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Die Frau in Weiß ? Band VI

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band VI - Kapitel 9
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typefiction
authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band VI
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXV. Band
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XVI.

Die letzten noten der Ouvertüre wurden gespielt und die Plätze im Parterre waren alle gefüllt, als Pesca und ich anlangten.

Doch blieb noch reichlich Raum für uns in dem Stehplatze, der sich um das Parterre zog – genau der Ort, der für den Zweck, der mich in die Vorstellung führte, am geeignetsten war. Ich ging zuerst an die Barrière, welche uns von dem Sperrsitz trennte und sah mich hier nach dem Grafen um. Er war nicht dort. Als ich zurück und im Stehplatze entlang ging, erblickte ich ihn im Parterre. Er hatte einen vortrefflichen Platz, nur drei Reihen hinter den Sperrsitzen, Ich stellte mich genau in gerader Linie mit ihm auf, und Pesca stand an meiner Seite. Der Professor wußte noch nichts von dem Zwecke, um dessentwillen ich ihn in das Theater gebracht, und war etwas erstaunt darüber, daß wir nicht näher zur Bühne herangingen.

Der Vorhang ging in die Höhe, und die Oper begann.

Während des ganzen ersten Aufzuges blieben wir an unserem Platze; der Graf war so sehr in die Musik und die Aufführung vertieft, daß er auch nicht einen zufälligen Blick in unsere Richtung warf. Da saß er, hoch über seine Nachbarn emporragend, indem er von Zeit zu Zeit beifällig mit seinem großen Kopfe nickte, wenn die Leute neben ihm beim Schlusse irgend einer Arie applaudirten (worauf ein englisches Publicum stets versessen ist), ohne im Geringsten auf die unmittelbar sich anschließende Musik des Orchesters Rücksicht zu nehmen, schaute er sich mit einer Miene mitleidiger Gegenvorstellung nach ihnen um und hielt eine Hand mit einer Bewegung wie höflicher Bitte in die Hohe. Bei den feineren Gesangstellen und den zarteren Musikphasen, welche von Anderen nicht applaudirt wurden, schlugen seine dicken Hände, die mit makellos sitzenden schwarzen Handschuhen bekleidet waren, sanft zum Zeichen der sein gebildeten Schätzung eines musikalischen Mannes ineinander. Bei solchen Gelegenheiten summte sein sanfter Beifall: »Bravo! Bra–v–o!« wie das Schnurren einer großen Katze durch die Stille. Seine unmittelbaren Nachbarn begannen, seinem Beispiele zu folgen. Mancher Ausbruch des Beifalls ging an diesem Abend im Parterre von dem sanften Zusammenschlagen der schwarz behandschuhten Hände aus. Er schaute in heiterer Zufriedenheit mit sich selbst und seinen Nebenmenschen um sich. »Ja! ja! diese barbarischen Engländer lernen etwas von mir. Hier, dort, überall bin ich – Fosco – ein Einfluß, den man fühlt, ein Mann, der über Alle erhaben steht!« Falls je ein Gesicht gesprochen hat, so sprach das seinige, und jenes waren seine Worte.

Der Vorhang fiel nach dem ersten Acte, und das Publicum stand auf, um sich umzuschauen. Dies war der Zeitpunkt, auf den ich gewartet hatte – der Augenblick, wo ich sehen wollte, ob Pesca ihn kenne.

Er erhob sich mit den Uebrigen und schweifte großartig mit seinem Opernglase über die Inhaber der Logen hin. Zuerst hatte er den Rücken uns zugewandt, bald aber drehte er sich herum und betrachtete die Logen über uns, wobei er für ein paar Minuten sich seines Glases bediente – dann nahm er es hinweg, fuhr jedoch fort, hinaufzublicken. Dies war der Augenblick, den ich wählte, Pesca's Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, da jetzt sein ganzes Gesicht voll nach uns gewendet war.

»Kennst du den Mann da?« frug ich.

»Welchen Mann, lieber Freund?«

»Den großen, corpulenten Mann, der dort mit dem Gesicht uns zugewandt steht.«

Pesca erhob sich auf seine Fußspitzen und sah sich den Grafen an.

»Nein,« sagte er. »Der dicke Mann ist mir unbekannt. Warum zeigst du ihn mir?«

»Weil ich besondere Gründe habe zu wünschen, etwas über ihn zu erfahren. Er ist ein Landsmann von dir und heißt Graf Fosco. Kennst du den Namen?«

»Nicht im Geringsten, Walter. Der Name sowohl, wie der Mann ist mir fremd.«

»Bist du ganz sicher, daß du ihn nicht kennst? Sich ihn noch einmal an – recht aufmerksam. Ich will dir, wenn wir das Theater verlassen, sagen, weshalb mir so sehr daran liegt, warte! Laß mich dir hier hinauf helfen, damit du ihn besser siehst.«

Ich half dem kleinen Mann auf die Kante der Plattform steigen, auf der sich die Parterresitze befinden. Hier war ihm seine kurze Gestalt kein Hindernis: er konnte über die Köpfe der Damen hinwegsehen, die am äußeren Ende der Bank saßen.

Ein schlanker, blondhaariger Mann, den ich bisher nicht bemerkt hatte – ein Mann mit einer Narbe auf seiner linken Wange – schaute Pesca aufmerksam an, als ich ihn auf die Plattform stellte und dann der Richtung von Pesca's Augen folgend, blickte er den Grafen noch aufmerksamer an. Vielleicht hatte er unsere Unterhaltung gehört und dieselbe hatte, wie ich mir vorstellte, seine Neugierde erregt.

Unterdessen heftete Pesca seine Blicke aufmerksam auf das große, lächelnde Gesicht, das ihm gerade gegenüber ein wenig aufwärts gekehrt war.

»Nein,« sagte er, »ich habe diesen großen, dicken Mann in meinem ganzen Leben noch nie erblickt.«

Während er sprach, blickte der Graf herunter nach den Parterrelogen hinter uns zu.

Die Blicke der beiden Italiener begegneten sich.

Im Augenblicke vorher war ich nach Pesca's wiederholter Versicherung überzeugt gewesen, daß er ihn nicht kannte. Im Augenblicke nachher war ich ebenso fest überzeugt, daß der Graf Pesca kannte!

Ihn kannte und – was noch seltsamer war – ihn zugleich fürchtete! Die Veränderung, die mit dem Gesichte des Schurken vorging, war nicht zu verkennen. Die bleierne Blässe, die sich in einer Secunde über sein gelbes Antlitz zog, das plötzliche Erstarren all seiner Züge, das verstohlene Forschen seiner kalten, grauen Augen, die stille Unbeweglichkeit seines ganzen Körpers – alles dies sprach deutlich genug. Eine tödliche Furcht hatte ihn an Leib und Seele ergriffen – und sein Erkennen Pesca's war die Ursache derselben!

Der schlanke Mann mit der Narbe auf der Wange stand noch immer neben uns. Er hatte anscheinend seinen Schluß aus der Wirkung gezogen, die Pesca's Anblick auf den Grafen gemacht, wie ich den meinigen. Er war ein stiller, gentlemännisch aussehender Mann, dem Anscheine nach ein Ausländer, und sein Interesse an unserem Verfahren drückte sich durchaus nicht auf beleidigende Weise aus.

Was mich selbst betrifft, so war ich so erstaunt über die Veränderung in des Grafen Gesicht und über die so ganz unerwartete Wendung der Ereignisse, daß ich nicht wußte, was ich zunächst thun oder sagen sollte. Pesca rief mich zu mir selbst zurück, indem er an seinen früheren Platz an meiner Seite wieder zurücktrat und zuerst wieder sprach.

»Wie der dicke Mann glotzt!« rief er aus. »Glotzt er mich an? Wie kann er mich kennen, wenn ich ihn nicht kenne?«

Ich heftete meine Augen noch immer fest auf den Grafen. Ich sah, wie er sich zum ersten Male wieder bewegte, als Pesca herabstieg, und so wandte, daß er den kleinen Mann an seinem niedrigeren Platze nicht aus dem Gesichte verlor. Ich war neugierig zu sehen, was sich ereignen würde, wenn sich Pesca's Aufmerksamkeit von ihm abzöge, und frug deshalb Pesca, ob er unter den anwesenden Damen in den Logen einige seiner Schülerinnen sehe. Pesca erhob augenblicklich sein großes Opernglas und schweifte langsam mit demselben über den oberen Theil des Theaters hin, indem er mit der größten Gewissenhaftigkeit nach Schülerinnen suchte.

Sowie er sich auf diese Weise beschäftigt zeigte, wandte der Graf sich um, ging an den Personen vorüber, die auf der entgegengesetzten Seite von dem Platze, an dem er stand, saßen, und verschwand in der Mittelpassage des Parterres. Ich faßte Pesca am Arm und zog ihn zu seinem unaussprechlichen Erstaunen mit mir nach dem Hintergrunde des Parterres herum, um den Grafen abzufassen, ehe er an die Thür würde gelangen können. Ziemlich zu meinem Erstaunen eilte der schlanke Mann uns voraus, indem er einem Aufenthalte aus dem Wege ging, der, dadurch verursacht wurde, daß einige Personen auf unserer Seite ihre Plätze verließen, wodurch Pesca und ich verhindert wurden, unseren schnellen Lauf fortzusetzen. Als wir in der Vorhalle anlangten, war der Graf verschwunden – und der Ausländer mit der Narbe ebenfalls.

»Komm' nach Hause,« sagte ich, »komm' nach Hause, Pesca, nach deiner Wohnung, Ich muß allein mit dir sprechen – und zwar sofort.«

»Güte du meine Güte!« rief der Professor in einem Zustande des beispiellosesten Erstaunens aus, »was in aller Welt ist los!«

Ich schritt schnell dahin, ohne zu antworten. Die Umstände, unter welchen der Graf das Theater verlassen, brachten mich auf den Gedanken, daß seine unbegreifliche Sorge, Pesca zu entwischen, ihn zu noch ferneren, äußersten Mitteln schreiten lassen möge. Er konnte, indem er London verließe, auch mir entwischen. Ich zweifelte an der Zukunft, falls ich ihm nur einen Tag der Freiheit ließe, um nach Gefallen zu handeln. Und ich zweifelte an dem Ausländer, der uns vorausgeeilt und den ich im Verdacht hatte, daß er ihm absichtlich hinausgefolgt war.

Unter diesem doppelten Argwohne brauchte ich nicht lange Zeit, um Pesca mit dem bekannt zu machen, was ich wollte. Sobald wir allein in seinem Zimmer waren, vermehrte ich seine Verwirrung und sein Erstaunen noch um das Hundertfache, indem ich ihm auseinandersetzte, welchen Zweck ich im Auge habe.

»Lieber Freund, was kann ich thun?« rief der Professor, indem er mir mit kläglicher Miene beide Hände entgegenstreckte. »Teufel-zum-Teufel! wie kann ich dir helfen, Walter, wenn ich den Mann nicht kenne?«

»Er kennt dich – er fürchtet dich – er hat das Theater verlassen, um dir zu entgehen. Pesca! es muß ein Grund dafür vorhanden sein. Schau in dem eigen Leben, ehe du nach England kamst, zurück. Du verließest Italien, wie du mir selbst gesagt hast, aus politischen Gründen. Du hast dieser Gründe niemals gegen mich Erwähnung gethan und ich frage auch jetzt nicht nach ihnen. Ich bitte dich nur, deine Erinnerungen zu wecken und zu sagen, ob dir dabei nicht eine Ursache einfällt, für das Entsetzen, das dein Anblick jenem Manne verursachte.«

Zu meinem unaussprechlichen Erstaunen brachten diese harmlosen Worte genau dieselbe Wirkung auf Pesca hervor, die Pesca's Anblick auf den Grafen gehabt hatte. Das rosige Gesicht meines kleinen Freundes wurde in einem Augenblicke kreideweiß, und er zog sich, am ganzen Leibe zitternd, langsam von mir zurück.

»Walter!« sagte er. »Du weißt nicht, was du verlangst.«

Er sprach flüsternd – und sah mich an, als ob ich ihm plötzlich eine uns Beiden drohende verborgene Gefahr gezeigt hätte. In weniger als einer Minute war er so verschieden von dem fröhlichen, lebhaften, drolligen Mann meiner früheren Erfahrung geworden, daß ich, falls er mir in diesem Zustande auf der Straße begegnet wäre, ihn sicher nicht erkannt hätte.

»Vergib, falls ich dich unabsichtlich erschreckt und dir Schmerz verursacht habe,« sagte ich. »Bedenke, welch bitteres Unrecht meine Frau vom Grafen Fosco erfahren hat. Bedenke, daß dies Unrecht niemals wieder gutgemacht werden kann, falls ich nicht die Mittel in meine Gewalt bekomme, ihn zu zwingen, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich sprach in ihrem Interesse, Pesca – ich bitte dich nochmals, mir zu vergeben – weiter kann ich nichts sagen.«

Ich stand auf, um zu gehen. Er hielt mich zurück, ehe ich bis zur Thür war.

»Warte,« sagte er. »Du hast mich vom Kopf bis zu den Fußen erschüttert. Du weißt nicht, wie und warum ich mein Vaterland verlassen. Laß mich Fassung gewinnen.«

Er schritt auf und ab und sprach unzusammenhängend in seiner eigenen Sprache zu sich selbst. Nachdem er einigemal auf und ab gegangen, kam er plötzlich zu mir heran und legte seine kleinen Hände mit einer seltsamen Innigkeit und Feierlichkeit auf meine Brust.

»Bei deinem Leben und deiner Seele, Walter,« sagte er, »gibt es keine andere Art und Weise, diesen Mann zu fassen, als den zufälligen Weg durch mich?«

»Keine andere,« entgegnete ich.

Er öffnete die Zimmerthür, blickte vorsichtig in den Corridor hinaus und schloß die Thür wieder.

»Du hast dir das Recht über mich gewonnen, Walter,« sagte er, »an dem Tage, wo du mir das Leben rettetest. Es gehörte von jenem Augenblicke an dir, falls es dir gefiele, es zu nehmen. Nimm es setzt. Ja! ich meine, was ich sage. Meine nächsten Worte werden, so wahr ein Gott über uns ist, mein Leben in deine Hände geben.«

Sein Zittern und der Ernst, mit dem er diese merkwürdigen Worte sagte, brachten in mir die Ueberzeugung hervor, daß er die Wahrheit sagte.

»Erinnere dich an dies!« fuhr er fort, indem er in der Heftigkeit seiner Aufregung seine Hand gegen mich schüttelte. »Ich halte in meinem eigenen Geiste keinen Faden zwischen jenem Manne, Fosco, und der Vergangenheit, die ich um deinetwillen mir zurückrufen will. Falls du den Faden findest, so behalte ihn für dich – sage nur nichts – auf meinen Knieen bitte und beschwöre ich dich, laß mich in Unkenntnis, laß mich in Blindheit über die ganze Zukunft, wie ich es jetzt bin!«

Er sprach noch ein paar hastige, unzusammenhängende Worte – und schwieg wieder.

Ich sah, daß die Anstrengung, sich bei einer Gelegenheit, die zu ernster Natur war, um ihm den Gebrauch der drolligen Ausdrücke und Wendungen seines gewöhnlichen Wörterverzeichnisses zu gestatten, auf Englisch auszudrücken, noch bedeutend die Schwierigkeit vergrößerte, die er überhaupt dabei fühlte, mit mir zu sprechen. Da ich in der ersten Zeit unseres vertrauten Umganges gelernt hatte, seine Sprache zu lesen und zu verstehen (wenngleich nicht zu sprechen), schlug ich ihm jetzt vor, sich seiner Muttersprache zu bedienen, während ich etwaige Fragen auf Englisch an ihn richten würde. Er ging hierauf ein. In seiner wohlklingenden Sprache – wobei seine heftige Bewegung sich in dem fortwährenden Arbeiten seiner Züge, in der Wildheit und Hast seiner Geberden, nie aber in lauteren Tönen verrieth – hörte ich jetzt die Worte, welche mich für den letzten Kampf waffneten, der mir in diesen Blättern zu berichten übrig bleibt.

»Du weißt nichts von meinen Beweggründen, um derentwillen ich Italien verließ,« begann er, »ausgenommen, daß sie politischer Art waren. Wären es Verfolgungen von Seiten meiner Regierung gewesen, die mich nach diesem Lande trieben, so würde ich diese Gründe weder dir noch sonst Jemandem verschwiegen haben. Ich habe sie verschwiegen, weil keine Regierungsbehörde das Urtheil meiner Verbannung ausgesprochen hat. Du hast von den politischen Verbindungen gehört, Walter, welche sich in jeder großen Stadt des Festlandes von Europa verstecken? Zu einer dieser Gesellschaften gehörte ich in Italien – und gehöre ich noch jetzt in England. Als ich nach diesem Lande kam, geschah es auf Befehl meines Vorgesetzten. Ich war in meiner Jugend zu diensteifrig und lief Gefahr, mich und Andere dadurch zu compromittiren. Aus diesem Grunde erhielt ich Befehl, nach England auszuwandern und zu warten. Ich wanderte aus – ich habe gewartet – ich warte noch jetzt. Morgen schon kann ich fortgerufen werden. Doch ist es mir einerlei – ich bin hier, ernähre mich durch Unterricht und kann warten. Ich breche keinen Eid (du sollst sogleich hören, warum), indem ich meine Mittheilung durch Nennung des Namens der Gesellschaft, zu der ich gehöre, vollständig mache. Alles, was ich thue, ist, daß ich mein Leben in deine Hände gebe. Falls je ein Mensch erfährt, daß das, was ich dir jetzt sagen werde, über meine Lippen gekommen ist, bin ich des Todes.«

Er flüsterte mir die nächsten Worte in's Ohr. Ich bewahre das Geheimnis, welches er mir auf diese Weise mittheilte. Der Bund, zu welchem er gehörte, wird für den Zweck dieser Erzählung hinlänglich individualisirt sein, wenn ich ihn bei den wenigen Gelegenheiten, in welchen es nothwendig sein wird, seiner zu erwähnen, » die Verbindung« nenne.

»Der Zweck der Verbindung,« fuhr Pesca fort, »ist ganz einfach derselbe, den andere Gesellschaften dieser Art im Auge haben – der Sturz der Tyrannei und die Behauptung der Rechte des Volkes. Die Grundsätze dieser › Verbindung‹ sind zweierlei Art. Solange eines Mannes Leben nützlich oder auch nur harmlos ist, hat er das Recht, dasselbe zu genießen. Sobald aber sein Leben dem Wohlergehen seiner Mitmenschen entgegentritt, hat er dieses Leben verwirkt und es ist nicht allein kein Verbrechen, sondern ein positives Verdienst, ihn desselben zu berauben. Es liegt mir nicht ob, zu sagen, in welchen furchtbaren Verhältnissen des Druckes und der Tyrannei diese Gesellschaft ihren Ursprung hatte.

»Bis hieher erscheint dir die Gesellschaft wie jede andere Gesellschaft. Ihr Zweck ist (eurer englischen Ansicht nach) Anarchie und Revolution. Sie nimmt das Leben eines schlechten Fürsten oder eines schlechten Ministers, als ob der eine und der andere gefährliche, wilde Thiere wären, die bei der ersten Gelegenheit erschossen werden müßten. Ich gebe dies zu. Aber die Gesetze der › Verbindung‹ sind von allen anderen Gesellschaften der Welt verschieden. Die Mitglieder sind einander nicht bekannt. Es ist ein Präsident in Italien und es sind Präsidenten im Auslande. Jeder derselben hat seinen Secretär. Die Präsidenten und Secretäre kennen die Mitglieder; aber die Mitglieder unter sich sind einander alle fremd, bis ihr Vorgesetzter es für nöthig erachtet, sie miteinander bekannt zu machen. Unter solchem Schutze bedarf es keines Eides bei der Aufnahme, wir sind mit der ›Verbindung‹ durch ein geheimes Zeichen identificirt, das wir alle bis ans Ende unseres Lebens tragen, wir haben Befehl, unseren gewöhnlichen Geschäften nachzugehen und uns viermal des Jahres für den Fall, daß man unserer Dienste bedürfte, bei dem Präsidenten oder dem Secretär zu melden, wir sind gewarnt, daß, falls wir die › Verbindung‹ verrathen oder ihr schaden, wir nach den Gesetzen der › Verbindung‹ sterben müssen – durch die Hand eines Fremden, der vielleicht vom anderen Ende der Welt herkommt, um den Schlag zu führen, oder durch die Hand unseres eigenen Herzensfreundes, der uns unbekannt während all der langen Jahre unseres vertrauten Umganges ein Mitglied gewesen sein mag. Zuweilen wird der Tod verschoben, zuweilen aber folgt er dem Verrathe auf dem Fuße nach. Unsere erste Sache ist, zu warten zu verstehen – die zweite, zu gehorchen, wenn der Befehl kommt. Einige von uns mögen ihr Leben lang warten und nicht gebraucht werden. Andere wieder mögen vielleicht schon am Tage ihrer Aufnahme zum Werke oder zur Vorbereitung zum Werke gerufen werden. Ich selbst – der leichte, fröhliche kleine Mann, den du kennst und der aus freiem Antriebe kaum mit einem Taschentuche die Fliege von seinem Gesichte verjagen mag – ich trat in meiner Jugend unter so furchtbarer Aufreizung, wie ich sie dir nicht beschreiben will, durch einen Impuls in die › Verbindung‹ ein, wie ich mich durch Impuls hätte tödten mögen. Jetzt muß ich in ihr verbleiben – sie hält mich bis zu meinem Tode gefaßt, wie ich auch immer jetzt in meinen verbesserten Umständen und meiner ruhigeren Männlichkeit über sie denken mag. Als ich noch in Italien war, wurde ich zum Secretär erwählt, und alle Mitglieder jener Zeit, die angesichts des Präsidenten gebracht wurden, wurden auch mir vorgestellt.«

Ich fing an, ihn zu verstehen; ich sah das Ende seiner außerordentlichen Mittheilung. Er schwieg einen Augenblick, mich aufmerksam beobachtend – bis er offenbar errathen, was in mir vorging.

»Du hast bereits deinen Schluß gezogen,« sagte er. »Ich lese es in deinem Gesichte. Sage mir nichts. Behalte das Geheimnis deiner Gedanken für dich. Laß mich dies eine letzte Opfer meiner selbst für dich machen – und dann von diesem Gegenstande auf immer schweigen.«

Er stand auf – zog seinen Rock aus – und krämpte den linken Aermel seines Hemdes um.

»Ich versprach dir, daß diese Mittheilung eine vollständige sein solle,« flüsterte er dicht an meinem Ohre, während er mit den Augen aufmerksam die Thür bewachte. »Ich habe gesagt, daß die › Verbindung‹ ihre Mitglieder durch ein Zeichen identificirt, welches mit ihnen in das Grab geht. Sieh' her, dies ist die Stelle und dies das Zeichen.«

Er erhob seinen entblößten Arm und zeigte mir hoch im Oberarme und auf der Innenseite eine Brandmarke, die tief in's Fleisch gebrannt und von heller Blutfarbe war. Ich enthalte mich, die Devise dieser Brandmarke zu beschreiben. Genüge es zu sagen, daß dieselbe in runder Form und so klein war, daß eine Schillinamünze sie vollkommen bedeckt hätte.

»Ein Mann, der dieses Zeichen auf dieser Stelle eingebrannt trägt,« sagte er, seinen Arm wieder bedeckend, »ist ein Mitglied der › Verbindung‹. Ein Mann, welcher der › Verbindung‹ falsch geworden, wird früher oder später von den Präsidenten oder Secretären entdeckt werden, welche ihn kennen. Und ein Mann, der von den Vorgesetzten als Verräther entdeckt worden, ist todt. Kein menschliches Gesetz kann ihn schützen. Bedenke, was du gesehen und gehört hast; ziehe deine Schlüsse und handle wie du willst. Aber um Gotteswillen, was du auch entdecken mögest, was du auch thuest, sage mir nichts! Laß mich von einer Verantwortlichkeit frei bleiben, an die zu denken mich schaudern macht – und die, wie ich in meinem Gewissen überzeugt bin, jetzt noch nicht meine Verantwortlichkeit ist. Zum letzten Male sage ich es – bei meiner Ehre als Gentleman, bei meinem Eide als Christ, falls der Mann, den du mir in der Oper bezeichnetest, mich kennt, so ist er so verändert oder so verstellt, daß ich ihn nicht kenne. Ich weiß nichts von seinen Handlungen oder Absichten in England – ich habe ihn nie gesehen –habe nie, soviel ich weiß, vor heute Abend seinen Namen gehört. Ich sage weiter nichts, verlasse mich eine Weile, Walter; ich fühle mich überwältigt durch das, was sich zugetragen hat, erschüttert durch das, was ich dir mitgetheilt habe. Laß mich versuchen, wieder der Alte zu werden, ehe wir wieder zusammenkommen.«

Er sank auf einen Stuhl, und sich von mir abwendend, barg er sein Gesicht in seinen Händen. Ich öffnete leise die Thür, um ihn nicht zu stören – und sprach ein paar Abschiedsworte mit leiser Stimme.

»Ich will die Erinnerung an heute Abend in der tiefsten Tiefe meines Herzens bewahren,« sagte ich. »Du sollst niemals bereuen, mir dein Vertrauen geschenkt zu haben. Darf ich morgen zu dir kommen?«

»Ja, Walter,« entgegnete er, mich liebevoll anblickend und wieder englisch sprechend, wie wenn es jetzt sein größter Wunsch sei, zu unseren früheren Beziehungen zu einander zurückzukehren. »Komm' zu meinem kleinen Frühstück, ehe ich zu meinen Schülern gehe.«

»Gute Nacht, Pesca.«

»Gute Nacht, lieber Freund.«

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