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Die Frau ohne Mann

Olga Wohlbrück: Die Frau ohne Mann - Kapitel 10
Quellenangabe
authorOlga Wohlbrück
titleDie Frau ohne Mann
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectid1b5797a4
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Elise zieht die seidenen Bezüge von den Kissen der Ottomane, faltet die Decke, wickelt sorglich die einzelnen Gegenstände vom Schreibtisch in Papier und Holzwolle. Nimmt Buch für Buch aus der Bibliothek heraus und bündelt die Bände zwischen Pappdeckeln zusammen, damit sie nicht Schaden leiden beim Transport. Im Hof unten klopfen die Putzfrauen die kostbarsten Teppiche aus Gabrielens Zimmer, und ein Lörnacher Tapezierer nimmt die Gardinen ab und die Beleuchtungskörper. Elise verfährt genau nach den Weisungen ihrer Herrin. Sie tut es automatenhaft, mit der Sicherheit jahrelanger Übung.

Dann endlich ist der ersehnte Brief Gabrielens gekommen. Es sind meist Bestimmungen in trockenem Ton: die großen Möbel sollen in der Wohnung zurückbleiben, nur die Bücher, Bilder und kleineren Gegenstände sind zu verpacken. Das Bild des Herrn Schorneder sei mit besonderer Sorgfalt zu behandeln. Den Inhalt der Garderobenschränke dürfe Elise, mit Ausnahme einiger Pelze und echten Kimonos, für eigene Rechnung verkaufen. Eile wäre geboten, denn in spätestens vierzehn Tagen müsse Elise sich bereit halten, mit nach England zu fahren. Ihre Adresse sei bis dahin Berlin, Hotel Adlon, wohin auch Anfragen zu richten seien und die Nachricht, daß alles bereit wäre.

– – sie soll also mit nach England! ... Elise weiß, daß dies unmöglich geschehen kann. Sie weiß aber auch, daß sie hier nicht bleiben kann. Schlaflos liegt sie des Nachts in ihrem Bett, tobt gegen ihr Schicksal, gegen die Knechtung durch das eherne Gesetz der Natur. Nur bei Dunkelheit wagt sie es, das Haus zu verlassen, in ständiger Furcht, Mutzmann könne sie gesehen haben und ihr nachgegangen sein. Sie hat Angst vor ihm. Spürt seine Bereitschaft zur Gewalttätigkeit. Erkennt ihm jedes Recht ab, über sie zu bestimmen, kann es nicht fassen, daß sie ihm unterlegen, daß sie ihr stolz gewahrtes Jungferntum an ihn weggeworfen. Warum gerade an ihn ...? – – aber wie ein Herr hatte er ausgesehn, damals, als er um sie herumstrich in lockendem Werben ...! Und wenn sie mit ihm ausging, da war es ihr, als passe kein anderer Mann so gut zu ihr wie er! Als sei keiner so stattlich und ihrer so würdig! ...

»Darf man herein, Fräulein Elise?«

Es ist der Diener Joseph, der sich verabschieden kommt. Sie bleibt hocken in der kauernden Stellung, hinter einer offenen Bücherkiste:

»Sie sind noch da? Ich dachte, Sie wären schon längst über alle Berge ...«

»Na, man kann doch nicht so einfach losstürmen ... als hätte man was auf 'm Kerbholz. Hab' ja, wie sich's gehört, ein gutes Zeugnis bekommen und könnte vielleicht schon was kriegen hier in Lörnach ... oder in Freiburg. Es hängt ja eigentlich nur von Ihnen ab, Fräulein Elise, ob ich hier bleibe ...«

»Wüßte nicht, wieso ...?«

»Na, tun Sie bloß nicht – Und wenn Sie vernünftig wären, dann würden Sie selbst sehen, wo Ihr Glück liegt! ... Haben ja doch gewiß was Erspartes – das legen wir zu dem meinigen dazu und kaufen uns hier irgendwo eine Gastwirtschaft ... Es kann auch ein kleines Hotel sein, wenn Fräulein Schorneder was dazugibt ...«

»Das haben Sie sich ja fein ausgedacht, Joseph.«

Ihr Widerwillen gegen ihn ist so groß, daß sie ihm kaum ins glattrasierte Gesicht sehen kann, aus dem die kleinen grauen Augen immer so lauernd herausstechen.

»Welchen Grund hätte wohl Fräulein Schorneder, mir Geld für den Ankauf eines Gasthauses zu geben ...?«

»Na, ich meine, Sie könnten doch, wenn Sie wollten, allerlei erzählen – – so allerlei, was den Herrschaften hier vielleicht nicht ganz angenehm wäre ... meine ich ...«

»Ach, so einer sind Sie? ... Na, das hätte ich mir ja eigentlich denken können. Also – gute Reise.«

Ihre Finger basteln nervös an der Schleife eines Bindfadens. Sie spürt seine Nähe, ohne daß sie ihn sieht.

»Gute Reise, hab' ich gesagt! Also was wollen Sie noch von mir? ...«

»Ihr Bestes, meine Liebe! ... Was ich Ihnen zu bieten habe, ist mehr als die paar Groschen, die Ihnen für jahrelange Dienste zugeworfen werden können!«

»Das wäre? ...«

»Einen Namen für Ihr Kind ...! Ist das zu wenig??«

In gläserner Starre richten sich Elisens Augen auf ihn:

»Was faseln Sie denn? ... Wieso, mein Kind? ...«

Er begegnet ihrem Blick mit Gleichmut:

»Ach was – noch 'n paar Wochen, und die Spatzen pfeifen es von den Dächern! Oder glauben Sie vielleicht, die arme Frau Mutzmann sieht sich die Schose stillschweigend und vergnügt an? ... Seien Sie froh, wenn Sie hier mit heiler Haut herauskommen aus dem Nest!«

Grünliche Blässe hat Elisens Wangen überzogen: mit welchem Recht sprach der Mensch so zu ihr?! ... Stockend sagt sie:

»Frau Mutzmann ist krank. In ihrer Eifersucht bildet sie sich alles Mögliche ein ...«

»Sogar, daß Sie ihr Gift in die Medizin schütten möchten!«

»Das ist doch Wahnsinn!!«

»Schon möglich. Aber wenn ihr heute plötzlich was passiert, dann ... Was machen Sie denn, wenn Sie vorgeladen werden, hm? ... Kann sich zehnmal herausstellen, daß Sie unschuldig sind – die Leute zeigen ja doch mit Fingern auf Sie. Und wenn Sie dann erst den Mutzmann heiraten und Sie ihm das Kind als Hochzeitsgeschenk auf den Tisch legen ... na, ich garantiere für gar nichts ...!«

»Ein richtiger Schuft sind Sie, Joseph!! Machen Sie, daß Sie rauskommen! ... Oder –«

»Oder Sie rufen den Mutzmann zu Hilfe, wie? ... Können Sie sich sparen. Ich geh' schon ... Aber ich bin nicht nachtragend ... Wenn Sie zur Vernunft gekommen sind, dann schreiben Sie mir postlagernd Freiburg ... Halte mich vorläufig zur Verfügung.«

Ihre Kräfte drohen sie zu verlassen. Sie bewegt nur die Lippen, tonlos. Das Blut rast auf und nieder in ihrem Körper. Ihr Kopf fällt vornüber, über den Rand der zu dreiviertel gefüllten Kiste. Nie gekannte Schmerzen ziehen wie an Strängen ihre Lenden entlang. Wecken Sie aus der halben Ohnmacht. Jagen sie in irrer Angst an das Fenster, durch das die Abenddämmerung ins Zimmer schleicht.

Jetzt muß sie sich auf den Weg machen – – gerade jetzt – bevor noch Feierabend ist! Bevor noch Mutzmann den Hauseingang umkreist. Sie wirft einen Mantel um. Stülpt einen alten Filzhut auf, mit breitem Rand, den sie hier noch nie getragen, steckt Geld in ihr Täschchen, ohne zu zählen. Und liest noch einmal die hastig aufgeschriebene Adresse von einem Zettel. Zerreißt den Zettel, Straßenname und Nummer haben sich ihr eingegraben – für alle Zeiten ... Wenn sie nur nicht so groß wäre – – ihre Größe verrät sie! ... nimmt ihre ledernen Morgenschuhe. Geht mit weichen Knien, wie eine alte Frau.

Sie fährt zusammen. Unten auf dem Hof rollt es: Brennholz wird abgeladen vor dem Verwalterhaus. Mutzmann klagte vor ein paar Tagen, es sei nicht zum aushalten vor Hitze in den Stuben, aber die Frau kachele ein wie verrückt! Er könnte ihr nicht Holz genug anschleppen! ... Heute abend hat Mutzmann also Arbeit – – Wird Holz spalten im kleinen Schuppen – und nicht Zeit finden, zu ihr heraufzukommen – – Es gibt ihr wieder Mut. Und ungesehen drückt sie sich an dem hochbeladenen Holzwagen vorbei, der sie vor den Mutzmannschen Fenstern verbirgt.

Sie geht. Sie stürmt. Trotz der Schmerzen, die immer wiederkommen, immer rascher, immer heftiger aufeinanderfolgen. Sie kennt die Straße nicht, zu der sie ihre Schritte lenken muß. Fragt Vorübergehende. Erst ein Kind. Dann einen Mann. Und noch einen: als könnte schon der Name der Straße, wenn sie eine Frau fragt, ihre Absicht verraten. Steht dann ratlos in der zunehmenden Dunkelheit in einer winkeligen Gasse, die belebter ist als die anderen. Sie kann die Hausnummer nicht erkennen. Schreitet die Häuserfront auf jeder Seite zweimal ab – –

»Sie suche wohl die Nummer dreiundzwanzig, Fräulein Elis'?«

Wie angewurzelt bleibt sie stehn. Es ist dieselbe Verwandte von Frau Mutzmann, die sie damals auf ihrem Spaziergang mit ihm getroffen.

»Warum ... glauben Sie ... dreiundzwanzig ...?«

»Ich hab' mir's halt gedacht, Fräulein Elis'. Weil's e gute Hebamm' ist. Hat mei Schwester vor zwei Jahr' entbunde! Aber ... dann ist ja noch eine ... weiter drunte' ... in Nummer zweiunddreißig. Zu der möcht' ich Ihne freili nit rate! 's heißt, die macht unsaubere Geschäft'! Hat schon a mal mit dem Gericht z'tun g'habt!«

Elise ist, als narre sie ein böser Traum:

»Was wollen Sie denn mit den Hebammen ...? Ich wollte in eine Drogerie ... für ein Putzmittel.«

»Ja was ... Putzmittel kriegen's doch überall.«

»Aber nicht das.«

Eigensinnig beharrt Elise, als könnte das allein sie retten:

»Es hinterläßt keine Flecken – verstehen Sie? ... Wird trocken eingerieben!«

»'s also ein Pulver? Aha! ... Na – dann will ich nit weiter aufhalten, Fräulein Elis'. Am End' der Straße, da ist so eine Drogerie. Oder – soll i mitgehn?«

»Nein, nein, danke. Ich find' mich schon allein zurecht.«

Aber das Mädchen bleibt unbemerkt von Elise stehn und verliert sich erst im Gewühl der aus den Läden kommenden Angestellten, als sie Elise in die Drogerie eintreten sieht.

Eine Viertelstunde später läutet Elise an der Parterrewohnung des Hauses Nummer 32. Aber niemand macht ihr auf.

Da schlägt sie den Mantel fester um ihren vor Frost zitternden Körper und schleppt sich langsam nach Hause.

*

»Der Joseph ist heut' bei mir gewesen, seine Visit' machen zum Abschied.«

Frau Mutzmann gefällt sich manchmal darin, ein feineres Wort zu gebrauchen. Visit' ... Als sie heiratete ... da hatte sie auch ein »Visitenkleid« mitbekommen in die Ehe. Aus schwarzer, raschelnder Seide, wie es die kleinbürgerliche Eleganz verschrieb in ihren Kreisen. Und im Laufe ihrer Ehe hatte sie es viermal umändern lassen, ohne es mehr als zweimal getragen zu haben. Aber es hing da, in dem Kleiderschrank, und sein Rascheln, wenn sie es streifte, erinnerte sie an bessere Tage. Als sie noch nicht so recht an den Tod glaubte und sie von ihrem Sterben mehr aus Sensationslust sprach, oder, um Mitleid zu wecken und doppelte Sorge um sie, hatte sie sich von ihrem Manne versprechen lassen, daß sie in dem schwarzen, raschelnden Kleid in den Sarg gebettet würde. Jetzt, da ihr der Tod im Nacken saß, mochte sie sein Rascheln nicht mehr hören und hatte es verbannt in die Tiefe des Schrankes.

»So? ... Also den Joseph sind wir nun los? ...« sagt Mutzmann und unterdrückt einen Seufzer der Erleichterung.

»Wer ›wir‹?« fragt Frau Mutzmann angriffsbereit. »Mir war der Joseph grad' recht. Ein höflicher Mann, durch den man auch manchmal was erfuhr ... aus der Stadt. Den hätt' ich gern meiner Kusin' Emmy als Mann zugeschanzt! ...«

»Ja ja. Die passen schon gut zusammen, die zwei Klatschmäuler.«

»Ja, wen hab' ich denn noch zum unterhalten?! ... Möcht' dich sehn, wenn du hier Tag um Tag auf'm Bett liegen müßtest ... allein ... und mit all den Gedanken, die ich so 'rumwälze im Kopf!«

Mühsam läßt sie die zu Stöcken abgemagerten Beine in den sackenden, braunen Wollstrümpfen vom Bett gleiten. Zu Ehren des Gastes wohl hatte sie ihren neuen gewürfelten Barchentschlafrock um ihren Körper gewunden, der nur noch ein Knochengerüst ist.

»Warum bleibst du nicht im Bett?« fragt Mutzmann.

»Weil ich friere und Holz nachlegen will. Aber es ist ja wieder keines da ...!«

»Ich dachte, bis morgen reicht's.«

»Es reicht eben nicht! Das siehst du doch ... Was soll ich mit den drei Scheit? Du schläfst die Nacht über. Aber ich – ich kann wach im Bett liegen und mich totfrieren!«

»Ich bring' dir dann noch welches herein. Sei friedlich.«

Mutzmann hat die Joppe abgeworfen und zieht das vom Maschinenöl befleckte Hemd über den Kopf. Dann gießt er Wasser aus der großen Blechkanne in die Waschschüssel.

»Willst du mir nicht ein frisches Hemd herausgeben?«

»Was denn? Schon wieder? Heute, am Freitag? ... Gehst wohl wieder auf den Bummel mit deiner Liebsten?«

»Schwatz kein dummes Zeug.«

»Immer, wenn ich die Wahrheit sage, heißt es: dummes Zeug! Möchte wissen, was an dem Frauenzimmer dran ist?! ... Der Joseph kreist auch um sie herum wie die Katze um den heißen Brei! Will sie sogar heiraten und eine Gastwirtschaft mit ihr aufmachen ...«

»Was ... die Elis' heiraten? ... Der Joseph?«

Mutzmann lacht überlaut und müht sich, den Knopf in den Hemdkragen hineinzuzwängen.

»Da ist gar nichts zu lachen – und es ist immer noch besser, sie heiratet den Joseph, als daß sie ... Weißt du, wo die Emmy sie getroffen hat?? ... In der Gasse, wo die Hebamme wohnt ... die, die mit dem Gericht immer zu tun hat!«

»Ist nicht wahr!« schreit Mutzmann.

»Na so geh' doch 'rauf und frag' sie!«

Mutzmann findet sich nicht in das Ärmelloch seiner Weste, vergißt, daß er noch einen Kragen umlegen wollte. Nur an eines denkt er: hinüberrennen. Sie zur Rede stellen! Sie nach dem Joseph fragen! Und ob es wahr ist, daß sie ...

Die blecherne Stimme seiner Frau macht ihn rasend.

»Und lügen kann die Person! Sagt der Emmy, daß sie ein Fleckenpulver aus der Drogerie holen muß ... gerade aus der Drogerie, die gegenüber von dem Hause ist, wo die Hebamme wohnt! ... Als wenn die Emmy ein kleines Kind wär', der sie alles vorerzählen könnte! ... Ausgerechnet nur da ist das Fleckenpulver zu haben! ... Hat vielleicht Gift geholt!! ... Weiß man denn bei so einer?? ...«

»Wirst du wohl endlich dein Maul halten!« schreit Mutzmann außer sich.

»So ist's recht ... nun schrei' mich noch an! Mich ... die ich meines Lebens hier nicht sicher bin!!«

»Kommst ja auch weg von hier! Morgen! ... Morgen kommst du in die Klinik, sag' ich dir! Ob du willst oder nicht.«

Der Kranken treten die Augen aus den Höhlen vor Entsetzen.

»Willst mich ans Messer liefern? ... Es geht dir wohl zu langsam, he? ... Versuch's nur! Versuch's!«

Und sie schreit immer wieder vor sich hin: »Versuch's! Versuch's nur! Versuch's nur!!« und merkt es nicht, daß Mutzmann schon längst aus der Stube heraus ist – ohne Kragen, nur in Hemdsärmeln. Bis ihr endlich seine Abwesenheit bewußt wird, sie das Fenster aufreißt und hinausstarrt. Der Wind reißt ihr den Schlafrock auseinander, ein unheimlich warmer, feuchter Wind – der Föhn. Der Föhn, der so viele Gesunde aufs Bett wirft, der Kranke toll macht! Der Föhn, der sie nächtelang wach hält! Der Föhn, der ihren Mann aus der Stube in den Hof treibt! Der die Weiber wie verliebte Katzen den Männern an den Hals fegt! Der Föhn, der Sehnsucht nach dem Tode und Grauen vor dem Sterben weckt!

In Elisens Zimmer brennt nur die Bettlampe. Furchtbares hat sich begeben. Die rasenden Schmerzen haben aufgehört – und das Leben in ihr. Sie wagt nicht, das Mittellicht der Decke einzuschalten. Wie im Fieberdelirium wiederholt sie Worte, die sich wie ein Kehrreim immer wieder auf ihre Lippen drängen: »... unter der Matratze ... unter der Matratze ...« – – – der rote Chiffonfetzen ... wie rotes Blut ... – – Sie wimmert. Sie stöhnt. Und gellend ruft sie dazwischen:

»Ich hab's nicht getan! ... hab's nicht getan!!«

Sie greift unter die Kissen. Faßt etwas Kaltes, Gläsernes. Schlafen! ... Alles überschlafen – – sich gesund schlafen! ... Nur nicht sehen, was unter der Decke geschehen ist ... Von nichts wissen ... schlafen ... Und sie nimmt eine Tablette ... Und noch eine ... Die dritte ... und trinkt das Wasserglas halb leer, das auf ihrem Nachttisch steht ... Und schüttet den ganzen Inhalt des Glasröhrchens hinein ... rührt mit dem Finger um ... setzt das Glas an die Lippen ... lacht vor sich hin: ich hab' ja noch eine Tube ... noch eine ... genug zum schlafen ... Hört wie durch einen dichten Nebel ein Klopfen, an der neben ihrem Zimmer liegenden Wohnungstür ... Mutzmann ... »Nicht zu sprechen ...«, lallt sie. »Gute Reise ...« Das Klopfen wird lauter. Dann läutet es. Ohne Unterlaß, wie toll ...

Elise erkennt noch die Schritte des Hausmädchens, hört das Klirren der Vorlegekette ... Mutzmann brüllt fast: »Schieben Sie die Kette zurück! Ich muß Elise sprechen!«

»Kommen Sie wieder, wenn Sie nüchtern sind, Herr Mutzmann! Sonst muß ich's dem Herrn Doktor melden.«

Wie ein Aufschluchzen klingt es, als Mutzmann ruft:

»Elis'! Hörst du mich? ... Ich bin's ... Will nur wissen, wie's dir geht!«

Das Hausmädchen ist erschüttert: »Warten Sie, Mutzmann ... bleiben Sie mal hier. Ich will fragen.« Und sie läßt Mutzmann wie einen Bettler hinter der vorgezogenen Kette stehn, klopft an Elisens verschlossene Tür:

»Mutzmann läßt fragen, wie's geht, Elise.«

Und sie faßt die Antwort nicht, die lallend herausdringt:

»Gute Reise ... gute ... Reise.« Wiederholt dem Mutzmann die Worte. Fügt hinzu:

»Elis' scheint doch sehr krank zu sein. Ich werde es gleich der Frau Doktor sagen, daß sie nach dem Arzt schickt.«

Mutzmann hat Mühe, zu begreifen. Nach dem Arzt – –? Die Angst packt ihn wie mit Zangen ... Wenn Elise wirklich etwas begangen – und wenn der Arzt kommt – – was dann ... was dann?

Gespenstisch fahl ist sein Gesicht, als er in seine Wohnung zurückkommt. Schlotternd sitzt seine Frau am offenen Fenster.

»Ich friere doch. Wo ist das Holz?«

Nicht einmal der Blechklang mehr ist in ihrer Stimme – als hätte ein Vogel sich zu Tode gekrächzt. In ihren Augen aber flackert es auf wie von hämischer Neugier:

»Hat sie dich rausgeschmissen, deine Liebste, ja? ... Warst ihr wohl nicht fein genug ohne Kragen? ... Da hat der Joseph andere Manieren! ... Dunkler Anzug! Und seidner Schlips! So ist er von drüben gekommen! ... Oh! Du tust mir weh!!«

Sie heult auf wie ein getretener Hund, da er sie mit eisernen Händen an beiden Armen packt und sie aufs Bett wirft:

»Hörst du endlich auf?!! Endlich auf?!«

Ihr Atem fliegt. Ihre eingesunkene Brust keucht schwer. Der warme Föhn wuchtet herein durch das noch immer geöffnete Fenster.

»Ich friere! Hörst du denn nicht ... ich friere!! ... Bring' mir Holz! ... Bring' Holz rein!«

»Muß erst welches spalten ...«

»Bist du betrunken?! ... Kannst du nicht sehn – in der Ecke ... Wenn's für das Frauenzimmer drüben wär', brauchte sie nicht so lange zu warten! ... Aber natürlich ... ich kann verrecken hier, wenn du da oben mit ihr poussierst!! ...«

Frau Mutzmann schreit plötzlich gellend auf. Über ihrem Kopf hat etwas aufgeblitzt im Schein der elektrischen Glühbirne. Abwehrend hebt sie den Arm. Schreit nochmals auf. Sinkt zurück auf das Bett, den blutenden Arm auf der Brust.

Mutzmann sieht rot. Brüllt wie von Sinnen: »Ich schlag' dich tot! Satan du, Satan!!«

Hält das Beil krampfhaft in der Hand. Stiert auf die Frau. Hört und sieht nichts mehr.

Menschen dringen durch das offene Fenster in die Stube. Auf der Treppe zur oberen Verwalterwohnung lautes Gepolter. Die Stubentür wird aufgerissen. Stimmengewirr dringt herein. Irgend jemand windet dem Mutzmann die Axt aus der Hand. Sie ist blutig.

Der Verwalter legt ihm beide Hände auf die Schulter:

»Sind Sie wahnsinnig, Mutzmann –??«

Das Hausmädchen stürzt ins Eßzimmer, wo Kurt Kemper mit Toni bei der Abendmahlzeit sitzt. Sie ist aschfahl und ruft mit versagender, heiserer Stimme:

»Der Mutzmann hat seine Frau erschlagen ...!«

*

Toni ist es, die an Gabriele Schorneder telegraphiert:

Elise schwer erkrankt. Bitte Dich zu kommen.

Toni.

Der Hotelboy übergibt Gabriele die Depesche um elf Uhr vormittags. Gerade als sie aus der »Villa Borgia« kommt. Ihr Gesicht hebt sich bleich von dem dunklen, hochgestülpten Pelzkragen ab, der es rahmt.

Ihr Vater, Herr Schorneder, pflegte zu sagen: »Es gibt Fälle, in denen der Unterschied des Standes, des Vermögens, ja sogar des Geschlechtes aufgehoben wird. Fälle, bei denen nur der ursprüngliche menschliche Instinkt zu entscheiden hat, in dem sich unsere Lebensenergie konzentriert!« Als Gabriele vor einer Stunde in die »Villa Borgia« fuhr, war sie sich bewußt, daß ein solcher Fall für sie vorlag. So kam ihr das, was sie beabsichtigte, weder unstatthaft noch ungewöhnlich vor. Sondern notwendig. Sie mußte wissen, wo der Eintänzer Harry Milton sich augenblicklich befand. Er war seit Abenden nicht mehr in der »Borgia« erschienen. Und als sie telephonisch im Büro um seine Adresse bat, hieß es, man dürfe keine Auskunft geben.

Nun – sie wollte doch sehen, ob man ihr, Gabriele Schorneder, die Auskunft verweigern würde, wenn sie selbst käme! Sie mußte ihn sprechen! Mußte ihre ganze Lebensenergie auf dies eine Gespräch konzentrieren! Denn es ging um ihr Leben! ...

Sie war sich ihres inneren Wertes zu sehr bewußt, als daß sie auch nur der Gedanke streifte, sie würfe sich fort. Schicksal war es, daß ihr ganzes Wesen sie hintrieb zu dem Manne, von dem sie nichts wußte, als daß der Rhythmus ihres Körpers sich dem seinigen restlos anschmiegte. Jauchzende Freude und Lust wäre es ihr, sich unter seinen männlichen Willen zu beugen. Darum mußte sie eine Unterredung mit ihm herbeiführen. Von dieser Unterredung würde es abhängen, ob sie den Riegel vorschöbe vor ihr Leben: Ob sie Lord Carwell heiraten würde oder nicht!

Der Direktor selbst empfing sie in seinem pomphaft ausgestatteten Privatbüro. Er wußte, welcher »erstklassigen« Kundin er gegenübersaß, und seine weltmännisch übertünchte Brutalität verkroch sich noch tiefer hinter der Maske der Ergebenheit. Er bat um die Erlaubnis, Wein anbieten zu dürfen und Zigaretten. Sie lehnte beides fast schroff ab und fragte dann ohne Umschweife, als lohne es ihr nicht, diesem Mann gegenüber einen Vorwand zu gebrauchen:

»Ich bin gekommen, um Sie um die Adresse Ihres Eintänzers Harry Milton zu fragen, Herr Direktor.«

Er versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken – wie oft hatte er nicht schon diese Frage beantworten müssen! ... Und es war wohl auch seine übliche, bedauernde Maske, mit der er erwiderte:

»Tja, meine Gnädigste ... wenn ich die nur selbst wüßte.«

»Sie werden mich doch nicht glauben lassen wollen, daß Sie nicht in jederzeit herzustellender Verbindung mit einem so wichtigen Faktor Ihres Unternehmens stehen?«

»Gerade, meine Gnädigste – weil er ein so wichtiger Faktor ist, darf ich mich keiner Vertragsverletzung ihm gegenüber schuldig machen! ...«

»Auch nicht, wenn es sich um das Allerwichtigste ... sagen wir ... auch für ihn handelt?«

»Auch dann nicht. Es wäre Selbstmord ... Aber ich bin gern bereit, einen Auftrag für ihn entgegenzunehmen. Allerdings nur einen mündlichen – keine schriftliche Mitteilung.«

»Keinen Brief?«

Da stand der Direktor auf und öffnete die verschlossene Schublade eines Mahagonischrankes: »Ich mute Ihnen nicht zu, meine Gnädigste, sich dieses Briefkastens zu bedienen: es sind wohl hier mehr als hundert Briefe – die Post von acht Tagen.«

Da schlug ihr eine Blutwelle bis in die Stirn hinauf.

»Allerdings, Herr Direktor. Ich danke Ihnen.«

Und sie erhob sich. Er begleitete sie bis zum Wagen:

»Stehe Ihnen sonst mit allem zu Diensten, Gnädigste ... Hoffentlich beehren Sie uns bald wieder ... darf ich Ihnen vielleicht Ihre Loge reservieren für heute abend? ... Herr Garden hat schon mehrfach nach den Herrschaften gefragt.«

Sie sagte ja, sie sagte nein, hatte nicht mehr die Zeit, ihre Hand zurückzuziehen, die der Direktor mit Ergebenheit küßte. Fiel in einem Gefühl ihr bisher unbekannter Schwäche in die Ecke des Wagens zurück – – das Schicksal hatte gegen sie entschieden. Gegen sie! ...

Sie merkte es erst, daß sie angekommen war, als der Portier den Wagenschlag aufriß, und ihr der eiskalte Dezemberwind spitze Seenadeln ins Gesicht warf. In der Halle überreichte ihr ein Boy das Telegramm von Toni.

*

Gabriele wird von Toni in Basel am Badischen Bahnhof empfangen. Gabriele ist sehr bleich, Toni hat rote Flecke auf den Backenknochen. Sie sind beide aufs höchste erregt, aber ihre Erregung hat nichts mit ihnen selbst zu tun. Die Ereignisse haben alles aufgeschluckt, was sich zwischen ihnen beiden an Hochspannung gesammelt hatte.

»Ich dachte, wir führen am besten gleich von hier in unserem Auto nach Lörnach ...«

»Ja, selbstverständlich. Wie geht's denn Elise? ...«

»Es ist alles so schrecklich, Gabriele. Verzeih', wenn ich nicht folgerichtig erzähle ... aber obwohl schon vierundzwanzig Stunden seitdem vergangen sind, ist noch alles so wüst und ungeklärt ... Augenblicklich ist der Gerichtsarzt da ...«

»Der Gerichtsarzt? Ja, wieso ...?«

»Warte, bis wir im Wagen sind ...«

Der Träger stellt Handkoffer und Necessaire ins Auto. Der wirbelnde Sturmwind klatscht den nassen Schnee an die Fensterscheiben.

»Wieso der Gerichtsarzt?« wiederholt Gabriele ihre Frage, als sie nun beide im abfahrenden Wagen sitzen.

Und Toni berichtet, fast unzusammenhängend: Mutzmann hat seine Frau erschlagen – nein, eigentlich nicht erschlagen – aber er hat sie erschlagen wollen – er hat ihr nur eine Fleischwunde am Arm beigebracht ... sie ist aber gestorben ... und der Verwalter hat ihn abgefaßt mit der Axt in der Hand ... und die Frau lag im Blut auf dem Bett ... der Mutzmann hatte nämlich gerade vorher Holz gespalten ... und die Frau hatte ihm keine Ruhe gelassen, als er zurückkam ... immer wegen der Elise ... Alle Leute hatten sich im Hofe angesammelt ... und der Föhn war so furchtbar stark an diesem Abend ... Der Mutzmann soll ganz reglos dagestanden haben, mitten in der Stube ... und immer vor sich hingebrabbelt haben: ist sie still? ... ist sie still? ... Und dann war das Hausmädchen ins Eßzimmer gestürzt, wo sie beim Abendbrot saßen, und hatte geschrien: der Mutzmann hat seine Frau erschlagen! ... Kurt war gleich rausgelaufen und hatte befohlen, im Hof überall Licht zu machen. Sie selbst durfte aber nicht herunterkommen ... Nur aus dem Glasgang hatte sie hinuntergeschaut ... und es war so entsetzlich, wie die Kriminalpolizei kam und wie sie dem Mutzmann im Hof die Handschellen anlegten. Denn er wollte nicht mit. Er schrie immer hinauf: Elise! Elise! ... Bis dann Kurt ihm was sagte und selbst wieder die Treppe heraufgestürzt kam ... Elise sollte doch ans Fenster kommen! Und da war sie selber zu Elisens Tür gelaufen und hatte geklopft ... erst mit dem Fingerknöchel, und dann mit der Faust ... aber die Tür blieb verschlossen, und nichts regte sich drin ... Da hatte Kurt aus dem Glasgang heruntergerufen: Herr Kommissar! Herr Kommissar! Und dann – – ja, sie konnte nicht mehr genau sagen, wie das dann alles war ... der Mutzmann schrie von unten herauf wie ein Irrer, und man hatte ihn schließlich aus dem Hof herausschleifen müssen wie ein Stück Vieh ... Oben aber wurde Elisens Tür aufgebrochen ... und sie lag da im Bett wie eine Tote ... und das Bett war blutig ... Kurt hatte gleich nach dem Hausarzt telephoniert. Der kam, und es dauerte lange ... Elise hatte eine Frühgeburt gehabt ... und hatte Veronal genommen. Kurt bestellte gleich eine Schwester, die vom Arzt die Magenpumpe holen sollte ... Der Kommissar erklärte, er müsse dableiben, und telephonierte seinerseits wieder nach dem Gerichtsarzt ... Die ganze Nacht über waren sie alle auf im Hause. Es dauerte sehr lange, bis man Elise wieder zum Leben erweckte ... und dann wollte der Kommissar gleich mit der Vernehmung beginnen. Aber das ging nicht, Elise war zu schwach ... noch gar nicht klar bei Bewußtsein. So gingen sie denn um fünf Uhr morgens alle weg, und nur die Schwester blieb bei Elis' ... Aber schon heute um acht kamen sie wieder vom Gericht mit dem Gerichtsarzt ... Sie meinten, Elise sei außer Lebensgefahr ... aber nicht transportfähig. Es ließe sich auch noch nicht feststellen, ob sie Schuld an der Frühgeburt trüge oder nicht. Man wollte sie vorläufig in häuslicher Pflege lassen ...

»Und da habe ich an dich telegraphiert, Gabriele! ... Oh, wenn du das Schreien vom Mutzmann gehört hättest! ... Wie ein Tier! Ein Brüllen war es, das allen durch Mark und Bein ging! Schrecklich, Gabriele! ... Und immer dieser Name: Elise ... Elise ... der den ganzen Hof erfüllte! ... Und dazu noch der Föhn, der sich auf uns legte wie ein Alb. Entsetzlich war es ... entsetzlich!«

Gabriele streift ihr die Pelzkappe vom Haar und zieht ihren Kopf an ihre Schulter:

»Arme, gute, kleine Toni! ...«

Sie sieht den Fabrikhof vor sich, über den erst ihr Name in leuchtenden Buchstaben aufgeflammt und der dann erfüllt war von dem Schrei: Elise! Elise! ... Waren sie beide, Herrin und Dienerin, nicht selbst der Föhn, der alles aufwühlte hier und umriß? ...

Warm und weich gebettet ist Tonis Gesicht in dem duftenden Pelz der Schwester. Das furchtbare Geschehen hat allen Groll getilgt in ihr, und zum erstenmal empfindet sie, daß sie und Gabriele einer Mutter Kinder sind.

»... und dabei hatte ich solche Angst um den Kleinen, hatte ihn in seinem Zimmer eingeschlossen ... aber er war wohl wach geworden von dem Lärm, der das ganze Haus erfüllte, und schlug gegen die Tür ... und schrie immerfort: Mutti! Mutti! ...«

Gabriele wendet sich mit einem Ruck, hebt Tonis Kopf hoch und sieht ihr verständnislos in die Augen:

»Was für ein Kleiner? ... Von wem sprichst du?«

Über Tonis Züge gleitet der Schimmer eines Lächelns:

»Ach richtig ... du weißt ja nicht ... Robby, Theresens Junge ... das Robertle ... Als Theres' starb – ich hab's gleich zu mir genommen ... ist ja doch sein Kind ... Und nun bleibt er bei uns.«

»Hast ihn gleich zu dir genommen – –? ...«

»Und in der ersten Nacht hat er bei mir im Bett schlafen wollen, weil er sich so fürchtete ... und nach seiner Mutter rief ... Ich habe ihn gestreichelt und an mir gewärmt ... bis er ruhig wurde, und dabei immer gedacht: ob der Kurt nun froh sein wird, daß ich das getan? ...«

Fester schließt sich Gabrielens Arm um Tonis zarte Schultern, sie drückt mit der freien Hand gegen ihre Augen – als könnte sie damit das widrige Bild verjagen, wie sie in der gleichen Nacht mit Kurt Kemper in der Hotelbar gesessen und ihn »unter Wein gehalten«.

Der Wagen stoppt, der Chauffeur öffnet den Wagen und nimmt das Handgepäck heraus.

»Wir haben nämlich den Diener entlassen«, sagt Toni, gleichsam entschuldigend. »Er tat nicht gut, und dann meinte Kurt, es müsse jetzt soviel bezahlt und abgeschrieben werden.«

Auf der Treppe steht das Hausmädchen.

»Wie geht es oben?« fragt Toni.

»Ganz ordentlich. Eben war wieder der Herr Doktor da ... er ist recht zufrieden.«

Eine Kinderstimme kräht von oben herunter:

»Mutti!«

Toni fliegt fast die Stufen herauf, zaust ihn zärtlich an seinem rostbraunen Haar: »Robby, du sollst doch nicht an die Treppe gehn! ... Sieh mal, wer da kommt?!«

Plötzlich stemmen sich die kleinen Fäuste gegen Toni, die drei Stufen tiefer steht. Und er sieht über ihre Schulter hinweg auf die schöne große Frau in dem langen hellgrauen Pelz, und in seinem klugen, lebhaften Kindergesicht malen sich alle Erregungen ab, die seine kleine Seele in diesem Augenblick erfüllen. Er erinnert sich an etwas ... ganz dunkel, sieht etwas vor sich: einen Hof ... den patron ... und neben dem patron – ja gewiß diese Frau ... Und ruft plötzlich ganz laut:

» Oh – la rosse ...!! Merde!«

*

Elise hat seit diesem Morgen schon sechsmal gefragt: »Ist sie gekommen? ... Ist sie da? ...« Und obwohl sie noch den Zusammenhang nicht faßt zwischen Zeit und Begebenheiten, muß ihr die sie pflegende Schwester doch immer wieder die Uhr ansagen. Bis es endlich heißt: »Fräulein Schorneder ist gekommen.«

Und dann steht Gabriele im Zimmer, das sie hinter sich abschließt. Sie hatte sich nicht einmal Zeit genommen, ihre Kappe abzunehmen, die sie jetzt achtlos auf einen Stuhl wirft.

Elise hascht nach ihrer Hand, hilflos, daß sie es beinahe rührt.

»Keine großen Erzählungen, Elise ... ich bin im Bilde. Es hat Sie eben gepackt ... wie's jeden von uns mal packen kann. Das braucht darum noch immer nicht die große Liebe zu sein ...! Keine Antwort – ich weiß alles ... Es ist Ihr Unglück, daß Sie auf so einen Gewaltmenschen gestoßen sind. Aber es ist Ihre Dummheit, wenn Sie sich selbst geschadet haben.«

Elise murmelt:

»Ich hab' nichts getan ... ich schwöre, ich habe nichts getan.«

»Dann brauchten Sie aber doch nicht ... Warum denn unter die Matratze?? ...«

Elise starrt ihre Herrin an:

»Ich weiß nicht, wie das so kam ... Es scheint mir alles schon so lange her ... und ich war wie wahnsinnig vor Angst! ...«

»Angst – wovor?«

»Daß Fräulein Schorneder mich davonjagt ... daß ich dem Mutzmann ausgeliefert bleibe ... daß mir alles verschlossen ist in Zukunft ...«

»Also erstens: wenn Sie geglaubt haben, daß ich Sie davonjage, so sind Sie eine Gans. Ich hätte Sie in eine Klinik geschickt und – den Mutzmann wären Sie schon durch unsere Abreise losgeworden! Wo haben Sie die Schlüssel zu meiner Apotheke?«

Elise deutet mit einer schwachen Bewegung auf die Schublade ihres Nachttisches. Und Gabriele findet das Schlüsselbund – neben einem roten Chiffonfetzen.

Da wird ihr alles klar. Sie wendet den Kopf und trifft Elisens angsterfüllten, starren Blick. Mit gewollter Rauheit sagt sie:

»Was haben Sie sich da in Ihrem Gehirn für dummes Zeug zusammengebraut, Elise?!«

»Fräulein Schorneder darf nicht böse sein ... aber es war, als stürzte alles über mir zusammen, als ich – vermuten mußte, was mir doch ganz undenkbar schien ... noch wenige Tage vorher ...!«

»Das Undenkbare kommt eben immer plötzlich, Elise ... Sonst könnten wir uns ja dagegen wehren!«

»Fräulein Schorneder stand so hoch für mich ... so erhaben über allem anderen ...«

»Sehr bedauerlich. Haben Sie mich etwa für einen Kleiderstock gehalten?«

Gabriele schließt ihre Hausapotheke auf:

»Gleich zwei Tuben mußten es sein?! ... Wo ist denn die zweite Tube?«

»Die habe ich auch ...«

»Auch geschluckt? ... Stimmt nicht! Dann lägen Sie nicht friedlich im Bett und könnten mir faustdicke Lügen vorerzählen. Her mit der Tube! ... Und heulen Sie nicht. Damit machen Sie die ganze dumme Geschichte nicht besser! ... Wo haben Sie sie versteckt? ... In den Kissenfedern? ... Für welche große Gelegenheit haben Sie sich denn die aufgespart?«

Gabriele schneidet das rote Inlet auf und nimmt die in den Federn eingewühlte Veronaltube heraus:

»Die wollen wir mal lieber an ihre alte Stelle geben ... sonst phantasieren sich die Herren vom Gericht da noch weiß Gott was zusammen – – So. Und nun erzählen Sie mir mal 'n bißchen, der Reihe nach, wie sich alles zugetragen hat.«

Gabriele hört zu, ohne sie zu unterbrechen. Dann steht sie auf.

»Na – dann wollen wir hoffen, daß sich auch alles so verhält. Und wenn Sie ruhig bleiben, dann sind Sie in acht bis vierzehn Tagen hergestellt und begleiten mich ... nach England. Zu Lady Carwell.«

Elise hascht nach ihrem Kleid:

»Ist es wahr, Fräulein Schorneder, daß Sie – – den Lord heiraten? ... Denselben, vor dem Sie – so großen Abscheu hatten ...?«

»Abscheu – das ist vielleicht übertrieben, Elise. Aber keine Lust hatte ich zu ihm. Und dann – Ihnen will ich's sagen – um Sie zu beruhigen: ... Jemanden heiraten, heißt noch immer nicht – seine Frau werden ...! Und vielleicht kam ich seinen – Möglichkeiten nur entgegen, als ich ihm zur Bedingung stellte, daß er mich nur dem Namen nach als seine Frau betrachten dürfe.«

»Und das glauben Sie ihm, Fräulein Schorneder??«

»Ja. Seinem Ehrenwort glaube ich unbedingt.«

»Ja – müssen Sie ihn denn heiraten, Fräulein Schorneder?«

»Müssen? ... Ach so ... in dem Sinne, wie der Diener Joseph geglaubt hat, Sie müßten ihn heiraten ...? Nein. Ich muß Lord Carwell nicht heiraten! Wenn ich es tue, so geschieht es, weil ich keine neuerliche Unüberlegtheit begehen will.«

Etwas im Tone Gabrielens läßt Elise mit allen Einwendungen verstummen – – es muß wohl anderes in ihr Leben getreten sein als ein flüchtiger Rausch, den sie aus Lörnach mitgenommen ...

Sie wagt keine Frage mehr. Ergeben läßt sie die wie beschwörend erhobenen Hände auf die Decke niederfallen und senkt den Kopf.

Gabriele schließt die Zimmertür auf.

»So. Nun fahre ich zum Untersuchungsrichter. Und wenn ich was tun kann, so ist es eben nur, die Sache beschleunigen ... Da, Schwester, nun können Sie wieder herein zu Ihrer Patientin. Und machen Sie sie mir rasch gesund!«

Im Glasgang kommt ihr Toni entgegen.

»Wenn es dir recht ist, so wollen wir gleich essen. Kurt telephoniert eben, er hätte noch auf dem Gericht zu tun. Wegen Mutzmann ... Hat sie übrigens nach ihm gefragt?« fügte sie leise hinzu.

Gabriele schüttelt den Kopf und nimmt beide Hände der Schwester in die ihren:

»Es ist etwas Merkwürdiges um uns Frauen: wenn wir fertig sind mit einem Erlebnis, dann sind wir es viel gründlicher als die Männer ... und sind auch viel mitleidsloser.«

Sie gehen, ohne einander noch anzusehen, in das Speisezimmer. Der Tisch ist gedeckt nach alter Art, wie üblich gewesen, bevor Gabriele gekommen war. Robby steht an seinem Stuhl, und seine Augen sind leicht gerötet. Es hat also was gesetzt! ...

»Nun, Robby ... wie sagt man?« Und Toni bemüht sich, ihrem Ton Strenge zu geben.

» La ro ...«

»Robby!!«

»Tante Gaby.«

Aber noch ist er nicht zu bewegen, Gabriele die Hand zu geben, und versteckt seinen Kopf in den Falten von Tonis Kleid.

*

Die Gastwirtschaften von Lörnach machen gute Geschäfte. Der »Fall Mutzmann« hat alle Gemüter erregt. Ein jeder hofft vom anderen etwas zu erfahren oder will der erste sein, der etwas Neues mitteilt. Alles wird zusammengetragen, was aus dem Leben des Werkführers je bekannt geworden. Alles wird vergröbert oder entstellt. Wird idealisiert oder verzerrt. Und alle ohne Ausnahme sind sich darin einig, daß nichts geschehen wäre, wenn diese fremden Frauen nicht gekommen wären. Und die Volksstimme macht keinen Unterschied zwischen Herrin und Dienerin. Sogar an Theresens Tod wird ihnen die Schuld gegeben.

Am Stammtisch im »Blauen Stern« wird diese seltsame Einstellung der Bevölkerung zum Fall Mutzmann lebhaft besprochen. Der Kehrreim der öffentlichen Meinung ist immer der gleiche; durch diese Weltstädterinnen ist Zuchtlosigkeit und Verbrechen in Lörnach eingezogen! Der Assessor – der einzige an diesem Tisch, dessen Hirn noch durchweht ist von Großstadtluft – widerspricht:

»Meiner Meinung nach ist das Ganze gerade umgekehrt zu beurteilen. Nicht die zwei Fremden haben die Zuchtlosigkeit nach Lörnach gebracht und dürfen als geistige Urheberinnen des Verbrechens gelten, sondern sie selbst sind die Opfer der kleinen Verhältnisse, geistiger Beschränktheit und hämisch kleinstädtischer Nachrede. Menschen von größerem Format werden immer verbogen, wenn sie sich in eine engere Sphäre begeben! ... Denn alles an ihnen erscheint ungewöhnlich und löst Feindseligkeit aus. Als Gäste sind sie willkommen und werden oft sogar bewundert – machen sie aber Anstalten, seßhaft zu werden, so drängt man sie entweder heraus oder zerreibt sie!«

Der Untersuchungsrichter klopft mit den Fingerspitzen nervös auf sein Glas. Der denkt gerade daran, wie Gabriele Schorneder heute in seinem Amtszimmer ihm gegenübergesessen und mit ihm gesprochen, so selbstherrlich, als wäre er nicht der gefürchtete Untersuchungsrichter, sondern irgendein kleiner Beamter, dem sie die Direktiven zu geben hätte. Und trotzdem er das fühlte, hatte er nicht den Mut aufgebracht, sich ihre Einmischung zu verbitten. Das lag nicht nur an dem anziehenden und zugleich distanzierenden Umdunst eines ungewöhnlich großen Reichtums, nicht nur an dem Zwang, dem ihn seine eigene erotische Empfänglichkeit unterwarf – es war der Zauber der großzügigen Fremdartigkeit, des unbekümmert Rücksichtslosen, der alles in ihm zurückdrängte, was sein starrer, in engen Bahnen sich bewegender Beamtensinn dennoch als Ungehörigkeit empfand.

Und was noch nie geschehen war – diese Fremde erreichte es ohne weiteres. Ein Tempo setzte ein, das ihm jetzt noch, nachträglich, unglaubhaft schien, weil es alle formale Bedächtigkeit untergrub.

»Warum wollen Sie erst morgen ... übermorgen tun, was Sie ebenso gut jetzt gleich tun könnten? ... Ja, jetzt ... während ich Ihnen hier gegenübersitze. Was geschieht, wenn Elise stirbt und der Makel an ihr hängen bleibt, dem Sie doch so große Bedeutung zumessen? ... Es heißt, sie soll eine Frau dunklen Gewerbes aufgesucht haben ... wissen Sie schon, welche Frau?«

»Das zu erfahren, ist eben unsere nächste Aufgabe.«

»Nun, so will ich Ihnen Ihre Aufgabe erleichtern.«

Und sie nannte ihm Straße und Hausnummer.

»Also bitte, Herr Untersuchungsrichter ... veranlassen Sie jetzt gleich das Nötige. Ich bitte Sie darum.«

So stark war die Suggestion, die von Gabriele Schorneder ausging, daß er läutete und den Namen der Frau nach der Adresse feststellen ließ. Einige Augenblicke darauf brachte der Bote den Namen auf einem Zettel.

Er mußte zugeben, daß Elise unmöglich bei der Frau gewesen sein konnte, da sie sich laut Akten bereits seit einem Vierteljahr in Untersuchungshaft befand.

»So ... na sehen Sie.«

Er wendet ein: »Aber der eigentümliche Besuch bei dem Drogisten ...? Da müssen wir doch erst eine Gegenüberstellung abwarten!«

»Warum abwarten, Herr Untersuchungsrichter? Wäre es nicht besser, Sie sagten: Sofort veranlassen?«

Sie stand vor ihm in der kahlen Amtsstube, als wäre sie in einem Salon, und er ein Gast, den sie um eine kleine Gefälligkeit bittet, die man unmöglich abschlagen kann. Und so hatte er ihr die Gegenüberstellung für den Nachmittag versprochen, der von ihm betraute Kommissar sollte den Drogisten holen, Elise sollte den damals von ihr getragenen Hut aufsetzen, den Mantelkragen um den Hals schlagen, und der Drogist sollte aussagen, ob und was die Betreffende um die bewußte Stunde bei ihm gekauft hätte.

Erst als Gabriele Schorneder die Tür hinter sich geschlossen hatte, kam er zur Erkenntnis, wie widerstandslos er sich dem Einfluß dieser Frau gebeugt hatte. Und diese Erkenntnis einer ihm bis dahin fremden Schwäche löste in ihm ein leises Gefühl der Feindseligkeit aus, und fast war er enttäuscht, als das Resultat der Gegenüberstellung die Haltlosigkeit jener anonymen Beschuldigung ergab. Denn der Drogist konnte sich sofort erinnern, daß er dieser selben Frau vor einigen Tagen für zwanzig Pfennige doppelkohlensaures Natron verkauft hatte.

Als daher der Assessor am Stammtisch den Grund der Feindseligkeit bloßlegte, die solche Fremderscheinungen in dem festen Gefüge einer kleinen Stadt auslösen, fühlte der Untersuchungsrichter zum ersten Male, wie unüberbrückbar die Kluft war zwischen einer Gabriele Schorneder und ihm, und wie lächerlich er sich in ihren Augen gemacht, wenn er auch nur das Ansinnen an sie gestellt hätte, seine Frau zu werden.

Scheinbar zusammenhanglos, und doch eng verknüpft mit dem Ergebnis seiner eigenen, die Worte des Assessors bekräftigenden Erwägungen, wirft er die Frage über den Tisch:

»Finden Sie nicht, meine Herren, daß Dr. Kemper verflucht anders aussieht, seit er aus Berlin zurück ist?«

»Na ja –« meint der Staatsanwalt, »... der Empfang war ja auch nicht gerade erfreulich! ... Zwei Dramen Schlag auf Schlag – der Tod der ›Arbeiterin‹ Therese und der Fall Mutzmann-Elise. Allerhand!«

»Das dritte Drama wird sich wohl in Berlin abgespielt haben ... taxiere ich« – und der Untersuchungsrichter rettet sein Selbstgefühl durch ein ironisch überlegenes Lächeln.

»Na, meine Herren – wollen wir mal 'n Schluck auf die kleine Frau Kemper trinken! ... Alle Achtung!« Es ist der Amtsgerichtsrat, der sein Glas hebt und an die Lippen führt.

Mit ihm alle anderen.

Und dann bleibt es eine Weile still in der sonst so lebhaften Runde.

* * *

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