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Die Frau ohne Mann

Olga Wohlbrück: Die Frau ohne Mann - Kapitel 7
Quellenangabe
authorOlga Wohlbrück
titleDie Frau ohne Mann
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectid1b5797a4
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In Offenburg auf dem Bahnsteig wird ein Telegramm ausgerufen: Gabriele Schorneder!

Gabriele tritt ans Fenster, nimmt die Depesche in Empfang.

»Nicht Karlsruhe aussteigen, mußt Frankfurt fahren. Grüße Kurt.«

Frankfurt – Sie rechnet abermals: das Wiedersehn ist um über zwei Stunden hinausgeschoben ... Sie begreift ihre eigene Nervosität nicht. Hält den Zeitungswagen an, kauft wahllos Tagesblätter und ein Buch. Wenn sie liest, wird die Zeit ihr rascher vergehn ... Aber sie vermag gar nicht zu lesen. Sie läutet dem Speisewagenkellner, läßt sich Sandwichs und eine halbe Flasche Burgunder bringen. Sie ist ganz allein in ihrem Abteil erster Klasse.

Mit dem Rücken gegen sie, am Gangfenster, steht ein elegant gekleideter, schlanker Mann. Irgend etwas an ihm erinnert sie an den jungen Zeichner Schirmer. Sie muß krampfhaft an ihn denken, um sich von Kurt abzulenken – von ihrem Wiedersehn mit ihm. Wie wird er ihr gegenüberstehn ...? Was werden seine ersten Worte sein ...? Und sie selbst – Das Blut kreist in heißem Lauf durch ihre Adern.

Wenn sie doch den fremden Herrn dort am Fenster zu sich hereinbitten dürfte ... Sprechen möchte sie ... mit irgend jemand sprechen ... Durch Worte, die nichts mit ihrem Denken zu tun haben, die brodelnde Unrast in sich übertönen ...

Laut schlägt sie die Schiebetür zurück. Der Herr am Fenster wendet sich um. Ein glattrasiertes Gesicht, ohne eigenes Gepräge, mit dem konzentrierten Ausdruck großer Geschäftsleute.

»Es ist so warm im Abteil«, sagt sie.

»Wünschen Gnädigste, daß ich das Fenster herunterlasse?«

»Sehr freundlich ...«

In ihrem Ton liegt etwas, das ihn aufblicken läßt. Damen, die unterwegs Anknüpfung suchen, sind ja nichts Seltenes ... und mit der da verlohnte es sich schon, eine Stunde zu verplaudern – Von den Schuhen bis zum kleinen Saffianköfferchen da oben ist alles an ihr tiptop! ... Das Parfüm unaufdringlich und von feinstem Aroma ... er kennt sich aus: er ist Vertreter einer großen Parfümfabrik, und seinen gelegentlichen Abenteuern gibt er immer einen wohlduftenden Abschluß.

»Haben Gnädigste eine weite Reise vor?«

»Nein, bis Frankfurt.«

»Leider muß ich schon in Karlsruhe aussteigen«, sagt er bedauernd.

Er steht in der Tür. Sie macht eine kurze, einladende Bewegung:

»Wenn Sie hier etwas Platz nehmen wollen ...?«

»Sehr gütig, Gnädigste.«

Da kommt der Kellner und bringt ein gedecktes Tischchen herein, mit dem Wein und den Sandwichs.

»Gnädigste frühstücken jetzt ... eine famose Idee. Wenn Sie gestatten, werde ich mir auch solch ein Frühstück bestellen.«

Er rückt dann im Laufe des improvisierten kleinen Lunchs etwas näher zu ihr herüber, und erst als sie die Gläser aneinanderklingen lassen, kommt ihr das Ungewöhnliche ihres Benehmens zum Bewußtsein. Ist sie das, Gabriele Schorneder, die einen wildfremden Mann zu sich ins Abteil hereinbittet ...? Mit ihm Wein trinkt ... und so tut, als merke sie es nicht, daß seine Hand absichtlich die ihre streift ...? Sie hat ja da, ohne es zu wissen, eine unmögliche Lage geschaffen – wie soll sie ihn jetzt loswerden? ... Aber gleichzeitig fühlt sie, daß sie ihn gar nicht loswerden will. Seine gepflegte äußere Erscheinung, die Sicherheit seines Auftretens, die auf große Übung im Verkehr mit Damen schließen läßt, die Selbstverständlichkeit, mit der er ihre Entgleisung aufnimmt, das alles gibt diesem ungewohnten Zusammensein einen eigentümlichen Reiz. Nur gut, denkt sie, daß er nie zu erfahren braucht, wie ich heiße. Und geschützt durch ihre Anonymität schlürft sie mit Wohlbehagen die Pikanterie dieser Stunde aus.

Sie sprechen von den Reisen, die sie gemacht, und sie lacht, vom Burgunder und der Nähe des Mannes durchglüht, als er sagt:

»Solch entzückende Reisestunde, wie ich sie jetzt eben Ihnen verdanke, pflegt man sonst nur an Bord eines Überseedampfers zu erleben.«

Sie entzieht ihm die Hand nicht, die er an seine Lippen hebt. Und kleine rote Punkte tanzen vor ihren Augen, da er hinzufügt:

»Nur schade, daß eine solche Stunde im Abteil keinen Nachklang finden kann – wie so oft auf Deck ...!«

Sie fühlt sich begehrt. Sie schließt die Augen und stellt sich vor, es sei Kurt Kemper, der ihr die Hand küßt. Kurt Kemper, ihr Schwager – Kompagnon – und Geliebter!

Ja, Geliebter! Etwas in ihr spricht dieses Wort ganz laut aus. Dieses Wort, das ihr bis vor wenigen Tagen nur Ekel und Widerwillen eingeflößt hätte! Jetzt aber könnte sie es dem fremden Manne ins Gesicht hineinschreien: Wissen Sie, daß ich einen Geliebten habe ... einen Geliebten? Und wissen Sie, warum Sie mich schön finden und begehrenswert? ... Weil ich einen Geliebten habe!!

So schamlos ist sie geworden – »schamlos«, wie Toni es sagte, damals, als sie es noch nicht war! Damals, als sie den Keim gelegt hatte in sie mit diesem Wort ... den Keim zu Angst und Abscheu vor dem Manne.

»Übrigens, meine Gnädigste ... darf ich ein Versäumnis nachholen ...«

Er überreicht ihr seine Besuchskarte. Sie überfliegt sie flüchtig, hat auch im nächsten Augenblick den Namen schon wieder vergessen. Will ihn gar nicht behalten. Aber sie sieht in seinem Blick und in seiner Haltung eine Erwartung – die Erwartung, daß sie ihren Namen nennt. – Das fehlte noch!

»Ich glaube, wir sind bald in Karlsruhe«, sagt sie ablenkend.

»Ja ... leider.« Und schnell fügt er hinzu: »Kennen Sie Karlsruhe? Wenn Sie dort ausgestiegen wären – auch für ein paar Stunden, ich hätte mir ein Vergnügen gemacht, Ihnen die Stadt zu zeigen ...«

Er hat eine suggestive, eindringliche Art, die sie in leichte Erregung versetzt – aber die mögen wohl alle Männer haben, die – wie Gabriele das früher nannte – eine »Bitte mit Hintergrund« äußern. Ein Glück, daß es nicht Abend ist und sie wirklich in Karlsruhe aussteigen muß – Gut auch, daß der Kellner in diesem Augenblick hereinkommt, um einzukassieren. Noch ehe sie sich besinnt, hat der Herr für sie beide gezahlt. Das ärgert und ernüchtert sie.

Die Tischchen sind weggeräumt.

»Sollte ich wirklich niemals mehr das Glück haben, Sie wiederzusehn?«

Ganz hochmütig und abweisend sieht sie jetzt aus.

»Sie reisen in ...?«

Er versteht die Abfuhr:

»In Parfums, gnädige Frau! ... Und Sie – wenn ich fragen darf?«

»In Schokolade.«

Da lacht er auf:

»Na, das paßt ja ganz gut zusammen ... Da werden wir uns ja – auf so manchem Geschenktisch begegnen! ... Also hoffentlich auf Wiedersehn, Fräulein ... oder – Frau? ...«

»Der Zug läuft ein ... Sie müssen aussteigen ...!«

»Nun jedenfalls ... auf Wiedersehn!«

Rasch dreht er ihre Hand in der seinen um und küßt sie in die runde Öffnung des Handschuhschlusses. Fühlt ein leises Beben ihres Körpers und raunt ihr zu: »Steig' doch mit mir aus ...«

Reisende gehen durch den Gang und trennen die beiden.

Er eilt in sein Nebenabteil und steht zwei Minuten später auf dem Bahnsteig am Gangfenster. Er hofft, sie wird sich am Fenster zeigen, ihm noch einmal die Hand reichen. Aber sie hält sich krampfhaft an der Klinke ihrer Tür fest – es war genug des Spiels, denkt sie. Da hört sie ihren Namen:

»Gabriele Schorneder! ... Gabriele Schorneder! ... Telegramm für Gabriele Schorneder!!«

Sie stürzt ans Gangfenster:

»Geben Sie her, ist für mich!«

Und der Beamte mit der Tafel in der Hand wiederholt fragend: »Gabriele Schorneder ... sind Sie?«

»Ja ja. Geben Sie her.«

»Empfehle mich, Fräulein Schorneder«, ruft Gabrielens Reisebegleiter von unten herauf und lüftet mit leicht ironischem Lächeln den Hut.

Sie reißt das Telegramm auf, ohne den Abschiedsgruß zu beachten: »Steige in Heidelberg zu dir in den Zug. Sei am Fenster. Kurt.«

Gabriele wirft den Kopf zurück, schließt die Augen: ... in Heidelberg. Also in einer Stunde!

Wie wird sie diese Stunde durchhalten ...? Denken? ... Schlafen? ... Sie zieht die Vorhänge zu, um vom Gang ganz abgeschlossen zu sein. Sie will keinen Menschen sehn. Nichts hören von draußen. Jetzt gibt es für sie nur einen einzigen Menschen auf der Welt – Kurt Kemper!!

Alles, was vor dieser Stunde liegt – von ihrem letzten Erlebnis bis in ihre Kindheit zurück – alles ist erloschen!

*

Im Frankfurter Hotel haben sie sich eingeschrieben als Dr. Kurt Kemper und Frau. Das geht Gabriele eigentlich wider den Strich. Diese Verbürgerlichung einer Leidenschaft nimmt ihr den größten Reiz. Zudem liegt ihr nichts daran, als seine Frau zu gelten. Er verliert in ihren Augen, indem er sich so verschanzt. Und wenn man sie »Frau Doktor« anspricht, so sieht sie die schmale, blasse Toni vor sich, und eine leise Gereiztheit steigt bereits in den ersten Stunden ihrer leidenschaftlichen Vereinigung in ihr auf. Ihre immer wieder schnell gesättigten Sinne sind sofort bereit, den allzu willfährigen Erfüller ihres Begehrens gering zu achten. Auch hat sie noch nicht die mädchenhafte Abscheu gegen die intime Formlosigkeit der Liebesnähe überwunden.

Gut, daß sie das Abendkleid mitgenommen hat – es ist in ihr das Bedürfnis, wieder eine gewisse Distanz zu Kurt zu gewinnen, wieder Dame zu sein in seinen Augen.

Sie hatten kein Zimmer mit Bad bekommen können, und sie muß zusehn, wie er seine Toilette macht. Sie sitzt dabei auf der Ecke des Bettes und raucht aus einer langen grünen Zigarettenspitze. Beim Rasieren zuckt er einmal leicht zusammen: »Au verflucht!«

»Geschnitten?«

»Ja. Aber nicht jetzt.«

Er tritt nahe zu ihr heran, das Gesicht voll stark duftenden Schaumes.

»Na, bitte schön ab ...! Hübsch, was du mit deiner Kette angerichtet hast! ...«

Sie bläst ihm den Rauch auf den Hals, lacht kurz auf:

»Zu wenig, mein Lieber ... zu wenig!«

Und sie denkt dabei – was hätte ich getan, wenn der Herr im Abteil sich etwas herausgenommen? ... Hätte ich's geduldet oder ihn geohrfeigt ... Und gleichfalls in Gedanken fügt sie hinzu: Wird doch vielzuviel Aufhebens gemacht von so was – –!

Mit einer heftigen Gebärde reißt Kurt Kemper den lose umgeworfenen Kimono von ihrer Schulter, saugt sich mit seinen Lippen an ihr fest. Sie stößt ihn ärgerlich von sich: »Jetzt ist's genug.« Sie fährt mit dem Taschentuch über ihre Schulter, die voll Schaum ist, dann schlüpft sie völlig in den Kimono hinein und geht auf einen Sessel zu. Sie ist barfuß. Ihre Füße sind nicht klein, aber wohlgeformt. Die Gelenke nicht übermäßig schlank, und ihre Beine schöne, starke Säulen, die wohl auch im Alter mühelos den großen Körper tragen werden.

»Sag' mal, Kurt, sind denn keine Briefe und Depeschen gekommen von der Fabrik?«

»Die Post ist wohl noch in Karlsruhe. Wir müssen nachher telegraphieren, daß man uns alles hierher nachschickt ... Zu dumm, daß man nie frei aufatmen kann und immer alles mit sich herumschleppen muß, wie die Schnecke ihr Gehäuse ...!«

Gabriele sieht ihn mit zusammengekniffenen Augen an:

»Das Gehäuse ist ja nicht bloß eine Last – sondern auch ein schützendes Dach. Hast du denn keine Freude am Ausbau?«

»Ausbau –? Für wen?«

Er wischt sich mit dem Handtuch die letzten Schaumflocken aus dem Gesicht. Läßt sich vor ihr auf das weiche weiße Fell nieder, drückt seine glattrasierte Wange an ihre Knie.

»Für wen, Gabriele ... sage es mir, für wen? ... Sieh mal, Gabriele ... wenn du meine Frau wärst und ich Kinder von dir hätte ...«

Sie unterbricht ihn hart und schneidend:

»Diese Kinder müßte ich von dir haben! ... Und wer sagt dir, daß ich das wollen würde? ...«

»Ja aber, Gabriele – das wäre doch das Natürliche ... würde alles – verzeihlich machen ...!«

»Ich brauche keine Verzeihung. Oder glaubst du vielleicht, mein Vater hätte nach Entschuldigungsgründen gesucht, als er ... unsere Mutter ihrem ersten Mann fortnahm? ... Tonis Vater war ein braver, schwacher Bürger, der nach immer neuen Entschuldigungen suchte, warum er das Verhältnis duldete, und als er keine Entschuldigung mehr fand, Schluß machte! ... Mein Vater sprach sehr ruhig und anerkennend über diesen Schluß, der alles in ein klares Licht rückte. Und auch meine Mutter war klug genug, kein großes Drama aus dem allen zu machen. Sie fühlte wohl, daß mein Vater mehr Anrecht an sie hatte als ihr erster Mann, dem sie im Laufe der Ehe entwachsen war ... Sie war überhaupt sehr klug, unsere Mutter. Machte nie Aufhebens aus den Entgleisungen meines Vaters, zu denen ihn dunkle Triebe seiner gespalteten Natur brachten!«

»War es denn keine vorbildliche Ehe –?«

»Gewiß war sie das. Mein Vater war seiner Frau dankbar, daß sie seine gelegentlichen Abstiege in die tiefsten Niederungen nicht zu merken schien. Und sie war ihm dankbar, daß er sie aus der Enge der Bürgerlichkeit in eine Umwelt gehoben, die ihr das Leben einer großen Dame ermöglichte – allerdings mit allen Verpflichtungen äußerer und innerer Art. So war es wirklich ... eine vorbildliche Ehe. Sicher aber ist auch – daß die Leidenschaft meines Vaters für meine Mutter abnahm, von dem Tage an, da er sie zur großen Dame gemacht! ... Er hatte nämlich das Bedürfnis, sich von Zeit zu Zeit in der Liebe zu proletarisieren ... Vielleicht hab' ich ein bißchen was davon geerbt ... Vielleicht hat es ganz tief in mir geschlummert ... und du hast es nur geweckt.«

Sie nagt mit ihren schönen weißen Zähnen an der grünen Jadespitze. Kurt Kemper aber sieht sie an, mit einem Ausdruck, den er vielleicht als Knabe gehabt hatte, wenn er ein neues, nie gesehenes Tier betrachtete. Kurt Kemper liebt im Grunde keine psychologischen Komplikationen. Die Liebe muß heiter sein ... sinnenfroh, berauschend und beschwichtigend zugleich – in der philosophisch zersetzenden Einstellung findet sein erotisch bewegliches Empfinden keinen Platz. Für den Augenblick aber überwiegt der Stolz, Herr zu sein über einen so ungewöhnlich schönen Körper, das unbehagliche Bewußtsein, eine vielleicht unbequeme Geliebte zu besitzen.

Abends, nach dem Kabarett, sitzen sie in der Bar ihres Hotels. Er ist unruhig, weil die erwartete, von Karlsruhe nachgesandte Post noch nicht eingetroffen ist. Und in seiner Nervosität merkt er es nicht, wie rasch er, Gabrielens Beispiel folgend, einen Cocktail nach dem anderen hinunterschlürft.

Sie sitzen in bequemen Sesseln an einem kleinen Tisch, mit dem Rücken gegen den Mixer. Eine wohltuende Entspannung kommt langsam über Kurt Kemper. Nach dem leidenschaftlichen Aufruhr seiner Sinne empfindet er diese Stunde ruhigen Dahindämmerns, in der seine Gedanken sich langsam zu ordnen beginnen, als einen Gewinn.

Was immer geschieht – er muß darnach trachten, sich wirtschaftlich von Gabriele loszulösen, um nicht als ihr Schuldner ihr gegenüberzustehen. Dazu muß er einen freien Kopf haben. Sowie er zurückkommt, muß Therese, ob sie will oder nicht, aus seinem Leben schwinden. Mit Hilfe seiner Basler Verbindungen wird es ihm möglich sein, ihr eine ihren Fähigkeiten entsprechende Stellung in einer Fabrik zu schaffen. Nicht persönlich, aber durch einen Rechtsanwalt wird er ihr auch Unterstützungsgelder zukommen lassen. Sie wird sie um der Kinder willen annehmen und wird dann vielleicht noch mal einen braven Mann heiraten, der ihren Kindern seinen Namen gibt. Ja – das wird sich alles ganz gut machen lassen. Hoffentlich hat der Verwalter es fertiggebracht, sie zu überzeugen, daß sie jetzt schon gehen muß ... Er hätte ja gerne anders Abschied von ihr genommen ... aber sie war ein so halsstarriges Mädel ... ein im Grunde braves, anständiges Kerlchen ... nie aufdringlich, und doch immer bereit, für ihn durchs Feuer zu gehn – – und hübsch konnte sie aussehn ... voll sprühender Jugendfrische ... Und er muß lächeln, wenn er daran denkt, wie er sie im Laufe der Jahre zwei-, dreimal nach außerhalb bestellte und von dort aus Ausflüge mit ihr unternahm in den Schwarzwald ... Wie niedlich sah sie aus in ihrem geblümten leichten Sommerkleidchen – wie leuchteten ihre dunklen schönen Augen und blitzten ihre kurzen weißen Zähnchen, wenn sie unterwegs in das mitgenommene Frühstücksbrot hineinbiß! ... Nur in seinen ersten Studentenjahren hatte er solch ein Frohgefühl gekannt, wenn er an der Seite seiner kleinen rotblonden Liebsten durch die Felder strich! ... Und abends – wenn Theres' ihm in der einfachen Gastwirtschaft, wo er ein Zimmer mit zwei Betten gemietet hatte, mit ehrpusseliger Miene das Nachthemd auf das Bett breitete, die Morgenschuhe zurechtstellte, da setzte es manchen Klaps von ihrer kleinen, derben Hand, weil er vorzeitig seine Rechte geltend machen wollte! Da mußten sie erst ganz ehrbar nebeneinander jeder in seinem Bett liegen ... und dann mußte das Licht gelöscht werden ... und dann sang sie ihm noch irgendein niedliches Lied vor in ihrem elsässischen Kauderwelsch ... und dann wachten sie am späten Morgen auf – ihr schwarzes Köpfchen in seinem Arm ... – –

»Du, ich glaube, jetzt kommt Post.«

Kurt Kemper fährt auf. Hat er geschlafen ... geträumt ...? Er sieht die blonde, schöne Frau an, in dem ausgeschnittenen Abendkleid, und muß sich erst zurechtfinden: Gabriele – ja richtig: Gabriele ...!

Der Hotelboy tritt mit einem Tablett heran, auf dem zwei Telegramme liegen.

»Gleich zwei?« sagt Gabriele und will noch etwas hinzufügen. Aber das Wort erstirbt ihr auf den Lippen, als sie Kurt Kempers Gesicht sieht. Alle Farbe ist aus ihm gewichen.

»Unangenehmes?«

Sie beugt sich vor: »Darf ich?« Dabei streckt sie die Hand aus und nimmt das Telegramm. Es ist zufällig das von Toni: »Therese nach Entbindung von totgeborenem Kind heute vormittag gestorben. Telegraphiere deine Dispositionen ans Büro.«

»Ist das etwa die kleine Elsässerin – –?«

»Ja – – die kleine Elsässerin ...«

Er greift nach dem Glas, aber es ist leer.

»Eine Flasche Volnay!« bestellt Gabriele dem vorübergehenden Kellner. »Oder willst du lieber hinauf, Kurt?«

»Nein. Nicht hinauf.«

Ihm graut davor, jetzt mit Gabriele allein zu sein – in dem Zimmer, in dem ... Und – die arme kleine Theres' ist tot! ... Ist wirklich – geschwunden aus seinem Leben ...

»Trink, Kurt, das wird dir gut tun.«

Gabriele weiß genau, welche Beziehungen zwischen Therese und ihm bestanden. Nur hatte sie nicht geglaubt, daß das zählte in seinem Leben. Hatte früher gedacht: auch so ein kleiner Abstieg in die Niederung. Arme, dumme Toni ...! Sie hatte es vielleicht schwerer mit ihrem Mann, als die Mutter mit ihrem zweiten Gatten es gehabt ... Kurt Kemper war ja doch ein sentimentaler! ... Und Gabriele fühlt, wie alles in ihr dem widerstrebt.

»Wir bleiben doch wohl noch eine Weile hier unten?«

Er nickt, ohne zu antworten. Sie steht auf und geht in die Empfangshalle, winkt den Nachtportier zu sich heran:

»Wir haben hier das Doppelzimmer, Nummer 87. Ist vielleicht ein Einzelzimmer mit Bad frei geworden?«

»Jawohl, gnädige Frau. Aber in der ersten Etage, Nummer 5.«

»Das macht nichts. Wollen Sie mir gleich das Zimmer anweisen. Meine Nachtsachen hole ich mir selbst herunter. Ohne Badezimmer geht das ja nicht.«

Sie läßt sich mit dem Lift in ihr neues Zimmer hinauffahren, verabschiedet den Nachtportier und steigt die Treppe hinauf zum Doppelzimmer. Sie braucht ja nur ihr Reisenecessaire, ihr Nachtzeug und ihren Kimono ... Gegen ihre Gewohnheit hatte sie das Zimmer in ziemlicher Unordnung verlassen. Aber inzwischen ist es aufgeräumt worden. Sie geht an den Schrank, um den Kimono herauszunehmen, und bleibt plötzlich wie angewurzelt stehn: über einem Bügel hängt etwas Zerknittertes und Zerfetztes, leuchtet ihr brennrot entgegen. Sie muß wohl in der Erregung des hastigen Auspackens das zusammengeknüllte Bündel achtlos in eine Ecke geworfen und dann vergessen haben ... Nun hat sie es wieder vor Augen, das Kleid und das Bild jener Nacht, die eine andere aus ihr gemacht oder in ihr geweckt. Die Zähne aneinandergepreßt, ein kaltes Lächeln in den Mundwinkeln, greift sie nach dem Kleid und wirft es in den Papierkorb. Dann rafft sie ihre Sachen zusammen und geht die Treppe hinunter in ihr neues Zimmer.

Kurt Kemper sitzt noch in fast unveränderter Stellung im Sessel. Aber die Flasche ist beinahe leer. Die zweite Depesche liegt noch uneröffnet auf dem Tisch. Sein Blick bleibt stumpf, als er Gabriele herannahen sieht.

»Darf ich lesen?«

»Bitte, bitte.«

Und sie liest leise vor: »Alle notwendigen Formalitäten erledigt. Expreßbrief unterwegs. Erbitte Telephonanruf nach Erhalt. Wagner.«

»Gib her.«

Er ballt das Papier zusammen.

»Konnten sie mich nicht damit verschonen – ganz verschonen, bis es vorüber war? ...«

Gabriele spürt seine kochende Erregung. Sie macht dem Kellner ein Zeichen: noch eine Flasche! Jetzt hilft nur eines: ihn unter Wein halten – – Und obwohl Kurt Kemper sonst immer ihren Weingenuß einzudämmen versuchte, läßt er sich jetzt willig Glas um Glas füllen und empfindet es wohltuend, daß sie ihm gegenübersitzt und mit ihm schweigend trinkt.

Langsam leert sich die Bar. Nur ein junger Mann hockt noch auf einem der hohen Stühle und versucht ein bißchen Lärm zu machen.

»Ich glaube, Kurt, es wird Zeit ...«, sagt Gabriele.

Er zieht die Brieftasche, legt einen Schein hin. Mit schwerer Zunge murmelt er: »Du läßt dir wohl herausgeben ...« Gabriele denkt: wie wenig er doch verträgt! An ihm hätte mein Vater keinen Partner gehabt ...!

Mit dem Aufgebot aller Kraft steht er stramm am Tisch. Sie aber faßt ihn unter dem Arm, nicht so, um von ihm geführt zu werden, als um ihn zu stützen. Sie gehen langsam, und sie hat Zeit, ihm zu sagen, daß sie sich ein besonderes Zimmer mit Bad genommen. Sie nennt ihm sogar die Nummer. Er nickt stumpf: ja ja.

»Aber wenn du willst, Kurt, ich bringe dich hinauf.«

»Nein, nein. Nicht nötig.«

Im ersten Stock steigt sie aus dem Lift. Der Form halber legt sie ihren Handrücken an seine Lippen.

»Also gute Nacht, Kurt. Schlaf' nur recht lange. Und morgen beraten wir alles.«

»Ich werde den Herrn auf 87 führen«, sagt der Nachtportier, stützt Dr. Kemper leicht unter dem Ellbogen, schließt die Tür auf und knipst das Licht an: »Wenn der Herr Doktor sonst noch etwas wünscht – das Telephon steht auf dem Nachttisch.«

»Ja ja, ist gut.«

Kurt Kemper schließt sich nicht einmal ein. Er löscht nur das Licht, wirft den Smoking ab und fällt quer über beide Betten.

*

So fest hat er geschlafen, daß er es nicht gemerkt, wie der Hausdiener Gabrielens Schrankkoffer aus dem Zimmer nahm. Sie hatte ihm den Auftrag gegeben, ganz leise anzuklopfen. Als keine Antwort erfolgte, hatte er die Klinke herabgedrückt. Es kam oft vor, daß Herren, die »schwer geladen waren«, in offenen Zimmern schliefen.

Es war zehn Uhr, als das Telephon bei Kemper läutete. Und es dauerte eine Weile, bis ihm das Läuten ins Bewußtsein drang.

»Ja ...?«

Er richtet sich auf und nimmt das Hörrohr mechanisch von der Gabel. Frisch und kühl klingt Gabrielens Stimme. Er erkennt sie nicht gleich, kann sich im ersten Augenblick nicht zusammenreimen, welche Frau ihn duzt und wieso es kommt, daß Gabriele nicht im Zimmer ist.

»Na Kurt, ausgeschlafen? Es wird Zeit. Ich schicke dir gleich einen Expreßbrief hinauf. Du mußt doch sofort nach Lörnach telephonieren. Wenn du mich vorher sprechen willst – ich bin im Lesezimmer.«

»Ja, gut.«

Im Lesezimmer. – Warum war sie nicht hier oben bei ihm? Daß er gleich hätte alles mit ihr bereden können. – – Im Lesezimmer! Da durfte er antreten. Frisch rasiert. Korrekt gekleidet. War er ihr Hampelmann, daß sie ihn bestellte?! ... Kalte Gereiztheit erfüllt ihn, so daß er kaum zum Bewußtsein des Geschehenen kommt. Aber als er dann an sich herunterblickt, auf das verknitterte weiche Smokinghemd, die aufgelöste schwarze, schmale Binde, das verdrückte schwarze Beinkleid, da dämmert in ihm die Reihenfolge der gestrigen Geschehnisse auf. Orgiastischer Liebeswahnsinn – Theresens Tod – gesoffen ...! Gesoffen bis zur Selbstvergessenheit!

Ein Boy bringt den angekündigten Expreßbrief. Der Umschlag ist aufgeschnitten – Gabriele kennt also den Inhalt. Um so besser. So ist sie im Bilde. Er selbst will ihn erst lesen, wenn er fertig ist mit seiner Toilette. In diesem Aufzug ist er nicht dispositionsfähig. Er, der fast immer eine Stunde braucht, ist diesmal in zwanzig Minuten angekleidet. Zum Fenster, das er geöffnet hat, dringt der erste kalte Spätherbstwind herein, den er sich um den Kopf wehen läßt. Dann bestellt er starken schwarzen Kaffee. Und als das Kännchen dampfend auf dem Tisch steht, verlangt er nach dem Hausdiener: sein Anzug soll ausgebügelt werden. Hat er nicht noch einen Auftrag? ... Er merkt es gar nicht, daß er alles Mögliche zum Vorwand nimmt, um den Brief nicht gleich zu lesen. Der starke Kaffee gibt ihm endlich Mut.

Er überfliegt die Zeilen, mit einer Beklemmung, die er nie gekannt, mit einer an Wut grenzenden Nervosität, in der alles Mitleid untergeht. Daß ihm, gerade ihm, so was passieren mußte! ... Daß es ihm von der kleinen Theres' kommen mußte, die doch immer so rücksichtsvoll war! ... In seinem Büro lag sie – als Leiche. Nein, nicht mehr. Diese Nacht hatte man sie ja abgeholt ... Hatte das tote Kind ihr vielleicht in die Arme gelegt ... sein Kind!

Und er sollte disponieren – –! Keine zehn Minuten dauert es, und er hat seinen Prokuristen Wagner am Telephon. Das erste, was er sagt, ist: »Mein Büro muß sofort verlegt werden in den Neubau!« Dann verlangt er, man solle ihm Vorschläge machen wegen der Beerdigung. Den Kollektivkranz der Arbeiter will er bezahlen. Dann darf ein Kranz mit großer Schleife von der »Direktion« nicht fehlen.

»Beerdigung welcher Klasse? ... Zweiter? ... Schön.«

»Mutzmann und der Verwalter sollen mitgehn. Ein Steinkreuz bestellen.«

»Inschrift?«

»Egal. Sie machen das schon alles, Wagner. Der Geldpunkt spielt keine Rolle. Und der Junge ist gut untergebracht? ...«

Kurt Kemper fragt nicht wo und wartet auch gar keine Antwort darauf ab: »Wenn ich zurückkomme, dann besprechen wir alles Nähere. Sonst noch was Geschäftliches?« Sein Ton wird wieder fester. Er wiederholt die gehörten Worte: »So, die Berliner Kartonnagenfabrik hat neue Vorschläge gemacht? ... Will einen größeren Abschluß haben? ... Das trifft sich ja ganz gut. Ich wollte jetzt sowieso nach Berlin, um die Likörlieferungen zu besprechen ... Doch ja, in vier, fünf Tagen bin ich wohl zurück.« Nun muß er sich doch einen Ruck geben: »Bestellen Sie meiner Frau schöne Grüße. Ich schreibe ihr aus Berlin ... Ja ja, lieber Wagner, alles recht so ... Danke, danke. Also Briefe und überhaupt Post – nur Wichtiges, bitte – ins Excelsior.«

Das war wohl das anstrengendste Telephongespräch, das Kurt Kemper je geführt hat.

Es ist ein Viertel nach elf. Er stürzt die dritte Tasse Kaffee herunter, zündet sich eine Zigarette an, setzt den Hut auf, nimmt den Mantel über den Arm und fährt hinunter ins Lesezimmer.

Das Lesezimmer ist leer, nur Gabriele sitzt im Schaukelstuhl und raucht.

»Na Kurt, alles erledigt?«

Froh wie ein Gymnasiast, der seine Prüfung bestanden, antwortet er: »Ja. Alles. Und jetzt hole ich mir meinen Lohn.« Er beugt sich über sie und sucht ihre Lippen.

»Haltung, bitte! Haltung!«

»Eiszapfen, du!«

Sie lacht. Alles an ihr ist Frische und elastische Energie. Sie streicht ihm mit dem Handrücken leicht gegen den Magen: »Turnen, lieber Kurt! Turnen! ... Zum mindesten Freiübungen.«

Er stimmt in ihr Lachen mit ein:

»Fehlt nur noch Punktroller! ... Übrigens, Gabriele – mit dem Nachmittagszug fahren wir nach Berlin. Habe dort ein paar Tage zu tun.«

»Trifft sich gut. Muß ohnehin meinen Garderobenbestand erneuern ... Geschäftlich was Neues?«

»Nichts Besonderes. Nur die Kartonnagenfabrik ...«

*

Seit dem Festabend im Hause Kemper ist in Lörnach viel über die Fabrik getuschelt worden. Am Gerichtsstammtisch im »Blauen Stern« fallen allerlei Bemerkungen über Fräulein Schorneder. Es heißt, daß der Untersuchungsrichter besonderes Interesse für sie hat. Man weiß nicht recht, hat er ihr bereits einen Heiratsantrag gemacht und ist abgewiesen worden, oder trägt er sich noch mit dem Entschluß, es zu tun. Seine Bemerkungen sind immer ein bißchen bissig, und immer wieder kommt er auf den merkwürdigen Brand der Lampions zurück. Der Herr Amtsrichter findet es auffällig, daß Dr. Kemper jetzt so oft verreist, und fast immer in Begleitung seiner Schwägerin.

Der Untersuchungsrichter fühlt sich berufen, Gabrielens Ehre zu schützen:

»Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Schorneder Mitinhaberin der Fabrik ist und doch ein Riesengeld investiert hat.«

»Hoffentlich verliert sie es nicht«, sagt der Staatsanwalt.

»Es taugt eben nichts, wenn eine Frau, unberaten selbständig über ein so großes Vermögen verfügen darf«, meint der Untersuchungsrichter.

»Ich glaube, die wird sich nicht viel sagen lassen – auch von ihrem Manne nicht!« wirft der Amtsgerichtsrat ein und fügt hinzu: »Die Weine im Kemperschen Hause sind ja fabelhaft, seitdem sie da ist! ... Ich glaube, der Haushalt verschlingt jetzt wohl das Fünffache von früher.«

»Ja. Es wird ungeheuer vergeudet«, bestätigt der Untersuchungsrichter mißbilligend.

Der Staatsanwalt lächelt überlegen: »Das kommt unserem guten Kemper sehr entgegen – er war immer ein Sybarit.«

»Und war nie unempfindlich für Frauenreize!« ergänzt der junge Assessor, der gerne den Schwerenöter spielt.

»Es heißt, daß die Arbeiterin, die man heute beerdigt hat, ihrem Fabrikherrn ziemlich nahestand«, sagt gewichtig der Untersuchungsrichter. »Man erzählt sich die tollsten Geschichten über ihren Tod. Wenn nicht Kemper nachweislich verreist gewesen wäre, es gäbe zu denken ... Na überhaupt, die Kempersche Fabrik – der reine Liebeshof.«

Der Amtsgerichtsrat streift die Asche von seiner Zigarre ab: »Tja, meine Herren ... was soll man in einem so gottverlassenen Nest anderes machen als lieben! Ist noch das billigste und erreichbarste Vergnügen ...«

Die Herren lachen leise vor sich hin.

»Da redet man immer von der Verderbtheit der Großstadt«, näselt der Assessor. »Hat man denn aber auch bedacht, wieviel Ablenkung die Großstadt schafft? ... Als ich in Mannheim war, hatte ich nicht den zehnten Teil Zeit, um meinen erotischen Neigungen nachzugehn. Hier hat man endlos Zeit – aber keine Gelegenheit. Preisfrage: Was ist wertvoller, Zeit oder Gelegenheit?«

»Wenn die ganze Geschichte mit Fräulein Schorneder nur nicht mit einem Kladderadatsch im Kemperschen Hause endet! ...« meint der Staatsanwalt. »Sie hat da noch eine Zofe mit ... auch so ein Bombenmädel ... Ich glaube, die hat hier Zeit und Gelegenheit gefunden! ... Ich vermute es nämlich nach den Andeutungen des Kemperschen Dieners, der gerne zu mir kommen wollte, weil er seine Kündigung erwartet. Aber offen gestanden, mir widerstrebt es, einen Dienstboten aus befreundetem Hause zu nehmen. Es kommt nichts Gutes dabei heraus.«

»Wenn ich das Recht hätte, Fräulein Schorneder einen Rat zu geben«, wirft der Assessor schneidig ein, »so würde ich ihr sagen: machen Sie, daß Sie mit Ihrer Zofe aus Lörnach herauskommen. Sie sind von zu großem Format für so ein Nest! ...«

»Sie braucht nur den richtigen Mann zu finden«, weist der Untersuchungsrichter ihn zurecht. Der Stammtisch wird ihm nachgerade ungemütlich. Vielleicht hat er sich auch seinen Kollegen zu sehr entdeckt. Jedenfalls will er, sowie Gabriele Schorneder zurückkommt – rasch und energisch auf sein Ziel lossteuern. Erkundigungen, die er in Berlin über ihre Vermögenslage eingezogen hat, steigern seinen Mut ins Unendliche. »Also guten Abend, meine Herren ...«

Ein Händeschütteln in der Runde – und ein langes Schweigen nach seinem Fortgang. Er ist eigentlich keinem am Stammtisch recht sympathisch, aber die Stadt ist zu klein und hat zu viele Ohren, um eine Bemerkung hinter ihm drein zu machen. Man muß in einer kleinen Stadt viel überhören und zu vielem schweigen. Darin aber sind sich alle im stillen einig: seit der Anwesenheit von Kempers schöner Schwägerin und der Vergrößerung der Fabrik hat die Gemütlichkeit im »Blauen Stern« recht nachgelassen. – –

* * *

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