist mir lieb, wenn du bei mir bist; ein Freund wie du, der's so treu meint, ist wie wenn man Geld im Schrank hat; braucht man's auch nicht, es unterstützt doch, weil man weiß, man kann's holen, wenn Not an Mann geht. Also bleib die noch übrigen Tage deiner Ferien da, aber laß mich auch ein bißchen mir.«

»Ich begreife dich wohl. Hier empfängst du den Kuß der Muse, und da darf kein fremdes, betrachtendes Auge dabei sein. Ich will dich gewiß ganz dir überlassen, stets zurücktreten, wo sich dir irgendein Motiv zu einem Bilde bieten könnte; da darf man nicht mit Fingern hindeuten, nicht einmal profanen Auges hinschauen. Die Wurzel, die schaffende Triebkraft alles Lebens, ruht im Dunkel, wo kein Sonnenblick, wo kein Auge hindringt.«

»Das auch«, sagte Reinhard, »und für dich selber merke dir: Will nicht von jedem Augenblicke etwas, ein Resultat, einen Gedanken und dergleichen; lebe und du hast alles. Wir stecken in der Gedankenhetzjagd, die uns gar nicht mehr in Ruhe das Leben genießen läßt, du vor allen, aber ich kann auch sagen wie jener Pfarrer in seiner Strafpredigt: Meine lieben Zuhörer, ich predige nicht nur für euch, ich predige auch für mich. – Laß uns leben! leben! Der Holunder blüht, er blüht und nicht bloß, damit ihr euch einen Tee daraus abbrüht, wenn ihr euch erkältet habt.«

»Entschuldige, wenn ich dir sage«, bemerkte der Kollaborator in zaghaft rücksichtsvollem Tone, »es steckt mehr Romantik in dir, als du glaubst, das war ja auch die blaue Blume der Romantiker: ohne alle Reflexion zu sein, im Vollgenuß des Nichtwissens.«

»Bin nicht ganz einverstanden, aber meinetwegen heiß es Romantik, wenn das Kind einen Namen haben muß.«

Reinhard stand halb angekleidet am Fenster und sog die Morgenluft in vollen Zügen ein; plötzlich prallte er zurück, der Kollaborator sprang schnell an das leere Fenster und sah hinaus. Das Wirtstöchterlein ging über den Hof, luftig gekleidet, ohne Jacke und barfuß. Eine Schar junger Enten umdrängte sie schnatternd.

»Ihr Fresserle«, schalt sie und verzog damit trotzig den Mund, »könnet's nicht verwarten, bis eure Kröpfle vollgestopft sind? Euch sollt man alle Viertelstund anrichten, nicht wahr? Nur stet, ich hol's ja, nur Geduld, ihr müsset halt auch Geduld lernen; aus dem Weg! ich tret euch ja.«

Die jungen Entchen hielten an, als ob sie die Worte verstanden, das Mädchen ging nach der Scheune und kam mit Gerste in der Schürze wieder. »Da«, sagte sie, eine Handvoll ausstreuend, »g'segn euch's Gott! Gunnet's euch doch, ihr Neidteufel und purzelt nicht übereinander weg, scht!« scheuchte sie und warf eine Handvoll Gerste weiter abseits, »ihr Hühner, bleibt da drüben.« Der Hahn stand auf der Leiter an der Scheune und krähte in die Welt hinein. »Kannst's noch, akkurat wie gestern«, sagte das Mädchen, sich verbeugend, »komm jetzt nur runter; bist halt grad wie die Mannsleut, die lassen immer auf sich warten, wenn das Essen auf dem Tisch steht.«

Der Hahn kam auch herabgeflogen und ließ sich's wohl schmecken, plauderte aber viel dabei; wahrscheinlich hatte er eben etwas Geistreiches oder Possiges gesagt, denn eine gelbe Henne, die gerade ein Korn aufgepickt hatte, schüttelte den Kopf und verlor das Korn. Der Galante sprang behende herzu, holte das Verlorene und brachte es mit einem Kratzfuße, einige verbindliche Worte murmelnd.

»Guten Morgen Jungferle«, rief jetzt der Kollaborator in den Hof hinab; das Mädchen antwortete nicht, sondern sprang wie ein Wiesel davon und ins Haus; die jungen Enten und die Hühner schauten bedeutsam nach dem Fenster hinauf, sie mochten wohl ahnen, daß von dorther die Störung gekommen war, die ihnen die fernere Nahrung entzog.

»Das ist ein Mädchen! ach, das ist ein Mädchen!« rief der Kollaborator in die Stube gewendet und ballte beide Fäuste zum Himmel; er durchmaß hierauf zweimal, ohne zu reden die Stube, stellte sich dann vor Reinhard und begann wieder:

»Da hast du's, ich kann weiter nichts sagen als: Das ist ein Mädchen. Kein Epitheton genügt mir, keines. Hier haben wir ein Gesetz der Volkspoesie, sie gibt den vollsten Ausdruck, macht die tiefste Wirkung oft bloß durch das einfache Substantiv, ohne Epitheton; meiner Sprache steht jetzt in solcher Entzückung nicht mehr zu Gebote als der eines Bauernburschen.«

»Was hältst du davon, wenn wir uns mit dem Epitheton ›göttlich‹ begnügten?«

»Spotte jetzt nicht, das Mädchen mußt du malen, wie es da stand, eins mit der Natur, zu ihr redend und von ihr begriffen, die vollendete Harmonie.«

»Es wäre allerdings etwas nie Dagewesenes: ein Mädchen im Hühnerhofe.«

»Nun, wenn auch nicht so, das Mädchen mußt du malen, hier ist dir ein süßes Naturgeheimnis nahe gestellt, du –«

»Ins Teufels Namen, so schweig doch still, wenn es ein Geheimnis ist. Du schwatzest schon am frühen Morgen, daß man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht.«

Die beiden Freunde saßen eine Weile lautlos beieinander; endlich sagte der Kollaborator aufstehend:

»Du hast recht, der Morgen ist wie die stille Jugendzeit, da muß man den Menschen allein lassen, für sich, bis er nach und nach aus sich erwacht; man soll ihn nicht aufrütteln. Ich gehe in den Wald, du gehst doch nicht mit?«

»Nein.«

Der Kollaborator ging, und Reinhard saß lange still, das viele Reden und Rütteln des Kollaborators hinterließ ihm die Empfindung, als ob er von einer geräuschvollen Reise käme; die ruhige Spiegelglätte des Morgenlebens war ihm zu hastigen Wellen aufgehetzt. Reinhard war verstimmt und nervengereizt, er legte sich nochmals auf das Bett und verfiel in leisen Schlummer. Die Glocken des Kirchturms weckten ihn, es läutete zum ersten Mal zur Kirche. Reinhard ging hinab in die Küche; die Bärbel, seine alte Gönnerin, die sonst so freundlich mit ihm geplaudert hatte, war unwirsch, sie sagte, er solle nur in die Stube gehen, sie hielte ihm schon seit drei Stunden den Kaffee bereit, und man könne ja das Feuer nicht ausgehen lassen von seinetwegen. Reinhard war eben im Begriffe ihr eine barsche Antwort zu geben, er hatte es genug, sich über den gestrigen Scherz hart behandeln zu lassen, da hörte er die Stimme Lorles von der Laube:

»Bärbel, komm ause, guck obs's so recht ist.«

»Komm du rein, ist grad so weit; mach nur fort, es wird schon recht sein.«

Ohne eine Antwort gegeben zu haben, verließ Reinhard die Küche, er ging aber nicht in die Stube, sondern fast unhörbar nach der Laube. Ungesehen von dem Mädchen konnte er dasselbe eine Weile beobachten; er stand betroffen beim ersten Anblick. Das war ein Antlitz voll seligen, ungetrübten Friedens, eine süße Ruhe war auf den runden Wangen ausgebreitet; diese Züge hatte noch nie eine Leidenschaft durchtobt oder ein wilder Schmerz, ein Reuegefühl verzerrt, dieser feine Mund konnte nichts Heftiges, nichts Niedriges aussprechen, eine fast gleichmäßige zarte Röte durchhauchte Wange, Stirn und Kinn, und wie das Mädchen jetzt mit niedergeschlagenen Augen das Bügeleisen still auf der Halskrause hielt, war's wie der Anblick eines schlafenden Kindes; als es jetzt die Krause emporhob, die großen blauen Augen aufschlug und den Mund spitzte, trat Reinhard unwillkürlich mit Geräusch einen Schritt vor.

»Guten Morgen oder bald Mittag«, nickte ihm Lorle zu.

»Schön Dank, seid Ihr wieder gut?«

»Ich bin nicht bös gewesen, ich wüßt nicht warum. Habt Ihr gut geschlafen?«

»Nicht so völlig.«

»Warum? Habt Ihr was träumt? Ihr wisset ja, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, das trifft ein.«

»Aber mein Traum nicht.«

»Nun, was ist's denn gewesen? Dürfet Ihr's nicht sagen?«

»Ganz wohl, und Euch besonders, ich hab von Euch träumt.«

»Ach, von mir, das kann nicht sein. Gucket, machet mir keine Flatusen; es hat mich verdrossen, wenn Ihr mich früher Grundel geheißen habt, aber es wär mir noch lieber, wenn Ihr so saget, als wenn Ihr mir so was Gaukliches vormachet.«

»Ich kann ja auch was träumt haben, das gar kein Flatuse ist. Machet aber nur kein Gesicht, es ist nichts Böses, es ist bloß dumm. Mir hat's träumt, ich sei mit Euch auf dem Bernerwägele gesessen, und Euer Rapp war angespannt und hat eine großmächtige Schelle um den Hals gehabt, die hat geläutet wie die Kirchenglock, und der Rapp ist nur so durch die Luft dahingeflogen, seine Mähne ist hoch aufgestanden, und man hat kein Rad gehört, und wir sind doch immer fort und fort. Ich hab den Rapp halten wollen, er hat mir aber schier die Arme aus dem Leib gerissen, und Ihr seid immer ganz ohne Angst neben mir gesessen und so immer fort; plötzlich legt sich der Wagen ganz sanft um, und wir sind auf dem Boden gelegen, da ist mein Kamerad kommen und hat mich geweckt.«

»Das ist ein wunderlicher Traum, aber in den nächsten vier Wochen fahr ich nicht mit Euch. Was ich hab sagen wollen, Euer Kamerad ist ein wunderlicher Heiliger, mein Vater sagt, er sei stolz und hochmütig, ich mein eher, er sei zimpfer und ungeschickt.«

»Ihr habt ihm doch seine Störung verziehen?«

»Ja. Seid Ihr auch schon auf gewesen?«

»Nicht ganz. Mit meinem Kameraden habt Ihr recht, er ist nicht stolz, im Gegenteil scheuch und furchtsam.«

»Ja, das hab ich auch denkt, und grad weil er scheuch und furchtsam ist, da geht er so auf die Leut nein und tut, wie wenn er sie zu Boden schwätzen wollt. Wie ich vorlängst bei der Vroni auf der Hohlmühle gewesen bin, Ihr wisset ja, sie ist mit meinem Stephan versprochen, sie heiraten bis zum Herbst, und er übernimmt die Mühle; Ihr seid doch auch noch da zur Hochzeit?«

»Kann sein, aber Ihr habt mir was erzählen wollen?«

»Ja, das ist recht, daß Ihr einen beim Wort behaltet, ich schwätz sonst in den Tag nein. Nun wie ich drunten in der Hohlmühle bin, da wird's Nacht, und da haben sie mir das Geleit geben wollen, ich hab's aber nicht zugeben, und es wär mir doch recht gewesen. Ich bin halt jetzt allein fort, im Wald da ist mir's aber katzhimmelmäuslesangst worden, und weil ich mich so gefürcht't hab, da hab ich allfort pfiffen, wie wenn ich mir aus der ganzen Welt nichts machen tät. Ja, wie komm ich denn aber jetzt da drauf, daß ich Euch das erzähl?« schloß Lorle, die Lippen zusammenpressend und die Augen nachdenklich einziehend.

»Wir haben von meinem Kameraden gesprochen und –«

»Ja, Ihr bringet mich wieder drauf; der pfeift auch so lustig, weil er Angst hat, nicht wahr?«

»Vollkommen getroffen. Ihr müßt nun aber recht freundlich gegen ihn sein, er ist ein herzguter Mensch, der's verdient, und es wird ihn ganz glücklich machen.«

»Was ich tun kann, das soll geschehen. Ist er noch ledig?«

»Er ist noch zu haben, wenn er Euch gefällt.«

»Wenn Ihr noch einmal so was saget«, unterbrach Lorle, das Bügeleisen aufhebend, »so brenn ich Euch da den Bart ab. Ja, daß ich's nicht vergeß, lasset Euch Euern Bart nicht abschwätzen, er steht Euch ganz gut.«

»Wenn er Euch gefällt, wird er sich um die ganze Welt nichts scheren.«

»Was gefällt? Was ist da von gefallen die Red?« ertönte eine kräftige Weiberstimme, es war die der Bärbel.

»Das Lorle ist in meinen Kameraden verschossen«, sagte Reinhard.

»Glaub ihm nichts, er ist ein Spottvogel«, rief das Mädchen, und Bärbel entgegnete:

»Herr Reinhard, ganget nein und trinket Euern Kaffee; ich g'wärm ihn Euch nimmer.«

»Geht Euer Goller da in die Kirch?« wendete sich Reinhard an Lorle und erhielt die Antwort:

»Nein, das gehört der Bärbel, die geht, ich bleib daheim; Ihr geht doch auch?«

»Ja«, schloß Reinhard und trat in die Stube. Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, in die Kirche zu gehen, aber er mußte und wollte jetzt; er mußte, weil er's versprochen, und wollte, weil Lorle allein zu Hause blieb. Und wie wir unseren Handlungen gern einen allgemeinen Charakter geben, so redete er sich auch ein, er gewinne durch die Teilnahme an dem Kirchengange aufs neue die Grundlage zur Gemeinsamkeit des Dorflebens und ein Recht darauf.

Während Reinhard in der Stube dies überdachte, sagte Lorle draußen auf der Laube: »Denk nur, Bärbel, er hat heut nacht von mir träumt.«

»Wer denn?«

»Nu, der Herr Reinhard.« Lorle verfehlte nie, auch wenn sie von dem Abwesenden sprach, das Wort »Herr« zu seinem Namen zu setzen.

»Laß dir von dem Fuchsbart nichts aufbinden«, entgegnete Bärbel.

»Und der Bart ist gar nicht fuchsig«, sagte Lorle voll Zorn, »er ist ganz schön kästenbraun, und der Herr Reinhard ist noch grad so herzig, wie er gewesen ist, und du hast doch früher, wie er nicht dagewesen ist, immer so gut von ihm gered't, und du hast unrecht, daß du jetzund so über ihn losziehst. Wenn er auch den Spaß mit dem Ausschellen gemacht hat, er ist doch nicht stolz, er red't so gemein und so getreu.« –

»Ich kann nichts sagen als: Nimm dich vor ihm in acht, und du bist kein Kind mehr.«

»Ja das mein ich auch, ich weiß doch auch wie einer ist, ich...«

»Gib mir mein Goller, du zerdrückst's ja wieder«, sagte Bärbel und ging davon.

Reinhard wandelte sonntäglich gekleidet mit Stephan und Martin nach der Kirche. Alles nickte ihm freundlich zu, manche lachten noch über die seltsame Bartzier, aber der Träger derselben war ihnen doch heimisch; sie fühlten es dunkel, daß er zu ihnen gehörte, da er nach demselben Heiligtume, zu derselben Geistesnahrung mit ihnen wallfahrtete.

Auf dem Wege fragte Martin: »Nun was saget Ihr aber zu unserm Lorle? nicht wahr, das ist ein Mädle?«

»Ja«, entgegnete Reinhard, »das Lorle ist gerad wie ein feingoldiger Kanarienvogel unter grauen Spatzen.«

»Es ist ein verfluchter Kerle, aber recht hat er«, sagte Martin zu Stephan.

Reinhard saß bei dem Schulmeister auf der Orgel, der brausende Orgelklang tat ihm wundersam wohl, er durchzitterte sein ganzes Wesen wie ein frischer Strom. Die Bärbel, die ihn jetzt von unten sah, dachte in sich hinein: Er ist doch brav! Wie seine Augen so fromm leuchten! Reinhard hörte nur den Anfang der Predigt. An den Text »Lasset euer Brot über das Meer fahren«, wurde eine donnernde Strafrede angeknüpft, weil das ganze Dorf sich verbunden hatte, nichts für das zu errichtende Kloster der barmherzigen Schwestern beizusteuern. Reinhard verlor sich bei dem eintönigen und nur oft urplötzlich angeschwellten Vortrage in allerlei fremde Träumereien. Drunten aber lag die Bärbel auf den Knien, preßte ihre starken Hände inbrünstig zusammen und betete für Lorle; sie konnte nun einmal den Gedanken nicht loswerden, daß dem Kinde Gefahr drohe, und sie betete immer heftiger und heftiger; endlich stand sie auf, fuhr sich mit der Hand bekreuzend über das Gesicht und wischte alle Schmerzenszüge daraus weg.

Der Orgelklang erweckte Reinhard wieder, er verließ mit der Gemeinde die Kirche. Nicht weit von der Kirchentüre stand die Bärbel seiner harrend; indem sie ihr Gesangbuch hart an die Brust drückte, sagte sie zu Reinhard: »Grüß Gott!« Er dankte verwundert, er wußte nicht, daß sie ihn erst jetzt willkommen hieß.

Als Reinhard nun noch einen Gang vor das Dorf unternahm, begegnete ihm der Kollaborator mit einem gespießten Schmetterling auf dem Mützenrande.

»Was hast du da?« fragte Reinhard.

»Das ist ein Prachtexemplar von einem Papilio Machaon, auch Schwalbenschwanz genannt; er hat mir viel Mühe gemacht, aber ich mußte ihn haben, mein Oberbibliothekar hat noch keinen in seiner Privatsammlung; es waren zwei, die immer in der Luft miteinander kosten, immer zueinander flatterten und wieder davon; sind glückselige Dinger, die Schmetterlinge! Ich hätte sie gern beide gehabt oder beieinander gelassen, habe aber nur einen bekommen, und schau, wie ich aussehe; in dem Moment, wie ich ihn haschte, bin ich in einen Sumpf gefallen.«

»Und Stecknadeln hast du immer bei dir?«

»Immer; sieh hier mein Arsenal«, er öffnete die innere Seite seines Rockes, dort war ein R aus Stecknadelköpfen gesetzt.

»Aber daß ich's nicht vergesse«, fuhr er fort, »ich habe das Wort gefunden.«

»Welches Wort?«

»Das Epitheton für das Mädchen: wonnesam! Es ist ein Vorzug unserer Sprache, daß dieses Wort transitiv und intransitiv ist, sie ist voll Wonne und strahlt jedem Wonne in die Seele. Aber halt! Eben jetzt, indem ich rede, finde ich das Urwort, das ist's: marienhaft! Was die Menschheit je Anbetungswürdiges und Wonniges in der Erscheinung der Jungfrau erkannte, das drängte sie in dem Wort ›Maria‹ zusammen. Das kann keine andere Sprache, solch ein Nomen proprium allgemein objektivisch bilden. Marienhaft! das ist's.«

Reinhard ward still; nach einer Weile erst frug er:

»Warst du die ganze Zeit im Walde?«

»Gewiß, oh! es war himmlisch, ich habe einen tiefen Zug Waldeinsamkeit getrunken. Sonst, wenn ich den Wald betrat, war mir's immer, als ob er schnell sein Geheimnis vor mir zuschließe, als ob ich nicht würdig sei, durch diese heiligen Säulenreihen zu schreiten und den stillen Chor der ewigen Natur zu vernehmen; mir war's immer, als ob beim letzten Schritte, den ich aus dem Walde tue, jetzt erst hinter mir das süße geheimnisvolle Rauschen beginne und unerfaßbare Melodien erklingen. Heute aber habe ich den Wald bezwungen. Ich bin empor gedrungen durch Gestrüpp und über Felsen bis zum Quellsprung des Baches, wo er zwischen großen Basaltblöcken hervorquillt und ein breites, rundes Becken ihn sogleich aufnimmt, als dürfte er da zu Hause bleiben. Du warst gewiß noch nicht dort, sonst müßtest du's gemalt haben; das muß nun dein erstes Bild sein. Die Bäume hangen so sehnsüchtig nieder, als wollten sie das Heiligtum zudecken, daß kein sterbliches Auge es sehe, in jedem Blatt ruht der Friede; der rote und weiße Fingerhut läßt seine Blütenkette zwischen jeder Spalte aufsteigen, es ist eine Giftpflanze, aber sie ist entzückend schön! Die sanfte Erika versteckt sich lauschend hinter dem Felsen und wagt sich nicht hervor an das rauschende Treiben. Dort lag ich eine Stunde und habe Unendlichkeiten gelebt. Das ist ein Plätzchen, um sich ins All zu versenken. Morgenglocken tönten von da und dort, mir war's wie das Summen der Bienen, die sich heute bei der Sicherheit des schönen Wetters weit weg vom Hause wagten. Ich war emporgeklommen, hoch hinauf auf Bergeshöhen, die die Kirchtürme weit überragen, ich stand über Zion auf den Spitzen des unendlichen Geistes; da fühlte ich's wie noch nie, daß ich nicht sterben kann, daß ich ewig lebe; ich faßte die Erde, die mich einst decken wird, und mein Geist schwebte hoch über allen Welten. Mag ich freudlos über die Erde ziehen, klanglos in die Grube fahren, ich habe ewig gelebt und lebe ewig.«...

Reinhard setzte sich auf den Wegrain unter einen Apfelbaum, er zog auch den Freund zu sich nieder. »Sprich weiter«, sagte er dann; der Angeredete blickte schmerzlich auf ihn, dann schaute er vor sich nieder und fuhr fort:

»Ich lag lange so in selig traurigem Entzücken, ich sah dem unaufhörlich sich ergießenden Quell zu. Wie ätherklar springt er hervor aus mächtiger Verborgenheit; wie rein und hell schlängelt er sich in die Schlucht hinab, bald aber, noch bevor er den ruhigen Talweg erreicht, wird er eingefangen; was ficht's ihn an? Er springt keck über das Mühlrad und eilt zu den Blumen am Ufer. In der Stadt aber dämmen sie ihn ein, da muß er färben, gerben und verderben; er kennt sich nicht mehr. Es kann auch einem reinen klaren Naturkinde so ergehen. Was tut's? Du einzler Quell vom Felsensprung! ströme zu bis hin in das unergründliche, unbezwungene Meer, dort ist neue, dort ist ewige Klarheit und unendliches Leben, ein Ruhen und ein Bewegen in sich... Bei dem ersten, was ich dachte, war mir's nicht eingefallen, es festzuhalten, jetzt aber wollte ich alles in melodische Worte fassen; ich quälte mich in allen Versarten, hin war meine Ruhe. Da fielst du mir wieder ein: Wozu ein Resultat? Ich hab's gelebt, was braucht es mehr?«...

»Ich kenne dein Waldheiligtum schon lange«, sagte Reinhard auf dem Heimwege, »ich habe auch genug dort geträumt, aber mit dem Pinsel konnte ich ihm nicht beikommen; ließen sich deine Gedanken malen, ja dann wär's anders. Ich habe mich von der Landschaft entfernt, und doch, so oft ich hieher komme, ist mir's, als ob hier eine tiefere Offenbarung noch meiner harre, besonders jetzt; vielleicht ist's dein Waldheiligtum, vielleicht auch nicht.«

»Wo warst denn du während meines Waldganges?«

»Ich war in der Kirche; du hättest eigentlich auch dort sein sollen; das einigt mit dem Bauernleben.«

»Ja, ja, du hast recht, ei, das tut mir leid; nun, ich gehe heut mittag.« –

Im Wirtshause war eine große Veränderung.

Als der Kollaborator neu beschuht herunterkam, rief ihm Lorle freundlich zu: »Das ist schön, Herr Kohlebrater, daß Ihr nicht auf Euch warten lasset. Wo seid Ihr denn gewesen?«

»Im Walde droben. Saget aber nicht Kohlebrater, ich heiße mit meinem ehrlichen Namen Adalbert Reihenmaier.«

»Ist auch viel schöner. Nun erzählet mir auch was, Herr Reihenmaier.«

»Ich kann nicht viel erzählen.«

»Ja, wir wollen warten bis Mittag, Ihr gehet doch auch mit auf die Hohlmühle? und Ihr könnet ja so schön singen.«

»Ich bin bei allem, absonderlich wo Ihr seid; ich hab im Walde an Euch gedacht.«

»Müsset mich nicht so zum Possen haben, ich bin zu gut dazu und Ihr auch; es schickt sich nicht für so einen Herrn, wie Ihr seid. Hübsch ordelich sein, das ist recht. Ihr müsset aber auch Euren Sonntagsrock anziehen. Habt Ihr denn keinen?«

»Mehr als einen, aber nicht hier.«

»Ja, Ihr habt's doch gewußt, daß Ihr am Sonntag bei uns seid? Nun – schad't jetzt nichts. Ich will Euch den Martin schicken, er soll Euch ein bißle aufputzen.«

Jubelnd sprang der Kollaborator die Treppe hinauf und holte eine Sammlung Volkslieder – die er zu etwaigen Ergänzungen und Varianten mitgenommen hatte – aus seinem Ränzchen; er warf das Buch an die Zimmerdecke in die Höhe und fing es wieder auf. »Hier«, rief er, das Buch hätschelnd, als wäre es etwas Lebendiges, »hier seid ihr zu Hause, nicht in der Bibliothek eingepfercht; heut sollt ihr wieder lebendig werden.«

Beim Essen herrschte die alte Gewohnheit nicht mehr, für Reinhard und seinen Freund war in dem Verschlag besonders gedeckt. Reinhard sagte dem Wirt, daß er wie ehedem am Familientisch essen wolle. Der Alte aber schüttelte den Kopf, ohne ein Wort zu erwidern, nahm die weiße Zipfelmütze ab und hielt sie zwischen den gefalteten Händen auf der Brust, damit das Gebet beginne.

»Bärbel, traget nur die zwei Gedecke heraus, wir essen nicht allein«, rief Reinhard. Der Wadeleswirt setzte schnell die Mütze wieder auf, schaute, ohne eine Miene zu verziehen, rechts und links und sagte:

»Nur stet.« Er machte dann eine ziemliche Pause, wie jedesmal, wenn er dieses Wort sagte, das als Mahnung galt, daß keiner mucksen dürfe bis er weiter redete; endlich und endlich setzte er hinzu:

»Drin bleibt's. Es ist kein Platz da für zwei.« Er hob die Arme bedachtsam auf, strich die Hände waagrecht über die Luft wie den Streichbengel über ein Kornmaß, was so viel hieß als: abgemacht.

Die Freunde setzten sich in den Verschlag, Lorle trug ihnen auf.

»Kann denn das die Bärbel nicht?« fragte Reinhard, und der Kollaborator ergänzte: »Ihr solltet uns nicht bedienen.«

»O du liebs Herrgöttle«, beschwichtigte Lorle, »was machen die für ein Gescheuch von dem Auftragen. Ich tu's ja gern, und wenn Ihr einmal eine liebe Frau habt, Herr Reihenmaier, und ich komm zu Euch, und ihr gunnet mir ein warm Süpple, da soll mich Euer Weible auch bedienen.«

»Woher wisset Ihr denn, daß ich heiraten möcht'?«

»Da kann man mit der Pelzkappe darnach werfen, so groß steht's Euch auf der Stirn geschrieben: ich glaub, daß eine Frau mit Euch rechtschaffen glücklich wird.«

»Woher wisset Ihr denn das?«

»Ihr seid so ordelich mit der Handzwehle umgegangen.«

Alles lachte, und draußen am Tische sagte der Vater: »Es ist ein Blitzmädle, und es hat sonst in einem Jahr nicht so viel geschwätzt wie jetzt seit gestern.«

»Ja«, sagte die Mutter, nachdem sie mit besonderer Zufriedenheit einen Löffel Suppe verschluckt, jetzt mit dem Löffel auf den ihres Mannes klopfend, »du wirst's noch einsehen, was das für ein Mädle ist; das ist so gescheit wie der Tag.«

»Das hat es von dir und von unserm Vorroß, von der Bärbel da«, schloß der Wadeleswirt, den Schlag zurückgebend.

Die beiden Freunde unterhielten sich vortrefflich mit Lorle, das immer ein Auge auf jegliches Erfordernis hatte, seltsamerweise aber alles mit der linken Hand anfaßte; der Kollaborator sah sie mehrmals scharf darob an, und Lorle sagte:

»Nicht wahr, es ist nicht in der Ordnung, daß ich so links bin? Ich hab mir's schon abgewöhnen wollen, aber ich vergeß es immer.«

Schnell nahm Reinhard das Wort: »Das schadet nichts!« Leiser, daß man es in der Stube draußen nicht hören konnte, setzte er hinzu: »Ihr machet alles prächtig. Wer kann's beweisen, daß die rechte Hand die geschicktere ist? Eure Linke ist flinker als manche Rechte, und mir gefällt's so ganz wohl.«

Bei diesen Worten richtete sich Lorle grad auf, eine eigentümliche Majestät lag in ihrem Blicke.

»Sind keine Musikanten im Dorf?« fragte der Kollaborator.

»Freilich, sie sind alle beieinander.«

»Die sollten uns heut abend einige Tänze spielen, ich bezahle gern ein Billiges.«

»Ja, das geht nicht, der Schultheiß ist heut verreist, und es ist vom Amt streng verboten, ohne polizeiliche Erlaubnis Musik zu halten; in Eurer Stub droben hängt die Verordnung.«

»O Romantik! Wo bist du?« sagte der Kollaborator und Lorle erwiderte: »Das haben wir hier nicht, aber ein Klavier steht droben, das darf man –«

Die beiden Freunde brachen in schallendes Gelächter aus, so daß sie sich kaum auf ihren Sitzen halten konnten. Reinhard faßte sich zuerst wieder, denn er sah, wie es plötzlich durch das so friedliche Antlitz des Mädchens zuckte und zitterte, Pulse klopften sichtbar in den Augenlidern, und ein tiefschmerzlich fragendes Lächeln lag auf den Lippen. Lorle stand da mit zitterndem Atem; sie wand das festangezogene Schürzenband um einen Finger, daß es tief einschnitt; dieser körperliche Schmerz tat ihr wohl, er verdrängte einen Augenblick den seelischen. Reinhard gebot in barschem Tone seinem Freunde, mit dem »einfältigen Lachen« endlich aufzuhören. So sehr sich nun auch der Kollaborator entschuldigte und sich Mühe gab, Lorle zu erklären, was er gemeint habe, das Mädchen räumte schnell ab und blieb verstimmt, so verstimmt wie das Klavier, das der Kollaborator alsdann in seiner Stube probierte.

Das war eine grausam zerstörte Harmonie, fast keine Saite hatte mehr den entsprechenden Klang, da mußten viele Menschen darauf losgetrommelt haben. »Ja«, dachte der Kollaborator, »wenn ein Wesen einmal zur Mißstimmung gebracht ist, dann arbeitet jedes zum Scherze oder mutwillig darauf los, es noch mehr und vollends zu verstimmen, und haben sie's vollbracht, dann lassen sie es vergessen im Winkel stehen.« Der Kollaborator sah darin nur ein Bild seines Lebens, er dachte nur an sich. – Von den vielen Wanderungen und Empfindungen ermüdet, verschlief er dann richtig die Mittagskirche, zu seinem und vielleicht auch zu unserm Frommen. Wer weiß, ob das Waldheiligtum vom Morgen ungestört geblieben wäre.

Als Lorle aus der Mittagskirche kam, ging sie mit ihrem Bruder rasch nach der Hohlmühle. Der Vater, das wußte sie, war nicht so bald loszueisen, er versprach mit der Mutter nachzukommen. Freilich hatte sich's Lorle heute morgen schön ausgedacht, wenn auch die Fremden mitgingen. Es lief auch ein bißchen Stolz mit unter. Das war aber nun alles vorbei. Nach vielem Drängen folgte das alte Ehepaar mit den Freunden zwei Stunden später. Der Kollaborator war wieder ganz aufgeräumt.

»Ihre Uhren hier gehen falsch«, bemerkte er dem Wirte, »ich habe die meinige nach dem Meridian auf der Bibliothek gestellt. Sie könnten sich hier auch eine Sonnenuhr einrichten, etwa an der neuen Kirche, die jetzt gebaut wird; à propos, warum bauen Sie die neue Kirche nicht mehr drüben auf dem Hügel, das war ja so schön, daß man sich erhebt, wenn man zur Kirche geht?«

»Ja, wir wollen jetzt die Kirch bei der Hand haben, zu allen Gelegenheiten, wo man's braucht.«

»Da habt ihr auch recht, die Religion und die Kirche sollen nicht mehr oberhalb, fern von dem Leben stehen, sondern mitten unter demselben. Ach, da blüht schon vorzeitig die Genziana cruciata«, unterbrach sich der Kollaborator und sprang über den Weggraben nach der Blume.

Der Wadeleswirt schaute ihm lächelnd nach und sagte zu Reinhard: »Das ist ein sonderbarer Mensch! Hat man nicht gemeint, er will mit aller Gewalt die Kirch wieder auf den Berg setzen, und wenn man's ihm anders auslegt, gleich ist es ihm auch recht; bei dem ist's wie bei dem Verwalter auf der Saline drunten, der hat einen Schlafrock, den man auf all beiden Seiten anziehen kann. Grausam gelehrt muß er aber sein; was hat er denn eigentlich g'studiert?«

»Zuerst geistlich und dann viele Sprachen; jetzt ist er auf dem Bücherkasten angestellt, und da hat er von allem was wegkriegt. Er hat im ganzen wohl feste Meinungen, und grundbrav ist er, das könnet Ihr mir glauben.«

»Ja, ja, glaub's schon.«

Der Kollaborator war wieder herbeigekommen. Er konnte sich nicht enthalten, auf jedem Schritte Reinhard auf die Schönheiten des Weges aufmerksam zu machen; da war eine Baumgruppe, eine Durchsicht, ein knorriger Ast, alles rief er an. »Und sieh«, sagte er wieder, »wie das Sonnenlicht so herrlich in Tropfen durch die Zweige und von den Blättern rinnt!«

»Laß doch dein ewiges Erklären!« fuhr Reinhard auf; der Kollaborator ging still, um sich wieder eine Blume zu holen und zerschnitt sie mit dem Federmesser.

»Ihr müsset ihn nicht so anfahren«, sagte der Wadeleswirt, »das ist ja ein glücklicher Mensch; wo ein anderes gar nichts mehr hat, hat der noch überall Freude genug, an der Sonn, an einer Blum, an einem Käfer, an allem.« –

Man war endlich am Mühlgrunde angekommen: dort wandelten zwei Mädchen durch die Talwiese Hand in Hand und sangen. »Lorle!« rief die Mutter, das Echo hallte es wieder, Vroni blieb stehen, und Lorle sprang den Kommenden entgegen. Der Wadeleswirt stand da, weitspurig und die Hände in die Seiten gestemmt, er nickte nur einmal scharf mit dem Kopfe, und hier sprach sich sein ganzer Vaterstolz aus: Zeiger mir noch so ein Mädle landaus und landein, sagten seine Mienen.

Reinhard ward auf der Mühle herzlich bewillkommt, auch sein Freund wurde traulich begrüßt, denn hier, wo alles in der Sippschaft lebt, werden die Freunde wie Familiengenossen angesehen. Um den Tisch unter dem Nußbaum saß die Gesellschaft, der alte Müller zeigte Reinhard, wie sein Name, den er vor Jahren in die Rinde geschnitten, groß geworden war.

Der Kollaborator wendete keinen Blick von dem alten Manne, für dessen Antlitz er später die eigene Bezeichnung erfand, indem er es ein »geschmerztes Gesicht« nannte; es war eines jener edlen, länglichen Gesichter, hohlwangig, mit breiten Backen- und Stirnknochen und großen blauen Augen, voll Demut und langen Harmes, darauf die Leidensgeschichte des deutschen Volkes geschrieben ist.

»Ja«, sagte der Alte, Reinhard mit dem Finger drohend, »der Schelm soll mich ja, wie sie sagen, in einem besondern Bild gemalt haben. Ist das auch ehrlich und recht?«

»Das macht der Katz keinen Buckel«, lachte der Wadeleswirt, »mich dürft er meinetwegen malen, wie er wollt, ich behielt mich doch.«

»Eingeschlagen, bleibt dabei«, rief Reinhard, die Hand hinstreckend; als er aber keine Hand erhielt, setzte er lachend hinzu: »Es war nur Spaß, es gibt gar keine so dicken Farben, wie Ihr seid.«

Unter dem allgemeinen Gelächter sagte dann der Müller: »Jetzt saget's frei, was habt Ihr denn aus mir gemacht?«

»Nichts Unrechtes. Wie ich damals die Mühle abgezeichnet hab, da geh ich einmal abends weg, die Sonne ist grad im Hinabsinken, da geht Euer Fenster auf, Ihr gucket raus, ziehet die Kapp vom Kopf, haltet sie zwischen den Händen und betet laut in die untergehende Sonne hinein. Da hat mich's heilig angerührt, und ich hab Euch so gemalt, nur mit der Änderung, daß Ihr unter der Halbtür statt am Fenster stehet.«

»Das ist nichts Unrechtes, das kann man sich schon gefallen lassen«, sagte die Wirtin.

Man saß ruhig und wohlgemut beisammen, und Reinhard vertraute unter dem Gelöbnis der Verschwiegenheit, daß er in die neue Kirche ein Altarbild stiften wolle. Der Wadeleswirt bot ihm freie Zehrung in seinem Hause an, solang er hieran arbeite, und der Müller wollte auch etwas tun, er wußte nur noch nicht was.

Eine Weile herrschte Stille in dem ganzen Kreise, niemand fand, nachdem man so gute und fromme Dinge besprochen, etwas anderes. Der Kollaborator verhalf zu einer andern Stimmung. Die Mädchen waren ab- und zugegangen und hatten Essen aufgetragen, die Gläser waren eingeschenkt, aber niemand griff zu, weil die Gedanken aller in der Kirche waren. Lorle hatte den Kollaborator offenbar vermieden. Dieser fragte nun Vroni:

»Hat man keine Sagen von dem Mühlbache? Baden sich keine Nixen droben im Quell?«

»Ja, nix badet sich drin«, erwiderte Vroni; alles kicherte in sich hinein.

Der Kollaborator ließ aber nicht ab und wendete sich an den Alten: »Erzählt man sich denn gar nichts von dem Bache?«

»Ach was! Das sind Sachen für Kinder, das ist nichts für Euch.«

»Ich bitte, erzählet doch, Ihr tut mir einen Gefallen damit.«

»Nun, man berichtet allerlei, so von dem Wasserweible und so.«

»Ja, davon erzählet, ich bitte.«

»So hat im Schwedenkrieg ein Schwed hier der Tochter vom Haus Gewalt antun wollen, und da ist sie auf den Fruchtboden entlaufen und hat die Leiter nachzogen, und da hat der Schwed die Mühle gestellt und ist am Rad naufgestiegen, und wie er halb droben ist, da ist das Wasserweible kommen, hat die Mühle in Gang bracht, und patsch! ist mein Schwed unten gelegen und ist versoffen.«

»Das ist eine herrliche Sage.«

»Ja, Aberglaube ist's«, eiferte der Müller, »der Schwed hat die Mühl nicht recht stellen können, und da ist sie halt wieder von selber in Gang kommen.«

Der Nachmittag ging unter mancherlei Gesprächen vorüber, man wußte nicht wie. Die beiden Mädchen machten sich über den Kollaborator auf alle Weise lustig, sie hielten ihn für abergläubisch und erzählten ihm Spuk- und Geistergeschichten; besonders Lorle war froh, ihm seinen gelehrten Hochmut heimzahlen zu können, und machte ihn so »gruseln«, daß er gewiß in der Nacht nicht schlafen könne; sie stellte sich, als ob sie an alles glaube, um ihm rechte Furcht einzujagen. Der Kollaborator war ganz glückselig über diese reiche Fundgrube und merkte nichts von der versteckten Schelmerei.

Auf dem Heimwege sagte der Wadeleswirt ein gar weises Wort zu Reinhard: »Euer Kamerad ist doch grad wie ein Kind, und er ist doch so gelehrt.«

Stephan war auf der Mühle geblieben, Lorle ging neben der Mutter, der Kollaborator begleitete sie und sagte einmal: »Da kann man nun Vergangenheit und Zukunft sehen, so wie das Lorle müsset Ihr einmal ausgesehen haben, Frau Wirtin, und das Lorle wird auch einmal so eine nette alte Frau wie Ihr.«

Die Wirtin schmunzelte, es war ihr aber doch unbehaglich, so von sich sprechen zu hören; denn wenn die Bauern auch noch so gern ein Langes und Breites selber von sich reden, ist es ihnen doch unlieb, wenn ein anderer sie in ihrem Beisein schildert oder gar kritisiert.

Unser gelehrter Freund aber begann wieder: »Saget doch, woher kommt's, daß man so selten schöne ältere Leute auf dem Dorfe sieht, besonders wenig schöne ältere Frauen?«

»Ja gucket, die meisten Leut haben ein kleines Hauswesen und können keinen Dienstboten halten, und da muß oft so eine Frau schon am vierten, fünften Tag, nachdem sie geboren hat, an den Waschzuber stehen oder aufs Feld. Wenn man sich nicht pflegen und warten kann, wird man vor der Zeit alt.«

»Ihr solltet einen Verein zur Wartung der Wöchnerinnen stiften.«

»Ja wie denn?«

Der Kollaborator erklärte nun die Einrichtung eines solchen Vereins, die Wirtin aber machte viele Einwendungen, besonders, daß manche Frauen sich ungern von Nichtverwandten in ihre unordentliche Haushaltung hineingehen lassen; endlich aber stimmte sie doch bei und sagte: »Ihr seid ein recht liebreicher Mensch«, und Lorle bemerkte: »Aber die Mädle können auch bei dem Verein sein?«

»Gewiß, der Verein verpflichtet sich, jede Wöchnerin mindestens vierzehn Tage zu pflegen.«

Es war Dämmerung, als man im Dorfe anlangte, Reinhard schloß sich einem Trupp Burschen an und zog mit ihnen singend durch das Dorf. Als es längst Nacht geworden war, kam er heim, sprang schnell die Treppe hinauf und wieder hinab. Der Kollaborator saß auf seiner Stube und notierte sich einige der heute vernommenen Sagen; als er aber von der Straße herauf Zitherklang hörte, ging er hinab.

Unter der Linde saß Reinhard, die Zither auf dem Schoße, die ganze Männerschaft des Dorfes war um ihn versammelt. Er spielte nun zuerst eine sanfte Weisung, er wußte das liebliche Instrument so zart zu behandeln, daß es, bald schmelzend, bald jubelnd, alle Gemütsregungen verkündete. Die Zuhörer standen still und lauschend, es gefiel ihnen gar wohl, und doch, als er jetzt geendet, fürchteten sie, er möchte immer bloß spielen. Martin sprach daher das allgemeine Verlangen aus, indem er rief: »Ihr könnet doch auch singen, gebt was los.«

»Ja, ja«, stimmten alle ein, »singet, singet.«

Reinhard gab nun viele kurze Lieder preis, die er auf seinen Wanderungen aufgehascht hatte; hell klang seine Stimme hinein in die stille Nacht, und die Jodeltöne sprangen wie Leuchtkugeln hinauf zum Sternenhimmel und stürzten sich wieder herab.

Lorle, die sich eben hatte zu Bett legen wollen, schaute zum Fenster heraus und horchte hinab; die Worte mit den Lippen sprechend, aber nicht der Luft anvertrauend, sagte sie:

»Es ist doch ein prächtiger Mensch, so gibt's doch gewiß keinen mehr auf der ganzen Welt.«

Nun sang Reinhard das Lied:

Und wann's emol schön aber wird,
Und auf der Alm schön grüen,
Die Böckle mit de Geißle führt,
Die Sendrin mit de Küehn;
Die Wälder werden grün von Laub,
Die Wiesen grün von Gras,
Und wann i an mein Sendrin denk,
No g'freut mi halt der G'spaß.

Der Kollaborator kannte das Lied und begleitete es im Grundbaß, Lorle oben machte aber bei den nachfolgenden Versen das Fensterchen zu und legte sich still zu Bett. Gegen das Ende des äußerst naiven Stelldichein, welches im Liede besungen wurde, konnten schon fast alle Burschen mitsingen; der eilfte und letzte Vers wurde unter hellem Lachen noch einmal wiederholt:

Der Bue, der sait, heut kann's nit sein,
Heut hab i goar koan Freud,
Wann i das nächstmal wieder kumm,
Heut hab i goar koan Schneid.
Er tut en frischen Juchzen drauf,
Das hallt im ganzen Wald;
Die Sendrin hat ihm nachig'weint,
So lang sie hört den Schall.

»Und das Lied hat eine Sennerin gemacht!« schrie der Kollaborator in vollem Entzücken.

»Ihrem Herzliebsten zur guten Nacht, gut Nacht«, schloß Reinhard und ging in das Haus. Die Burschen sangen das neue Lied noch weit hinein durch das Dorf und lachten unbändig.

»Das war ein genußvoller Tag«, sagte der Kollaborator auf der Stube zu seinem Freunde. »Wie schön ist Musik in der Nacht! Das Licht ist ein Nebenbuhler des Gesangs, es liebt ihn nicht, die dunkle Nacht aber wiegt ihn sanft auf ihren weichen Armen. Du verstehst's mit dem Volke umzugehen, man sollte ihm die neuen Offenbarungen im Gesange mitteilen, da ist alles wieder eins, die erste und letzte Bildungsstufe ist im Gesange wieder geeint.«

Da Reinhard nicht antwortete, fuhr der Redner fort: »Du hast mir diesen Abend ein Gesetz von der Völkerwanderung der Lieder, ich wollte sagen, von der Wanderung der Volkslieder konkret erklärt. Man hat so oft Volkslieder von ganz lokaler Färbung an fremden Orten gefunden. Menschen wie du sind die Schmetterlinge, die den befruchtenden Blumenstaub von der einen Blume zur andern bringen. Wir hatten heute alles: ein Müllerstöchterlein, ein Wirtstöchterlein, ein Maler und Musikant, es fehlte nur noch ein Jäger, dann hätten wir die vollständige Romantik.«

»Laß die Romantik, du bist heut schon übel damit gefahren.«

»Du solltest unsere heutige Versammlung unter dem Nußbaum malen.«

»Du hast mir versprochen, mich nicht aufmerksam zu machen.«

»Ja, verzeih, gut Nacht.«

Reinhard richtete noch bis spät in der Nacht seine Werkstätte ein, er hatte etwas im Sinne und wollte am andern Morgen frisch an die Arbeit.

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