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Die Frau in Weiß ? Band III

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band III - Kapitel 10
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authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band III
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXIII. Band
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IV.

Auf meinem Wege nach dem Geschäftsbureau der Herren Gilmore und Kyrle in Chancery Lane ereignete sich nichts von der geringsten Bedeutung.

Während man Mr. Kyrle meine Karte brachte, fiel mir etwas ein, das nicht früher bedacht zu haben ich ernstlich bereute. Mariannens Mittheilungen setzten es außer Zweifel, daß Graf Fosco ihren ersten Brief, den sie von Blackwater Park aus an Mr. Kyrle geschrieben, geöffnet und den zweiten mit Hilfe seiner Frau unterschlagen hatte. Er kannte daher vollkommen die Adresse des Bureaus und man durfte daher annehmen, daß er natürlich schließen werde, daß Marianne abermals Mr. Kyrle's Rath und Erfahrungen in Anspruch nehmen würde. In diesem Falle war das Bureau in Chancery Lane gerade der Ort, den er und Sir Percival zuerst bewachen lassen würden, und falls die dazu verwandten Personen dieselben waren, welche mich schon vor meiner Abreise aus England verfolgt hatten, so mußte ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach meine Rückkehr schon an diesem Tage bekannt werden. Die besondere Gefahr, die sich an das Geschäftslocal knüpfte, war mir bis zu diesem Augenblicke nie eingefallen. Er war jetzt zu spät für den Wunsch, daß ich Vorbereitungen getroffen hätte, an irgend einem dritten Orte mit dem Advocaten zusammenzukommen. Ich konnte nur den Entschluß fassen, vorsichtig zu sein, wenn ich Chancery Lane wieder verließe, und unter keiner Bedingung von dort aus direct nach Hause zurückzukehren.

Nachdem ich einige Minuten gewartet, wurde ich in Mr. Kyrle's Privatzimmer geführt. Er war ein blasser, magerer, ruhiger, unbefangener Mann mit sehr aufmerksamem Auge, einer sehr leisen Stimme und einem leidenschaftslosen Wesen, nicht (wie es mir schien) sehr theilnehmend, wo es sich um Fremde handelte, und durchaus nicht leicht aus seiner Advocatenhaltung zu bringen. Ich hätte für meinen Zweck schwerlich einen besseren Mann finden können. Falls er sich zu einer Meinung herbeiließ und dieselbe uns günstig war, so war von dem Augenblicke an der Erfolg unserer Angelegenheit sicher.

»Ehe ich in die Angelegenheiten eingehe, welche mich zu Ihnen führt,« sagte ich, »muß ich Sie darauf vorbereiten, Mr. Kyrle, daß die kürzeste Angabe, welche ich zu machen im Stande bin, einige Zeit erfordern wird.«

»Meine Zeit steht Miß Halcombe zu Diensten,« entgegnete er, »wo es auf ihre Interessen ankommt, vertrete ich meinen Kompagnon sowohl persönlich als geschäftlich.«

»Darf ich fragen, ob Mr. Gilmore in England ist?«

»Er hält sich augenblicklich bei Verwandten in Deutschland auf. Seine Gesundheit ist ziemlich hergestellt, aber die Zeit seiner Rückkehr ist bis jetzt noch unbestimmt.«

Während wir diese vorläufigen Worte wechselten, hatte er unter den Papieren gesucht, welche vor ihm lagen, und nahm jetzt einen versiegelten Brief zwischen denselben heraus. Ich dachte, er sei im Begriffe, mir denselben einzuhändigen, doch schien er seine Absicht zu ändern, denn er legte ihn neben sich auf den Tisch, setzte sich in seinem Armstuhle zurück und erwartete schweigend, was ich ihm zu sagen hatte.

Ohne noch einen Augenblick mit fernerer Bevorwortung zu verlieren, setzte ich ihn sofort vollständig von den Ereignissen in Kenntnis, welche in diesen Blättern erzählt worden sind.

Ungeachtet, daß er jeder Zoll ein Advocat war, brachte ich ihn doch aus seiner Ruhe. Ausdrücke der Ungläubigkeit und des Erstaunens, welche er nicht zu unterdrücken vermochte, unterbrachen mich zu wiederholten Malen. Ich ließ mich jedoch nicht dadurch stören und that dann zum Schlusse dreist die wichtige Frage:

»Was ist Ihre Ansicht, Mr. Kyrle?« Er war zu vorsichtig, um eine Antwort zu wagen, ehe er sich Zeit gelassen, seine ganze Fassung wieder zu gewinnen.

»Bevor ich eine Meinung abgebe,« sagte er, »muß ich um Erlaubnis bitten, mir durch ein paar Fragen den Weg etwas zu bahnen.«

Er legte mir seine Fragen vor – scharfe, argwöhnische, ungläubige Fragen, welche mir deutlich bewiesen, daß er mich für das Opfer einer Sinnestäuschung hielt und daß er, hätte mich nicht Miß Halcombe an ihn empfohlen, wohl gar geglaubt hätte, ich suche ihn durch einen listigen Betrug zu hintergehen.

»Glauben sie, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, Mr. Kyrle?« frug ich ihn.

»Soweit es Ihre persönliche Ueberzeugung betrifft,« entgegnete er, »glaube ich, daß Sie die Wahrheit gesprochen haben. Ich hege die höchste Achtung vor Miß Halcombe und habe daher Ursache, einen Herrn, dessen Vermittlung in einer solchen Sache sie ihr Vertrauen schenkt, ebenfalls zu achten. Ich will sogar noch weiter gehen und um der Höflichkeit und des Argumentes willen zugeben, daß Lady Glyde's Identität als lebende Person für Miß Halcombe und für Sie eine bewiesene Thatsache ist. Aber Sie sind zu mir gekommen, um sich gesetzlichen Rath bei mir zu holen, und als Rechtsgelehrter ist es meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Sie auch nicht den Schatten einer Hoffnung für Ihre Sache haben.«

»Das ist stark ausgedrückt, Mr. Kyrle.«

»Ich will versuchen, es auch klar auszudrücken. Der Beweis von Lady Glyde's Ableben ist dem Anscheine nach klar und ausreichend. Da ist das Zeugnis ihrer Tante, welches beweist, daß sie nach Graf Fosco's Hause kam, dort erkrankte und starb. Da ist das ärztliche Zeugnis, welches den Tod beweist und daß derselbe unter natürlichen Umständen stattfand. Dann ist die Thatsache des Begräbnisses zu Limmeridge und die Angabe der Inschrift auf dem Grabsteine da. Und dies Alles wollen Sie umstürzen, welches Zeugnis haben Sie Ihrerseits, um Ihre Erklärung, die verstorbene und Begrabene sei nicht Lady Glyde, zu unterstützen? Lassen Sie uns die Hauptpunkte Ihrer Angabe durchgehen und sehen, was sie werth sind. Miß Halcombe geht in eine gewisse Irrenanstalt und sieht dort eine gewisse Patientin. Es ist bekannt, daß eine Person, Namens Anna Catherick, die eine auffallende Aehnlichkeit mit Lady Glyde hat, aus der Anstalt entflohen; es ist bekannt, daß die Person, welche dort im Juli aufgenommen wurde, die zurückgebrachte Anna Catherick war; es ist ferner bekannt, daß der Herr, welcher sie zurückbrachte, Mr. Fairlie mittheilte, ihr Wahnsinn zeige sich zum Theil darin, daß sie sich für seine Nichte ausgebe, und es ist endlich bekannt, daß sie sich in der Irrenanstalt (wo kein Mensch ihr Glauben schenkte) wiederholt für Lady Glyde ausgab. Dies sind Thatsachen. Behauptet Miß Halcombe dem Besitzer der Anstalt gegenüber die angenommene Identität ihrer Schwester und greift dann zu gesetzlichen Mitteln, um sie zu befreien? – Nein: sie besticht eine der Wärterinnen, sie entfliehen zu lassen; wie die Kranke, nachdem sie auf diese Weise ihre Freiheit erlangt, darauf vor Mr. Fairlie geführt wird – erkennt er sie? ist sein Glaube an den Tod seiner Nichte auch nur auf einen Augenblick erschüttert? Nein. Erkennen die Diener sie? Nein. Bleibt sie in der Umgegend, um ihre Identität zu behaupten und ferneren Proben entgegenzutreten? Nein: sie wird heimlich nach London gebracht. Unterdessen haben Sie sie ebenfalls erkannt – aber Sie sind kein Anverwandter – nicht einmal ein alter Freund der Familie. Die Diener widersprechen Ihnen und Mr. Fairlie widerspricht Miß Halcombe und die angebliche Lady Glyde widerspricht sich selbst. Sie behauptet, daß sie die Nacht in einem gewissen Hause in London zugebracht hat. Ihr eigenes Zeugnis dagegen beweist, daß sie dem Hause mit keinem Fuße nahegekommen, und Sie selbst geben zu, daß ihr Gemüthszustand Sie verhindert, sie irgend wohin zu bringen, um verhört zu werden oder für sich selbst zu sprechen. Ich übergehe geringere Punkte im Zeugnisse auf beiden Seiten und ich frage Sie: falls die Sache in einen Gerichtshof, vor eine Jury gebracht würde, deren Pflicht es ist, Thatsachen so anzusehen, wie sie wirklich erscheinen – wo sind Ihre Beweise?«

Ich war genöthigt mich zu sammeln, ehe ich ihm antworten konnte. Es war dies das erste Mal, daß mir die Geschichte Lauras und Mariannens aus dem Gesichtspunkte eines Fremden vorgeführt wurde – das erste Mal, daß die furchtbaren Hindernisse, die auf unserem Pfade lagen, uns in ihrem wahren Charakter erschienen.

»Es kann keinem Zweifel unterliegen,« sagte ich, »daß die Thatsachen, wie Sie dieselben hingestellt haben, gegen uns sprechen; aber –«

»Aber Sie denken, daß sich diese Thatsachen hinweg erklären lassen,« unterbrach mich Mr. Kyrle. »Lassen Sie mich Ihnen das Resultat meiner Erfahrungen in Bezug auf diesen Punkt mittheilen, wenn eine englische Jury die Wahl hat zwischen einer klaren Thatsache, die auf der Hand, und einer langen Erklärung welche versteckt liegt, so zieht sie stets die Thatsache der Erklärung vor. Zum Beispiel: Lady Glyde (ich nenne die Dame, welche Sie vertreten, bei diesem Namen) erklärt, daß sie in einem gewissen Hause geschlafen hat und das Gegentheil hievon ist uns bewiesen. Sie erklären diesen Umstand, indem Sie in ihren Geisteszustand eingehen und daraus einen psychologischen Schluß herleiten. Ich sage nicht, daß Ihr Schluß ein falscher ist – sondern nur, daß die Jury die Thatsache ihres Widerspruches jedem Grunde vorziehen wird, welchen Sie möglicherweise für denselben angeben können.«

»Aber,« fuhr ich dringend fort, »ist es nicht möglich, durch Geduld und unausgesetzte Bemühung ferneres Zeugnis zu entdecken? Miß Halcombe und ich besitzen ein paar hundert Pfund –«

Er sah mich mit einem halb unterdrückten Mitleid an und schüttelte den Kopf.

»Betrachten Sie die Sache von Ihrem eigenen Standpunkte aus, Mr. Hartright,« sagte er. »Falls Sie in Bezug auf Sir Percival Glyde und den Grafen Fosco Recht haben (bemerken Sie jedoch gefälligst, daß ich dies hiemit nicht einräume), so würde Ihnen jede erdenkliche Schwierigkeit im Auffinden neuer Beweise in den Weg geworfen werden. Man würde jedes mögliche Proceßhindernis aufrichten, jeden einzelnen Punkt der Sache systematisch bestreiten – und wenn wir dann endlich unsere Tausende ausgegeben, anstatt unserer Hunderte, so würde zum Schlusse das Resultat aller Wahrscheinlichkeit nach gegen uns ausfallen. Ueber Fragen der Identität ist, wo persönliche Aehnlichkeit mit ins Spiel kommt, am allerschwersten zu entscheiden – am allerschwersten, selbst wenn sie von den besonderen Verwicklungen frei sind, welche den gegenwärtigen Fall erschweren. Selbst falls die im Friedhofe zu Limmeridge begrabene Person nicht Lady Glyde wäre, so war sie doch, wie Sie selbst bezeugen, zu ihren Lebzeiten ihr so ähnlich, daß nichts dadurch gewonnen würde, wenn wir uns die notwendige Erlaubnis verschafften, um die Leiche wieder ausgraben zu lassen. Kurz, die Sache ist hoffnungslos, Mr. Hartright – durchaus hoffnungslos.«

Ich war entschlossen, an das Gegentheil zu glauben, und griff in diesem Entschlusse die Sache von einer anderen Seite an.

»Gibt es keine anderen Beweise, die uns nützen könnten, außer den Beweisen der Identität?« frug ich.

»Keine in Ihrer Lage,« entgegnete er. »Der einfachste und sicherste Beweis von allen, der nämlich durch Vergleich der Data, ist, wie Sie sagen, nicht zu erlangen. Falls Sie einen Widerspruch in dem Datum des ärztlichen Certificats und dem von Lady Glyde's Reise nach London beweisen könnten, so würde die Sache ein ganz anderes Aussehen erhalten und ich der Erste sein, der Ihnen sagte: Lassen Sie uns fortfahren.«

Ich überlegte. Die Haushälterin konnte uns nicht helfen – noch Laura, noch Marianne. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die einzigen lebenden Personen, welche das Datum kannten, Sir Percival und der Graf.

»Ich sehe augenblicklich kein Mittel, um mich des Datums zu vergewissern,« sagte ich, »weil ich Niemanden weiß, außer Graf Fosco und Sir Percival, die dasselbe genau angeben konnten.«

Mr. Kyrle's ruhiges, aufmerksames Gesicht verzog sich zum ersten Male zu einem Lächeln.

»Mit Ihrer Meinung von dem Betragen jener beiden Herren,« sagte er, »erwarten Sie doch aus dem Viertel vermuthlich keine Hilfe? Falls sie sich vereint haben, durch einen Complot große Summen Geldes zu erlangen, so ist es jedenfalls nicht wahrscheinlich, daß sie dies eingestehen werden.«

»So sollen sie dazu gezwungen werden, Mr. Kyrle.«

»Durch wen?«

»Durch mich!«

Wir erhoben uns Beide. Er blickte mir mit mehr Interesse, als er noch bisher gezeigt, in's Gesicht. Ich konnte sehen, daß ich ihn etwas zweifelhaft gemacht hatte.

»Sie sind sehr entschlossen,« sagte er. »Sie haben vermuthlich einen persönlichen Beweggrund, indem Sie die Sache verfolgen, in den mich zu mischen mir nicht zukommt. Falls Sie in Zukunft irgendwie bessere Aussichten haben, so kann ich Sie nur versichern, daß mein ganzer Beistand Ihnen von Herzen zu Diensten steht. Zu gleicher Zeit aber muß ich Sie warnen, daß, da die Geldfrage sich in alle Rechtsfragen mischt, ich wenig Hoffnung sehe, falls Lady Glyde wirklich schließlich ihre Identität beweisen sollte, daß sie ihr Vermögen zurück erhalten würde. Der Italiener würde wahrscheinlich, noch ehe die Sache eingeleitet wäre, England verlassen, und Sir Percivals Verlegenheiten sind zahlreich und dringend genug, um fast jede Summe in seinem Besitze von ihm selbst zu seinen Gläubigern zu übertragen.«

»Ich bitte, daß wir Lady Glyde's Vermögensangelegenheiten unberührt lassen,« sagte ich. »Ich weiß darüber nichts – außer daß ihr Vermögen verloren ist. Sie haben Recht, wenn Sie vermuthen, daß ich persönliche Beweggründe habe, die Sache zu verfolgen. Es ist mein Wunsch, daß dieselben stets so uneigennützig bleiben, wie sie es in diesem Augenblicke sind –«

Er versuchte mich zu unterbrechen und sich zu erklären. Ich war vielleicht durch das Gefühl, daß er an mir gezweifelt hatte, ein wenig erhitzt und fuhr, ohne auf ihn zu hören, etwas schroff fort:

»In die Dienste, welche ich Lady Glyde zu leisten beabsichtige, soll sich kein Gedanke an Geld oder persönlichen Vortheil mischen. Sie ist wie eine Fremde aus dem Hause gestoßen worden, in dem sie geboren – eine Lüge, die ihren Tod angibt, ist auf das Grab ihrer Mutter geschrieben – und es gehen zwei Männer lebend und ungestraft umher, die verantwortlich dafür sind. Jenes Haus soll sich ihr in Gegenwart Aller, die dem falschen Begräbnisse folgten, wieder öffnen und sie aufnehmen; jene Lüge soll auf Befehl des Hauptes der Familie öffentlich wieder von dem Grabsteine verwischt werden und jene beiden Männer sollen mir für ihr Verbrechen Rede stehen, wenn die Gerechtigkeit, welche zu Gerichte sitzt, machtlos ist, sie zu verfolgen. Ich habe diesem Zwecke mein Leben geweiht und allein wie ich dastehe will ich, so Gott mich am Leben läßt, es vollbringen.«

Er trat an seinen Tisch zurück und sagte nichts. Sein Gesicht drückte deutlich aus, daß er dachte, meine Sinnestäuschung habe meine Vernunft beeinträchtigt und daß er es für völlig nutzlos hielt, mir noch ferneren Rath zu ertheilen.

»Wir bleiben Beide bei unserer Meinung, Mr. Kyrle,« sagte ich »und müssen warten, bis die Ereignisse der Zukunft zwischen uns entscheiden. Inzwischen bin ich Ihnen sehr verbunden für die Aufmerksamkeit, welche Sie meinen Mittheilungen geschenkt haben. Sie haben mir gezeigt, daß gesetzliche Hilfe in jedem Sinne des Wortes außer unserem Bereiche liegt, wir sind nicht im Stande, den gesetzlichen Beweis beizubringen, und nicht reich genug, um die Gerichtskosten zu bestreiten. Es ist schon ein Gewinn, dies wenigstens zu wissen.«

Ich verbeugte mich und ging zur Thür. Er rief mich zurück und gab mir den Brief, den ich ihn zu Anfang unserer Unterredung hatte auf den Tisch legen sehen.

»Dies ist vor einigen Tagen mit der Post angekommen,« sagte er, »hätten Sie vielleicht die Güte, es abzugeben? Bitte, sagen Sie Miß Halcombe zugleich, daß ich aufrichtig bedaure, so weit nicht im Stande zu sein, ihr zu helfen – ausgenommen durch Rathschläge, die, wie ich fürchte, ihr ebenso unwillkommen sein würden wie Ihnen.

Ich betrachtete den Brief, während er sprach. Derselbe war an »Miß Halcombe, durch Güte der Herren Gilmore und Kyrle, Chancery Lane« adressirt. Die Handschrift war mir eine völlig unbekannte.

Indem ich das Zimmer verließ, that ich eine letzte Frage.

»Wissen Sie vielleicht durch Zufall, ob Sir Percival Glyde aus Paris zurückgekehrt ist?« frug ich.

»Er ist nach London zurückgekehrt,« entgegnete Mr. Kyrle. »wenigstens hörte ich dies von seinem Rechtsanwalte, dem ich gestern begegnete.«

Nach dieser Antwort ging ich hinaus.

Indem ich die Expedition verließ, war meine erste Vorsicht die, mich nicht durch Stillestehen und Zurückblicken ausfallend zu machen. Ich ging nach der Richtung eines der ruhigsten der großen Plätze nördlich von Halborn zu, stand dann plötzlich stille und schaute mich an einer Stelle um, wo eine lange Strecke des Trottoirs hinter mir lag.

An der Ecke des Platzes sah ich zwei Männer, welche ebenfalls stille standen und zusammen sprachen. Nach kurzer Ueberlegung ging ich zurück, um an ihnen vorbeizugehen. Als ich näher kam, ging der eine fort, um die Ecke, welche von dem Platze in die Straße führte. Der Andere blieb stehen. Ich sah ihn an, als ich an ihm vorbeiging und erkannte in ihm augenblicklich einen der Männer, welche mich vor meiner Abreise von England verfolgt hatten.

Wäre ich frei gewesen, um meinem eigenen Instinkte zu folgen, so hätte ich wahrscheinlich damit angefangen, daß ich den Mann angeredet und damit geendet, daß ich ihn zu Boden geschlagen. Aber ich war gezwungen, die Folgen zu berücksichtigen. Falls ich mich einmal öffentlich eines Fehlers schuldig machte, gab ich sofort die Waffen in Sir Percivals Hände. Es blieb mir keine andere Wahl, als der List durch List zu begegnen. Ich bog in die Straße ein, in welcher der zweite Mann meinen Blicken entschwunden, und sah ihn hier im Vorbeigehen in einem Thorwege warten. Er war mir fremd, und ich war froh über diese Gelegenheit, mir für den Fall künftiger Belästigung sein Aussehen einzuprägen. Hierauf richtete ich meine Schritte wieder nordwärts, bis ich New Road erreichte. Dort angelangt, wandte ich mich westlich (während die Männer mir immer folgten) und wartete an einer Stelle, von der ich wußte, daß sie ziemlich weit von einer Droschkenstation sei, bis ein leeres schnelles zweirädriges Cabriolet vorbeikommen würde. Es kam eins in wenigen Minuten. Ich sprang hinein und befahl dem Manne, schnell nach Hyde Park zu fahren. Es war kein zweites schnelles Cabriolet für die Spione hinter mir da. Ich sah sie nach der anderen Seite der Straße hinüberschießen, um mir laufend zu folgen bis zum nächsten Cabriolet oder bis wir an einer Droschkenstation vorbeikommen würden. Aber wir waren ihnen zu weit voraus und als ich ausstieg, waren sie nirgendwo zu sehen. Ich ging durch Hyde Park und versicherte mich auf der offenen Ebene, daß ich frei sei. Als ich endlich meine Schritte heimwärts wandte, war es viele Stunden später – als es bereits dunkel geworden.

Ich fand, daß Marianne mich allein in dem kleinen Wohnstübchen erwartete. Sie hatte Laura vermocht, sich zur Ruhe zu legen, indem sie ihr versprochen, mir, sobald ich nach Hause käme, ihre Zeichnung zu zeigen. Die arme, undeutliche kleine Skizze – an sich selbst so bedeutungslos und in ihren Associationen so rührend – war sorgfältig so aufgestellt, daß das eine Acht, welches wir uns gestatteten, sie möglichst vortheilhaft beleuchtete. Ich setzte mich, um die Zeichnung zu besehen und Mariannen flüsternd zu erzählen, was sich zugetragen hatte. Die Scheidewand, welche uns vom anstoßenden Zimmer trennte, war so dünn, daß wir Laura erweckt hätten, falls wir laut gesprochen.

Marianne behielt ihre Fassung, während ich ihr meine Unterredung mit Mr. Kyrle beschrieb. Aber ihr Gesicht nahm einen beunruhigten Ausdruck an, als ich ihr von den beiden Männern, die mir von der Expedition an gefolgt waren, und von Sir Percivals Heimkehr erzählte.

»Schlimme Nachrichten, Walter,« sagte sie, »die schlimmsten, die du uns bringen konntest. Hast du mir weiter nichts zu erzählen?«

»Ich habe dir etwas zu geben,« entgegnete ich, indem ich ihr den Brief einhändigte, welchen Mr. Kyrle mir anvertraut hatte.

Sie blickte auf die Adresse und erkannte die Handschrift augenblicklich.

»Du erkennst die Hand?« sagte ich.

»Nur zu gut,« antwortete sie. »Es ist Graf Fosco's Hand.«

Mit diesen Worten öffnete sie den Brief. Das Blut stieg ihr in die Wangen während sie las, und ihre Augen leuchteten vor Zorn, als sie mir den Brief zum Lesen hinreichte.

Derselbe enthielt Folgendes:

»Durch ehrenvolle Bewunderung getrieben, schreibe ich, herrliche Marianne, im Interesse Ihrer Ruhe, um Ihnen zwei tröstende Worte zu sagen:

»Fürchten Sie nichts!«

»Folgen Sie Ihrem natürlichen, feinen Verstande und bleiben Sie in der Verborgenheit. Theures und bewunderungswürdiges Weib, verlangen Sie nicht nach gefährlicher Oeffentlichkeit. Ergebung ist erhaben – seien Sie ergeben. Die bescheidene Ruhe häuslicher Zurückgezogenheit ist ewig erquickend – genießen Sie dieselbe.

»Thun Sie dies, so versichere ich Sie, Sie haben nichts zu fürchten. Keine neuen Trübsale sollen Ihre Gefühle verletzen – Gefühle, die mir so kostbar sind, wie meine eigenen. Sie sollen nicht belästigt, die schöne Gefährtin Ihrer Einsamkeit nicht verfolgt werden. Sie hat eine neue Zufluchtsstätte gefunden – in Ihrem Herzen. Ich beneide sie und lasse sie darin.

»Ein letztes Wort zärtlicher, väterlicher Warnung – und dann reiße ich mich los von dem Zauber, der für mich darin liegt, an Sie zu schreiben – dann schließe ich diese inbrünstigen Zeilen.

»Gehen Sie nicht weiter, als Sie bis jetzt gegangen sind; compromittiren Sie keine ernsten Interessen; drohen Sie Niemandem. Zwingen Sie mich nicht – ich flehe Sie an – zum Handeln, mich, den Mann der That – da es der innige Wunsch meines Ehrgeizes ist, dem weit umfassenden Bereiche meiner Thatkraft und meiner Verbindungen um ihretwillen Schranken zu setzen. Falls Sie tollkühne Freunde haben, so mäßigen Sie den beklagenswerthen Eifer derselben. Falls Mr. Hartright nach England zurückkehrt, so halten Sie keinen Verkehr mit ihm. Ich wandle meinen Weg und Percival folgt mir auf der Ferse nach. An dem Tage, wo Mr. Hartright diesen Pfad kreuzt, ist er ein verlorener Mann.«

Die Unterschrift zu diesen Zeilen beschränkte sich auf den Anfangsbuchstaben F., von einem Kreise künstlicher kleiner Schnörkel umgeben. Ich warf den Brief mit der ganzen Verachtung, die er mir einflößte, auf den Tisch.

»Er versucht dir Furcht zu machen,« sagte ich; »ein sicheres Zeichen, daß er selbst Furcht hat.«

Sie war ein zu echtes Weib, um den Brief so aufzunehmen, wie ich ihn aufnahm. Die impertinente Vertraulichkeit der Sprache war zu viel für ihre Fassung. Als sie über den Tisch hin mich anblickte, ballten sich ihre Hände krampfhaft auf ihrem Schooße.

»Walter!« sagte sie, »falls jemals jene beiden Männer in deiner Gewalt sind und du einen von ihnen zu schonen genöthigt sein solltest – laß dies nicht Graf Fosco sein. –«

»Ich will seinen Brief behalten, Marianne, um mich daran zu erinnern, wenn die Zeit kommt.«

Sie blickte mich aufmerksam an, als ich den Brief in mein Taschenbuch legte.

»Wenn die Zeit kommt?« wiederholte sie. »Kannst du von der Zukunft sprechen, als ob du ihrer gewiß wärest? – gewiß, nach dem, was du heute von Mr. Kyrle gehört, und nach dem, was dir heute begegnet ist?«

»Ich rechne nicht von heute an, Marianne. Alles, was ich heute gethan habe, war, einen anderen Mann zu ersuchen, für mich zu handeln. Ich rechne von morgen an – «

»Warum von morgen an?«

»Ich werde mit dem ersten Zug nach Blackwater Park reisen und, wie ich hoffe, Abends wieder zurückkehren.«

»Nach Blackwater!«

»Ja, ich habe, seit ich Mr. Kyrle verlassen, Zeit zur Ueberlegung gehabt. Seine Ansicht bestätigt in einem Punkte meine eigene. Wir müssen bis zuletzt dabei beharren, das Datum von Lauras Abreise auszuspüren. Der einzige schwache Punkt in dem Komplotte und wahrscheinlich die einzige Aussicht für den Beweis, daß sie am Leben ist, begegnen sich in der Entdeckung dieses Datums.«

»Du meinst«, sagte Marianne, »in der Entdeckung, daß Laura Blackwater Park erst nach dem Datum verließ, welches auf dem ärztlichen Certificate als ihr Sterbetag angegeben ist?«

»Ganz gewiß.«

»Was bewegt dich, zu glauben, daß es späterwar? Laura selbst kann uns ja nichts über den Zeitpunkt sagen, wann sie in London ankam.«

»Aber der Besitzer der Irrenanstalt sagte dir, daß sie dort am 27. Juli aufgenommen worden sei. Ich bezweifle, daß es dem Grafen möglich war, sie länger als eine Nacht in London zu behalten und über Alles, was um sie vorging, in Ungewißheit zu lassen. In diesem Falle muß sie am 26. Juli abgereist und einen Tag nach dem Datum, das in dem ärztlichen Certificate als ihr Sterbetag angegeben ist, in London eingetroffen sein. Falls wir dieses Datum sicherstellen können, haben wir unseren Fall gegen Sir Percival und den Grafen bewiesen.«

»Ja, ja – ich verstehe! Aber wie dieses Beweises habhaft werden?«

»Mrs. Michelson's Aussage hat mir zweierlei Art und Weisen angedeutet, seiner habhaft zu werden. Die eine ist, den Arzt, Mrs. Dawson, zu befragen, welcher wissen muß, wann er seine Besuche in Blackwater Park wieder aufnahm, nachdem Laura das Haus verlassen hatte. Die andere, Erkundigungen in dem Wirthshause anzustellen, wo Sir Percival in der Nacht allein einkehrte. Wir wissen, daß seine Abreise der Abreise Lauras nach Verlauf von wenigen Stunden folgte, und können vielleicht auf diese Weise hinter das Datum kommen. Jedenfalls ist es den Versuch werth und ich bin entschlossen, ihn morgen zu machen.«

»Und gesetzt, er mißlingt, Walter, gesetzt, es kann dir Niemand helfen in Blackwater?«

»Dann sind in London zwei Männer, die mir helfen können und mir helfen sollen: Sir Percival und der Graf. Unschuldige Leute mögen leicht das Datum vergessen – aber siesind schuldig und werden es wissen. Falls es mir überall sonst mißlingt, so will ich aus einem von ihnen oder aus beiden das Bekenntnis herausbringen, und zwar nach meinen eigenen Bedingungen.«

Das ganze Weib glühte in Mariannens Gesicht, als ich sprach.

»Mache den Anfang mit dem Grafen!« flüsterte sie eifrig. »O, Walter, mache den Anfang mit dem Grafen – um meinetwillen!«

»Wir müssen um Lauras willen den Anfang da machen, wo wir die meiste Aussicht auf Erfolg haben,« entgegnete ich. »Er wird ebenfalls an die Reihe kommen, aber bedenke, daß wir bis jetzt noch von keinem schwachen Punkte in seinem Leben wissen.« Ich schwieg einen Augenblick und sprach dann die entscheidenden Worte:

»Marianne! wir beide wissen, daß in Sir Percivals Leben es einen schwachen Punkt gibt –«

»Du meinst das Geheimnis!«

»Ja, das Geheimnis. Es ist die einzige Seite, bei der wir ihn sicher fassen können. Ich kann durch keine anderen Mittel ihn und seine Schurkerei an das Tageslicht ziehen, was auch der Graf gethan haben mag, Sir Percival hat noch aus einem anderen Beweggrund außer dem des Gewinnes in das Complot gewilligt. Hörtest du ihn nicht selbst zum Grafen sagen, er glaube, seine Frau wisse genug, um ihn zu ruiniren? und daß er ein verlorener Mann sei, falls Anna Catherick's Geheimnis bekannt würde?«

»Ja! ja! das hörte ich.«

»Nun, Marianne, wenn unsere anderen Hilfsmittel uns mißglückt sind, beabsichtigte ich, dies Geheimnis zu ermitteln. Mein alter Aberglaube klebt noch immer an mir. Ich wiederhole, daß die Frau in Weiß noch wie lebend Einfluß auf uns Drei hat. Anna Catherick, die todt in ihrem Grabe liegt, zeigt uns noch immer den Weg!

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