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Die Frau Pfarrerin

Jeremias Gotthelf: Die Frau Pfarrerin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzhlungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMnchen
isbn3-538-05090-2
titleDie Frau Pfarrerin
pages730-778
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Jeremias Gotthelf

Die Frau Pfarrerin

Erzählung (1854)

Eine Hauptsache für jeden Menschen, welche bei weitem nicht genug beachtet wird, ist, zu wissen immerdar, was für Zeit es sei. Wer die Sache kurz nimmt, wird die Nase rümpfen und sagen, schwer sei das nicht, wenn man eine Uhr habe, und so wichtig sei es auch nicht, habe man ja doch eben die kürzeste Zeit, wenn man vergesse, was für Zeit es sei; wenn man nur die Eßglocke nicht überhöre, selb sei allerdings fatal. Der Ausdruck hat aber eine weitere Bedeutung, wie die meisten wissen, und diese werden die Wichtigkeit dieser Kenntnis zugeben und zum Kalender raten, der zur gründlichsten und umfassendsten Kenntnis der Zeit verhelfe. Der zeige, wenn Neu und Wedel sei, und die Zeichen alle, wenn Haarschneiden gut sei und bschütten und Bohnen setzen und zAcker fahren und den Hühnern die Flügel beschneiden, daß der Habicht sie nicht nehme, und Weizen säen, daß die Spatzen ihn nicht fressen, wenn es regnen, wenn es winden werde, wann man daheim zu bleiben habe, wenn man nicht vernagelt sein wolle. Ja darin könne man sogar sehen, wann es heilige Zeit sei, absonderlich heilige Sonntage, was zu wissen Bäckern und Kommandanten absonderlich not täte, den ersten, damit sie nicht das Nachtmahlbrot zu backen vergäßen, den andern, damit sie wüßten, wann sie, allen Bärenwirten zTrotz, nicht tanzen lassen sollten, sondern sie und ihre Offiziere samt Soldaten sich anständig aufführen.

Den Pfiffigsten wird diese Auskunft nicht genügen, sie werden sagen, um die Zeit, über die man Auskunft in den Kalendern finde, gäbten sie wenig, aber pfiffig werden sie sagen, die rechte Zeit und die wichtigste hätte ihre eigenen Organe, aus denen lerne man sie kennen, und das seien die Zeitungen. O nein, der Meinung sind wir nicht. »Da ich noch ein Kind war, da redete ich wie ein Kind«, sagt der Apostel Paulus, »jetzt sehen wir wie durch einen Spiegel in einem Rätsel.« Da sieht man nicht einmal, wann Kaffee kaufen gut oder Korn verkaufen, nicht, ob man einen Stock zum Spazieren mitnehmen soll oder einen Regenschirm; da sieht man bloß eines, daß leicht man zum Toren wird, wenn man sich für einen Weisen hält, daß man oft Torheit findet, wo man Weisheit gesucht.

Der Kalender, welcher uns immer am besten gefiel, am sichersten anzugeben schien, was für Zeit es sei, ist der Markt eines bedeutenden Ortes, auf welchem dessen Bevölkerung sich mit Lebensmitteln versieht. So auf einem Markte von allerlei, vom obern Tore bis zum untern Tore, was man da nicht alles sieht, und wie die Zeit von dannen rennt, und was man nicht alles für Leute kennt! Wenn es Winter ist, das merkt auch der Dümmste, an der eigenen roten Nase erstlich und an den Nasen der Marktweiber, an ihrem Wärmapparat verschiedener Art, am kurzen Märkten und raschen Laufen der Kaufenden, am Mangel eleganter Damen, ausgenommen ums Neujahr herum, wenn sie den fetten Gänsen, guten Enten, anderem Wildbret und sonstigen Leckerbissen nachstreifen.

Daneben ist der Markt nicht uninteressant, er enthält die ausgepackten Vorratskammern der Umgegend: im Herbste das Eingekellerte, Eingesetzte von allen Sorten, welches nach dem Neujahr immer mehr zusammenschmort, wenigstens an Frische verliert, bis nach und nach die Gewächse aus Treibhäusern und Couches auftauchen, Rübchen wie Nädelchen und Salatstäudchen, die durch das Vergrößerungsglas sichtbar werden, Spinat mit den schnellen Beinchen, die sich nirgends ordentlich stillehalten wollen; zu Zuckererbsen und Bohnen gelangt man bei uns trotz aller List und aller Müh erst viel später. Dann kommt, was unterm Schnee verborgen lag, das Nüßlikraut, die Rabünzli, das Säukraut usw.; da kömmt die Köchin Markttag um Markttag mit was Neuem heim, wo man nicht darauf zu achten hat, ob das Gemüse sechs Kreuzer oder sechs Batzen kostet, und mit dem Beisatz: »Lueget, Frau, kum es Hämpfeli, und sollte drei Batzen kosten, und zNot konnte ich einen Kreuzer abmärten!« An Orten, wo es knapper geht und die Kreuzer gewogen werden, kömmt die Köchin bloß mit Berichten: »Es wär wohl öppes anders dagsi, es klein Körbchen mit Rabünzli, aber gar Hagels tür, das ganze Körbli für sieben Batzen, und wir hätten nicht für einmal genug gehabt, Ihr hättet mir ein schön Gesicht gemacht, wenn ich damit heimgekommen wäre.« »Es ist fatal«, sagt dann die Frau, »der Herr grännet afange [schneidet Gesichter] über alle Winterkööch und wott doch dann nicht ausrücken mit dem Geld, er begreift nicht, daß, wenn man zuerst von einer Sache haben will, man es doppelt so teuer zahlen muß als einige Wochen später.« »Ja, geht mir mit den Herren, es hat in Gottes Name keiner mehr Verstand einer Kleblaus groß. Da ist ihnen daheim nichts wohlfeil genug und nichts gut genug; da sollte man ihnen daheim für ein Fränkli für die ganze Haushaltung kochen so gut, als sie für sich allein kaum halb genug kriegen um dieses Geld.«

Nun wird es recht kurzweilig auf dem Markte, jeden Tag was Neues, namentlich, sobald die Temperatur es erlaubt, auch Blumen und Blumenstöcke. Erst hier auf den Steinen sieht man die Entfaltung der Natur in ihrer Mannigfaltigkeit und ihrem Reichtume so recht augenscheinlich. Es kommen die ersten Erdbeeren aus sonnigen Rainen, die ersten Kirschen von Basel her, die Bohnen aus dem Wistelach, die Erbsen von den Halden um die Stadt, und ein Birnbaum nach dem andern sendet seinen Segen, bis ein kühn Weib mit den ersten Erdäpfeln kommt, unbekümmert darum, wie manchem Stadtherren es Bauchweh kramet. »Warum frißt er, wenn es ihm nicht wohlmacht!« würde es auf daherige Vorwürfe sagen.

Je mehr das Neue überhandnimmt, desto seltener wird das Alte, desto mehr sticht es gegen das Neue ab, die eingeschrumpften Erdäpfel, die eingefallenen Äpfel, die runzlichten Birnen, aber nicht desto minder wert sind sie, oft stehn im Preise sie viel höher als das verdächtige Neue, von dem man so recht nicht weiß, taugt es etwas oder nichts; denn begreiflich kömmt es am Ende denn doch darauf an, nicht ob eine Sache jung ist oder nicht, sondern kann man sie brauchen oder nicht. Je mehr das Alte schwindet, hie und da nur noch ein Halbdutzend Äpfel in die Ecken eines Korbes sich schmiegen, desto massenhafter rückt das Neue an, die Köpfe der Marktweiber reichen nicht mehr aus als Transportmittel, da müssen Wagen und Pferde her, und hochgetürmt ziehen Kabisköpfe ein, füllen Plätze aus, machen den Strohköpfen in der Stadt den Rang streitig, selbst jetzt noch, wo sich dieselben doch durch so viele Eidgenossen verstärkt haben. Jetzt legt das Jahr die Proben ab über den empfangenen Segen. Man kann es von weitem sehen, ob die Käufer um einen Wagen sich drängen oder, wir möchten fast sagen, die Wagen um die Käufer; und kömmt man näher, so empfindet man den richtigen Standpunkt ganz bestimmt an den Wistelachern; sind die zärtlich, dann aufgepaßt, dann haben die Zwiebeln, Gurken und andere Herrlichkeiten in Hülle und Fülle, mehr als ihnen lieb ist; sind sie aber noch gröber als sonst, dann zugegriffen ohne Komplimente!

Aber nicht bloß die Verschiedenheit der Jahre merkt man; wer fünfzig Jahre gelebt hat, merkt um diese Zeit besonders einen gar mächtigen Unterschied zwischen ehedem und jetzt. Ehedem ging es um diese Zeit bis gegen Weihnacht viel lebhafter, wir möchten fast sagen, wilder zu: da kellerte man noch ein, machte Vorräte auf den Winter, machte Kabis ein, metzgete sogar. Seit aber die baumwollenen Hemdchen aufgekommen sind, welche man gemacht kauft, weil Weib und Töchtern keine mehr nähen können, seitdem macht man nicht Kabis ein, metzget man nicht, beides stinkt und macht Mühe, man kellert auch weder Äpfel noch Erdäpfel ein, in Vorräten liegt alleweil ein Schaden, totes Geld und Abgang, ein unnötig Geschlepp, und wirklich an vielen Orten nachts nicht mehr so viel Speise, um eine hungrige Maus zu sättigen.

Da sieht man aber eben auch, was für Zeit es ist. Ja noch viel mehr sieht man, wenn man nicht bloß in die Körbe der Verkaufenden, sondern auch in die Gesichter der Käufer sieht: da kann man Betrachtungen anstellen über die Zeit im allgemeinen und die Zeit im besondern, da kann man merken, ob es eine gesegnete oder ungesegnete ist in dieser oder jener Gegend und in diesem oder jenem Hause, wie auf die Üppigkeit die Spärlichkeit folgt, wie der Glust wäre, wenn das Geld noch wäre.

Lustig ists, wie in bestimmten Häusern ein regelmäßiger Wechsel ist wie zwischen Ebbe und Flut, daß man mit Sicherheit aus dem Marktkorbe schließen kann, besonders wenn die Frau selbst noch Einkäufe besorgt, beginnt ein Monat, oder geht er zu Ende. Wenn ein Quartal der Mond wäre, könnte man auf dem Markte an heiterhellen Tagen sehen, in welchem Stadium er wäre, und drei Wochen nach dem Neujahr bis gegen Ostern werden sicherlich auch in den Marktkörben die Fasten sehr merkbar sein. Und wie erst die Leute selbst kommen und verschwinden, mager werden oder fett, avancieren oder verkümmern, es ist merkwürdig! Da trohlet der Stoff zu den interessantesten Lebensbeschreibungen recht eigentlich auf der Gasse herum. Wahrscheinlich werden auch die Herren, welche bedächtigen Schrittes, mit den Händen auf den Rücken, den Augen in allen Körben und in allen Gesichtern, Geschichtsforscher sein, welche, hier auf dem Markte auf- und abwandelnd, Neuperipatetiker, ihre wichtigsten Geschichtsstudien machen oder Figuren in Novellen suchen. Anfangs wird es ihnen gehen wie andern; sie sehen ein buntes Durcheinander ohne besondere Merkmale, ohne eigentümliche Züge. Erst bei längerem Beschauen trittet das Besondere auseinander, und einzelnes macht sich bemerkbar, trittet immer eigentümlicher hervor, so daß, fehlt es einmal im Gemenge, der Beschauer es vermißt und sucht; er hat das Ganze nicht mehr, das Vermißte muß eine Lebensveränderung erlitten haben, welche, nimmt einen wunder.

Doch es gibt nicht Männer nur, welche Anlage haben zur Geschichtsforschung, daherige Studien unwillkürlich machen und sich auf dem Markte auch um die Menschen kümmern und nicht bloß um Rüben und Rabünzli. Wir hatten eine Base, eine kuraschierte Frau mit hellen Augen, raschen Entschlüssen und Urteilen, sie hätte den besten Schützen gegeben: ein Blick und paff, dSach war richtig. Sie kam in ihren Reden, mit denen sie nicht kargte, oft auf ihre Markterfahrungen. Am liebsten redete sie davon, wie sie immer lange vorausgewußt, ob eine Haushaltung verlumpen werde oder nicht. Wenn eine junge Frau alle Erstlinge gekauft, ihr nichts zu teuer gewesen, bei keiner jungen Gans habe vorbeigehen können, so habe sie in der Regel es getroffen, wenn sie gedacht: Kauf du nur, du arms Tröpfli! Es kömmt dir schon anders, wenn du Verstand hast; und hast keinen, je nun, so ists nicht schade um dich, wenn dir auch das Geld ausgeht. Richtig habe ihr keine lange das Beste vor der Nase weggekauft. Sie war unerschöpflich in Geschichten über dieses Thema. Doch sah sie aber auch noch anderes als der Menschen Schwächen, auch das Bessere, Anmutige entging ihr nicht, kurz, selten etwas Bemerkenswertes. Mit besonderer Vorliebe hielt sie folgendes Marktbild fest, aber sie mußte in recht weicher, schöner Stimmung sein, wenn sie es zum besten geben sollte.

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