Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > William Wilkie Collins >

Die Frau in Weiß ? Band VI

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band VI - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/collins/frweiss4/frweiss4.xml
typefiction
authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band VI
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXV. Band
printrun
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110429
projectid9a67fc48
Schließen

Navigation:

XV.

Der Gang dieser Erzählung führt mich auf seiner ununterbrochen fortschreitenden Bahn von unserem verheirateten Leben fort dem Ende entgegen.

In vierzehn Tagen waren wir alle Drei wieder nach London zurückgekehrt, und der Schatten des kommenden Kampfes schlich sich über uns hin.

Marianne und ich trugen Sorge, Laura über die Ursache, welche uns so schnell zurückzukehren trieb – die Notwendigkeit nämlich, uns des Grafen zu versichern – in Unwissenheit zu erhalten. Wir waren jetzt im Anfang des Monats Mai, und des Grafen Contract hinsichtlich des Hauses in Forest Road würde im Juni abgelaufen sein. Falls er denselben erneuerte (und dies anzunehmen hatte ich Gründe, die ich in Kurzem nennen werde), konnte ich ziemlich sicher sein, daß er mir nicht entwischen würde. Falls er jedoch meine Erwartungen täuschte und das Land verließe – dann hätte ich keine Zeit zu verlieren, indem ich mich nach Kräften für die Begegnung mit ihm waffnete.

Die erste Nothwendigkeit war, etwas über den Mann zu erfahren. Bis jetzt war mir seine wahre Lebensgeschichte ein undurchdringliches Geheimnis.

Ich begann mit solchen spärlichen Erkundigungsquellen, wie sie mir zu Gebote standen. Die wichtige Aussage Mr. Frederick Fairlie's (welche Marianne erhalten hatte, indem sie meine ihr im Winter ertheilten Weisungen befolgte) erwies sich als nutzlos für den besonderen Zweck, aus dessen Gesichtspunkte ich ihn jetzt betrachtete, während ich dieselbe las, überlegte ich nochmals die Mittheilungen, welche Mrs. Clements mir über die Reihe von Betrügereien gemacht hatte, durch die man Anna von London gelockt und sie dort dem Interesse des Verrathes geopfert hatte. Auch hier wieder hatte der Graf sich nicht offenbar compromittirt; auch hier war er für jeden praktischen Zweck für mich unerreichbar.

Ich wandte mich zunächst zu Mariannens Tagebuche in Blackwater Park. Auf meinen Wunsch las sie mir nochmals eine Stelle aus demselben vor, in welcher es sich um die wenigen Einzelheiten handelte, welche sie sich über ihn zu verschaffen vermocht hatte.

Die Stelle, auf die ich hier hindeute, erscheint in jenem Theile ihres Tagebuches, wo sie seinen Charakter und seine Persönlichkeit beschreibt. Sie sagt, er habe »seit Jahren nicht mehr den Boden seines Vaterlandes betreten« – habe sich erkundigt, »ob in der Blackwater Park am nächsten gelegenen Stadt sich Italiener aufhielten« – und daß er »Briefe mit allerlei Poststempeln erhalten, worunter einer mit einem großen, offiziell aussehenden Siegel gewesen«. Sie ist geneigt zu glauben, daß seine lange Abwesenheit von seinem Geburtslande durch die Annahme zu erklären wäre, daß er ein politischer Flüchtling sei. Auf der anderen Seite dagegen läßt sich diese Idee nicht mit dem Umstände in Einklang bringen, daß er Briefe aus dem Auslande mit »großen, officiell aussehenden Siegeln« erhalten, indem Briefe an politische Flüchtlinge gewöhnlich die letzten sind, welche auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Postämter auf sich zu ziehen suchen.

Die Betrachtungen, welche sich mir aus dem Tagebuche aufdrängten, verbunden mit gewissen Ahnungen, die aus ihnen entstanden, ließen mich zu einem Schlusse kommen, an den nicht früher gedacht zu haben mich jetzt Wunder nahm. Ich sagte jetzt zu mir selbst, was Laura einst in Blackwater Park zu Mariannen gesagt und was die Gräfin Fosco, indem sie an der Thür gehorcht, gehört hatte – der Graf ist ein Spion!

Laura hatte dieses Wort in ihrer natürlichen Entrüstung über sein Verfahren gegen sie angewendet. Ich aber that dies in der wohl erwogenen Ueberzeugung, daß sein Lebensberuf der eines Spions sei. Nach dieser Voraussetzung wurde sein Bleiben in England, so lange nachdem er den Zweck des Complotts erreicht, vollkommen verständlich.

Das Jahr, von dem ich jetzt schreibe, war das der großen Industrieausstellung im Krystall-Palaste in Hyde Park. Ausländer waren in großer Anzahl bereits in England angekommen und ihre Zahl vermehrte sich noch täglich. Es befanden sich Männer unter uns, welche der unausgesetzte Argwohn ihrer Regierungen durch angestellte Agenten bis an unsere Gestade verfolgen ließ. Meine Muthmaßungen ließen mich keinen Augenblick, einen Mann von des Grafen Fähigkeiten und gesellschaftlicher Stellung mit der gewöhnlichen Menge von Spionen vergleichen. Ich hatte ihn im Verdachte, daß er eine officielle Stellung einnehme; daß das Gouvernement, den er im Geheimen diente, ihn mit der Organisation und Leitung besonderer Agenten, weiblicher sowohl als männlicher, in diesem Lande beauftragt hatte, und ich glaubte, daß Mrs. Rubelle, welche so zur gelegenen Zeit gefunden worden, um in Blackwater Park die Krankenwärterin zu spielen, aller Wahrscheinlichkeit nach auch eine von diesen Personen war.

Nach der Voraussetzung, daß diese meine Vermuthung auf Wahrheit begründet war, durfte des Grafen Stellung nicht so unangreifbar sein, wie ich mich bisher zu hoffen gescheut. An wen konnte ich mich wenden, um etwas mehr über den Mann zu erfahren, als ich bis jetzt wußte?

In dieser Schwierigkeit fiel mir natürlich ein, daß ein Landsmann, auf den ich mich würde verlassen können, die geeignetste Person sein dürfte, um mir zu helfen. Der erste Mann, an den ich unter diesen Umständen dachte, war zugleich der einzige Italiener, mit dem ich gut befreundet war – mein drolliger kleiner Freund, Professor Pesca.

Der Professor ist in diesen Blättern so lange vom Schauplatze abgetreten, daß er Gefahr gelaufen, ganz und gar vergessen zu sein.

Es ist das nothwendige Gesetz einer Erzählung wie diese, daß die darin auftretenden Personen nur dann erscheinen, wenn der Gang der Ereignisse sie aufnimmt – sie kommen und gehen, nicht nach der Gunst meiner persönlichen Vorliebe, sondern nach dem Rechte ihrer unmittelbaren Verbindung mit den zu erzählenden Ereignissen. Aus diesem Grunde blieb nicht bloß Pesca, sondern auch meine Mutter und meine Schwester weit im Hintergrunde der Erzählung zurück. Meine Besuche nach der Villa in Hampstead, meiner Mutter Ueberzeugung von Lauras Tode, meine Bemühungen, sie und meine Schwester vom Gegentheile zu überzeugen, was mir bei ihrer eifersüchtigen Liebe zu mir nicht gelingen wollte; die peinliche Notwendigkeit, in Folge dieses ihres Vorurtheils sie über meine Vermählung in Unwissenheit zu lassen – alle diese kleinen Familienverhältnisse sind unberichtet geblieben, weil sie nicht zum Hauptinteresse der Geschichte gehörten.

Aus demselben Grunde habe ich hier nichts von dem Troste gesagt, den ich in Pesca's brüderlicher Zuneigung zu mir fand, als ich ihn nach meiner plötzlichen Rückkehr aus Limmeridge House wiedersah. Ich habe nichts von der treuen Anhänglichkeit gesagt, mit der mein warmherziger kleiner Freund mir nach dem Einschiffungsplatze folgte, als ich nach Centralamerika absegelte, noch von dem frohen Jubel, mit dem er mich begrüßte, als wir uns das nächste Mal in London wiedersahen. Hätte ich mich berechtigt gefühlt, die Dienstesanerbietungen anzunehmen, die er mir bei meiner Heimkehr machte, so würde er längst wieder in diesen Blättern erschienen sein. Aber, obgleich ich wußte, daß ich mich auf seine Ehre und seinen Muth verlassen durfte, war ich doch nicht ebenso fest überzeugt, daß ich seiner Vorsicht vertrauen dürfe, und nur aus diesem Grunde setzte ich meine Nachforschungen allein fort.

Ehe ich Pesca zu meinem Beistande herbeiholte, war es nothwendig, daß ich mich selbst davon überzeugte, mit welch einer Art von Manne ich zu thun habe. Bis zu diesem Augenblicke hatte ich den Grafen Fosco noch nicht ein einziges Mal gesehen.

Drei Tage nach unserer Rückkehr nach London machte ich mich morgens zwischen zehn und elf Uhr allein auf den Weg nach Forest Road, St. John's Wood. Es war ein schöner Tag, und ich hielt es für wahrscheinlich, daß der Graf sich durch das schöne Wetter herauslocken lassen würde. Ich hatte keinen besonderen Grund zu befürchten, daß er mich bei Tage erkennen würde, denn das einzige Mal, daß er mich gesehen, war an jenem Abende gewesen, wo er mir von der Eisenbahn in der Entfernung nach Hause gefolgt war.

Es ließ sich Niemand an den vorderen Fenstern des Hauses sehen. Ich ging in eine kleine Nebenstraße hinein, die an der Seite des Hauses hinunter lief und schaute über die niedrige Gartenmauer. Eins der Fenster in einer hinteren Parterrestube stand offen und über die Oeffnung hin war ein Netz gezogen. Ich sah niemanden; aber ich hörte im Zimmer erst das laute Zwitschern und Singen der Vögel und dann die tiefe, durchdringende Stimme, mit der Mariannens Beschreibung mich vertraut gemacht. »Kommt heraus auf meine Finger, meine Piep – Piep – Piepvögelchen!« rief die Stimme. »Kommt heraus! Hüpf' hinauf! Eins – zwei – drei – und oben. Drei – zwei – eins – und wieder unten! Eins – zwei – drei – zirp – zirp – zirp ziiiirp!« Der Graf exercirte seine Kanarienvögel, wie er sie zu Mariannens Zeit in Blackwater Park zu exerciren pflegte.

Ich wartete eine kleine Weile, bis das Singen und Zirpen aufhörte. »Kommt und küßt mich!« sagte die tiefe Stimme. Ich hörte ein erwiderndes Zwitschern und Zirpen – ein leises, sanftes Lachen – dann trat eine Stille von einer oder zwei Minuten ein – und darauf wurde die Hausthür geöffnet. Ich wandte mich um und ging zurück. Die erhabene Melodie des Gebetes in Rossini's »Moses«, von einer wohlklingenden Baßstimme gesungen, erhob sich großartig in der Stille der Vorstadt. Das Pförtchen des Vordergartens öffnete und schloß sich. Der Graf war herausgekommen.

Er ging über den Weg hinüber und nach der westlichen Grenze des Regent's Park zu. Ich blieb auf meiner Seite der Straße ein wenig hinter ihm zurück und nahm dieselbe Richtung.

Marianne hatte mich auf seine hohe Gestalt, seine ungeheure Corpulenz und seine auffallenden Trauerkleider vorbereitet – nicht aber auf des Mannes Frische, Munterkeit und Lebenskraft. Er trug seine sechzig Jahre, als ob es keine vierzig gewesen wären. Er schlenderte dahin, den Hut ein wenig auf der einen Seite tragend, mit einem leichten, munteren Schritte, indem er seinen großen Stock schwang, vor sich hin summte und von Zeit zu Zeit mit süperber Herablassung an den Häusern und Gärten zu beiden Seiten hinauf und hinab blickte. Er sah sich nicht ein einziges Mal um; er nahm anscheinend keine Notiz von mir, noch von sonst Jemandem, der an ihm an seiner Seite der Straße vorbeiging – ausgenommen hin und wieder, wenn er mit einer Art leichter, väterlicher, guter Laune die Kindermädchen und Kinder anlächelte, die ihm begegneten. Auf diese Weise führte er mich immer weiter, bis wir an eine Colonie von Kaufläden außerhalb der westlichen Terrassen des Parkes kamen.

Hier trat er in einen Pastetenbäckerladen und kam augenblicklich mit einem kleinen Fruchttörtchen in der Hand wieder heraus. Ein italienischer Knabe mit einer Drehorgel, auf welcher sich ein jämmerlicher, verschrumpfter Affe befand, spielte vor dem Laden. Der Graf stand still, biß ein Stück für sich selbst aus dem Törtchen und überreichte das Uebrige mit ernster Miene dem Affen. »Mein armer kleiner Bursch!« sagte er mit grotesker Zärtlichkeit; »du siehst hungrig aus. Im heiligen Namen der Menschheit überreiche ich dir etwas Frühstück!« Der Orgelspieler Wagte eine jammervolle Bitte um einen Penny an den wohlthätigen Fremden. Der Graf zuckte verächtlich die Achseln – und ging weiter.

Wir kamen zu der besseren Classe von Kaufläden zwischen dem New Road und der Oxford-Straße. Der Graf unterbrach seinen Weg abermals und trat in einen kleinen Optikerladen, der eine Anzeige im Fenster hatte, daß drinnen Ausbesserungen auf das Sorgfältigste ausgeführt würden. Er kam wieder heraus und hatte ein Opernglas in der Hand; dann ging er ein paar Schritte weiter und stand wiederum still, um einen vor einem Notenladen stehenden Opernzettel zu lesen. Er that dies aufmerksam, überlegte einen Augenblick und rief dann ein leeres Cabriolet an, das vorbeifuhr. »Zum Billetverkauf der Opern,« sagte er zu dem Kutscher und fuhr davon.

Ich ging hinüber und sah meinerseits den Opernzettel an. Die angekündigte Oper war »Lucrezia Borgia« und die Vorstellung sollte an demselben Abend stattfinden. Das Opernglas in der Hand des Grafen, sein sorgfältiges Lesen des Zettels und sein Befehl an den Cabrioletkutscher – ließen mich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er ein Zuhörer der Vorstellung zu sein beabsichtigte. Ich hatte Gelegenheit, indem ich mich an einen der Decorationsmaler des Theaters, mit dem ich in früheren Zeiten bekannt gewesen, wandte, für mich und meinen Freund Billetts für's Parterre zu erhalten. Es war wenigstens eine Aussicht vorhanden, daß der Graf mir und meinem Gefährten leicht unter den Zuschauern sichtbar sein würde und in diesem Falle hatte ich ein Mittel, noch an diesem Abend zu erfahren, ob Pesca seinen Landsmann kenne oder nicht.

Dieser Gedanke entschied sofort über die Art und Weise, in der ich meinen Abend hinbringen würde. Ich verschaffte mir die Billetts und gab auf meinem, Heimwege ein paar Worte an den Professor in seiner Wohnung ab. Ein Viertel vor acht Uhr kehrte ich zurück, um ihn mit mir in die Oper zu nehmen. Mein kleiner Freund war in einem Zustande der unbeschreiblichsten Aufregung, mit einer festlichen Blume im Knopfloch und dem größten Opernglase unter dem Arme, das ich je gesehen.

»Bist du fertig?« frug ich.

»Richtig-Alles-richtig,« sagte Pesca.

Wir machten uns auf den Weg nach dem Theater.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.