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Die Frau in Weiß ? Band VI

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band VI - Kapitel 4
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authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band VI
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXV. Band
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XI.

Die Todtenschau fand am Nachmittags des folgenden Tages statt. Ich war nothwendigerweise unter den Zeugen, welche für die Untersuchung vorgeladen wurden.

Mein erstes am nächsten Morgen war, nach der Post zu gehen und den Brief zu fordern, den ich von Mariannen erwartete. Kein Wechsel der Verhältnisse, so außerordentlich derselbe auch sein mochte, konnte die eine große Sorge, die auf meinem Herzen lag, während ich von London abwesend war, in den Hintergrund drängen. Der Brief mit der Frühpost, welcher mir die einzige Sicherheit war, daß sich während meiner Abwesenheit kein Unfall ereignet hatte, war zugleich das ausschließliche Interesse, mit welchem mein Tag begann.

Zu meiner Beruhigung fand ich Mariannens Brief an mich auf der Post.

Es hatte sich nichts ereignet – sie waren Beide so wohl und sicher, wie zur Zeit, da ich sie verlassen. Laura schickte mir ihren Gruß und bat mich, sie einen Tag vor meiner Rückkehr von derselben in Kenntnis zu setzen. Ihre Schwester fügte, um mir diesen Wunsch zu erklären, hinzu, daß sie »beinahe einen Sovereign« aus ihrem eigenen Verdienste erspart habe und daß sie sich das Privilegium erbeten, das kleine Diner, das meine Heimkehr feiern sollte, selbst zu bestellen und anzuordnen. Ich las diese häuslichen kleinen Mittheilungen im hellen Morgenlichte mit der furchtbaren lebendigen Erinnerung an das, was sich gestern Abend zugetragen hatte. Die Notwendigkeit, Laura vor einer plötzlichen Kenntnis der Wahrheit zu schützen, war die erste Betrachtung, welche dieser Brief mir in's Gedächtnis rief. Ich schrieb augenblicklich an Marianne und erzählte ihr Alles, was vorgefallen, indem ich sie allmälig auf die Nachricht vorbereitete und sie warnte, Laura um keinen Preis während meiner Abwesenheit ein Zeitungsblatt in die Hände fallen zu lassen.

Mein Brief wurde notwendigerweise ein langer und er beschäftigte mich bis zu dem Augenblicke, wo ich nach der Todtenschau aufbrechen mußte.

Der gerichtlichen Untersuchung legten sich manche Verwicklungen und Schwierigkeiten in den Weg. Außer der Untersuchung über die Art und Weise, wie der Verstorbene seinen Tod gefunden, gab es ernste Fragen in Bezug auf die Ursache des Feuers, die Wegnahme der Schlüssel und die Anwesenheit des Fremden in der Sacristei zur Zeit, wo das Feuer ausbrach, zu lösen. Selbst die Identification des todten Mannes hatte noch nicht stattgefunden. Der hilflose Zustand des Dieners hatte die Polizei abgehalten, sein angebliches Erkennen seines Herrn als maßgebend anzunehmen. Sie hatte in der Nacht nach Knowlesbury geschickt, um sich Zeugen zu verschaffen, die mit Sir Percival Glyde's persönlichem Aussehen genau bekannt waren, und hatte früh Morgens Boten nach Blackwater Park abgesandt. Diese Maßregeln setzten den Leichenbeschauer und die Geschworenen in den Stand, die Frage über die Identität zu lösen und die Richtigkeit der Behauptung des Dieners zu bestätigen, welches Zeugnis dann durch die Entdeckung gewisser Thatsachen, durch die Aussage competenter Zeugen und eine Untersuchung der Uhr des Verstorbenen noch bekräftigt wurde, welche letztere inwendig Sir Percival Glyde's Namen und Wappen trug.

Die nächsten Nachfragen bezogen sich auf das Feuer.

Der Diener, ich und der Knabe, welcher gehört hatte, wie in der Sacristei ein Licht angemacht worden, waren die ersten Zeugen, welche aufgerufen wurden. Der Knabe machte seine Angabe klar genug; aber des Dieners Geist hatte sich noch nicht von dem Schlage erholt, der ihn betroffen – es war augenscheinlich, daß er nicht im Stande war, den Zweck der Untersuchung zu fördern, und erhielt daher Befehl, abzutreten.

Zu meiner Erleichterung währte mein Verhör nicht lange. Ich hatte den Verstorbenen nie gesehen; hatte von seiner Anwesenheit in Alt-Welmingham nichts gewußt und war nicht zugegen gewesen, als man den Körper in der Sacristei gefunden. Alles, was ich beweisen konnte, war, daß ich in die Wohnung des Küsters getreten, um mich nach dem Wege zu erkundigen; daß ich von ihm von dem Verluste der Schlüssel gehört; daß ich ihn nach der Kirche begleitet, um ihm alle Hilfe zu leisten, die in meiner Macht war, daß ich das Feuer gesehen, daß ich gehört, wie im Innern der Sacristei Jemand vergebens das Schloß zu öffnen versuchte, und daß ich gethan, was ich gekonnt – aus bloßen Menschlichkeitsgründen – um den Mann zu retten. Andere Zeugen, welche mit dem Verstorbenen bekannt gewesen, wurden befragt, ob sie das Geheimnis seiner angeblichen Wegnahme der Schlüssel und seiner Anwesenheit in dem brennenden Zimmer erklären könnten? Aber der Leichenbeschauer nahm es natürlicherweise für ausgemacht an, daß ich als Fremder in der Nachbarschaft und für Sir Percival Glyde nicht im Stande sein würde, irgendwie Zeugnis über diese beiden Punkte abzulegen.

Mein Verfahren, nachdem mein förmliches Verhör vorüber war, schien mir vollkommen klar. Ich fühlte mich nicht berufen, mich zu einer freiwilligen Angabe meiner persönlichen Ueberzeugungen zu erbieten; erstens, weil dies keinem praktischen Zwecke dienen konnte, jetzt da jeder Beweis für meine Muthmaßungen mit dem Kirchenbuche verbrannt war; zweitens, weil ich meine Ansicht nicht auf verständliche Weise hätte auseinandersetzen können, ohne die ganze Geschichte von dem Complotte zu enthüllen.

In diesen Blättern jedoch brauchen solche Berücksichtigungen die freie Mittheilung meiner Ansichten nicht länger zu hindern. Ich will daher kurz andeuten, auf welche Weise meine eigene Ueberzeugung mir die Wegnahme der Schlüssel, das Ausbrechen des Feuers und den Tod des Mannes erklärt.

Die Nachricht, daß ich wider Erwarten auf Bürgschaft frei gelassen, trieb, wie ich mir denke, Sir Percival auf seine letzten Hilfsmittel zurück. Der Angriff gegen mich auf der Landstraße war das eine derselben und die Beseitigung jedes thatsächlichen Beweises seines Verbrechens, durch die Vernichtung des Blattes im Kirchenbuche, auf dem die Fälschung begangen, war das zweite und sicherste von beiden. Falls ich keinen geschriebenen Auszug aus dem Kirchenbuchs beibringen konnte, damit derselbe mit der beschworenen Abschrift in Knowlesbury verglichen würde, so hatte ich keinen entschiedenen Beweis gegen ihn und konnte ihm daher nicht damit drohen, ihn durch Bloßstellung zu Grunde richten zu wollen. Alles, dessen er für seinen Zweck bedurfte, war, daß er ungesehen in die Sacristei gelangte, daß er das Blatt aus dem Kirchenbuchs risse und dann die Sacristei ebenso unbemerkt, wie er sie betreten, wieder verließe.

Nach dieser Voraussetzung ist leicht zu begreifen, warum er bis Einbruch der Nacht wartete und warum er die Abwesenheit des Küsters benutzte, um sich die Schlüssel zu verschaffen. Er war gezwungen, ein Licht anzumachen, um das betreffende Kirchenbuch zu finden, und die gewöhnlichste Vorsicht erforderte, daß er die Thür von innen verschloß, für den Fall, daß irgend ein neugieriger Fremder oder etwa ich ihn zu stören käme, falls ich zufällig in der Nähe war.

Ich kann nicht glauben, daß es irgendwie in seiner Absicht gelegen, die Vernichtung des Kirchenbuches im Lichte eines Unfalles erscheinen zu lassen, indem er die Sacristei vorsätzlich in Brand steckte. Die bloße Möglichkeit, daß schnelle Hilfe kommen und die Bücher etwa gar gerettet würden, mußte nach kurzer Ueberlegung genügt haben, um ihn den Gedanken wieder aufgeben zu lassen. Wenn ich an die Masse leicht entzündbarer Gegenstände in der Sacristei denke – an das Stroh, die Papiere, die Packlisten, das trockene Holz und die wurmstichigen alten Schränke – so deuten alle Wahrscheinlichkeiten meiner Ansicht nach darauf hin, daß das Feuer die Folge eines Unfalles war, den er mit seinen Zündhölzchen oder seinem Lichte gehabt hatte.

Sein erster Impuls war unter diesen Umständen ohne Zweifel der, die Flammen zu löschen, und der zweite, da ihm dies mißlang (und er mit dem Zustande des Schlosses unbekannt war), der Versuch, durch die Thür, durch die er gekommen, zu entfliehen. Als ich ihm zugerufen, mußten die Flammen sich über die Thür, welche in die Kirche führte, erstreckt haben, zu deren beiden Seiten die Schränke standen und um welche herum die brennbaren Gegenstände lagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er, als er durch die innere Thür zu entfliehen versucht, von dem Rauche und den Flammen (die keinen Ausweg aus dem Zimmer fanden) überwältigt worden. Er mußte in seiner Todesohnmacht – gerade in dem Augenblicke, wo ich auf das Dach gesprungen war und das Fenster einschlug – auf der Stelle hingesunken sein, an der man ihn fand. Selbst falls es uns später gelungen wäre, in die Kirche zu dringen und die Thür von der Seite zu sprengen, so mußte der Verzug doch schon tödlich gewesen sein. Er konnte zu der Zeit längst nicht mehr zu retten sein, wir hätten den Flammen nur freien Eingang in die Kirche gestattet, welche jetzt gerettet war, die aber in jenem Falle das Schicksal der Sakristei getheilt haben würde. Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß er schon, ehe wir noch in der leeren Hütte anlangten und mit aller Gewalt arbeiteten, um den Balken zu lösen, todt gewesen sein mußte.

Die Leichenschau wurde auf einen Tag vertagt; denn es war nichts entdeckt worden, was das Auge des Gesetzes als genügende Erklärung der geheimnisvollen Umstände des Falles hätte anerkennen können.

Man kam überein, noch mehr Zeugen zu vernehmen und den Rechtsanwalt des Verstorbenen aus London zu verschreiben. Auch wurde ein Arzt beauftragt, über den geistigen Zustand des Dieners zu berichten, da derselbe augenblicklich unfähig schien, irgendwie Zeugnis von Wichtigkeit abzulegen. Er konnte bloß auf eine geistesabwesende Art und Weise wiederholen, daß er am Abend des Feuers Befehl erhalten, in dem Nebenwege zu warten, und daß er weiter von nichts wisse, außer daß der Verstorbene ganz gewiß sein ehemaliger Herr sei.

Meine eigene Ueberzeugung ging dahin, daß man ihn (ohne schuldiges Mitwissen von seiner Seite) dazu gebraucht hatte, sich von der Abwesenheit des Küsters zu überzeugen und dann im Nebenwege (doch außer Gesichtsweite von der Sacristei) zu warten, um für den Fall, wo ich dem Angriffe auf der Landstraße entginge und hier mit Sir Percival zusammenträfe, seinem Herrn Beistand zu leisten. Ich muß jedoch hinzufügen, daß des Mannes eigene Aussage diese meine Ansicht nie bestätigt hat. Der ärztliche Bericht über ihn lautete dahin, daß das wenige, was er an Geistesfähigkeit besitze, ernstlich erschüttert sei; in der vertagten Untersuchung wurde nichts Befriedigendes aus ihm herausgebracht und soviel ich weiß, ist er bis auf diesen Tag noch nicht wieder hergestellt.

Ich kehrte geistig und körperlich so erschöpft und niedergedrückt zum Gasthofe in Welmingham zurück, daß ich nicht im Stande war, die Unterhaltung über die Leichenschau und die trivialen Fragen zu ertragen, welche die Gäste im Kaffeezimmer an mich richteten. Ich zog mich nach meinem frugalen Abendessen auf mein schlichtes Dachstübchen zurück, um mir etwas Ruhe zu gönnen und ungestört an Laura und Marianne denken zu können.

Wie gern wäre ich nach London gefahren, um mich noch diesen Abend durch den Anblick der beiden lieben Angesichter zu erquicken. Aber ich war verpflichtet, bei der vertagten Untersuchung zu erscheinen und doppelt verpflichtet vor der Behörde in Knowlesbury, der für mich geleisteten Bürgschaft nachzukommen.

Den nächsten Tag, welcher unmittelbar dem Tage der Leichenschau folgte, hatte ich zu meiner eigenen Verfügung. Ich begann den Morgen, indem ich mir erst wieder den regelmäßigen Bericht von Mariannen auf der Post abholte. Ich fand denselben wie gewöhnlich vor und er war durchwegs mit frohen Lebensgeistern geschrieben. Ich las den Brief voll Dankbarkeit durch und machte mich dann auf den Weg nach Alt-Welmingham, um den Schauplatz des Feuers beim Tageslicht in Augenschein zu nehmen.

Als ich bei der Kirche anlangte, war der zertrampelte Zustand des Begräbnisplatzes die einzige ernste Spur, welche von dem Feuer und dem Tode noch zurückgeblieben. Ein roher Bretterverschlag war vor dem Eingange der Sacristei errichtet, und die Dorfkinder balgten sich um das beste Guckloch, um in die Brandstätte zu schauen. Auf dem Boden zu meinen Füßen, wo die Thür mit ihrer grauenvollen Last gelegen, stand das Mittagsmahl eines Arbeiters in einer gelben Schüssel in ein Tuch gebunden, und sein treuer Hund, welcher es bewachte, bellte mich an, als ich der Stelle zu nahe kam. Der alte Küster, welcher dem langsamen Anfange der Ausbesserungen zuschaute, hatte jetzt nur ein Interesse, über das er schwatzen konnte – daß er selbst nämlich nach diesem Unfälle allem Tadel entginge.

Als ich den Ort verließ, dachte ich – nicht zum ersten Male – daran, wie für jetzt wenigstens alle Hoffnung darauf, Lauras Identität zu behaupten, durch Sir Percivals Tod über den Haufen geworfen war. Er war todt – und mit ihm die Aussicht, auf die ich meine größten Hoffnungen gebaut hatte.

Konnte ich das Mißlingen meiner Bemühungen aus keinem besseren Gesichtspunkte ansehen?

Gesetzt, er wäre am Leben geblieben – würde diese Veränderung der Verhältnisse den Erfolg verändert haben? Hätte ich – selbst um Lauras willen – meine Entdeckung als eine verkaufbare Waare benutzen können, nachdem ich gesehen, daß der Raub der Rechte Anderer das Wesen von Sir Percivals Verbrechen ausmachte? Hätte ich ihm den Preis meines Schweigens für sein Bekenntnis des Complottes bieten können, wenn die Wirkung dieses Schweigens die sein mußte, dem rechtmäßigen Erben sein Besitzthum und dem rechtmäßigen Eigenthümer seinen Namen vorzuenthalten? Unmöglich! Falls Sir Percival am Leben geblieben, so lag es nicht in meiner Macht, die Entdeckung, von der ich (in meiner Unkenntnis der wahren Natur des Geheimnisses) so viel gehofft hatte, zu verschweigen oder bekannt zu machen, wie ich es eben zur Behauptung der Rechte Lauras nöthig erachtet hätte. Nach den allergewöhnlichsten Regeln der Redlichkeit und Ehre hätte ich sofort zu dem Fremden gehen müssen, dessen Erbrecht Jener sich angemaßt – ich hätte meinem Siege in dem Augenblick, wo ich ihn gewonnen, entsagen müssen, indem ich die Entdeckung ohne Vorbehalt in die Hände dieses Fremden gab – und ich hätte abermals all den Schwierigkeiten entgegentreten müssen, die sich zwischen mir und dem einen Zwecke meines Lebens erhoben – gerade wie ich auch jetzt noch im Innersten meines Herzens entschlossen war, denselben entgegenzutreten!

Ich kehrte mit ruhigerem Gemüths nach Welmingham zurück, indem ich mich über mich selbst und meinen Entschluß sicherer fühlte, als ich noch bisher gethan.

Auf meinem Wege nach dem Gasthofe ging ich an dem einen Ende des Platzes vorbei, an welchem Mrs. Catherick wohnte. Sollte ich nach dem Hause zurückgehen und noch einen Versuch machen, sie zu sehen? Nein. Jene Nachricht von Sir Percivals Tode, welche die letzte Nachricht war, die sie zu hören erwartete, mußte längst zu ihr gedrungen sein: ich hatte ihr nichts zu erzählen, was sie nicht bereits wußte. Mein Interesse, sie zum Sprechen zu bewegen, hatte abgenommen. Ich gedachte des heimlichen Hasses, der sich in ihrem Gesichte aussprach, als sie sagte: »Es gibt keine Nachrichten über Sir Percival, auf die ich nicht vorbereitet wäre – ausgenommen die Nachricht seines Todes.« Ich gedachte des lauernden Blickes, mit dem sie nach diesen Worten beim Scheiden meine Gestalt betrachtete. Ein Instinct tief in meinem Herzen machte mir den Gedanken, sie wiederzusehen, im höchsten Grade zuwider – ich wandte mich von dem Platze ab und ging geradezu nach dem Gasthofe zurück.

Einige Stunden später, als ich allein im Gastzimmer saß, überbrachte mir der Kellner einen Brief. Derselbe war, wie man mir sagte, gerade vor Dunkelwerden, ehe das Gas angezündet gewesen, von einer Frau abgegeben worden. Sie war schon wieder fortgegangen, ehe man noch Zeit gehabt, zu ihr zu sprechen oder zu bemerken, wer sie sei.

Ich öffnete den Brief. Derselbe war weder datirt noch unterzeichnet und die Handschrift war sichtbar verstellt. Doch ehe ich noch den ersten Satz zu Ende gelesen, wußte ich, wer der Schreiber sei: Mrs. Catherick.

Der Brief lautete folgendermaßen. – Ich schreibe ihn Wort für Wort ab:

Mrs. Catherick's Aussage.

Sir, Sie sind nicht wiedergekommen, wie Sie sagten, daß Sie thun würden. Einerlei, Ich habe die Nachricht erfahren und schreibe, um Ihnen dies zu sagen. Sahen Sie irgend etwas Besonderes in meinem Gesichte, als Sie mich verließen? Ich dachte in meinem eigenen Herzen, ob wohl der Augenblick seines Unterganges gekommen und ob Sie etwa das dazu erwählte Werkzeug seien. Sie waren es – und Sie haben diesen Untergang herbeigeführt.

Sie waren schwach genug, wie man sagt, zu versuchen, sein Leben zu retten. Wäre Ihnen dies gelungen, so hätte ich Sie als meinen Feind betrachtet. Jetzt, da es Ihnen fehlschlug, sehe ich Sie als meinen Freund an. Ihre Nachforschungen trieben ihn in seiner Angst Nachts nach der Sacristei; Ihre Nachforschungen haben ohne Ihr Mitwissen meinem Hasse von dreiundzwanzig Jahren gedient und meine Rache vollzogen. Ich danke Ihnen, Sir, wider Ihren Willen.

Dem Manne, der dies gethan, schuldige ich etwas. Nun! Ich kann meine Schuld bezahlen, indem ich Ihrer Neugier Genüge thue. Sie waren, als Sie zu mir kamen, sehr neugierig, gewisse Privatangelegenheiten von mir zu erfahren – Sachen, hinter die Sie mit all Ihrer Schlauheit nicht kommen könnten ohne meine Hilfe – Sachen, die Sie selbst jetzt noch nicht entdeckt haben. Sie sollen sie erfahren. Ich will keine Mühe scheuen, um Ihnen gefällig zu sein, mein werther junger Freund!

Sie waren im Jahre 1827 vermuthlich noch ein kleiner Bube? Ich war zu jener Zeit eine schöne Frau und wohnte in Alt-Welmingham. Ich hatte einen verächtlichen Narren zum Manne. Ueberdies hatte ich die Ehre (einerlei auf welche Weise), mit einem gewissen Herrn (einerlei wer) bekannt zu sein. Ich werde ihn nicht beim Namen nennen, wozu auch? Es war ja nicht einmal sein eigener. Er hatte nie einen Namen. Sie wissen das jetzt so gut, wie ich es weiß.

Es wird zweckdienlicher sein, wenn ich Ihnen sage, auf welche Weise er sich in meine Gunst einschlich. Ich war mit den Geschmacksrichtungen einer Dame geboren und er befriedigte dieselben. Mit anderen Worten, er bewunderte mich und machte mir Geschenke. Kein Weib kann der Bewunderung und Geschenken widerstehen, besonders aber Geschenken, vorausgesetzt, daß dieselben gerade die sind, welche sie gebraucht. Er war schlau genug, das zu wissen – wie die meisten Männer. Natürlich wollte er etwas dafür wieder haben – auch wie die meisten Männer. Und worin glauben Sie wohl, daß dieses Etwas bestand? Eine bloße Kleinigkeit. Nichts, als den Schlüssel der Sacristei und den Schlüssel des dort befindlichen Schrankes, wenn mein Mann einmal abwesend sei. Natürlich log er mir etwas vor, als ich ihn frug, wozu er so heimlich die Schlüssel gebrauchte. Er hätte sich die Mühe ersparen können – ich glaubte ihm nicht. Aber mir gefielen seine Geschenke, und ich wollte noch mehr haben. Darum verschaffte ich ihm die Schlüssel, ohne daß mein Mann es wußte, und paßte ihm dann auf, ohne daß er es wußte. Einmal, zweimal, viermal paßte ich ihm auf – und das vierte Mal kam ich hinter seine Schliche.

Ich war nie übermäßig gewissenhaft, wo es anderer Leute Angelegenheiten betraf, und es beunruhigte mich nicht besonders, daß er auf eigene Hand ein Heiratscertificat zu den übrigen hinzufügte.

Natürlich wußte ich, daß es unrecht war; aber es that mir kein Unrecht an – und das war ein sehr guter Grund, kein Aufhebens darüber zu machen. Auch hatte ich noch keine goldene Uhr und Kette, und das war ein noch besserer Grund. Und er hatte mir am Tage vorher versprochen, mir Beides aus London kommen zu lassen. Hätte ich gewußt, wie das Gesetz das Verbrechen betrachtete und wie es dasselbe bestrafte, so hätte ich mich in Acht genommen und ihn sofort angegeben. Aber ich wußte von nichts und sehnte mich nach einer goldenen Uhr. Die einzige Bedingung, auf der ich bestand, war, daß er mich in's Vertrauen zog und mir alles sagte. Ich war damals ebenso neugierig über seine Angelegenheiten, wie Sie es jetzt über die meinigen sind. Er ging auf meine Bedingung ein – Sie werden gleich sehen warum.

Er erzählte mir nicht aus eigenem Antriebe, was ich Ihnen hier erzählen werde. Ich brachte Einiges durch Ueberredung und Einiges durch Fragen aus ihm heraus. Ich war entschlossen, die ganze Wahrheit zu wissen – und ich glaube, ich erfuhr sie.

Er wußte bis nach dem Tode seiner Mutter ebenso wenig wie andere Leute über das wirkliche Verhältnis zwischen ihr und seinem Vater. Als sie gestorben war, gestand sein Vater ihm dasselbe ein und versprach ihm, für seinen Sohn zu thun, was er könne. Er starb, nachdem er nichts gethan – nicht einmal ein Testament gemacht hatte. Der Sohn (und wer kann ihn dafür tadeln?) war so klug, für sich selbst zu sorgen. Er kam sofort nach England und nahm Besitz von dem Grundeigenthum. Es war niemand da, der ihn beargwöhnen oder nur Nein sagen konnte. Sein Vater und seine Mutter hatten stets wie Eheleute zusammen gelebt – und niemand unter den Wenigen, welche mit ihnen bekannt waren, ahnte je, daß es anders sei. Der rechtmäßige Erbe (falls man die Wahrheit gekannt hatte) war ein entfernter Verwandter, der nicht daran dachte, das Besitzthum je in seine Hände zu bekommen, und war außer Landes, auf dem Wasser, als sein Vater starb. Es stellte sich ihm also bis hieher keine Schwierigkeit entgegen – und er nahm Besitz, als ob sich die Sache von selbst verstände. Aber er konnte nicht Geld auf das Eigenthum erborgen. Es waren zwei Dinge erforderlich, ehe er das thun konnte. Das erste war ein Geburtsschein und das zweite ein Heiratscertificat seiner Eltern. Sein Geburtsschein war leicht verschafft – er war im Auslande geboren und der Schein war in giltiger Form vorhanden. Das andere aber bot eine Schwierigkeit dar – und diese Schwierigkeit brachte ihn nach Alt-Welmingham.

Wenn er nicht eins berücksichtigt hätte, so wäre er statt dessen nach Knowlesbury gegangen.

Seine Mutter hatte dort – gerade ehe sie seinem Vater begegnete – unter ihrem Mädchennamen gelebt; die Wahrheit ist die, daß sie in Wirklichkeit eine verheiratete Frau war, verheiratet in Irland, wo ihr Mann sie mißhandelt und hernach mit einer anderen Person davon gegangen war. Ich gebe Ihnen diese Thatsache nach guter Autorität. Sir Felix gab sie seinem Sohne als Grund an, weshalb er seine Mutter nicht geheiratet habe. Sie wundern sich vielleicht, daß der Sohn, da er wußte, daß sich seine Eltern einander in Knowlesbury kennen gelernt, seine Streiche nicht mit dem Kirchenbuche in der Kirche zu Knowlesbury spielte, in der man billigerweise voraussetzen konnte, daß seine Eltern sich verheiratet hätten. Die Ursache hievon war, daß der Geistliche, welcher im Jahre 1802 an der Kirche zu Knowlesbury angestellt war (in welchem Jahre seinem Geburtsscheine zufolge seine Eltern geheiratet haben sollten), noch am Leben war, als er im Jahre 1827 von dem Grundeigenthum Besitz nahm.

Dieser unbequeme Umstand zwang ihn, seine Forschungen bis auf unsere Nachbarschaft zu erstrecken. Hier gab es keine derartige Gefahr, indem der frühere Geistliche unserer Kirche seit einigen Jahren todt war.

Alt-Welmingham paßte ebenso gut für seinen Zweck, wie Knowlesbury. Sein Vater hatte seine Mutter aus Knowlesbury fortgenommen und in geringer Entfernung von unserem Dorfe in einer kleinen Villa am Flusse mit ihr gelebt, wäre er nicht dem Aussehen nach ein scheußliches Geschöpf gewesen, so hätte sein zurückgezogenes Leben mit der Dame vielleicht Verdacht erregt, so aber nahm es Niemand Wunder, daß er seine Mißgestalt versteckte. Er lebte in unserer Nachbarschaft, bis er den Park erbte, wer konnte nach drei- oder vierundzwanzig Jahren sagen (da der Geistliche gestorben war), ob nicht seine Heirat auf ebenso zurückgezogene Weise, wie er sein übriges Leben zugebracht, in Alt-Welmingham stattgefunden habe?

Auf diese Weise also fand der Sohn, daß unsere Gegend die sicherste sei, um ganz heimlich die Sache für sein Interesse zu ordnen. Es wird Sie vielleicht überraschen, zu hören, daß das, was er wirklich mit dem Kirchenbuche vornahm, auf die Eingebung des Augenblicks hin und ohne alle vorherige Ueberlegung geschah.

Seine erste Idee war bloß (an der rechten Stelle des Jahres und des Monats), das Blatt auszureißen, es heimlich zu vernichten, nach London zurückzukehren und seinem Advocaten aufzutragen, ihm das nothwendige Heiratscertificat zu verschaffen, indem er ihn natürlich ganz unschuldig auf das Datum des ausgerissenen Blattes verwies. Es konnte danach Niemand sagen, daß seine Eltern nicht verheiratet gewesen – und ob man nun unter diesen Umständen ihm das Geld leihen werde oder nicht (er meinte, man hätte es gethan), so würde er jedenfalls eine Antwort bereit gehabt haben, falls sich je eine Frage über sein Anrecht an Eigenthum und Titel erhoben hätte.

Als es ihm aber gelang, heimlich selbst einen Blick in das Kirchenbuch zu thun, fand er am unteren Ende einer Seite des Jahres 1803 einen leeren Raum, dem Anscheine nach leer gelassen, weil er nicht zur Aufnahme eines langen Certificates ausreichte, welches sich an der Spitze der nächsten Seite befand. Der Anblick der Gelegenheit, die sich auf diese Weise ihm darbot, veränderte alle seine Pläne. Es war eine Gelegenheit, an die er nie gedacht, die er nie gehofft hatte, und er benutzte sie – Sie wissen auf welche Weise. Um genau mit seinem Geburtsscheine übereinzustimmen, hätte der leere Raum sich im Monat Februar des Registers befinden sollen. Statt dessen aber war er im Monat April. Indessen, falls sich hierüber Argwohn erhob, so war die Erklärung leicht zu finden. Er brauchte nur anzugeben, daß er ein Kind von 7 Monaten gewesen.

Ich war thöricht genug, einiges Mitleid für ihn zu fühlen, als er mir seine Geschichte erzählte – worauf er gerade rechnete, wie Sie sehen werden. Ich fand, daß man ihm ein schlimmes Unrecht gethan. Es war nicht seine Schuld, daß seine Eltern nicht verheiratet gewesen. Auch eine gewissenhaftere Frau, als ich – eine Frau, die nicht ihr Herz an eine goldene Uhr und Kette gehangen – hätte einige Entschuldigung für ihn gefunden. Jedenfalls hielt ich den Mund und schützte ihn bei dem, was er thun wollte.

Es dauerte einige Zeit, ehe er die Tinte von der rechten Farbe herstellen konnte (welche er lange in kleinen Flaschen und Töpfchen hin und her mischte) und dann brauchte er wieder einige Zeit, um sich in der Handschrift zu üben. Aber am Ende gelang ihm Beides – und er machte seine Mutter, nachdem sie längst im Grabe gelegen, zu einer rechtschaffenen Frau! So weit leugne ich nicht, daß er sich redlich genug gegen mich benahm. Er gab mir meine Uhr und Kette; beides war von der vorzüglichsten Arbeit und sehr kostspielig. Ich besitze sie noch – die Uhr geht ausgezeichnet.

Sie sagten neulich, Mrs. Clements habe Ihnen Alles gesagt, was sie gewußt. In dem Falle brauche ich nichts über den jämmerlichen Scandal zu schreiben, dessen unschuldiges Opfer ich wurde. Sie müssen so gut wie ich wissen, welche Idee mein Mann sich in den Kopf setzte, als er mich und meinen vornehmen Freund in heimlichen Zusammenkünften flüsternd zusammen fand. Aber was Sie nicht wissen, das ist, wie die Sache zwischen mir und meinem vornehmen Freunds endete. Sie sollen lesen und sehen, wie er an mir handelte.

Die ersten Worte, die ich ihm sagte, als ich sah, wie man über die Geschichte dachte, waren: »Lassen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren – befreien Sie meinen Ruf von einem Flecken, den wie Sie wissen, derselbe nicht verdient. Ich verlange nicht, daß Sie meinem Manne eine volle Beichte ablegen – sagen Sie ihm bloß und geben Sie ihm ihr Ehrenwort als Gentleman, daß er sich täuscht und daß ich nicht zu tadeln bin, wie er es glaubt. Lassen Sie mir, nach Allem, was ich für Sie gethan, wenigstens diese Gerechtigkeit widerfahren,« Er schlug es mir mit entschiedenen Worten ab. Er sagte mir ganz unumwunden, daß es in seinem Interesse liege, meinen Mann und die Nachbarn an die Unwahrheit glauben zu lassen – weil sie, solange sie dies thaten, ganz gewiß nicht auf die Wahrheit verfallen würden. Ich war nicht so leicht zu verblüffen und sagte ihm, sie sollten die Wahrheit von meinen Lippen erfahren. Seine Antwort war kurz, aber bündig. Falls ich spreche, so sei ich ebensowohl verloren, wie er selbst.

Ja! dahin war es gekommen. Er hatte mich über die Gefahr getäuscht, die ich lief, indem ich ihm half. Er hatte meine Unwissenheit benutzt; hatte mich durch seine Geschenke verlockt; hatte durch seine Geschichte meine Theilnahme gewonnen – und das Ende vom Liede war, daß er mich zu seiner Mitschuldigen gemacht. Er gab dies ganz ruhig zu und schloß damit, daß er mir zum ersten Male sagte, welcher Art in Wirklichkeit die furchtbare Strafe für sein Verbrechen und für Jeden sei, der ihm bei der Ausführung desselben behilflich gewesen. Zu jener Zeit war das Gesetz nicht so weichherzig, wie ich höre, daß es jetzt ist. Mörder waren nicht die einzigen Leute, die dem Strange verfielen, und weibliche Sträflinge wurden damals nicht behandelt wie Damen in unverdientem Unglück. Ich gestehe, er machte mir bange – der erbärmliche Betrüger! der feige Schurke! Begreifen Sie jetzt, wie ich ihn hassen mußte? Begreifen Sie, warum ich mir all diese Mühe nehme – und zwar voll Dankbarkeit – für den verdienstvollen jungen Mann, der ihn zu Falle brachte?

Nun also weiter. Er war kaum Narr genug, mich geradezu zur Verzweiflung zu treiben. Ich war nicht die Art von Frauenzimmern, die es gerathen gewesen wäre in die Enge zu treiben – das wußte er und beruhigte mich wohlweislich mit Vorschlägen für die Zukunft.

Ich verdiene eine Belohnung (war er so gütig zu sagen) für den Dienst, den ich ihm geleistet, und eine Entschädigung (wie er freundlich hinzufügte) für das, was ich dadurch gelitten hatte. Er sei gern bereit – der großmüthige Schurke! – mir einen hübschen Jahresgehalt auszuwerfen, der mir vierteljährlich ausgezahlt würde, aber nur unter zwei Bedingungen. Erstens sollte ich – in meinem eigenen Interesse sowohl als in dem seinigen – schweigen. Zweitens sollte ich nie, ohne ihn vorher davon zu unterrichten und seine Erlaubnis dazu zu erwarten, Welmingham verlassen. Hier konnte keine achtbare Frau mir Freundin sein und so mich in Versuchung bringen, ihr gefährliche vertraute Mittheilungen am Theetische zu machen – und hier würde er mich stets zu finden wissen. Eine harte Bedingung, diese zweite – aber ich ging sie ein.

Was konnte ich auch wohl anderes thun? Ich stand verlassen da mit der Aussicht auf die kommende Sorge eines Kindes, was konnte ich anderes thun? Mich der Gnade und Barmherzigkeit meines blödsinnigen weggelaufenen Mannes übergeben, der den ganzen Scandal gegen mich erhoben hatte? Ich wäre lieber gestorben. Und übrigens war es allerdings ein hübscher Jahresgehalt. Ich hatte ein besseres Einkommen, ein besseres Haus über meinem Kopfe, bessere Teppiche unter meinen Füßen, als die meisten der Weiber, die bei meinem Anblicke die Nasen rümpften. Das Kleid der Tugend in unserer Gegend war bunter Kattun. Ich trug Seide.

Ich nahm also seine Bedingungen an und benutzte sie zu meinem besten Vortheile; ich führte meine Sache gegen meine Nachbarn auf ihrem eigenen Boden und gewann sie im Laufe der Zeit – wie Sie gesehen haben. Wie ich sein Geheimnis (und meins) während all der Jahre bis auf diesen Tag bewahrte und ob meine verstorbene Tochter Anna sich jemals wirklich in mein Vertrauen schlich und ebenfalls hinter das Geheimnis kam, sind Fragen, die Sie vermuthlich sehr gern beantwortet hätten? Nun! Meine Dankbarkeit versagt Ihnen nichts. Aber Sie müssen mich entschuldigen, Mr. Hartright, wenn ich damit anfange, mein Erstaunen über das Interesse auszudrücken, das Sie für meine verstorbene Tochter gefühlt haben. Dasselbe ist mir vollkommen unbegreiflich. Bitte, lassen Sie sich's gesagt sein, daß ich durchaus nicht vorgebe, eine übermäßige Liebe zu meiner Tochter gehegt zu haben. Sie war mir von Anfang bis zu Ende eine Last und eine Sorge und hatte außerdem noch das Unangenehme, daß sie schwach im Kopfe war.

Es ist unnöthig, Sie mit vielen persönlichen Einzelheiten in Bezug auf die Vergangenheit zu belästigen. Es wird genügen, wenn ich Ihnen sage, daß ich meinerseits die Bedingungen unseres Handels beobachtete und dafür mein bequemes Einkommen – in vierteljährlichen Zahlungen – genoß.

Hin und wieder reiste ich fort und verschaffte mir einige Abwechslung, nachdem ich mir zuvor von meinem Herrn und Meister hiezu Erlaubnis erbeten, die mir auch gewöhnlich gewährt wurde. Er war, wie ich Ihnen bereits sagte, nicht Narr genug, mich zu sehr zu drücken, und konnte sich billigerweise darauf verlassen, daß ich, wenn nicht um seinetwillen, doch um meiner selbst willen schweigen würde. Eine meiner längsten Abwesenheiten vom Hause war meine Reise nach Limmeridge, wo ich eine Halbschwester zu pflegen hatte, die im Sterben lag. Man sagte, sie habe Geld gespart, und ich hielt es für gerathen (für den Fall, daß sich irgend etwas ereignen sollte, um meinem Jahresgehalte ein Ende zu machen), in dieser Richtung hin nach meinen eigenen Interessen zu sehen. Doch stellte es sich heraus, daß dies weggeworfene Mühe gewesen, ich bekam nichts, weil nichts da war.

Ich hatte Anna mit mir nach dem Norden genommen; ich hatte zu Zeiten meine Launen und Ideen mit meiner Tochter, wo ich dann auf Mrs. Clements' Einfluß auf sie eifersüchtig wurde. Ich hatte Mrs. Clements niemals gern. Sie war ein jämmerliches, gehirnloses, temperamentloses Geschöpf – und es machte mir von Zeit zu Zeit Spaß, sie zu quälen, indem ich ihr Anna fortnahm. Da ich nicht wußte, was ich während meines Aufenthaltes in Cumberland mit dem Mädchen anfangen sollte, so schickte ich sie in Limmeridge in die Schule. Die Dame im Herrenhause, Mrs. Fairlie (eine außerordentlich häßliche Frau, die einem der schönsten Männer in England Fallen gelegt, bis er sie geheiratet hatte), belustigte mich ungeheuer, indem sie eine heftige Zuneigung für das Mädchen faßte. Die Folge davon war, daß sie in der Schule nichts lernte und in Limmeridge House verzogen wurde. Unter anderen Dummheiten, die man sie dort lehrte, setzte man ihr auch einen gewissen Unsinn in den Kopf: daß sie nämlich nichts Anderes als Weiß tragen solle. Da ich selbst Weiß hasse und Farben liebe, beschloß ich, sobald wir wieder nach Hause kamen, ihr den Unsinn wieder auszutreiben.

So sonderbar dies erscheinen mag, meine Tochter widerstand mir. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, so war sie, wie die meisten geistesschwachen Leute, so halsstarrig wie ein Maulesel. Wir zankten uns furchtbar, und Mrs. Clements, die dies wahrscheinlich nicht gern sah, erbot sich, Anna mit nach London zu nehmen und sie bei sich zu behalten. Ich würde ja gesagt haben, wäre Mrs. Clements nicht in Bezug auf das Weißtragen auf meiner Tochter Seite gewesen. Da ich aber entschlossen war, daß sie sich nicht weiß kleiden sollte, so sagte ich nein und blieb bei nein. Die Folge davon war, daß meine Tochter bei mir blieb; und die Folge davon wieder, die erste ernstliche Veruneinigung zwischen mir und ihm über das Geheimnis.

Dieser Umstand ereignete sich lange nach der Zeit, von der ich soeben geschrieben habe. Ich hatte mich schon seit Jahren in der neuen Stadt niedergelassen und strafte meinen schlechten Ruf allmälig durch meine Lebensweise Lügen, wobei ich langsam unter den respectablen Leuten Ansehen erhielt. Daß meine Tochter bei mir lebte, trug bedeutend zur Erreichung dieses Resultates bei. Ihre Harmlosigkeit und ihre Idee mit den weißen Kleidern erregten eine Art von Theilnahme. Ich unterließ es deshalb, mich ihrer Grille zu widersetzen, denn es mußte auf diese Weise sicher ein Theil dieser Theilnahme mir zufallen. Und so war es. Ich schreibe den Umstand, daß man mir die Wahl zwischen zweien der besten Kirchenplätze ließ, dieser Theilnahme zu; und datire des Pfarrers ersten Gruß von dem Zeitpunkte her, wo ich den Platz erhielt.

Nun, da ich mich auf diese Weise häuslich niedergelassen, erhielt ich eines Tages einen Brief von jenem hochgeborenen Herrn, dem verstorbenen, als Antwort auf einen von mir, in welchem ich ihm, der Uebereinkunft gemäß, angekündigt, daß ich einer kleinen Veränderung halber die Stadt zu verlassen wünschte.

Er mußte in dem Augenblicke, wo er meinen Brief erhalten, in einer seiner Wütherichslaunen gewesen sein – denn in seiner Antwort verweigerte er mir seine Erlaubnis auf so abscheulich impertinente Weise, daß ich ganz außer Fassung gerieth und in Gegenwart meiner Tochter ihn einen »gemeinen Betrüger« nannte, »den ich lebenslänglich zu Grunde richten könne, falls es mir einfiele zu sprechen und sein Geheimnis zu verrathen«. Ich sagte weiter nichts über ihn, indem ich durch den Anblick des Gesichtes meiner Tochter, die mich mit eifrigen, neugierigen Augen anblickte, wieder zur Besinnung gebracht wurde. Ich befahl ihr augenblicklich, das Zimmer zu verlassen, bis ich mich wieder gefaßt haben würde.

Meine Gefühle waren nicht sehr angenehmer Art, als ich ruhig genug war, um über meine Thorheit nachzudenken. Anna war in dem Jahre verdrehter und seltsamer als gewöhnlich gewesen und wenn ich an die Möglichkeit dachte, daß sie meine Worte in der Stadt wiederholen und seinen Namen mit ihnen in Verbindung bringen konnte, wenn neugierige Leute sie auszufragen anfingen, fiel mir eine schöne Angst über die möglichen Folgen auf's Herz Meine schlimmsten Befürchtungen für mich und meine größte Angst vor dem, was er thun möge, ging jedoch nicht weiter, als bis hieher. Ich war ganz unvorbereitet auf das, was sich schon am nächsten Tage in Wirklichkeit ereignete.

Er kam, ohne mich vorher von seinem beabsichtigten Besuche in Kenntnis zu setzen, an diesem folgenden Tage in mein Haus.

Seine ersten Worte und der Ton, in dem er sie sprach, so verdrießlich derselbe auch war, zeigten mir ganz deutlich, daß er seine impertinente Antwort auf mein Ersuchen bereits bereute und daß er – in äußerst schlechter Laune – gekommen, um die Sache wieder gutzumachen, ehe es zu spät sei. Da er meine Tochter bei mir im Zimmer fand (ich hatte mich seit dem Tage vorher gefürchtet, sie aus den Augen zu lassen), befahl er ihr hinauszugehen. Sie hatten einander nicht gern, und er ließ seine böse Laune, die er mir nicht zu zeigen wagte, an ihr aus.

»Lassen Sie uns allein,« sagte er, sie über die Achsel ansehend. Sie sah ihn ebenfalls über die Achsel an und blieb, als ob sie nicht zu gehen beabsichtige. »Hören Sie?« schrie er sie an. »Gehen Sie aus dem Zimmer.« »Sprechen Sie höflich mit mir,« sagte sie mit geröthetem Gesicht, »Werfen Sie die verrückte hinaus,« sagte er zu mir gewendet. Sie hatte immer abgeschmackte Ideen über ihre Würde gehabt und das Wort »Verrückte« brachte sie sofort auf. Ehe ich noch ein Wort sagen und mich dazwischen legen konnte, trat sie in großer Wuth vor ihn hin. »Bitten Sie mich augenblicklich um Verzeihung,« sagte sie, »oder ich will Ihr Geheimnis verrathen. Ich kann Sie lebenslänglich zu Grunde richten, wenn es mir einfällt zu sprechen.« Meine eigenen Worte! – genau so wiederholt, wie ich sie am Tage vorher gesprochen hatte. Er saß sprachlos da – so weiß im Gesichte, wie das Papier ist, auf dem ich schreibe, während ich sie aus dem Zimmer schob.

Ich bin eine zu gebildete Frau, um zu wiederholen, was er sagte, als er sich wieder gefaßt. Meine Feder ist die Feder eines Mitgliedes der Gemeinde unseres Kirchspiels und einer Subscribentin der »Mittwoch-Vorlesungen« über »Der Glaube macht selig« – wie können Sie erwarten, daß ich sie gebrauchen werde, um böse Worte zu schreiben? Denken Sie sich selbst die tobende, fluchende Wuth des gemeinsten Wütherichs in ganz England und dann so schnell wie möglich vorwärts zu dem, worin Alles endete.

Es endete damit, wie Sie wahrscheinlich bereits errathen, daß er darauf bestand, seine eigene Sicherheit dadurch gewiß zu machen, daß er sie einsperren ließ.

Ich sagte ihm, sie habe die Worte bloß wie ein Papagei nach dem wiederholt, was sie mich hatte sagen hören, und daß sie nicht das Geringste von den Einzelheiten wisse, weil ich davon nichts erwähnt hatte. Ich erklärte ihm, daß sie sich in ihrer verdrehten Wuth auf ihn gestellt habe, als wisse sie etwas, wovon sie in Wirklichkeit keine Ahnung hatte; daß sie ihn bloß ärgern und ihm drohen gewollt für die Art und Weise, m der er soeben zu ihr gesprochen. Ich erinnerte ihn an ihr übriges verrücktes Wesen und an seine eigenen Erfahrungen in Bezug auf geistesschwache Leute – es nützte Alles nichts – er wollte selbst meinem Eide nicht glauben – er war fest überzeugt, ich habe das ganze Geheimnis verrathen. Kurz, er wollte von nichts Anderem hören, als daß sie eingesperrt würde.

Unter diesen Umständen that ich meine Pflicht als Mutter. »Keine gewöhnliche Armen-Irrenanstalt,« sagte ich, »ich gebe es nicht zu, daß sie in einer Armen-Irrenanstalt eingesperrt wird. Ich habe meine Muttergefühle und außerdem meinen Ruf in der Stadt zu bewahren, und ich werde mich zu nichts Anderem herbeilassen, als zu einer Privatanstalt von der Art, wie meine vornehmen Nachbarn sie für ihre kranken Verwandten wählen würden.« Das waren meine Worte. Es ist mir eine Genugthuung, zu fühlen, daß ich meine Pflicht that. Obgleich ich nie eine übertriebene Liebe für meine verstorbene Tochter fühlte, so hatte ich doch den passenden Stolz für sie. Kein Flecken der Armuth fiel – Dank sei es meiner Entschlossenheit und Festigkeit – jemals auf mein Kind.

Nachdem ich meinen Willen durchgesetzt, konnte ich nicht umhin zuzugeben, daß durch ihre Einsperrung gewisse Vortheile gewonnen waren. Erstens war sie unter der besten Obhut und Pflege. Zweitens war sie aus Welmingham fort, wo sie durch Wiederholung meiner unvorsichtigen Worte die Leute zu Verdacht und neugierigen Fragen angeregt haben könnte.

Obgleich sie Anfangs in bloßer verrückter Bosheit zu dem Manne gesprochen, der sie beleidigt hatte, so war sie doch schlau genug, zu sehen, daß sie ihn ernstlich erschreckt, und später klug genug, um zu entdecken, daß er bei ihrer Einsperrung im Spiele war. Die Folge davon war, daß sie in eine wahre Raserei von Wuth gegen ihn aufloderte, als man sie in die Anstalt gebracht, und die ersten Worte, die sie zu den Wärterinnen sagte, waren, daß man sie einsperre, weil sie sein Geheimnis wisse, und daß sie, sobald der Augenblick dazu gekommen sei, sprechen und ihn zu Grunde richten werde.

Sie mag wahrscheinlich dasselbe zu Ihnen gesagt haben, als Sie so unbedachtsamerweise ihre Flucht unterstützten. Jedenfalls sagte sie es (wie ich vorigen Sommer hörte) zu der unglücklichen Frau, die unseren liebenswürdigen, namenlosen, jüngstverstorbenen Herrn heiratete. Sie wußte, daß es ein Geheimnis gäbe – wußte, wen es betraf und wer durch das Bekanntwerden desselben zu leiden haben würde, aber außerdem – welches Ansehen von Wichtigkeit sie sich auch gegeben, wie verdreht sie auch gegen Fremde geprahlt haben mag – außerdem wußte sie bis zum Tage ihres Todes nichts.

Habe ich Ihre Neugierde befriedigt? Ich wüßte wirklich nichts weil er, das ich Ihnen über mich oder meine Tochter zu erzählen hätte. Meine schlimmsten Verantwortungen waren, was sie betrifft, vorbei, als sie in die Anstalt geschafft wurde. Man gab mir in Bezug auf die Art und Weise, in der sie unter Aufsicht gestellt worden, eine Briefform abzuschreiben und damit eine Anfrage von einer gewissen Miß Halcombe zu beantworten, die darüber Neugierde fühlte und die von einer gewissem Zunge, die außerordentlich an so etwas gewöhnt war, eine Menge Lügen gehört haben muß. Und ich that später, was ich konnte, um meiner weggelaufenen Tochter auf die Spur zu kommen und es zu verhüten, daß sie Unheil anstiftete, indem ich selbst in der Gegend, von der man mir fälschlicherweise berichtete, daß sie dort gesehen worden, Nachfragen anstellte. Doch diese und ähnliche Kleinigkeiten sind von wenigen, oder gar keinem Interesse für Sie nach dem, was Sie bereits gehört haben.

Bis hieher habe ich mit den allerfreundschaftlichsten Gefühlen geschrieben. Aber ich kann meinen Brief nicht schließen, ohne ein Wort ernstlicher Vorstellung und ernsten Verweises an Sie hinzuzufügen.

Im Verlaufe unserer letzten Unterredung hatten Sie die Verwegenheit, auf meiner Tochter Verwandtschaft von väterlicher Seite anzuspielen, als ob dieselbe überhaupt irgend einem Zweifel unterläge. Dies war im höchsten Grade unschicklich und unfein von Ihnen. Falls Sie sich unterstehen, daran zu zweifeln, daß mein Mann Annas Vater war, so beleidigen Sie mich persönlich auf die gröbste Weise, wenn Sie über diesen Gegenstand eine unpassende Neugier fühlen, so empfehle ich Ihnen zu Ihrem eigenen Besten, dieselbe ein- für allemal fahren zu lassen. Diesseits des Grabes, Mr. Hartright, wird diese Neugierde nie befriedigt werden, was auch jenseits desselben geschehen mag.

Vielleicht werden Sie nach dem, was ich soeben gesagt habe, sich verpflichtet fühlen, mir eine Entschuldigung zu machen. Thun Sie das und ich will sie annehmen. Ich will dann später, falls Ihre Wünsche auf eine zweite Zusammenkunft mit mir gerichtet sind, noch einen Schritt weiter gehen und Sie empfangen. Meine Verhältnisse erlauben mir bloß, Sie zum Thee einzuladen – nicht, daß sie durch das, was sich zugetragen, sich im Geringsten verschlimmert hätten. Ich habe mich immer innerhalb meines Einkommens bewegt und dadurch während der letzten zwanzig Jahre genug erspart, um bis an das Ende meiner Tage bequem leben zu können. Ich beabsichtige nicht, Welmingham zu verlassen. Es bleiben mir noch einige kleine Vortheile in der Stadt zu gewinnen übrig. Der Geistliche grüßt mich, wie Sie gesehen haben. Er ist verheiratet und seine Frau ist nicht ganz so höflich wie er. Ich beabsichtige mich der Dorcas-Gesellschaft anzuschließen und dann es noch dahin zu bringen, daß auch die Frau des Pfarrers mich grüßt.

Falls Sie mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft schenken wollen, so bitte ich Sie, vorher wohl zu merken, daß die Unterhaltung sich auf allgemeine Gegenstände beschränken muß. Jede Andeutung auf diesen Brief wird vollkommen nutzlos sein – ich bin entschlossen, zu leugnen, daß ich ihn geschrieben habe. Der Beweis ist, wie ich weiß, durch das Feuer vernichtet; aber es scheint mir dennoch wünschenswerth, lieber nach der Seite der Vorsicht hin zu irren. Aus dieser Berücksichtigung habe ich hier keines Namens erwähnt, noch werde ich diese Zeilen unterzeichnen: die Handschrift ist durchwegs eine verstellte und ich werde den Brief selbst abgeben, und zwar auf eine Weise, die alle Gefahr ausschließt, daß man ihn mir zuschriebe. Sie können durchaus keine Ursache haben, sich über diese Vorsichtsmaßregeln zu beklagen, indem sie in Rücksicht auf die besondere Nachsicht, die Sie von mir verdient haben, auf keine Weise die Mittheilungen beeinträchtigen, die ich Ihnen gemacht habe. Meine Theestunde ist halb sechs Uhr und mein heißes geröstetes Brot wartet auf niemanden.

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