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Die Frau in Weiß ? Band VI

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band VI - Kapitel 3
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authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band VI
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXV. Band
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X.

Der Weg nach Knowlesbury war meistens gerade und eben. Jedesmal wenn ich mich umschaute, sah ich die beiden Spione mir ruhig folgen. Während der größten Strecke des Weges hielten sie sich in sicherer Entfernung hinter mir. Aber ein paarmal beeilten sie ihre Schritte, wie wenn sie mich einholen wollten – standen dann stille – beriethen sich – und blieben in ihrer vorigen Entfernung zurück. Sie hatten offenbar irgend einen besonderen Zweck im Auge und schienen über die beste Art und Weise, denselben auszuführen, uneinig oder im Zweifel. Ich hegte ernstliche Befürchtungen, daß ich Knowlesbury nicht ohne Unfall erreichen würde. Diese Befürchtungen stellten sich als begründet heraus.

Ich war eben an einer einsamen Stelle des Weges angelangt, von wo ich eine scharfe Biegung desselben in einiger Entfernung vor mir sah, und war gerade zu dem Schlusse gekommen (indem ich eine Zeitberechnung machte), daß ich mich der Stadt nähern müsse, als ich plötzlich die Schritte der Männer dicht hinter mir hörte.

Ehe ich mich noch umschauen konnte, ging der eine von ihnen (der Mann, welcher mir in London gefolgt war) schnell zu meiner linken Seite an mir vorbei und stieß mich mit seiner Schulter. Ich hatte mich durch die Art und Weise, in welcher er und sein Gefährte mich von Welmingham aus verfolgt, heftiger aufreizen lassen, als ich mir dessen selbst bewußt, und ließ mich hiedurch unglücklicherweise hinreißen, den Menschen ziemlich herzhaft mit der flachen Hand von mir zu stoßen. Er fing augenblicklich an, um Hilfe zu rufen, worauf sein Gefährte – der stämmige Bursche in der Wildhüterkleidung – an meine rechte Seite sprang – und im nächsten Augenblicks hielten sie mich geknebelt mitten auf dem Wege zwischen sich.

Die Ueberzeugung, daß man mir eine Falle gelegt, und der Verdruß darüber, daß ich in dieselbe gegangen war, hielten mich glücklicherweise davon ab, meiner Lage durch einen nutzlosen Kampf mit zwei Männern, von denen der eine wahrscheinlich allein schon mehr als genug für mich gewesen wäre, noch zu verschlimmern. Ich blickte umher, um zu sehen, ob Niemand in der Nähe sei, dessen Hilfe ich anrufen könne.

Ein Bauer arbeitete in einem nahen Felde; er mußte gesehen haben, was sich zugetragen, und ich forderte ihn daher auf, uns nach der Stadt zu folgen. Er schüttelte mit dummer Beharrlichkeit den Kopf und ging fort einem Häuschen zu, das etwas von der Landstraße abgelegen war. Zu gleicher Zeit erklärten die beiden Männer, welche mich hielten, ihre Absicht, mich eines Angriffes auf sie anzuklagen. Ich war jetzt ruhig und klug genug, keine Einwendungen weiter zu machen. »Laßt meinen Arm los,« sagte ich, »und ich will euch in die Stadt folgen,« Der Mann in der Wildhüterkleidung äußerte eine grobe Weigerung. Der andere aber war schlau genug, um an die Folgen zu denken und seinem Gefährten nicht zu gestatten, sich durch unnütze Gewaltthätigkeit zu compromittiren. Er gab ihm ein Zeichen, und ich ging dann frei zwischen den Beiden.

Wir langten an der Biegung im Wege an und da dicht vor uns war die Vorstadt von Knowlesbury. Einer der Ortsconstabler ging dem Pfade entlang. Die Männer riefen ihn augenblicklich an. Er entgegnete, daß der Magistrat augenblicklich im Gerichtssaale versammelt sei, und empfahl uns, sogleich dorthin zu gehen.

Wir gingen nach dem Rathhause. Der Gerichtsschreiber fertigte eine Vorladung aus und die Anklage gegen mich wurde dann mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Übertreibungen und Verdrehungen vorgebracht. Der Richter (ein unfreundlicher Mann mit einem sauren Wohlbehagen an der Ausübung seiner Macht) frug, ob irgend Jemand auf oder neben dem Wege Zeuge des Angriffes gewesen und zu meiner großen Ueberraschung gaben die Kläger die Anwesenheit des Bauern im Felde zu. Ich wurde jedoch durch die nächsten Worte des Richters über den Zweck dieser Zugabe aufgeklärt. Er verwies mich sofort auf die Vorführung des Zeugen, wobei er zugleich seine Bereitwilligkeit aussprach, Bürgschaft für mein Erscheinen zu nehmen, falls ich ihm eine solche zu bieten im Stande sei. Wäre ich in der Stadt bekannt gewesen, so würde er mich auf mein eigenes persönliches schriftliches Unterpfand entlassen haben; da ich aber dort vollkommen fremd war, so war es nothwendig, daß ich eine verantwortliche Bürgschaft stellte.

Der ganze Zweck des Streiches war mir jetzt klar. Man hatte es so eingerichtet, daß ein gerichtlicher Aufschub nothwendig war in einem Orte, wo ich vollkommen fremd und es mir deshalb unmöglich war, meine Freiheit durch Bürgschaft wieder zu erhalten. Dieser Aufschub erstreckte sich auf bloß drei Tage: bis zur nächsten Magistratssitzung. Doch inzwischen konnte Sir Percival von allen möglichen Mitteln Gebrauch machen, um mein ferneres Fortschreiten zu verhindern – vielleicht sich ganz und gar gegen Entdeckung schützen – und zwar ohne von meiner Seite das geringste Hindernis befürchten zu müssen. Nach Verlauf von drei Tagen würde die Anklage ohne Zweifel zurückgenommen werden und das Erscheinen des Zeugen unnöthig sein.

Meine Entrüstung, ich möchte fast sagen, meine Verzweiflung über diese unheilvolle Störung all meiner ferneren Fortschritte – die an sich so erbärmlich und unbedeutend, aber in ihren wahrscheinlichen Folgen so entmuthigend und bedeutungsvoll war – machte mich zuerst ganz unfähig, über die Mittel nachzusinnen, durch welche ich mich aus diesem Dilemma ziehen könnte, plötzlich bot sich jedoch meinem Geiste ein Verfahren dar, auf welches Sir Percival wahrscheinlich nicht gerechnet hatte und das mich in wenigen Stunden wieder in Freiheit setzen konnte. Ich beschloß, Mr. Dawson in Oak Lodge von der Lage zu unterrichten, in der ich mich befand.

Ich hatte das Haus dieses Herrn bei Gelegenheit meiner ersten Nachforschungen in der Umgegend von Blackwater Park besucht und hatte ihm einen Brief von Miß Halcombe überbracht, in welchem diese mich ihm in den wärmsten Ausdrücken empfohlen. Ich schrieb jetzt an ihn und berief mich auf jenen Brief, sowie auf das, was ich Mr. Dawson damals von der zarten und gefährlichen Natur meiner Nachforschungen anvertraut hatte. Ich hatte ihn nicht mit der Wahrheit in Bezug auf Laura bekannt gemacht, sondern ihm meinen Zweck bloß als von der größten Wichtigkeit für Familienangelegenheiten beschrieben, die Miß Halcombe nahe angingen. Indem ich auch jetzt noch dieselbe Vorsicht gebrauchte, erklärte ich ihm meine Anwesenheit in Knowlesbury auf dieselbe Weise – und überließ es dann dem Doctor zu bestimmen, ob das Vertrauen, welches eine Dame, die er wohl kannte, in mich gesetzt, und die Gastfreundschaft, welche ich selbst in seinem Hause erfahren, mich rechtfertigten, indem ich ihn bitte, mir in einem Orte zu Hilfe zu kommen, an dem ich vollkommen unbekannt sei.

Ich erhielt Erlaubnis, mir einen Boten zu miethen, der augenblicklich mit dem Briefe in einem Wagen wegfuhr, in welchem er den Doctor gleich mitbringen konnte. Oak Lodge war zwischen Knowlesbury und Blackwater gelegen.

Es war kaum halb zwei Uhr, als der Bote fortfuhr und noch ehe es halb drei geschlagen, kehrte er schon zurück und brachte den Doctor mit. Des Doctors Freundlichkeit und das Zartgefühl, mit dem er seinen schnellen Beistand wie eine Sache darstellte, die sich ganz von selbst verstehe, überwältigten mich fast. Die erforderliche Bürgschaft wurde sofort geboten und angenommen. Noch vor vier Uhr desselben Nachmittags konnte ich als freier Mann auf der Straße von Knowlesbury dem guten alten Doctor mit einem warmen Händedrucke danken.

Mr. Dawson gab mir eine gastfreundliche Einladung, mit ihm nach Oak Lodge zurückzukehren und die Nacht in seinem Hause zu bleiben. Ich konnte ihm nur antworten, daß meine Zeit nicht mir gehöre, und ihn nur um die Erlaubnis bitten, ihm in wenigen Tagen meinen Besuch machen zu dürfen, um ihm alle Erklärungen zu geben, zu denen er berechtigt, die ich aber augenblicklich noch nicht zu machen in der Lage war. Wir schieden mit gegenseitigen Freundschaftsversicherungen und ich wandte meine Schritte darauf sofort nach Mr. Wansborough's Geschäftslocale in der Hochstraße.

Die Nachricht, daß ich in Freiheit gesetzt worden, mußte Sir Percival unfehlbar noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Der gewissenlose Charakter des Mannes, sein Einfluß in der Umgegend, die verzweifelte Gefahr der Bloßstellung, mit der meine blindlings angestellten Nachforschungen ihn bedrohten – alles dies ließ mich die Nothwendigkeit fühlen, der Entdeckung nachzusetzen, ohne auch nur eine Minute zu verlieren. Gewisse Abschnitte in der Unterhaltung des redseligen alten Küsters, welche mich zur Zeit gelangweilt, stellten sich meinem Geiste nachträglich in einem neuen bedeutungsvolleren Lichte dar und es kam mir ein dunkler Verdacht, der mir in der Sacristei nicht in den Sinn gekommen war. Auf meinem Wege nach Knowlesbury hatte ich nichts weiter beabsichtigt, als Mr. Wansborough in Bezug auf Sir Percivals Mutter zu befragen. Jetzt aber beschloß ich, die Abschrift des Kirchenbuches zu Alt-Welmingham zu untersuchen.

Mr. Wansborough war auf seiner Expedition, als ich nach ihm frug.

Er hatte mehr das Aussehen eines vergnügten Landmannes, als das eines Advocaten – und schien sowohl erstaunt als belustigt über mein Anliegen. Er hatte von seines Vaters Abschrift des Kirchenbuches allerdings gehört, sie selbst aber noch nie gesehen. Man hatte nie danach gefragt, doch werde es ohne Zweifel in der Sicherheitskammer unter den übrigen Papieren liegen, welche seit seines Vaters Ableben nie angerührt worden. Mr. Wansborough meinte, es sei jammerschade, daß der alte Herr nicht da sei, um zu hören, wie Jemand endlich seine kostbare Abschrift zu sehen verlange. Er würde danach sein Steckenpferd eifriger denn je geritten haben, wie war ich dazu gekommen, von der Abschrift zu hören? Durch irgend Jemanden in der Stadt?

Ich wich diesen Fragen aus, so gut ich konnte. Es war unmöglich gewesen, in diesem Stadium in meinen Nachforschungen zu vorsichtig zu sein, aber auch wichtig, Mr. Wansborough nicht vor der Zeit wissen zu lassen, daß ich das Original bereits untersucht hatte. Ich gab ihm daher zu verstehen, daß ich in einer Familienangelegenheit Erkundigungen einziehe, bei der jeder Augenblick von größter Wichtigkeit sei. »Ich wünsche ganz besonders,« sagte ich ihm, »noch mit der Abendpost gewisse Einzelheiten über die Sache nach London abzusenden, und ein einziger Blick in die Abschrift (wofür ich natürlich das übliche Honorar zahlen werde) kann mich von dem unterrichten, dessen ich bedarf, um mir eine fernere Reise nach Alt-Welmingham zu ersparen.« Ich fügte noch hinzu, daß, falls ich fernerhin noch eine Abschrift des Originals gebrauchte, ich mich dieserhalb an Mr. Wansborough wenden würde.

Nach dieser Erklärung von meiner Seite wandte er nichts dagegen ein, mir die Abschrift zu zeigen. Es wurde ein Schreiber in die Sicherheitskammer hinaufgeschickt und derselbe kehrte nach einer Weile mit dem Buche zurück. Es war genau von derselben Größe, wie das in der Sacristei, und der einzige Unterschied zwischen beiden Büchern bestand darin, daß die Abschrift schöner gebunden war. Meine Hände zitterten – meine Stirn glühte – ich war mir der Notwendigkeit bewußt, meine Aufregung vor den Leuten, die im Zimmer anwesend waren, zu verbergen, ehe ich das Buch aufschlug.

Auf der leeren Seite am Anfange des Buches, welche ich zuerst betrachtete, standen mit vergilbter Tinte einige Zeilen geschrieben. Dieselben enthielten folgende Worte:

»Abschrift des Heiratsregisters in der Pfarrkirche zu Alt-Welmingham. Auf meine Anordnung abgefaßt und später von mir selbst genau mit dem Original verglichen. (Unterzeichnet:) Robert Wansborough, Kirchspielschreiber.«

Unter dieser Anmerkung stand eine Zeile in einer anderen Handschrift:

»Berichtigt vom 1. Januar 1800 bis zum 30. Juni 1815.«

Ich wandte mich zum Monat September 1803. Ich fand die Heirat des Mannes, der meinen Taufnamen trug. Ich fand das doppelte Certificat der beiden Brüder, welche zugleich geheiratet hatten. Und zwischen diesen beiden am unteren Ende der Seite –?

Nichts! Auch nicht die Spur von dem Certificate, welches im Kirchenbuche die Vermählung von Sir Felix Glyde und Cäcilie Jane Elster berichtete!

Mein Herz flog und pochte, als ob ich ersticken müßte. Ich blickte noch einmal hin – ich fürchtete meinen Augen zu trauen. Nein! Kein Zweifel mehr. Die Heirat war nicht verzeichnet. Die Certificate in der Abschrift nahmen genau dieselben Stellen auf der Seite ein, wie die im Originale. Das letzte auf der einen Seite war das des Mannes mit meinem Taufnamen. Darunter war ein leerer Raum – offenbar leer gelassen, weil er nicht groß genug gewesen, um das doppelte Certificat der beiden Brüder aufzunehmen, welches in der Abschrift wie in dem Originale die Stelle an der Spitze der nächsten Seite einnahm. Dieser Raum erzählte die ganze Geschichte! In dem Kirchenbuche mußte derselbe von 1803 an (wo die stattgehabten Vermählungen dort eingetragen worden) bis 1827 geblieben sein, wo Sir Percival in Alt-Welmingham erschien. Hier in Knowlesbury sah ich die Gelegenheit zu der Fälschung in der Abschrift – und dort in Alt-Welmingham war dieselbe in dem Kirchenbuche benutzt worden!

Es schwindelte mir. Von all den verschiedenen Arten des Verdachtes, welche sich mir in Bezug auf jenen verzweifelten Mann aufgedrängt hatten, war nicht eine einzige der Wahrheit nahe gekommen. Der Gedanke, er sei überhaupt gar nicht Sir Percival Glyde und habe nicht mehr Anrecht an der Baronetschaft und an Blackwater Park als der ärmste Bauer auf der Besitzung, war mir keinen Augenblick in den Sinn gekommen. Zu einer Zeit hatte ich gedacht, er sei vielleicht Anna Catherick's Vater; dann, daß er mit ihr verheiratet gewesen – aber das Vergehen, dessen er sich in Wirklichkeit schuldig gemacht, war meinen ausschweifendsten Muthmaßungen ferngeblieben.

Ich war überwältigt von der Betrachtung der erbärmlichen Mittel, durch welche die Fälschung bewerkstelligt worden, durch die Größe und das Wagnis des Verbrechens und das Entsetzen vor den Folgen der Entdeckung desselben. Wer konnte sich jetzt noch über die brutale Unruhe der Lebensweise des Elenden wundern; über die Tollheit seines schuldbewußten Mißtrauens, in welchem er Anna Catherick in die Irrenanstalt gesperrt und in den schändlichen Verrath gegen seine Frau gewilligt hatte, in dem bloßen Argwohne, daß die Eine wie die Andere sein furchtbares Geheimnis wisse? Die Enthüllung dieses Geheimnisses hätte in früheren Jahren Hinrichtung und jetzt lebenslängliche Deportation zur Folge haben können. Sie mußte ihn mit einem Schlage seines Namens, seines Ranges, seiner Besitzungen und der ganzen gesellschaftlichen Stellung berauben, die er sich angemaßt hatte. Dies war das Geheimnis, und es war mein! Ein Wort von mir und – Haus, Güter, Titel – er hatte Alles auf immer verloren, er wurde als namenloser, mittelloser, freundloser Ausgestoßener in die Welt hinaus getrieben! Des Mannes ganze Zukunft hing an meinen Lippen – und in diesem Augenblicke wußte er dies bereits ebenso gewiß wie ich selbst!

Dieser letztere Gedanke gab mir einige Festigkeit wieder. Es gab keine erdenkliche Schändlichkeit, von der Sir Percival nicht Gebrauch gegen mich machen würde. In der Gefahr und Verzweiflung seiner Lage würde er sich durch kein Wagnis, durch kein Verbrechen zurückschrecken lassen – er würde buchstäblich vor nichts erbeben, das ihn retten konnte.

Ich sann einen Augenblick nach. Die erste Notwendigkeit für mich war, ein geschriebenes Zeugnis dessen zu erhalten, was ich gesehen hatte, und dasselbe für den Fall, daß mir ein persönlicher Unfall begegnen sollte, so unterzubringen, daß Sir Percival seiner nicht habhaft werden konnte Die Abschrift des Kirchenbuches war in Mr. Wansborough's Sicherheitskammer wohl verwahrt. Das Original aber in der Sacristei war, wie ich mit eigenen Augen gesehen, nichts weniger als das.

In dieser dringenden Gefahr beschloß ich, nach der Kirche zurückzukehren, mich nochmals an den Küster zu wenden und mir den nöthigen Auszug aus dem Kirchenbuche zu machen. Es war mir damals noch nicht bekannt, daß eine gerichtlich attestirte Abschrift nothwendig war und daß kein Document, das ich allein abgefaßt, als genügender Beweis angenommen werden würde. Meine größte, einzige Sorge war die, nach Welmingham zurückzukehren. Ich erklärte so gut ich konnte die Bestürzung und Aufregung meines Wesens, welche Mr. Wansborough bereits bemerkt hatte, legte das Honorar auf den Tisch, kam mit ihm überein, daß ich ihm in wenigen Tagen schreiben werde, und verließ dann die Expedition, während mein Gehirn sich im Wirbel drehte.

Es fing eben an dunkel zu werden. Mir kam der Gedanke, daß man mich vielleicht auf der Landstraße abermals belauern und angreifen werde.

Ich ging, ehe ich Knowlesbury verließ, in einen Kaufladen und versah mich mit einem starken Landknüttel, der ziemlich kurz und am Kopfende gewichtig war. Mit dieser einfachen Waffe war ich jedem einzelnen Manne, der mich angreifen mochte, gewachsen. Falls mehr als einer kamen, so konnte ich mich auf die Schnelligkeit meiner Beine verlassen. Es hatte mir während meiner vielfachen Abenteuer in Central-Amerika nicht an Uebung gefehlt.

Ich verließ die Stadt mit schnellen Schritten und hielt mich in der Mitte des Weges.

Es fiel ein nebelartiger kleiner Staubregen und es war mir deshalb während der ersten Hälfte des Weges unmöglich, zu entdecken, ob ich verfolgt werde oder nicht. Als ich aber auf der letzten Hälfte angelangt und mich etwa zwei Meilen von der Kirche entfernt wähnte, sah ich einen Mann im Regen an mir vorbeilaufen – und hörte dann ein Feldpförtchen am Wege heftig zuschlagen. Ich setzte meinen Weg gerade fort, wobei ich meinen Knüttel zur Vertheidigung bereit hielt und mit Ohren und Augen die Finsternis zu durchdringen mich anstrengte. Ehe ich noch hundert Ellen weiter geschritten, rauschte es in dem Gesträuche zu meiner Rechten und drei Männer stürzten in den Weg hinaus.

Ich sprang augenblicklich zur Seite auf den Fußpfad hinauf. Die beiden wurden durch die Gewalt ihres Sprunges an mir vorbei getrieben; der dritte war schnell, wie der Blitz. Er stand still, wandte sich halb um und schlug mit seinem Stocke nach mir. Der Schlag geschah auf's Gerathewohl und war kein sehr schmerzhafter; er fiel auf meine linke Schulter. Ich gab ihm denselben verstärkt auf den Kopf zurück. Er taumelte und fiel gegen seine beiden Gefährten, gerade als diese auf mich losfahren wollten. Dieser Umstand gab mir einen augenblicklichen Vortheil. Ich schlüpfte an ihnen vorüber wieder in die Mitte des Weges hinein und rannte davon, so schnell, wie meine Füße mich nur tragen konnten.

Die beiden Unverletzten verfolgten mich. Sie waren beide gute Läufer, der Weg glatt und eben, und während der ersten fünf Minuten war ich mir bewußt, daß ich die Entfernung zwischen mir und ihnen nicht vergrößerte. Es war eine gefährliche Sache, lange in der Dunkelheit dahin zu rennen. Ich konnte kaum die undeutliche schwarze Linie der Hecken zu beiden Seiten unterscheiden und das geringste Hindernis auf dem Wege hätte mich ohne Fehl niedergeworfen. Bald fühlte ich, daß der Boden sich veränderte: bei einer Biegung ging er abwärts und fing dann wieder an aufwärts zu steigen. Bergab kamen die Männer mir etwas näher, aber so wie es bergan ging, ließ ich sie bedeutend hinter mir zurück. Das rasche regelmäßige Stampfen ihrer Füße fiel immer schwächer an mein Ohr, und ich berechnete nach dem Klange, daß ich jetzt weit genug von ihnen sei, um in das Feld zu laufen, wobei ich dann Hoffnung hatte, daß sie in der Dunkelheit an mir vorbeilaufen würden. Auf den Fußpfad springend, eilte ich auf die erste lichte Stelle in der Hecke los, die ich mehr errieth als sah; dieselbe stellte sich als eine verschlossene Pforte heraus. Ich schwang mich hinüber und lief, im Felde angelangt, im gemessenen Trabe, mit dem Rücken der Landstraße zugewandt, über dasselbe hin. Ich hörte die Männer an dem Pförtchen vorüberrennen – dann, eine Minute später, wie der eine den anderen zurückrief. Es war mir jedoch einerlei, was sie jetzt thaten, denn ich befand mich bereits außer ihrem Bereiche. Ich lief gerade über das Feld hin, und am entgegengesetzten Ende desselben angelangt, stand ich einen Augenblick stille, um wieder zu Athem zu kommen.

Es war unmöglich, mich auf die Landstraße zurückzuwagen; dennoch war ich aber fest entschlossen, diesen Abend noch nach Alt-Welmingham zurückzukehren.

Weder Mond noch Sterne ließen sich blicken, um mir zu leuchten. Ich wußte bloß, daß ich, als ich Knowlesbury verlassen, Wind und Regen im Rücken gehabt, und falls ich diese Richtung auch jetzt beibehielt, so konnte ich wenigstens annehmen, daß es nicht die ganz verkehrte war.

Hiernach eilte ich über die Felder dahin – ohne anderen Hindernissen als Gräben, Hecken und Gebüschen zu begegnen, welche mich hin und wieder nöthigten, ein wenig von meiner Richtung abzuweichen – bis ich mich auf einer Anhöhe fand, wo der Boden sich steil vor mir abwärts senkte. Ich stieg in die Vertiefung hinab, drückte mich durch eine Hecke und befand mich dann auf einem Nebenwege. Da ich, als ich die Landstraße verlassen, mich rechts gewendet, so wandte ich mich, in der Hoffnung, dadurch wieder in die Linie zurückzukehren, welche ich verlassen, jetzt wieder links. Nachdem ich ungefähr zehn Minuten lang auf dem schmutzigen Nebenwege dahingegangen war, erblickte ich ein Häuschen, dessen Fenster erleuchtet waren. Das Gartenpförtchen nach der Straße zu war offen, und ich trat sofort hinein, um mich nach dem Wegs zu erkundigen.

Ehe ich noch an die Thür klopfen konnte, wurde dieselbe plötzlich geöffnet, und ein Mann kam mit einer brennenden Laterne herausgelaufen. Er stand still und hielt die Laterne empor, und wir standen beide überrascht da, als wir einander erblickten. Meine Irrfahrten hatten mich außen um das Dorf herum und am Ende desselben hineingeführt. Ich war in Alt-Welmingham, und der Mann mit der Laterne war niemand Anderer als der alte Küster.

Sein Wesen schien sich, seit ich ihn zuletzt gesehen, auf seltsame Weise verändert zu haben. Er sah argwöhnisch und verändert aus und seine ersten Worte, als er mich anredete, waren mir vollkommen unverständlich.

»Wo sind die Schlüssel?« frug er. »Haben Sie dieselben genommen?«

»Welche Schlüssel?« frug ich. »Ich komme in diesem Augenblicke aus Knowlesbury zurück, von welchen Schlüsseln sprechen Sie?«

»Die Schlüssel zur Sacristei. Der Herr erbarme sich unser! Was soll ich machen? Die Schlüssel sind fort! Hören Sie wohl?« schrie der alte Mann, in seiner Aufregung die Laterne gegen mich schüttelnd, »die Schlüssel sind fort!«

»Wer kann sie genommen haben?«

»Ich weiß nicht,« sagte der Küster, in der Finsternis wild um sich stierend. »Ich bin eben erst wieder nach Hause gekommen. Ich sagte Ihnen heute Morgen, ich habe heute lange zu thun – ich verschloß die Thür und das Fenster ebenfalls – und jetzt ist es offen. Sehen Sie! Es ist Jemand hineingestiegen und hat die Schlüssel genommen!«

Er wandte sich dabei nach dem Fenster zu, um mir zu zeigen, daß es offen war. Das Thürchen der Laterne öffnete sich bei seinem Schwenken derselben, und der Luftzug blies das Licht aus.

»Holen Sie sich schnell ein anderes Licht,« rief ich, »und lassen Sie uns dann zusammen nach der Sacristei eilen. Schnell! schnell!«

Ich trieb ihn in's Haus. Den Anschlag, den zu erwarten ich alle Ursache hatte und der mich jedes Vortheils berauben konnte, den ich bisher gewonnen, war man vielleicht in diesem Augenblicke schon auszuführen im Begriffe. Meine Ungeduld, nach der Kirche zu kommen, war so groß, daß ich, während der Küster nach Licht suchte, nicht unthätig in der Hütte bleiben konnte. Ich ging den Gartensteig entlang in die Straße hinunter. Ehe ich noch zehn Schritte gegangen war, kam mir ein Mann von der Kirche her entgegen. Er redete mich achtungsvoll an, als er mir näher kam. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen; doch nach der Stimme allein zu urtheilen, war er mir gänzlich fremd.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir Percival –« begann er.

Ich unterbrach ihn, ehe er weiter sprechen konnte.

»Die Dunkelheit täuscht Sie,« sagte ich, »ich bin nicht Sir Percival.«

Der Mann trat schnell zurück.

»Ich glaubte, es sei mein Herr,« murmelte er auf verwirrte, unsichere Weise.

»Sie erwarteten, Ihren Herrn hier zu treffen?«

»Ich hatte Befehl, ihn hier im Nebenwege zu erwarten.«

Mit dieser Antwort ging er wieder in der Richtung zurück, aus der er gekommen war. Ich schaute mich nach der Hütte um und sah den Küster mit der Laterne herauskommen. Ich nahm des alten Mannes Arm, um ihm umso schneller fortzuhelfen, wir eilten den Weg entlang und kamen an dem Manne vorbei, welcher mich angeredet hatte. So gut ich dies bei dem Lichte der Laterne zu sehen vermochte, war er ein Diener ohne Livree.

»Wer ist das?« flüsterte der Küster, »Weiß er etwas von den Schlüsseln?«

»Wir wollen uns nicht damit aufhalten, ihn zu fragen,« antwortete ich, »sondern schnell erst nach der Sacristei eilen.«

Die Kirche war selbst bei Tage nicht eher zu sehen, als bis man am Ende des Nebenweges stand. Als wir die kleine Anhöhe hinanstiegen, welche von diesem Punkte aus nach dem Gebäude führte, kam eins der Dorfkinder – ein Knabe – dicht zu uns heran und erkannte beim Lichte unserer Laterne den Küster.

»Wißt Ihr was, Meister,« sagte der Bursche, den Küster am Rocke zupfend, »'s ist da oben wer in der Kirche. Ich hörte ihn die Thür hinter sich schließen – und hörte ein Licht anmachen.«

Der Küster zitterte und lehnte sich schwer auf meinen Arm.

»Kommt! kommt!« sagte ich, ihn ermuthigend. »Wir kommen noch nicht zu spät, wir wollen ihn fangen, wer er auch sei. Halten Sie die Laterne fest und folgen Sie mir, so schnell Sie können.«

Ich stieg schnell den Hügel hinan. Die dunkle Masse des Kirchthurmes war das erste, was ich undeutlich sich auf dem Nachthimmel abzeichnen sah. Als ich zur Seite bog, um nach der Sacristei zu gehen, hörte ich schwere Schritte dicht neben mir. Der Bediente war uns zur Kirche gefolgt. »Ich beabsichtige Ihnen kein Leides zu thun,« sagte er, als ich mich schnell zu ihm wandte, »ich suche bloß meinen Herrn.«

Der Ton, in dem er dies sagte, verrieth deutlich, daß er in Furcht war. Ich nahm keine Notiz von ihm und ging weiter.

Sowie ich um die Ecke kam und die Sacristei sehen konnte, sah ich, daß das Gewölbefenster auf dem Dache hell von innen erleuchtet war. Dasselbe leuchtete mit einer blendenden Helle gegen den dunklen, sternlosen Himmel.

Ich lief durch den Kirchhof der Thür zu.

Als ich näher kam, stahl sich ein sonderbarer Geruch durch die feuchte, stille Luft mir entgegen. Ich hörte drinnen ein Geräusch, wie von einem zusammenschnappenden Schlosse – ich sah das Licht oben heller und heller werden – eine Glasscheibe zersprang – ich rannte auf die Thür zu und legte meinen Arm dagegen. Die Sacristei brannte!

Ehe ich mich noch rühren, ehe ich nach dieser Entdeckung Athem schöpfen konnte, erfüllte mich ein schwerer Fall von innen gegen die Thür mit Entsetzen. Ich hörte, wie der Schlüssel heftig im Schlosse hin und her gedreht wurde – ich hörte hinter der Thür die Stimme eines Mannes in entsetzlich gellenden Tönen um Hilfe schreien.

Der Bediente, der mir gefolgt war, fuhr schaudernd zurück und fiel auf seine Kniee. »O mein Gott!« rief er aus, »es ist Sir Percival!«

Als die Worte seinen Lippen entfuhren, trat der Küster zu uns – und in demselben Augenblicke ließ sich das Geräusch des Schlüssels im Schlosse noch einmal und zum letzten Male hören.

»Der Herr erbarme sich seiner Seele!« rief der Küster aus. »Er ist des Todes. Er hat das Schloß verdreht!«

Ich stürzte gegen die Thür. Der eine, Alles verzehrende Gedanke, der seit Wochen mein ganzes Innere erfüllt und alle meine Handlungen geleitet hatte, schwand in einer Sekunde aus meinem Geiste. Alle Erinnerungen an das grenzenlose Elend, welches des Mannes herzloses Verbrechen verursacht hatte, an die Liebe, die Unschuld und das Glück, die er so erbarmungslos mit Füßen getreten, an den Eid, den ich im eigenen Herzen geschworen, daß ich furchtbare Rechenschaft von ihm fordern wolle – schwanden wie ein Traum aus meinem Gedächtnisse. Ich dachte an nichts weiter, als an das Entsetzliche seiner Lage; ich fühlte nichts als den natürlichen Drang, ihn von einem furchtbaren Tode zu retten.

»Versuchen Sie die andere Thür!« schrie ich ihm zu, »versuchen Sie die andere Thür, die in die Kirche führt! Sie sind des Todes, wenn Sie noch einen Augenblick verlieren!«

Es hatte sich, als der Schlüssel zum letzten Male im Schlosse umgedreht wurde, kein erneuerter Hilferuf hören lassen, und es war jetzt kein Ton irgend einer Art mehr zu vernehmen, der uns bewiesen hätte, daß er noch am Leben sei. Ich vernahm nichts, als das immer schnellere Knistern der Flammen und das scharfe Zerspringen der Glasscheiben im Gewölbefenster.

Ich sah mich um nach meinen beiden Begleitern. Der Diener hatte die Laterne ergriffen und hielt dieselbe mit geistesabwesendem Gesichte gegen die Thür. Der Schreck schien ihn geradezu mit Blödsinn geschlagen zu haben – er wartete an meinen Fersen und folgte mir, wohin ich mich wandte, wie ein Hund. Der Küster saß stöhnend und bebend auf einem Grabsteine. Der kurze Blick, den ich auf die Beiden warf, genügte, um mich zu überzeugen, daß ich von ihnen keine Hilfe zu erwarten hatte.

Indem ich kaum wußte, was ich that und nur nach dem Drange meiner Gefühle handelte, erfaßte ich den Diener und stieß ihn gegen die Mauer der Sacristei. »Bücken Sie sich!« sagte ich, »und halten Sie sich an den Steinen. Ich werde über Sie auf's Dach steigen – ich werde das Gewölbenfenster einbrechen und ihm etwas Luft geben!«

Der Mann zitterte am ganzen Leibe, aber er stand fest. Ich stieg, mit meinem Knüttel im Munde, auf seinen Rücken, faßte die Vormauer mit beiden Händen und hatte mich im Nu auf das Dach geschwungen. In der wahnsinnigen Eile und Aufregung des Augenblickes fiel es mir gar nicht ein, daß ich, anstatt bloß die Luft hineinzulassen, die Flamme herauslassen würde. Ich schlug auf das Gewölbefenster und zerbrach das zersprungene, gelöste Glas mit einem Schlage. Das Feuer sprang heraus wie ein wildes Thier aus seinem Hinterhalte. Hätte der Wind es nicht glücklicherweise in der Richtung von mir fort getrieben, so hätten hiemit alle meine Bemühungen ihr Ende erreicht. Ich kauerte auf dem Dache nieder als Rauch und Flamme über mich hinausströmten. Das Leuchten des Feuers zeigte mir das Gesicht des Dieners, das blödsinnig zu mir heraufstierte; den Küster, der aufgestanden war und in Verzweiflung die Hände rang, und die spärliche Bevölkerung des Dorfes, bleiche Männer und erschrockene Frauen, die sich außerhalb des Kirchhofes drängten – die Alle in der furchtbaren Gluth der Flammen auftauchten und in dem schwarzen, erstickenden Rauche wieder verschwanden. Und der Mann unter mir! – der Mann der uns Allen so nahe und so hoffnungslos außer unserem Bereiche erstickte, verbrannte, starb!

Der Gedanke machte mich beinahe wahnsinnig. Ich ließ mich an den Händen vom Dache herunter und fiel auf den Boden.

»Den Schlüssel zur Kirche!« schrie ich dem Küster zu. »wir müssen es von der anderen Seite versuchen – wir mögen ihn noch retten können, wenn wir die innere Thür sprengen.«

»Nein, nein, nein!« schrie der alte Mann. »Keine Hoffnung! Der Schlüssel zur Kirchenthür und der zur Sacristei sind an demselben Ringe – beide da drinnen! O, Sir, er ist nicht mehr zu retten – er ist jetzt schon Staub und Asche!«

»Sie werden das Feuer von der Stadt aus sehen,« sagte eine Stimme unter den Leuten zu mir. »Sie haben eine Feuerspritze in der Stadt. Sie werden die Kirche retten.«

Es mußte wenigstens eine Viertelstunde währen, ehe die Feuerspritze uns zu Hilfe kommen konnte. Der grauenvolle Gedanke, so lange in Unthätigkeit zu bleiben, war mehr, als ich ertragen konnte. Trotz Allem, was meine eigene Vernunft mir sagte, überredete ich mich, daß der Unglückliche bewußtlos in der Sacristei am Boden liege und noch nicht todt sei. Falls wir die Thür sprengten, konnten wir ihn nicht noch retten? Ich wußte, wie stark das schwere Schloß war und wie dick die Thür von nägelbeschlagenem Eichenholze – ich wußte, wie hoffnungslos es sei, eins oder das andere auf gewöhnlichem Wege anzugreifen. Aber gab es denn in den abgerissenen Hütten rund umher keinen Balken? Konnten wir uns nicht einen solchen holen und ihn als Sturmbock gegen die Thür anwenden?

Der Gedanke sprang auf in mir, wie die Flammen durch das zerschlagene Gewölbefenster gedrungen waren. Ich sprach zu dem Manne, welcher zuerst der Feuerspritze erwähnt hatte: »Haben Sie Ihre Spitzaxt zur Hand?« Ja, er hatte sie. »Und ein Beil, eine Säge und einen Reif?« Ja! ja! ja! »Fünf Schillinge für Jeden, der mir hilft!« Jener gierige zweite Hunger der Armuth: der Hunger nach Geld brachte sie sofort in Bewegung und Thätigkeit. »Zwei von euch – bringen noch Laternen mit. Zwei holen Spitzhacken und Brechwerkzeuge! Die Anderen mir nach, um einen Balken zu holen. Sie schrieen – mit gellenden, verhungerten Stimmen schrieen sie Hurrah! Die Frauen und Kinder stoben zu beiden Seiten auseinander, wir stürzten zusammen den Pfad vom Kirchhofe der ersten leeren Hütten zu hinunter. Kein Mann blieb zurück, außer dem Küster – dem armen, alten Küster, der schluchzend und jammernd auf einem Grabsteine den Verlust der Kirche betrauerte. Der Bediente folgte mir noch immer auf den Fersen; sein weißes, hilfloses, entsetztes Gesicht blickte dicht über meine Schulter hinweg, als wir uns in die Hütte drängten. Es lagen Sparren von der abgerissenen Decke am Boden – doch waren sie zu leicht. Ein Balken lag oben über unseren Häuptern, doch nicht außer dem Bereiche unserer Arme und Hacken – ein Balken, der an beiden Enden in der zerfallenen Mauer festsaß, um den der Boden und die Decke fortgebröckelt waren und über dem ein großes Loch im Dache den Himmel zeigte. Wir griffen den Balken an beiden Enden zugleich an. O Gott! wie fest er saß – wie uns Stein und Kalk widerstanden, wir hackten, hieben und rissen. Der Balken wich an einem Ende – er stürzte herunter, gefolgt von einer Schuttmasse. Die Weiber, die sich alle um den Eingang drängten, um uns zuzuschauen, stießen einen Schrei aus – die Männer einen lauten Ausruf – Zwei von ihnen lagen am Boden, doch unverletzt. Noch einen Riß mit gesamter Anstrengung – der Balken war an beiden Enden los. Wir hoben ihn auf. Jetzt an's Werk! Da ist das Feuer, das zum Himmel hinan speiet, heller denn je, um uns zu leuchten! vorsichtig den Pfad entlang, vorsichtig mit dem Balken – auf die Thür zu. Eins, zwei, drei – und los! Das Hurrahrufen erschallte unbezähmbar, wir haben die Thür bereits erschüttert; die Angeln müssen sich lösen, falls das Schloß sich sprengen läßt. Noch einen Stoß mit dem Balken! Eins, zwei, drei – los! Sie weicht! Das schleichende Feuer leckt uns aus jeder Spalte entgegen. Noch einen letzten Stoß! Die Thür bricht krachend ein. Eine große, angsterfüllte, athemlose, erwartungsvolle Stille halt jede lebende Seele umfangen. Wir suchen nach dem Körper. Die sengende Hitze, die unseren Gesichtern begegnet, treibt uns zurück: wir sehen nichts – oben, unten, im ganzen Zimmer sehen wir nichts als eine große Flammenmasse.

»Wo ist er?« flüsterte der Diener, blödsinnig in die Flammen stierend.

»Er ist Staub und Asche,« sagte der Küster. »Und die Bücher sind Staub und Asche – und o, ihr Herren! die Kirche wird auch bald Staub und Asche sein.«

Sie waren die einzigen Beiden, welche sprachen. Als sie wieder schwiegen, war nichts weiter zu hören, als das Knistern und Lodern der Flammen.

Horch'!

Ein scharfer, rasselnder Ton aus der Ferne – dann das hohle Trampeln von Pferdefüßen im schnellen Galop – dann das Getöse, der Alles übertönende Tumult von Hunderten von menschlichen Stimmen, die Alle zugleich schreien und rufen. Endlich ist die Feuerspritze da.

Die Leute um mich her wandten sich Alle vom Feuer dem Gipfel der Anhöhe zu. Der alte Küster versuchte, ihnen zu folgen, aber seine Kraft war erschöpft. Ich sah, wie er sich an einem der Grabsteine festhielt. »Rettet die Kirche!« rief er mit matter Stimme, wie wenn er schon jetzt von den Feuerleuten gehört zu werden erwartete. »Rettet die Kirche!«

Der Einzige, der sich nicht rührte, war der Bediente. Da stand er – die Augen noch immer mit demselben geistesabwesenden Blick auf die Flammen geheftet. Ich redete auf ihn ein und schüttelte ihn am Arme: er war nicht zu erwecken. Er flüsterte bloß immer wieder: »Wo ist er?«

In zehn Minuten war die Spritze aufgestellt; aus dem Brunnen auf der Hinterseite der Kirche versah man sie mit Wasser und trug dann den Schlauch an den Eingang der Sacristei. Falls man jetzt der Hilfe von mir bedurft, so hätte ich sie nicht leisten können. Meine Willenskraft war fort – meine Kräfte erschöpft – der Aufruhr meiner Gedanken war jetzt, da ich wußte, er sei todt, auf furchtbare, plötzliche Weise gestillt. Ich stand nutzlos und hilflos da und stierte in das brennende Zimmer hinein.

Ich sah, wie man langsam das Feuer überwältigte. Die Helle der Gluth erbleichte – der Dampf erhob sich in weißen Wolken, und die glimmenden Aschenhaufen zeigten sich roth und schwarz auf dem Boden. Es trat eine Stille ein – dann begaben sich die Leute von der Feuerbrigade und von der Polizei an den Eingang – es erfolgte eine Berathung von leisen Stimmen – und dann wurden zwei von den Männern durch die Menge hindurch fortgeschickt.

Nach einer Weile ging ein großes Entsetzen durch das Gedränge, die lebendige Allee wurde langsam breiter. Die Männer kamen durch dieselbe mit einer Thür aus einer der leeren Hütten zurück. Sie trugen dieselbe an die Sacristei und gingen hinein. Die Polizei umringte abermals den Eingang; die Leute schlichen sich zu zweien und dreien aus der Menge heraus und stellten sich hinter die Polizei, um es zuerst zu sehen. Andere warteten in der Nähe, um es zuerst zu hören.

Die Berichte aus der Sacristei fingen an, unter die Menge zu kommen – dieselben gingen langsam von Munde zu Munde, bis sie den Ort erreichten, an dem ich stand. Ich hörte die Fragen und Antworten mit leisen, eifrigen Stimmen um mich her wiederholen.

»Haben sie ihn gefunden?« »Ja.« – »Wo?« »An der Thür. Mit dem Gesichte an der Thür.« »An welcher Thür?« »An der Thür, die in die Kirche führt.« – »Ist sein Gesicht verbrannt?« »Nein.« »Ja?« »Nein; versengt, aber nicht verbrannt. Er lag mit dem Gesichte gegen die Thür gelehnt sag' ich Euch ja.« – »Wer war er? Ein Lord, sagen sie.« »Nein, kein Lord. Sir Soundso; Sir heißt so viel wie Ritter.« »Und wie Baronet?« »Nein.« »Ja doch.« »Was wollte er da drinnen?« »Nichts Gutes, kannst du glauben!« – »That er es vorsätzlich?« »Ob er sich vorsätzlich verbrannt hat?« – »Ich meine nicht sich selbst, sondern ob er die Sacristei vorsätzlich verbrannt hat.« – »Sieht er sehr schrecklich aus?« »Entsetzlich«! – »Aber nicht im Gesichte?« »Nein, nein; im Gesichte nicht so schlimm.« – »Kennt ihn kein Mensch?« »Es ist da ein Mann, der sagt, er kennt ihn.« – »Wer?« »Ein Bedienter, heißt es. Aber er scheint ganz verdummt zu sein und die Polizei glaubt ihm nicht.« – »Weiß kein Mensch, wer es ist?« »Stille –!«

Die laute, klare Stimme eines Mannes in Autorität brachte das leise summende Gespräch um mich her augenblicklich zum Schweigen.

»Wo ist der Herr, der ihn zu retten versuchte?« frug die Stimme.

»Hier, Sir – hier ist er!« Dutzende von eifrigen Gesichtern drängten sich um mich und Dutzende von Armen trennten die Menge. Der Mann in Autorität kam mit einer Laterne in der Hand zu mir heran.

»Hieher, Sir, wenn's gefällig ist,« sagte er ruhig.

Es war mir nicht möglich, mich ihm zu widersetzen, als er meinen Arm erfaßte. Ich versuchte ihm zu erklären, daß ich den Todten nie zu dessen Lebzeiten gesehen – daß keine Hoffnung vorhanden sei, ihn durch einen Fremden, wie ich war, zu identificiren. Aber die Worte erstarben mir auf den Lippen. Ich war schwach, stille und hilflos.

»Kennen Sie ihn, Sir?«

Ich stand mitten in einem Kreise von Männern. Drei von ihnen, die mir gegenüber standen, hielten Laternen tief am Boden. Ihre Augen und die Augen aller Uebrigen waren erwartungsvoll auf mein Gesicht gerichtet. Ich wußte, was zu meinen Füßen lag – ich wußte, warum sie die Laternen so tief am Boden hielten.

»Können Sie ihn identificiren, Sir?«

Meine Blicke senkten sich langsam. Zuerst sahen sie nichts als ein grobes Canevastuch. Das Tröpfeln des Regens auf dasselbe war deutlich zu hören. Ich blickte weiter hinauf an dem Canevastuche entlang und da am Ende, steif, grimmig und schwarz in dem gelben Scheine – da lag sein todtes Gesicht.

So sah ich ihn zum ersten und letzten Male. Es war Gottes Wille gewesen, daß er und ich einander so begegneten!

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