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Die Frau in Weiß ? Band III

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band III - Kapitel 7
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titleDie Frau in Weiß ? Band III
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXIII. Band
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Fortsetzung der Aussage Hartright's.

Zweite Abtheilung.

I.

Ich brach meine Erzählung in den stillen Schatten der Kirche zu Limmeridge ab, eine Woche später nehme ich sie in dem Gewoge und Getümmel einer Straße von London wieder auf.

Es ist eine Straße in einem armen, bevölkerten Stadttheile. Das Erdgeschoß eines der Häuser desselben wird von einem Zeitungshändler bewohnt und die erste und zweite Etage werden als möblirte Wohnungen der anspruchslosesten Art vermiethet.

Ich habe diese beiden Etagen unter einem angenommenen Namen gemiethet. In der oberen wohne ich; sie besteht aus einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmer. In der unteren Etage wohnen – ebenfalls unter angenommenen Namen – zwei Frauen, welche für meine Schwestern gelten. Ich erwerbe mir meinen Lebensunterhalt, indem ich für eine der billigen Zeitschriften Zeichnungen und Holzschnitte anfertige. Meine Schwestern helfen mir, wie es heißt, durch Handarbeit. Unser ärmlicher Wohnort, unsere bescheidene Beschäftigung, unsere vorgebliche Verwandtschaft und angenommenen Namen dienen uns Allen als Mittel, uns in dem Häuserwalde zu verstecken. Marianne Halcombe ist jetzt meine älteste Schwester, die durch ihrer Hände Arbeit unseren Haushaltbedürfnissen nachkommt. Beide sind wir die Opfer und zugleich die Ausüber eines verwegenen Betruges. Wir sind die Mitschuldigen der wahnsinnigen Anna Catherick, welche den Namen, die Stellung und das Eigenthum der verstorbenen Lady Glyde beansprucht.

Vor Vernunft und Gesetz, vor der Meinung der verwandten und Angehörigen, sowie jeder herkömmlichen Auffassung der Gesellschaft nach, lag »Laura, Lady Glyde« bei ihrer Mutter im Grabe auf dem Friedhofe zu Limmeridge. Bei Lebzeiten aus dem Leben gerissen, durfte die Tochter von Philipp Fairlie und die Gemahlin von Percival Glyde allenfalls für ihre Schwester und für mich noch existiren, aber für die ganze übrige Welt war sie todt. Todt für ihren Onkel, der sie verleugnet – todt für die Diener des Hauses, die sie nicht erkannt hatten – todt für die Obrigkeit, welche ihr Vermögen ihrem Manne und ihrer Tante übergeben – todt für meine Mutter und meine Schwester, welche mich für das Opfer einer Abenteurerin und eines Betruges hielten – gesetzlich, gesellschaftlich und moralisch todt.

Und doch am Leben! – Am Leben und unter dem Schutze eines armen Zeichenlehrers, der ihr ihren Platz unter den Lebenden wieder erkämpfen und erringen wollte!

Regte sich, da ich selbst von der Aehnlichkeit zwischen ihr und Anna Catherick Zeuge gewesen, sein Argwohn in mir, als sie mir zuerst ihr Gesicht enthüllte? Nein, auch nicht der Schatten eines Argwohns von dem Augenblicke an, wo sie, neben der Grabschrift stehend, die ihren Tod verkündete, den Schleier erhob.

Ehe noch an jenem Tage die Sonne untergegangen, ehe noch die Heimat, welche ihre Thore gegen sie verschlossen, unseren Blicken entschwunden, hatten wir Beide der Abschiedsworte gedacht, die ich bei unserem Scheiden in Limmeridge House gesprochen: »Falls je eine Zeit kommen sollte, wo die Hingebung meines ganzen Herzens, meiner ganzen Seele und all meiner Kräfte Ihnen einen Augenblick des Glückes geben oder einen Augenblick des Kummers ersparen kann, wollen Sie sich des armen Zeichenlehrers erinnern, der Ihnen Unterricht gab?« Sie, die sich jetzt so wenig der Schrecken und Sorgen der letztvergangenen Zeit zu erinnern im Stande war, erinnerte sich doch jener Worte und legte ihr armes Haupt unschuldig und vertrauensvoll auf die Brust des Mannes, der sie gesprochen.

In diesem Augenblicke, wo sie mich bei meinem Namen nannte, indem sie sagte: »Sie haben versucht, mich Alles vergessen zu machen, Walter, aber ich erinnere mich Mariannens und erinnere mich Deiner–« in diesem Augenblicke gab ich, der ich ihr längst meine ganze Liebe gegeben, ihr mein Leben und dankte Gott, daß er es mir dazu gelassen.

Ja! die Zeit war gekommen. Aus einer Entfernung von Tausenden von Meilen, durch Wälder und Wüsteneien, durch dreimal erneute und dreimal überwundene Todesgefahren hindurch hatte die Hand , welche die Menschen auf die dunklen Pfade der Zukunft leitet, mich dieser Zeit entgegengeführt. Da sie jetzt verlassen und verleugnet, bitter geprüft und traurig verändert, ihre Schönheit verblichen, ihr Geist umwölkt; da sie ihrer Stellung in der Welt, ihres Platzes unter den Lebenden beraubt war, durfte ich sonder Tadel die Hingebung meines ganzen Herzens, meiner ganzen Seele und all meiner Kräfte zu jenen lieben Füßen niederlegen. Durch ihre große Trübsal und Verlassenheit war sie endlich mein mit Recht! Mein, um sie zu beschützen, zu verehren und wiederherzustellen. Mein, um sie als Bruder zu lieben und zu ehren. Mein, um sie durch alle Gefahren und Opfer – durch hoffnungsloses Kämpfen gegen Rang und Macht, durch den langen Streit mit bewaffnetem Truge und befestigtem Glücke, durch den Verlust meines Rufes und meiner Angehörigen, durch das Wagnis meines Gebens hindurch wieder in ihre Stelle einzusetzen.

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