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Die Frau ohne Mann

Olga Wohlbrück: Die Frau ohne Mann - Kapitel 11
Quellenangabe
authorOlga Wohlbrück
titleDie Frau ohne Mann
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectid1b5797a4
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Toni ist gerade im Begriff, Robby zu Bett zu bringen, als Kurt aus der Fabrik herüberkommt. Nun ist der von ihr so gefürchtete Augenblick da. Wie werden Kurt und Gabriele einander begrüßen? ... Was werden sie einander sagen – oder nicht sagen können? ... Kurt hat ihr ja so gut wie gar nichts erzählt von den Berliner Tagen ...! Sie braucht nichts zu wissen – und darf alles vermuten ... So glücklich war sie über die wiedererwachte Zärtlichkeit, die ihr Mann ihr zeigte und die ihren Ursprung wohl in der Dankbarkeit hatte, daß sie durch keine Frage es gewagt hatte, ihn an die Wochen zu erinnern, da sie geglaubt, ihn für immer zu verlieren! ... Seine Freude an dem Jungen, der doch sein Fleisch und Blut war, mußte ihn ja mit der Zeit über alles hinwegbringen, was sich Trennendes zwischen sie gestellt hatte! ... Aber – sie hatte nicht damit gerechnet, daß Gabriele schon so bald wiederkommen würde, hatte wie Alle, die sonst keine Hilfe mehr sehen, nur auf die Hilfe der Zeit gerechnet! ... Und nun war durch die Katastrophe Mutzmann alles anders gekommen – –! Sie konnte aus dem Glasgang nicht mehr sehen, ob Licht im Büro ihres Mannes aufflammte – ob er da war. Wann er kam, wann er ging, und wagte auch nicht herüberzutelephonieren, um nicht den Anschein zu erwecken, als kontrolliere sie ihn. Sie konnte nichts tun, als warten auf das, was von ihm kam! ...

Denn – wenn sich auch vieles so seltsam parallel entwickelt hatte in ihrer und der Mutzmannschen Ehe – etwas mußte sie doch vor der unseligen Frau voraus haben! ... Mochte auch der Föhnwind über beide Häuser alle Schwere seines drückenden Atems ausgehaucht haben – ihr hatte das Schicksal wenigstens die Gesundheit gelassen, um ihm zu widerstehn, und ein Kind in die Arme geworfen, das stark genug war, mit seinen kleinen Händen das Dach über ihrem Hause zu halten ...

»Schlaf, mein kleiner Robby ... schlaf jetzt! ...«

Da gerade tritt ihr Mann herein. Ganz verfallen sieht er aus. Er beugt sich über das Kind, das beide Arme um seinen Hals legt. Gut tut das nach all dem furchtbaren Elend und Grauen, so ein wasserfrisches kleines Körperchen an sich zu drücken und sich zu sagen: Mein Kind! ... Und auch jetzt, wie jedesmal, wenn er daran denkt, greift er nach Tonis Hand.

Toni fühlt, das ist mehr, als er ihr mit Worten sagen könnte. Und jedesmal ist ihre innere Bewegung so groß dabei, daß sie ganz stumm bleibt, um das Übermaß ihres Glücksempfindens nicht plump zu zerstören.

»Kommst du ein bißchen herein, während ich mich umkleide? ... Das war heute ein heißer Tag!« sagt er. Er wirft Rock und Hemd ab und läßt sich von der Waschtischbrause überrieseln.

Toni mag es gern, wenn er so prustend und blinzelnd unter dem Wasserguß steht. In früheren Jahren waren es sogar die lustigsten Augenblicke ihrer Ehe. Er wurde mitteilsam dabei und konnte ausgelassen werden wie ein Bub. Unwillkürlich, wie früher, hält sie ihm das große Frottiertuch bereit. Er fühlt mit Behagen, wie das Blut wieder stärker und rascher in seinen Adern kreist unter dem eifrigen Reiben und Klopfen ihrer kleinen Hände. Und sie fragt, als wäre es etwas ganz unwichtig Nebensächliches:

»Hast du Gabriele schon gesehn?«

Das Frottiertuch hängt gerade vor seinem Gesicht, so daß sie dessen Ausdruck nicht erkennen kann.

»Nein. Noch nicht. Ich hörte nur auf dem Gericht, daß sie sich mit unglaublicher Energie beim Untersuchungsrichter für Elisens Entlastung bemüht und auch Erfolg gehabt hat. Das Mädel ist ja eigentlich auch nur ein Opfer der Klatschsucht und der Verkettung ungünstiger Umstände. Wirklich zu bedauern ist nur Mutzmann!«

»Warst du bei ihm?«

»Bei ihm nicht. Aber er wurde dem Verwalter und mir auf Grund unserer Aussagen vorgeführt. Und – weißt du, Toni, wie er so hereingeführt wurde und sein Blick auf mir haften blieb in einer – ich möchte sagen: kindhaften Ratlosigkeit, da ... hatte ich das Gefühl, daß Unterlassungssünden oft die größten Verbrechen sind ... Und diese Unterlassungssünde war mein Verbrechen ...!«

Toni versteht nicht:

»Was meinst du damit? ...«

»Ich wollte aus Basel einen Spezialisten zur Mutzmann bringen. Nicht daß er sie geheilt hätte. Aber seiner Autorität wäre es gelungen, die Frau aus dem Haus und in die Klinik zu schaffen! ... Und so wäre nicht geschehen, was Mutzmann jetzt abbüßen muß.«

Toni fragt nicht, warum er diese Unterlassungssünde begangen ... auch die gehört ja in die Zeit, da er kaum verantwortlich zu machen war für sein Tun und Lassen.

Das schrille Läuten der Hausklingel tönt gedämpft herein.

»Nanu, es kommt doch hoffentlich niemand? ... Ich bin heute wirklich nicht in der Stimmung.«

Toni läuft zur Tür: »Ich werde dem Mädchen sagen, daß sie jeden abweist.« Gleich darauf kommt sie zurück: »Nur der Depeschenbote. Es ist heute schon das viertemal, daß er Depeschen bringt aus Berlin. Von diesem Lord ... wie heißt er doch gleich? ...«

»Lord Carwell! Merk dir den Namen, Toni! Wir bekommen vornehme Verwandtschaft ...!«

Jetzt hört sie die Bitterkeit heraus aus dem Ton seiner Stimme und fühlt, daß er noch nicht fertig ist mit seinem Erlebnis.

Und wieder erwacht ihre Angst.

»Können wir dann gleich essen?« fragt sie gedrückt.

»Ja, bitte. Laß auftragen.«

Und wieder hat sie das Empfinden, daß sie aus dem Zimmer geschickt wird. Sie selbst geht hinüber zu Gabriele:

»Das Abendbrot steht gleich auf dem Tisch.«

Gabrielens sonst so schön gehaltenes Arbeitszimmer liegt da in der Unordnung eines plötzlich unterbrochenen Packens.

»Hat jemand Zeit, ein Telegramm aufzugeben, Toni? ... Carwell ist wirklich sehr aufmerksam. Hat gleich gestern abend die zweite Kammerfrau seiner Tante und den alten Diener des Hauses nach Berlin beordert und fragt jetzt an, wann ich in Berlin eintreffe.«

»Du fährst also gleich wieder fort?«

Gabriele streicht ihr über die Wange:

»Ja, kleiner Angsthase – gleich morgen. Was ich hier zu tun hatte, ist geschehn – nun hält mich nichts mehr.«

Toni möchte sich jetzt der Schwester an den Hals werfen. Nein – von Gabriele braucht sie nichts mehr zu fürchten. Wenn nur auch – Kurt so weit wäre! ...

Gabriele wirft rasch ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier: es ist die Ankündigung ihrer Rückkehr nach Berlin.

Kurt wartet im Eßzimmer. Er geht Gabriele ein paar Schritte entgegen und ... atmet erleichtert auf, da er sieht, daß Toni nicht mit hereingekommen ist.

– – Wie ruhig sie doch ist, denkt Kurt Kemper: Steht dem Mann gegenüber, der sie als erster in den Armen gehalten, und ist so gelassen, als wäre nie etwas gewesen ...!

– – Wie erregt er doch ist, denkt Gabriele: Hat so viele Verhältnisse gehabt und steht jetzt vor mir, als hätte ich ihm eine Welt genommen ...!

Sie reichen sich die Hände, aber Gabriele läßt es nicht zum Handkuß kommen.

»Wo nur Toni bleibt ...« sagt er mit leichter Gereiztheit in der Stimme: wie ungeschickt und kleinbürgerlich ist es doch von ihr, ihm gleichsam eine Aussprachemöglichkeit zu bieten ...! Worüber sollen sie sich denn noch aussprechen ...? Er vergißt völlig, daß er seiner Frau ja nichts erzählt hat.

»Toni ist so freundlich, eine Depesche von mir an Carwell auf die Post zu schicken.«

Er will losfahren – sie denkt also wirklich ernstlich daran, diesen Carwell zu heiraten! Aber mit äußerster Beherrschung unterdrückt er jedes Wort. – – Was geht's ihn jetzt auch schließlich an, wen sie heiratet ... was geht ihn ihr Leben an, ihre Zukunft? ... Aber gleich darauf kommt ihm in den Sinn, was er über Unterlassungssünde gesprochen. Nein – noch einmal will er sich nicht schuldig machen! Noch einmal will er nicht ein Menschenleben auf dem Gewissen haben! ...

Er faßt sie an beiden Armen:

»Höre, Gabriele! Wenn du unsert– ... wenn du meinetwillen diese Ehe eingehst – dann darfst du es nicht tun. Ich schwöre dir, daß ich nie ...«

Sie unterbricht ihn, und der ihm so vertraute leicht spöttische Zug legt sich um ihren Mund:

»Um ... deinetwillen? ... Ach nein, Kurt, das glaubst du wohl selbst nicht.«

Und obwohl ihre Stimme weich ist dabei, so ist ihm doch, als hätte sie mit einem Messer das letzte Band durchschnitten zwischen ihm und ihr.

Nichts ließ ihm diese Frau – – nicht einmal die Wohltat einer Illusion – –!

Und dennoch fühlt er, daß hinter Gabrielens Entschluß Tieferes steckt als plötzlich erwachter gesellschaftlicher Ehrgeiz – – – Was war es nur, das sie in diese unfaßliche Ehe hineintrieb? ... War sie, die soviel von ihrem Vater hatte, etwa auch in eine Niederung hinabgestiegen, aus der sie sich nur durch diese Heirat befreien konnte ...?? Hatte sie sich, wie sie sich einst ausdrückte, in der Liebe »proletarisiert« ...?? Aber zu wem, zu wem? ... Ganz plötzlich, mit erschreckender Deutlichkeit, steht das Bild des Eintänzers Harry Milton vor ihm. Er schreit fast auf:

»Gabriele! Du wirst doch nicht ...«

In diesem Augenblick tritt Toni herein.

»So, nun wollen wir auch gleich essen«, sagt sie.

Das Gespräch wird allgemein. Träge und schwer stolpert es dahin. Mutzmann ist Ausgangs-, Elise Endpunkt.

»Ich glaube, Mutzmann wird leicht davonkommen. Es besteht die Neigung, anzunehmen, daß er seine Frau nur bedroht hat. Immerhin wird es ihm kaum möglich sein, nach, wenn auch noch so kurzer Gefängnisstrafe, an seine alte Arbeitsstätte zurückzukehren.«

»Nun, Kurt, ich meine, das Haus Kemper hat Verbindungen genug in anderen Städten, um den Mann gut unterzubringen.«

Toni nickt eifrig und beistimmend: »Ja, nicht wahr, Gabriele.«

»Jedenfalls werde ich einen kleinen Geldbetrag für den Mann festlegen ... zum Wiederaufbau seines Lebens. Denn wäre meine Elise nicht gewesen – na, lassen wir das alles. Mein Vater pflegte zu sagen: das Konto ›Hätt' ich‹ und das Konto ›Wär' ich‹ sind in die Bilanz nicht mit aufzunehmen! ...«

Stumm trinken sie ihr Glas Burgunder leer, den Toni heute ausnahmsweise auf den Tisch gestellt hat.

*

Mit großer Feierlichkeit wird Gabriele Schorneder von ihrer zukünftigen Tante Lady Carwell-Payne in dem altertümlichen Schloß empfangen. Der weißhaarige Haushofmeister hat ein ganzes Zeremoniell entworfen – das gleiche, wie zum Einzug der jetzigen Besitzerin. Tausende von Kerzen erleuchten die Riesensäle mit den steifen, prunkvollen Möbeln und den in Lebensgröße gemalten Ahnen in schweren Goldrahmen. Die breite, zweigeteilte Marmortreppe, die in den ersten Stock hinaufführt, wo sich die Gesellschaftsräume aneinanderreihen, ist mit den kostbarsten und in dieser Jahreszeit seltensten Blumen geschmückt. Am Fuß der Treppe steht Lord Carwell und überreicht Gabriele drei weiße Rosen in einem goldenen Kelch, der mit kostbaren Edelsteinen verziert ist. An seinem Arm führt er sie die Treppe hinauf, bis über die Schwelle des ersten Saales, wo Lady Carwell-Payne auf einem roten, rollbaren Liegediwan ruht. Nicht einmal die Umrisse ihrer Gestalt lassen sich unter der seidenen Decke erkennen.

»Sie müssen verzeihen, meine Liebe, daß ich nicht aufstehe, um Sie zu empfangen – aber ich bin eine Mumie. Ich mute Ihnen auch nicht zu, mir einen Kuß zu geben. Denn Mumien küßt man nicht gern. Aber ich bin glücklich, Ihre blonde Schönheit unter meinem Dach zu beherbergen, und werde noch glücklicher sein an dem Tage, an dem ich Sie als meine Nichte vorstellen kann.«

Dieser Prunk und diese bei aller Freundlichkeit so formelle Anrede bringen Gabriele fast aus der Fassung. Nur ihre Weltgewandtheit hilft ihr über diese ihr ungewohnte Lage hinweg.

Die Tafel ist in dem riesengroßen Paradespeisesaal gedeckt. Lady Carwell-Payne wird durch eine verschiebbare Rückenlehne in eine sitzende Stellung gebracht. Sie präsidiert an der Schmalseite des langen Tisches, in dessen Mitte Gabriele und Lord Carwell einander gegenübersitzen. Dunkelrote Ramblergirlanden bilden die einzige Verbindung zwischen der Lady und dem Paar und laufen aus in einen großen Blumenaufbau, der ein Drittel der unbesetzten Tafel einnimmt. Hinter jedem der zwei hochlehnigen, wappengeschmückten Stühle steht ein Diener, zu beiden Seiten des Liegestuhles der Lady warten zwei schlanke junge Mädchen in schwarzen Atlaskleidern und spitzendurchsetzten Batistschürzen auf. Der greise Haushofmeister leitet den Tischdienst von einer niederen, einen großen Teil der Längsseite des Saales einnehmenden Kredenz aus.

Gabriele denkt: schade – man hätte ein Tischtelephon anlegen sollen. Aber offenbar ist es im Hause der Lady Carwell-Payne nicht üblich, bei Tisch zu sprechen. Denn sie selbst bleibt völlig stumm, und auch Lord Carwell macht keine Anstalten, die Stille zu unterbrechen. Die Speisen werden in rascher Aufeinanderfolge gereicht, und die Gläser, kaum daß man an ihnen genippt, vom Tisch abgeräumt. So ähnlich mag wohl das Schauessen sein, das gekrönte Häupter an besonderen Tagen veranstalten – – Und wieder denkt Gabriele: ich glaube, Carwell ist verrückt, daß er mich hierher gelockt hat! ... Als letztes wird ein Glas Sekt zum Viertel gefüllt. Lord Carwell erhebt sich und sagt:

»Darf ich Sie im Namen meiner Tante, Lady Carwell-Payne, in ihrem Hause willkommen heißen!«

Damit hat das erste Diner im Hause Carwell sein Ende gefunden.

Gabriele ist sehr hungrig, als sie aufsteht. »Was kommt nun?« fragt sie sich.

»Jetzt wollen wir noch ein Stündchen gemütlich plaudern, meine Liebe«, sagt Lady Carwell-Payne.

Unter dem Vorantritt des Haushofmeisters wird ihr rollendes Lager zu einem Aufzug geschoben, der sie mit den zwei jungen Mädchen in das obere Stockwerk bringt.

»Wir gehen wohl zu Fuß die Treppe hinauf, meine teure Gabriele ... Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?«

Gabriele funkelt ihn kampflustig mit den Augen an:

»Ich dachte, der offizielle Teil des Programms wäre erledigt? ... Danke. Ich gehe lieber allein.«

»Sie sind entzückend, Gabriele! ... Ich liebe sogar Ihre Unarten.«

Es liegt Gabriele gar nicht daran, wie ein ungezogenes kleines Mädchen betrachtet zu werden. So legt sie denn ihre Fingerspitzen auf den Arm des Lords und paßt ihren raschen energischen Schritt den langsamen Bewegungen des dürren, vornehmen Gestells an. Diese Langsamkeit ist Absicht: es muß der Lady Carwell-Payne Zeit gegeben werden.

Denn als Gabriele den mit echten Gobelins behängten Raum betritt, ist die alte Lady bereits umgebettet. Auf einem Malachittisch steht ein großes Silbertablett mit Weinen aller Art in Kristallflaschen, Whisky und Soda. Lange Strohhalme ragen aus einem hohen, silbernen Becher, und ein kleinerer Tisch, in der Höhe des Liegestuhls, ist der alten Dame zur Seite gerückt. Zu beiden Seiten des Kamins, aus dem zwei halbe Baumstämme den Schein ihrer rot prasselnden Glut ins Zimmer werfen, stehen zwei Lehnsessel. Mammutgroß.

Lord Carwell setzt sich Gabriele gegenüber:

»Ich glaube, Sie bevorzugen Burgunder ...?«

Sie nickt stumm. Ein Diener rückt jetzt kleine Tische heran, mit Whisky für Carwell und Burgunder für Gabriele. Soviel sie erkennen kann, denn die Lady liegt im Schatten, schlürft auch sie Whisky mit Soda. Nach einer Weile entfernt sich die Dienerschaft. Die drei Menschen bleiben allein.

Gabrielens Lider werden schwer unter der schläfrigen Atmosphäre, die sich im Raum verbreitet. Die größte Eigenschaft Lord Carwells in Gabrielens Augen war von jeher seine Schweigsamkeit, und auch jetzt empfindet sie dieses Schweigen als eine Wohltat. Wenn sie die Augen schließt, kann sie sich um Jahre zurückversetzen, da sie noch ihrem Vater gegenübersaß und das Leben noch glatt und blank vor ihr lag. Sie erinnert sich, daß ihr Vater schon damals ihre Heirat mit Lord Carwell sehr befürwortete. Ihr damaliges Nein war vielleicht die einzige Verstimmung, die sie Herrn Schorneder bereitet hatte. Aber damals wäre sie wirklich nicht reif gewesen für die Einsargung ihres Lebens. Denn eine Einsargung war es – das fühlte sie. Aber es war ihr recht so.

»Lady Carwell hat die Absicht, nächste Woche einen großen Empfang Ihnen zu Ehren zu geben. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden, liebe Gabriele?«

Es war Gabriele, als hätte sie schon geschlafen.

»Einen Empfang ...? Aber gewiß.«

Sie denkt: jetzt werde ich vorgeführt – wie ein Rassepferd oder ein Rassehund. Eigentlich ist sie immer vorgeführt worden! Auch damals in Lörnach! ... Und wieder verfällt sie in diesen eigentümlichen lethargischen Zustand, in dem sich Traum und Wirklichkeit vermischen und in dem sie fast schmerzhaft eine Sehnsucht empfindet, die einem Menschen gilt, den sie nicht kennt und der allein durch seine Berührung ihr Glücksgefühl gegeben. Aber jetzt noch steigt ihr die Schamröte in die Schläfen, wenn sie sich vergegenwärtigt, wieweit sie sich vergessen und wie sie hatte erkennen müssen, daß sie nur eine war von vielen ... sie, Gabriele Schorneder! Das konnte nur gelöscht werden, wenn sie ihren Namen eintauschte gegen einen anderen – einen der vornehmsten des Landes. Vielleicht, daß sie mit dem anderen Namen eine andere Haut überstreifte, die auch ihre Seele umwandelte –?

Geräuschlos tritt ab und zu ein Diener herein, füllt die leeren Gläser, fragt nach neuen Befehlen, entfernt sich wieder. Es ist alles schattenhaft, unwirklich, unzusammenhängend, sinnlos – –

»Sie scheinen müde, Gabriele? ... Darf ich Sie zu Ihren Zimmern geleiten?«

»Schlafen Sie recht gut, mein Kind«, sagt Lady Carwell-Payne und winkt ihr mit der Hand zu. Sie liebt es offenbar nicht, wenn man sie berührt, und ist erfreut, daß Gabriele das instinktmäßig erfaßt und sich damit begnügt, beim Abschied leicht mit der Hand über die Decke zu streichen.

Der lange breite, mit schweren Teppichen belegte Gang rundet sich an seinem Ende zu einem Flur, von dem aus Gabrielens Appartement beginnt: fünf modern eingerichtete Zimmer mit elektrischem Licht. Die »Zimmer von Miß Schorneder«. Gleich im ersten grüßt sie das Bild ihres Vaters – ihr offizieller Salon.

»Ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen.«

Sie nickt ihm freundlich zu:

»Gewiß. Und ich hoffe, Sie werden mir das Vergnügen machen, öfters eine Tasse Tee bei mir zu trinken.«

»Ihre Kammerzofe ist ganz in Ihrer Nähe untergebracht. Ich habe Miß Ellis zwei Zimmer anweisen lassen und angeordnet, daß sie ihre Mahlzeiten mit unserem alten Haushofmeister einnimmt.«

Gabriele hält Lord Carwell die Hand hin:

»Sie haben an alles gedacht ... ich danke Ihnen.«

Er entfernt sich, und Gabriele atmet tief auf. Die Luft ist kühler und freier um sie herum. Sie geht durch die Zimmer und sieht, daß Elise bereits überall die ihr gewohnte Ordnung geschaffen. Aber zum ersten Male empfindet sie diese ihr gesetzmäßig scheinende Ordnung als etwas ihr Feindliches. Als würde sie gewaltsam zurückgestoßen in eine Vergangenheit, der sie entfliehen will. Will!

Sie mag nicht mehr klar denken – voraussehen – berechnen ... Es ist ja doch alles anders gekommen, als sie es einst erwartet hatte – – mochte das Schicksal sie jetzt tragen, da sie selbst es nicht hatte zwingen können!

Elise hilft ihr beim auskleiden. Ist es das Licht, die Nachwirkung der Reise – die jungstrotzende Kraft scheint von Elise abgefallen. Sie ist beinahe mager geworden, und ihre sonst lebhaft geröteten Wangen sind von blaßgrauer Färbung.

»Hat sich inzwischen noch etwas in Lörnach ereignet?« fragt Gabriele.

»Sie haben ihn zu einem Jahr Gefängnis verurteilt«, sagt Elise ausdruckslos.

»Haben Sie ihn wiedergesehn?«

Elise schüttelt den Kopf:

»Nein. Er wollte nicht ... Ich wär' zu ihm gegangen, weil Frau Doktor so zuredete – aber er wollte nicht. Ist ja auch besser so.«

Eine Weile ist es still zwischen beiden Frauen, dann:

»Mister Johnsen, der Haushofmeister, meinte, ich solle jetzt nicht Fräulein, sondern Miß Schorneder sagen –«

»So, meinte er ...? Nun – so sagen Sie's ruhig.«

Dieses Miß vor ihrem Namen ist ja auch so ein Stückchen schützender neuer Haut ...!

*

Miß Schorneder, die Tochter des verstorbenen, bedeutenden deutschen Großindustriellen, hat sich bald einen gesonderten Platz in der englischen Gesellschaft erobert. Die erste Befremdung über diese Verlobung des Lord Carwell hat sich gelegt. Allerlei Gerüchte von einer romantischen Vorgeschichte stimmen die Damen nachsichtig und neugierig. Sie sind der Lady Carwell-Payne beinahe böse, daß sie diesen romantischen Gerüchten eine so nüchterne Erklärung der bevorstehenden Vermählung gibt.

»Mein Neffe ist der letzte Carwell, und wir sind – ich muß es offen gestehen – die ziemlich degenerierten Überbleibsel unseres Geschlechts. Da tut frisches, gesundes Blut not. Alle meine Bestrebungen, meinen Neffen zu verheiraten, sind bisher fehlgeschlagen. So hätte ich denn meine Einwilligung zu einer Heirat gegeben, auch wenn er mir ein Bauernmädchen gebracht hätte. Denn ich will Kinder sehn! Kinder, die den Namen Carwell tragen! ... Zum Glück ist es kein Bauernmädchen, sondern eine vollendete Lady.«

Allerdings – sie war eine Lady, diese Miß Schorneder. Aber Kinder ...? Das glaubte wohl Lady Carwell-Payne selbst nicht! ... Sie war ja so klug: war Miß Schorneder erst Lord Carwells Frau, so ließ sich bald ein Vater für deren Kinder finden! ...

Und schon jetzt wird auf den und jenen »getippt«, der Anwartschaft haben könnte auf Carwells Nachkommenschaft. Seit vielen Jahren hat der Landsitz der Lady Carwell-Payne – nur zwei Stunden Autofahrt von London entfernt – nicht so viele Gäste beherbergt wie in diesen Monaten. Bälle, Routs, Hauskonzerte, Parforcejagden ... die Schloßherrin war erfinderisch. Jede Möglichkeit ist ihr recht, ihre schöne künftige Nichte in den Wirbel des elegantesten Gesellschaftslebens zu stellen.

Die reizvollsten Frauen kreisen um Lord Carwell, als wollten sie ihn ablenken von den Bemühungen jener, die sich in Kenntnis von Lord Carwells Unzulänglichkeiten schon jetzt um Gabrielens Gunst bewerben. Die wegen ihrer scharmanten Bosheiten in der Gesellschaft berühmte Counteß Osterfield sagt eines Tages achselzuckend:

»Ich glaube fast, ein Bauernmädchen wäre für die Absichten der Lady Carwell-Payne besser gewesen, als diese Miß Schorneder mit ihren bürgerlichen Instinkten. Was geschieht, o Himmel, wenn sie ihrem Gatten eine treue Frau sein will? ...«

Von jeher haben die Carwells der englischen Gesellschaft Gesprächsstoff geliefert. Aber in keinem Jahr vielleicht soviel wie in diesem. Man erzählt sich von tollen Wetten, die Lord Carwell abgeschlossen und die er zum Teil gewonnen, zum Teil verloren hat. Alle geben zu, daß er sich in beiden Fällen immer als Gentleman benommen. Man spricht von Trinkgelagen, bei denen der Lord Unfaßbares geleistet, von Ritten, die denen eines amerikanischen Cowboys glichen, von märchenhaften Geschenken, die er seiner Verlobten macht – und wundert sich nur über eines: daß die von der alten Lady gewünschte baldige Hochzeit immer wieder hinausgeschoben wird.

Wieder ist es Counteß Osterfield, die hinter ihrem Fächer Vermutungen ausspricht, die selbst von den Gläubigsten bezweifelt werden. Sie gibt vor, bemerkt zu haben, daß der kleine Viscount von Rackshire ein besonderes Interesse an dem Zeitpunkt der Hochzeit nimmt:

»Ich glaube, beinahe annehmen zu dürfen, daß er gewettet hat, Vater der Carwellschen Kinder zu werden.«

Gabriele ahnt nicht, wie sumpfig der Boden ist, auf dem sie steht. Ihr ist alles nur Ablenkung von sich. Und es kommt vor, daß sich ihrer eine flüchtig dankbare Regung bemächtigt für den Mann, der ihr diese Ablenkung schafft. Nur selten noch kommt es zu den Abenden, da sie mit der alten Lady und Carwell allein im Gobelinzimmer sitzt und das Gespräch träge und leise durch den von Alkoholdunst erfüllten Raum schwebt. Meist ist dann Gabriele so müde, daß es ihr schwer fällt, die Augen aufzuhalten. Manchmal wagt sie es, in dem Halbdunkel des Gemachs die Augen zu schließen, schreckt aber dann plötzlich auf, als fühle sie den brennenden Blick Carwells. Er bemerkt diese Bewegung und wendet die Augen von ihr ab. Die alte Lady aber, die die leidenschaftliche Verliebtheit ihres Neffen mit der Feinfühligkeit einer einst viel Umworbenen spürt, begreift nicht, warum gerade er es ist, der die Hochzeit immer wieder unter allen möglichen Vorwänden hinauszuschieben sucht. Der Winter ist seinem Ende nahe, der letzte Empfang bei Hofe findet in wenigen Wochen statt, und Gabriele muß vorgestellt werden. Die Courrobe mit den köstlichen Spitzen aus dem Carwellschen Hausschatz und der anknüpfbaren Schleppe aus blauem Samt, mit der halbmeterbreiten Goldstickerei, an der dreißig junge Mädchen sechs Wochen hindurch im Schloß gearbeitet, hängt seit Tagen im Glasschrank des großen Garderobenzimmers.

»Wie wäre es, meine Liebe, wenn Sie uns jetzt den Genuß verschafften, Sie in Ihrer Courrobe zu bewundern. Es ist dies auch zugleich eine Erleichterung für Sie. Unterschätzen Sie nicht die Schwierigkeit, eine solche Robe mit Anmut und ohne Fährnisse bis vor die Stufen des Thrones zu bringen.«

Es klingt fast doppelsinnig. Und in der Bitte liegt, wie immer, ein Befehl. Eigentlich imponiert Gabriele diese »Mumie«, die aus der Tiefe ihres Rollagers heraus die verschlungenen Fäden des gesellschaftlichen Lebens so fest in der Hand hält. In ihrer inneren Zerrissenheit empfindet es Gabriele sogar als Wohltat, sich diesem starken Willen zu fügen.

Die alte Lady drückt auf den an ihrem Lager angebrachten Klingelknopf und gibt Auftrag, die Paradesäle unten zu erleuchten und ihr Ruhebett auf den bei großen Festlichkeiten vorgesehenen Platz zu rollen. Miß Ellis soll heraufgeholt werden, um den Kammerfrauen zu helfen, Miß Schorneder die Courrobe anzulegen.

Es hat Gabriele immer mit Staunen erfüllt, wie rasch all solche Befehle ausgeführt wurden. Und es sind kaum wenige Minuten verstrichen, so steht sie selbst in dem großen taghell erleuchteten Garderobenraum, in dessen Mitte der Glasschrank gerollt ist, aus dem die Frauen das schwer wiegende Wunderwerk aus Spitzen und Gold herausnehmen. Die Spiegelwände werfen ihr Bild von allen Seiten des Raumes zurück. Die erste Kammerfrau der alten Lady bringt den Familienschmuck: das Diadem mit den unwahrscheinlich großen Rubinen und Brillanten, das Halsgeschmeide und die schweren Armreife. Die Fassung ist nicht modern, aber Gabriele dünkt sie schöner, als die funkelnden Steine, deren Größe sie in ihren Augen fast entwertet. Elise streift ihr die Goldschuhe über mit den Brillantspangen, und die zweite Kammerfrau legt ihr den hermelingefütterten blauen Abendmantel um die Schultern.

»Fehlt nur noch der Schleier«, sagt die erste Kammerfrau. »Aber der ist noch in Arbeit, da man den Brautschleier ja doch früher braucht.«

Elise werden immer die Knie weich, wenn sie an die bevorstehende Vermählung denkt. Ihr stecken noch die Schrecknisse der Lörnacher Tage in den Gliedern, und mit dem Aberglauben der Halbbildung zieht sie Schlüsse aus den Geschehnissen: vielleicht ist es das Schicksal von Gabriele Schorneder, daß die Höhepunkte ihres Lebens zu Katastrophen führen ...? Hier wie in Lörnach dringt Dienstbotenklatsch durch Schlüssellöcher und Ritzen der verschlossenen Türen. Wie hungrige Hunde nach einem Bissen schnappen, so lungern die Diener nach dem Fetzen eines hingeworfenen Gesprächs, der ihnen Aufschluß zu geben scheint über das, was ihre Herrschaft ihnen gegenüber geheim hält. Und die große Halle im Erdgeschoß, in der sich die von den Besuchern mitgebrachten Chauffeure, Diener und Jungfern mit dem Dienstpersonal des Schlosses treffen, ist ein nie erkaltender Herd, auf dem das Gift dunkler Nachrede brodelt. –

» She is beautiful!« sagt die erste Kammerfrau zu Elise, indem sie ihr aus Höflichkeit die Schleppe zum Tragen überläßt.

Und » She is beautiful«, murmelt auch Lady Carwell-Payne, als Gabriele unter Vorantritt des Haushofmeisters durch den mit Hunderten von Kerzen erleuchteten Paradesaal schreitet.

Auch der dreimalige tiefe Hofknix bereitet Gabriele keine Schwierigkeit.

»Ist sie nicht wundervoll?« fragt die alte Lady ihren Neffen. Und begreift nicht, daß er ihr nicht antwortet. Begreift auch nicht die Blässe seines Gesichtes. Wie immer sich die Ehe auch gestalten mag – – für ihn muß es doch ein Hochgefühl sein, von dieser Frau zu sagen: »Meine Frau« ...! Sie ist sogar ein bißchen ärgerlich auf ihn, und sie muß ein Machtwort sprechen!

Sie winkt Gabriele näher zu sich heran: »Ich danke Ihnen, Liebe, daß Sie mir diesen Genuß verschafft haben. Ihr künftiger Gatte darf stolz auf Sie sein.«

»Sie sind sehr gütig.«

Zu Carwell gewendet, sagt die alte Dame: »Ich erwarte dich im Gobelinzimmer, nachdem du Miß Schorneder in ihre Zimmer geleitet hast.«

Carwell verneigt sich kurz und stumm.

Der Haushofmeister legt Gabriele die schwere Schleppe über den Arm: »Die Kammerfrauen erwarten Miß Schorneder unten.«

Lord Carwell führt Gabriele zum Aufzug. Er ist mit ihr allein in dem goldenen Käfig. Mitten auf der Fahrt drückt er auf den Knopf – der Aufzug hält. Er ist totenblaß:

»Gabriele ... ich bitte Sie ... entbinden Sie mich von meinem Ehrenwort.«

Sie sieht ihn groß an:

»Aber Lord Carwell ...!«

Sie fühlt plötzlich seine heißen Hände um ihre Gelenke, seinen Atem an ihrem Gesicht, seine durstigen Lippen auf ihrer tief entblößten Schulter.

Sie reißt sich los.

»Verzeihen Sie ...«, murmelt er. »Verzeihen Sie ... Nehmen Sie an, es wäre ein Abschied. Ein Abschied von allem, was des Lebens Glückseligkeit ausmacht ... aber – es soll kein Abschied von meiner Ehre sein!« Und noch leiser, kaum vernehmbar, wiederholt er: »Verzeihen Sie.«

Fast steigt Mitleid in ihr auf. Aber der Abscheu vor der körperlichen Nähe dieses Mannes ist größer.

»Noch einmal will ich mich Ihrer Ehre anvertrauen«, sagt sie und drückt auf den Knopf, der den goldenen Käfig wieder aufsteigen läßt.

Oben angekommen, sagt Lord Carwell zum Diener, der die Tür öffnet: »Lassen Sie den Lift nachsehen, bevor Sie meine Tante hinaufbringen. Wir sind eben stecken geblieben.«

Elise und die Kammerfrau empfangen Gabriele auf der Schwelle ihres Salons. Sie läßt sich auskleiden wie eine Puppe.

– – – sollte es möglich sein, daß ein Lord Carwell sein Ehrenwort nicht hält? Ihre Zähne schlagen gegeneinander wie im Fieber.

»Gewiß hat sich Miß Schorneder in dem großen Saale erkältet!« sagte Elise.

Gabriele nickt: »Ja ... es war ein bißchen kühl.« Und sie bestellt heißen Burgunder.

Ungeduldig wartet Lady Carwell-Payne im Gobelinzimmer auf ihren Neffen. Sie ist es nicht gewöhnt, zu warten. Erst die dumme Geschichte mit dem Lift, der stecken geblieben war – und jetzt die Meldung, Seine Lordschaft mache einen Rundgang durch den Park! ... Da erinnert sie sich, daß er so bleich war, als er vorhin neben ihr stand. Sie bestellt heiße Getränke und gibt Auftrag, ihr sofort zu melden, wenn ihr Neffe ins Schloß zurückkehrt. Dann wartet sie. Wartet mit der immer zunehmenden Spannung eines Menschen, der keinen Aufschub mehr für die Verwirklichung seines gefaßten Entschlusses duldet. Sie will das endgültige Datum der Hochzeit jetzt festlegen und keine Widerrede zulassen! Sie wird unerbittlich sein und den Hemmungen ihres Neffen den unbeugsamen Widerstand ihres Willens entgegensetzen! Wenn er Schwierigkeiten macht, wird sie ihm mit Enterbung drohen! Und – das muß ihn treffen! Ihn, der nichts besitzt, als was ihr unermeßlicher Reichtum ihm zubilligt. Mit zäher Zärtlichkeit hat sie an ihm, dem letzten Carwell, gehangen, und in ihrer fanatischen Liebe zu dem letzten Vertreter des alten Geschlechts die Strenge außer acht gelassen, die aus ihm ein nützliches Mitglied der Gesellschaft gemacht hätte. Sie hatte seine Launen geachtet mit der Nachsicht einer Mutter, die sie nie gewesen, seine Ausschweifungen geduldet in der Angst, ihn aus ihrer Nähe zu verbannen, seine Laster beschönigt, um den Klang seines Namens nicht zu beeinträchtigen. Unehrenhaft war ein Carwell nie gewesen! Und diese Ehrenhaftigkeit, die auch ihm natürliche Grenzen zog, hatte ihr unerschütterliches Vertrauen gegeben.

»Ich bitte um Vergebung, wenn ich warten ließ«, sagt Lord Carwell beim Eintreten. Der Ton seiner Stimme ist von ungewohnter Müdigkeit.

»Die Stunde war zum mindesten seltsam gewählt für einen Spaziergang. Ich will den Frühling dafür verantwortlich machen ... Aber nun, mein Lieber, scheint es mir an der Zeit, der Gesellschaft keinen Anlaß zum Gesprächsstoff zu geben.«

»Diesen Gesprächsstoff wird sie immer finden, und ärgerlich ist sie nur gegen jene, die ihr einen solchen Anlaß vorenthalten.«

»Nun, du hast reichlich dafür gesorgt, daß er nie ausging.«

Er steht noch immer.

»Machen Sie es kurz, liebe Tante ... Sie wollen den Tag meiner Vermählung festsetzen – ist es so?«

»Ja. Aber den endgültigen. Morgen muß Johnsen die Anzeigen drucken lassen und sofort nach Fertigstellung versenden.«

»Sie wollen wohl ganz London zu dieser Feier einladen?«

»Nachdem du ganz London Jahre hindurch das Schauspiel deiner extravaganten Junggesellenvergnügungen geboten hast, scheint es mir richtig, wenigstens dem exklusivsten Teil den Beweis deiner Bekehrung zu liefern.«

Ein nervöses Lächeln verzerrt seine Lippen:

»Einem reuigen Sünder wird viel vergeben, liebe Tante.«

Wieder hört sie etwas Ungewohntes aus seinem Ton heraus. Etwas Resigniertes. Sie möchte einlenken, ihm ein gutes Wort sagen. Aber ihre rauhe, an kurze Befehle gewöhnte Stimme findet den klanglichen Ausdruck der Zärtlichkeit nicht. So fragt sie nur:

»Willst du den Tag festsetzen?«, und ist bereit, einen späteren Zeitpunkt als den von ihr gewünschten anzunehmen.

Fast ungläubig sieht sie ihn an, da er ihr einen – noch früheren Termin nennt.

»Ist Ihnen doch wohl so recht?«

Und wieder denkt sie – der Frühling ...

»Gut, mein Lieber. Ich danke dir.«

Aber sie ist nicht glücklich über dieses plötzliche Zugeständnis. Und als bange ihr vor einer neuen Auseinandersetzung, vor Erklärungen, die neue Konflikte heraufbeschwören könnten, läutet sie ihren dienenden Mädchen und sagt mit dem Anflug eines Lächelns:

»Ich werde gut schlafen heute nacht ...!«

*

Alle großen Blätter Londons zeigen die Vermählung des Lord Carwell mit Miß Schorneder, der in der englischen Gesellschaft so gefeierten deutschen Schönheit, an.

Elise sucht alle Zeitungen, die darüber berichten, zusammen, um sie nach Lörnach an Frau Dr. Kemper zu schicken. Dazu schreibt sie einige Zeilen »im Auftrage des Fräulein Schorneder, da diese selbst nicht imstande ist, auch nur eine halbe Stunde ihrer Zeit der Korrespondenz zu widmen.

... Der Empfang im Schloß, nach der Trauungsfeier, wird wohl an fünfhundert Gäste bringen. An den Empfang schließt sich ein dinner, zu dem sechzig Einladungen ergangen sind. Die Gemächer von Lord und Lady Carwell sind im zweiten Stock vorgesehen. Auf Miß Schorneders Wunsch ist die Kerzenbeleuchtung beibehalten worden. Die Einrichtung ist altertümlich und von unglaublicher Pracht. Eine wahre Sehenswürdigkeit ist das Hochzeitsgemach, in das, einer alten Überlieferung gemäß, die Neuvermählten von den nächsten Verwandten und Freunden des Hauses geleitet werden. Das große Bett steht unter einem Baldachin, auf einer Erhöhung, zu der vier Stufen hinaufführen. Die Wäsche ist aus feinster Seide, mit irischen Spitzen durchbrochen. Vier Herren geleiten den Bräutigam, vier Damen die Braut zu einer Seite des Bettes, wo jedem der Neuvermählten ein loses, weißseidenes Gewand übergeworfen wird, worauf der Braut Schmuck und Schleier, dem Bräutigam aber die Hochzeitsblume aus dem Frack genommen werden. Dann ziehen sich die Herren und Damen zurück. Die schweren Türflügel werden von Dienern zugezogen, und der Haushofmeister dreht den großen goldenen Schlüssel im Schloß um, den er mir, als der ersten Kammerfrau der jungen Lady, aushändigt. Natürlich ist die Absperrung nur scheinbar, aber ich glaube doch, daß es einen unheimlichen Eindruck macht. Es ist hier überhaupt vieles so merkwürdig. Aber die alte Lady hält an den Gebräuchen fest. Hoffentlich kommt Miß Schorneder auch nach der Heirat gut mit der alten Dame aus. Gnädige Frau wissen ja schon, daß die Tante seit dreißig Jahren gelähmt ist. Es gehen hier über jeden Menschen so seltsame Geschichten um, daß es einem schwer fällt, sie zu glauben. So heißt es, daß die alte Lady in jungen Jahren den Reitknecht einmal zu sich bestellte, um Verschiedenes für den Ausritt des nächsten Tages zu besprechen – allerdings zu ungewöhnlich später Nachtstunde. Der alte Lord Carwell, der nur sehr selten das Schlafgemach seiner Frau betrat, wollte ihr gerade in dieser Nacht einen Besuch abstatten. Es muß schrecklich gewesen sein, was sich da in diesem Zimmer abgespielt hat. Draußen lag tiefer Schnee, und es war eiskalt. Den Reitknecht hat man nie mehr gesehn. Schloßbedienstete fanden die Lady bewußtlos im Schnee unter dem geöffneten Fenster ihres Schlafzimmers, ihr waren beide Beine erfroren. Der Lord gebärdete sich sehr verzweifelt, und man sagte, daß die Lady in einem Anfall von Mondsucht aus dem Fenster gefallen sei. Die Ärzte wollten die Beine amputieren, aber die Lady ließ es nicht zu. Sie zog es vor, ihr Leben lang auf dem Ruhebett zu liegen. Der alte Lord soll dann der liebevollste und aufmerksamste Gatte gewesen sein. Und als die Eltern des Verlobten von Miß Schorneder starben, nahm er den Knaben zu sich. Es wurde viel getrunken, gejagt und gespielt in dem alten Schloß, und der junge Mann wuchs in großer Freiheit auf. So ist es wohl gekommen, daß er später ein recht zügelloses Leben führte. Hoffentlich bereut Fräulein Schorneder ihren Entschluß nie. Ich habe oft große Angst um sie, aber Frau Doktor wissen ja, es ist fast unmöglich, Fräulein Schorneder von dem abzubringen, was sie sich vorgenommen hat. Ich kann es nicht begreifen, warum das alles so gekommen ist.

Ich danke auch, daß sich gnädige Frau so freundlich nach mir erkundigen. Wenn die Sorge um Fräulein Schorneder nicht wäre – ich könnte mich hier recht wohl fühlen. Ich habe ganz gut Englisch gelernt und viele gute Bücher gelesen, die mir Fräulein Schorneder gegeben hat. Denn die Zeit wird mir manchmal sehr lang. Früher hatte ich noch häusliche Obliegenheiten, jetzt aber habe ich immer nur zu befehlen und darf mich gar nicht mit dem befassen, was sie hier niedere Arbeit nennen. Im Sommer werde ich mir vielleicht im Garten zu schaffen machen oder aber, wenn ich Erlaubnis bekomme, einen Kursus durchmachen für Kranken- und Kinderpflege.

Mit ergebener Empfehlung, auch an Herrn Doktor, verbleibe ich
Ihre dankbare Elis'.

P. S. Dem kleinen Robby schickt Fräulein Schorneder demnächst ein hübsches Kinderauto.

Ich sende auch den Herrschaften die illustrierten Blätter, die Fräulein Schorneders Toiletten abgebildet haben, ebenso wie die Courrobe, die Fräulein Schorneder bei der Defiliercour im Königlichen Schloß als Lady Carwell tragen wird.

Toni ist so vertieft in die Lesung dieses Briefes, daß sie es gar nicht bemerkt, wie spät es geworden ist. Ihr Mann kommt jetzt immer so spät aus der Fabrik, gönnt sich kaum Ruhe. Aber es geht vorwärts, wie er selbst sagt. Von der Vergangenheit spricht er fast gar nicht, und zu Robby steht er, als wenn der Junge von jeher sein und Tonis Kind gewesen wäre. Die Lörnacher und Basler Bekannten Kempers haben ebenfalls die Vorgeschichte des Kleinen fast vergessen, und über die tragischen Ereignisse, deren Schauplatz die Lörnacher Fabrik gewesen, scheint Gras gewachsen zu sein. Die nie auszurottende Klatschsucht kreist um nichtssagende Dinge und verursacht keine Dramen mehr. Toni war nie so glücklich wie jetzt. Nie so unbeschwert von Angst um ihren ehelichen Frieden. Elisens Brief wirkt auf sie wie das abschließende Kapitel eines spannenden Romans, dessen erste Kapitel sie vergessen hat. Sehr neugierig betrachtet sie die Abbildungen von Gabrielens Kleidern und empfindet fast einen Kleinmädchenspaß, wenn sie sich selbst in diese Kleider hineindenkt. So entwächst ihr Gabriele wieder als Schwester und mit ihr alles Gewesene. Ja selbst Elise, der sie in schweren Tagen zur Seite gestanden, obwohl sie kein Verständnis aufbrachte für die fast haßerfüllte Abkehr von dem Manne, dem sie sich gegeben.

Als sie von den Zeitungen aufblickt und auf die Uhr sieht, erschrickt sie über die späte Stunde. Sie will gerade hinübertelephonieren, als Kurt Kemper eintritt.

»Ein Brief von Elise, Du! Den mußt du lesen.«

Sie ist noch so erfüllt von allem, was sie aus England erfahren, daß sie es gar nicht bemerkt, wie bleich ihr Mann ist. Nur sein matter Ton fällt ihr auf, mit dem er sagt:

»Von Elise ... so? Na, ich muß vor allem was essen. Mir ist ganz elend.«

Toni schiebt ihm die Platten zu, legt ihm auf, bestreicht sein Brot mit Butter – betulich, eifrig. Er stürzt ein Glas Bier herunter.

»Ich sag's ja, du überarbeitest dich, Kurt. So ... nun iß. Ich werde dir den Brief vorlesen.«

»Ja ja, lies.« Er ist müde.

»Also was sagst du dazu? ... Nein was sagst du dazu?« unterbricht sie sich selbst nach jedem zweiten Satz. »Aber so red doch, Kurt! ...«

Nach einigen Bissen legt er die Gabel nieder. Toni sieht ihn erschreckt an – – ja, geht ihm das immer noch so tief mit Gabriele? ...

»Soll ich weiterlesen?« fragt sie plötzlich zaghaft.

»Gewiß, ja, lies weiter.«

»Aber du sagst ja gar nichts ...?«

»Mir kam nur in den Sinn, wie verschieden sich die Erlebnisse auswirken: Fräulein Elise erste Kammerfrau in einem englischen Schloß ... hat nur zu befehlen ... und der Mutzmann hängt sich in seiner Zelle auf ...!«

Toni fallen die Arme auf den Tisch:

»Der Mutzmann – erhängt – –?«

»Ja ... So haben sie ihn in der Zelle gefunden.«

»Ja warum denn, um Gottes willen ...? Du hattest ihm doch eine Stelle in Mannheim ... Und es war doch auch Geld da für ihn ... von Gabriele ...?«

»Ja, Toni ... Es war alles da. Nur der Glaube nicht mehr an den eigenen Wert! ... Diesen Glauben hätte ihm nur die Liebe einer Frau geben können. Aber er war nur ihre Lust!« – – –

* * *

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