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Die Frau in Weiß ? Band II

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band II - Kapitel 4
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typefiction
authorWilkie Collins
titleDie Frau in Weiß ? Band II
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXIV. Band
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senderwww.gaga.net
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Miß Halcombe's Aussage.

Aus ihrem Tagebuche.

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Die Stellen, welche hier und anderswo in Miß Halcombe's Tagebuche ausgelassen worden, sind nur solche, die auf keine Weise Miß Fairlie oder irgend eine andere Person, mit denen sie in dieser Erzählung in Berührung kommt, betreffen.

Limmeridge House, 7. November.

Heute Morgen hat Mr. Gilmore uns verlassen. Seine Unterredung mit Laura hatte ihn offenbar mehr betrübt, als ihm zu bekennen lieb war. Ich fürchtete nach seinem Aussehen und Benehmen beim Abschied, daß sie ihm unachtsam erweise das wahre Geheimnis ihrer Niedergeschlagenheit verrathen habe. Dieser Zweifel wuchs in dem Grade in mir, daß ich es ausschlug, mit Sir Percival auszureiten und statt dessen zu Laura auf ihr Zimmer ging.

Nachdem ich entdeckt, wie wenig ich die Stärke von Lauras unglücklicher Neigung gekannt hatte, war ich in dieser schwierigen Sache sehr mißtrauisch gegen mich selbst geworden. Ich hätte wissen sollen, daß das Zartgefühl und die Selbstverleugnung, durch welche mir der arme Hartright so werth wurde, gerade die Eigenschaften waren, die den unwiderstehlichsten Eindruck auf Lauras fühlendes Gemüth und edle natürliche Großmuth machen mußten. Und doch ahnte ich nicht, daß dieses neue Gefühl so tief in ihrem Herzen Wurzel geschlagen habe, bis sie von selbst ihr Herz gegen mich öffnete. Ich glaubte erst, daß Zeit und Sorge es verwischen werde. Jetzt aber fürchte ich, daß es in ihr leben und sie auf immer verändern wird. Die Entdeckung, daß ich einen solchen Fehler in meinem Urtheile gemacht, machte mich in allem Anderen zaghaft. Ich bin angesichts der klarsten Beweise zaghaft in Bezug auf Sir Percival. Ich bin sogar zaghaft, mit Laura zu sprechen. Diesen Morgen noch war ich, als ich schon die Hand auf der Thürklinke hatte, zweifelhaft, ob ich die Fragen, die ich an sie zu richten gekommen war, thun solle oder nicht.

Als ich in ihr Zimmer trat, ging sie in großer Ungeduld auf und ab. Sie kam mir sogleich entgegen und sprach, ehe ich noch die Lippen öffnen konnte.

»Ich habe gewünscht, daß du kämest,« sagte sie, »Komm' und setze dich zu mir auf's Sopha. Marianne! ich kann dies nicht länger ertragen – ich muß und will es enden.«

Es war zu viel Farbe in ihren Wangen, zu viel Energie in ihrem Benehmen, zu viel Festigkeit in ihrer Stimme. Das kleine Heft mit Hartright's Zeichnungen, das unglückselige Heft, über dem sie träumt, wenn sie allein ist – war in ihrer Hand. Ich nahm es sanft von ihr und legte es auf einen Seitentisch.

»Sage mir ruhig, was du zu thun wünschest, mein Herz,« sagte ich. »Hat Mr. Gilmore dir Rath ertheilt?«

Sie schüttelte das Haupt. »Nein, nicht über das, woran ich setzt denke. Er war sehr freundlich und gut gegen mich, Marianne – und ich schäme mich, sagen zu müssen, daß ich ihn durch Thränen betrübte. Ich bin so hilflos; ich kann mich nicht beherrschen. Um meiner selbst willen und um unser Aller willen, muß ich Muth genug haben, es zu enden.«

Meinst du, Muth genug, um deine Freilassung zu fordern?« fragte ich.

»Nein,« sagte sie einfach, schlang ihre Arme um meinen Nacken und legte ihr Haupt ruhig auf meine Brust. An der gegenüberliegenden Wand hing das Miniaturgemälde ihres Vaters. Ich beugte mich über sie herab und sah, daß sie es anschaute.

»Ich kann niemals meine Freilassung fordern,« fuhr sie fort, »wie es auch immer enden mag, für mich muß es traurig enden. Alles, was ich thun kann, Marianne, ist, mein Elend nicht noch durch das Bewußtsein, mein Versprechen gebrochen und meines sterbenden Vaters letzte Worte vergessen zu haben, zu vergrößern.«

»Was beabsichtigst du da zu thun?« fragte ich.

»Sir Percival mit meinen eigenen Lippen von der Wahrheit zu unterrichten,« entgegnete sie, »und mich freigeben lassen, wenn er will, – nicht, weil ich ihn darum bitte, sondern weil er Alles weiß.«

»Was willst du mit ›Alles‹ sagen, Laura? Sir Percival wird genug wissen, wenn er weiß, daß die Verbindung gegen deine wünsche ist.«

»Kann ich ihm das sagen, wenn mein Vater sie mit meiner Zustimmung einging? Ich hätte mein Versprechen gehalten, nicht sehr froh, wie ich fürchte, aber doch zufrieden« – sie schwieg, wandte ihr Gesicht mir zu und legte ihre Wange wieder fest an die meinige, »ich hätte mein Versprechen gehalten, Marianne, wenn in meinem Herzen nicht eine anders Liebe aufgewachsen wäre, die nicht da war, als ich versprach, Sir Percival zu heiraten.«

»Laura! Du wirst dich doch nicht erniedrigen, ihm ein Bekenntnis zu machen?«

»Ich würde mich in der That erniedrigen, wenn ich meine Freiheit von ihm erhielte, indem ich ihm das vorenthalte, was er ein Recht zu wissen hat. lieber soll Sir Percival meine Beweggründe bezweifeln und mein Betragen mißdeuten, wenn er will, als daß ich erst in Gedanken falsch gegen ihn wäre und dann kleinlich genug, meinen eigenen Interessen zu dienen, indem ich meine Falschheit versteckte.«

Zum ersten Male in unserem Leben hatten wir die Rollen gewechselt; alle Entschlossenheit war auf ihrer Seite, alle Zaghaftigkeit auf der meinigen. Ich sah das reine, unschuldige Herz in den zärtlichen Augen die in die meinigen blickten – und die armseligen, weltlichen Einwürfe, die zu meinen Lippen stiegen, erstarben in ihrer eigenen Nichtigkeit. Ich senkte schweigend den Kopf.

»Sei mir nicht böse, Marianne,« sagte sie, mein Schweigen mißdeutend.

Ich konnte nur antworten, indem ich sie fester an mich drückte. Ich fürchtete zu weinen, wenn ich spräche. Meine Thränen fließen nicht so leicht, wie sie wohl sollten, sie kommen fast wie Männerthränen, mit einem Schluchzen, das mir die Brust zu zerreißen scheint und Alle, die um mich sind, erschreckt.

»Ich habe schon seit mehreren Tagen daran gedacht, Liebe,« fuhr sie fort, während sie mein Haar mit jener kindischen Unruhe um ihre Finger wand, welche die gute Mrs. Vesey noch immer so geduldige und so vergebens Versuche machte, ihr abzugewöhnen – »ich habe sehr ernstlich daran gedacht, und ich kann mich auf meinen Muth verlassen, wenn mein Gewissen mir sagt, daß ich recht thue. Laß mich morgen zu ihm sprechen, in deiner Gegenwart, Marianne. Es wird mir das Herz sehr erleichtern, dieser erbärmlichen Verheimlichung ein Ende zu machen! Laß mich nur wissen und fühlen, daß ich keinen Betrug zu verantworten habe; und dann, wenn er gehört, was ich zu sagen habe, laß ihn in Bezug auf mich thun, was er will.« Sie seufzte und legte ihren Kopf wieder an seine alte Stelle an meiner Brust. In meinem Herzen erhoben sich trübe Ahnungen über das Ende von dem Allem; aber, da ich mir noch immer mißtraute, sagte ich ihr, ich wollte thun, was sie wünsche. Sie dankte mir, und wir sprachen dann allmälig von anderen Dingen.

Sie kam heute zu Tische hinunter und war unbefangener gegen Sir Percival, als ich sie noch gesehen habe. Nach Tische setzte sie sich an's Clavier, wählte aber von der neuen künstlichen, unmelodischen, brillanten Musik. Die lieblichen alten Melodien, die der arme Hartright so gerne hörte, hat sie, seitdem er fort ist, noch nicht wieder gespielt.

Ich hatte keine Gelegenheit zu erfahren, ob ihre mir morgens mitgetheilte Absicht unverändert sei, bis sie Sir Percival gute Nacht wünschte; da aber gab sie es ausdrücklich kund. Sie sagte sehr gefaßt, daß sie nach dem Frühstück mit ihm zu sprechen wünsche und er sie dann mit mir in ihrem Wohnzimmer finden werde. Er wechselte die Farbe bei diesen Worten, und als ich an die Reihe kam, ihm gute Nacht zu wünschen, fühlte ich seine Hand leicht erzittern. Der folgende Morgen sollte über seine Zukunft entscheiden, und dies war ihm offenbar nicht unbekannt.

Ich ging, wie gewöhnlich, durch die Thür, welche unsere beiden Schlafzimmer trennte, hinein, um Laura, ehe sie einschliefe, gute Nacht zu wünschen. Als ich mich auf sie herabbeugte, um sie zu küssen, sah ich Hartright's kleines Zeichenbuch halb unter dem Kissen verborgen, gerade an der Stelle, wo sie als Kind ihr liebstes Spielzeug zu verstecken pflegte. Ich deutete auf das Heft und schüttelte den Kopf. Sie schlang beide Hände um meinen Nacken und zog mein Gesicht zu sich herab, bis unsere Lippen sich begegneten.

»Laß es diese Nacht noch da,« flüsterte sie; »morgen mag ein grausamer Tag sein und mich zwingen, ihm auf immer Lebewohl zu sagen.«

Den 8. November. – Das erste Ereignis des Morgens war nicht von einer Beschaffenheit, mich froh zu stimmen; es kam ein Brief für mich von dem armen Walter Hartright. Es ist die Antwort auf den meinigen, in welchem ich ihm schrieb, auf welche Weise Sir Percival Glyde den Argwohn beseitigte, den Anna Catherick's Brief auf ihn geworfen. Er schreibt kurz und bitter über Sir Percival's Erklärungen, indem er bloß sagt, daß er nicht das Recht habe, eine Meinung über diejenigen abzugeben, welche höher stehen als er. Dies ist traurig. Aber seine gelegentlichen Bemerkungen über sich selbst betrüben mich noch mehr. Er sagt, daß die Anstrengung, seine alten Gewohnheiten und Beschäftigungen wieder aufzunehmen, ihm täglich schwerer wird, und bittet mich dringend, falls ich irgendwie Einfluß habe, denselben dazu zu verwenden, daß ich ihm eine Anstellung verschaffe, die es nothwendig für ihn mache, England zu verlassen und unter ganz neuen Verhältnissen und Leuten zu leben. Ich werde diese Bitte umso bereitwilliger erfüllen, als mich eine Stelle am Schlusse seines Briefes fast beunruhigt hat.

Nachdem er gesagt, daß er von Anna Catherick weder etwas gehört noch gesehen hat, bricht er plötzlich ab und spielt auf die geheimnisvollste Weise darauf an, daß, seit er nach London zurückgekehrt ist, fremde Männer ihn fortwährend verfolgen und ihm aufpassen. Er bekennt, daß er für diesen sonderbaren Verdacht keine Beweise beibringen kann, indem er bestimmte Personen bezeichnet; aber er erklärt, daß der Verdacht selbst ihn Tag und Nacht begleitet. Dies hat mich erschreckt, weil es fast aussieht, als ob seine fixe Idee in Bezug auf Laura seine Geisteskräfte wanken machte. Ich will sogleich nach London an einige von den einflußreichen ehemaligen Bekannten meiner Mutter schreiben und ihre Aufmerksamkeit für sein Ersuchen in Anspruch nehmen. Abwesenheit und neue Beschäftigung kann in dieser Krisis seines Lebens wirklich seine Rettung sein.

Zu meiner großen Erleichterung ließ Sir Percival sich beim Frühstück entschuldigen. Er war auf seinem Zimmer noch mit Briefen beschäftigt. Um elf Uhr, falls diese Stunde uns bequem sei, werde er die Ehre haben, seine Aufwartung Zu machen.

Meine Augen ruhten auf Lauras Gesicht, während diese Botschaft abgegeben wurde.

»Sorge du nicht um mich, Marianne,« war Alles, was sie sagte; »ich mag mich wohl einem alten Freunde, wie Mr. Gilmore, oder einer lieben Schwester, wie du, gegenüber vergessen, aber Sir Percival Glyde gegenüber soll dies nicht geschehen.«

Ich sah und hörte sie mit schweigendem Erstaunen an. während der langen Jahre unseres vertrauten Umganges war diese duldende Kraft ihres Charakters unentdeckt geblieben, bis die Liebe sie fand – und das Leiden sie zur Thätigkeit rief.

Als die Wanduhr auf dem Kaminsims elf schlug, klopfte Sir Percival an die Thür und trat herein. Unterdrückte Besorgnis und Aufregung drückte sich in allen seinen Zügen aus. Der trockene, schneidende Husten, der ihn gewöhnlich belästigt, schien ihn mehr denn je zu quälen. Er nahm uns gegenüber am Tische Platz, und Laura blieb neben mir sitzen.

Er sagte ein paar unwesentliche Worte, in dem sichtbaren Bestreben, seine gewohnte Unbefangenheit zu bewahren. Aber seine Stimme war unsicher, er mußte dies selbst fühlen, denn er hielt mitten in einem Satze inne und gab den versuch, seine Verwirrung zu verbergen, auf.

Es trat ein einziger Augenblick der Todtenstille ein, den Laura endete.

»Ich wünsche über einen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, Sir Percival, der für uns Beide von der größten Wichtigkeit ist. Meine Schwester ist anwesend, weil ihre Gegenwart mir Muth macht. Aber übrigens hat sie mir mit keinem Worte in dem, was ich Ihnen zu sagen habe, Rath ertheilt: ich spreche meine eigenen Gedanken aus, nicht die ihrigen.«

Sir Percival verbeugte sich. Sie hatte mit vollkommener äußerer Ruhe und Fassung gesprochen.

»Ich höre von Marianne,« fuhr sie fort, »daß ich nur meine Freiheit von Ihnen fordern darf, um sie zu erlangen. Es ist nicht mehr als gerecht gegen Sie, Ihnen meine Dankbarkeit für das Anerbieten auszudrücken; und ich glaube, daß es nicht mehr als gerecht gegen mich ist, zu sagen, daß ich dasselbe nicht annehme.«

Sein gespannt aufmerksames Gesicht nahm einen Ausdruck der Erleichterung an, und er schien freier zu athmen. Aber ich sah, wie er leise und unaufhörlich mit einem Fuße auf den Teppich klopfte, und ich fühlte, daß er im Geheimen noch immer von derselben Besorgnis erfüllt war.

»Ich habe nicht vergessen, daß Sie sich der Erlaubnis meines Vaters versicherten, ehe Sie mich mit Ihrem Antrage beehrten, vielleicht haben auch Sie nicht vergessen, was ich sagte, indem ich meine Einwilligung gab? Ich wagte, Ihnen zu sagen, daß hauptsächlich meines Vaters Einfluß und Rath mich bestimmt hatten, Ihnen mein versprechen zu geben. Ich glaube noch in diesem Augenblicke so fest, wie je vorher, daß er wußte, was am besten für mich sei, und daß seine Hoffnungen und wünsche auch die meinigen sein sollten.«

Ihre Stimme bebte zum ersten Male, ihre unruhigen Finger stahlen sich in meinen Schooß und klammerten sich in eine meiner Hände. Es trat eine augenblickliche Pause ein, und dann sprach Sir Percival.

»Darf ich fragen,« sagte er, »ob ich mich jemals des Vertrauens unwürdig bewiesen, dessen Besitz ich mir bisher zur größten Ehre und zum größten Glücke angerechnet habe?«

»Ich habe in Ihrem Betragen nichts entdeckt, das ich tadeln könnte,« entgegnete sie. »Sie sind immer mir mit gleichem Zartgefühl begegnet. Sie haben meines Vaters Vertrauen, aus welchem das meinige entstand, verdient. Sie haben mir keine Ursache gegeben, selbst wenn ich einer solchen bedurfte, um meine Freilassung fordern zu dürfen, was ich bis jetzt gesagt, habe ich in dem Wunsche gesprochen, meine ganze Verpflichtung Ihnen gegenüber anzuerkennen. Meine Achtung für diese Verpflichtung verbietet mir, von unserem jetzigen Verhältnisse zu einander zurückzutreten. Die Auflösung desselben muß einzig und allein Ihr Wunsch, Ihr Thun sein, Sir Percival – nicht das meinige.«

Sein Fuß hielt plötzlich mit dem unruhigen Klopfen inne, und er lehnte sich begierig über den Tisch hinüber.

»Mein Thun?« sagte er. »welchen Grund könnte ich möglicherweise haben, um mich zurückzuziehen?«

Ich hörte ihren Athem schneller gehen. Ungeachtet dessen, was sie zu mir gesagt hatte, als wir allein waren, begann ich für sie zu fürchten. Aber ich hatte unrecht.

»Einen Grund, Sir Percival, den Ihnen zu sagen mir sehr schwer fällt,« entgegnete sie. Es hat eine Veränderung in mir stattgefunden, eine Veränderung, die von hinreichender Bedeutung ist, um Sie sich selbst und mir gegenüber zu rechtfertigen, indem Sie das bestehende Verhältnis auflösen.«

Er erbleichte wieder bis zu den Lippen.

»Was für eine Veränderung?« fragte er.

Sie beugte sich etwas herüber, so daß ihre Schulter an der meinigen ruhte. Ich fühlte, wie sie zitterte, und suchte sie zu schonen, indem ich selbst das Wort nähme. Sie verhinderte mich aber durch einen warnenden Druck der Hand und wandte sich dann wieder zu Sir Percival; doch diesmal ohne ihn anzusehen.

»Ich glaube,« sagte sie, »daß die tiefste und wahrste Zuneigung diejenige ist, welche eine Frau für einen Mann hegen sollte. Als ich mich Ihnen versprach, hatte ich eine solche Zuneigung zu vergeben, wenn ich es konnte, und sie blieb Ihnen zu gewinnen, falls es Ihnen gelingen sollte, wollen Sie mir vergeben und Nachsicht mit mir haben, Sir Percival, wenn ich Ihnen sage, daß dies nicht länger der Fall ist?«

Er sprach kein Wort. Die Finger der Hand, welche seinen Kopf stützte, faßten tief in sein Haar, aber es war kein Zittern bemerkbar an ihnen. Es war da nichts, durchaus gar nichts, das uns das Geheimnis seiner Gedanken in diesem Augenblicke hätte verrathen können – in diesem Augenblicke, welcher die Krisis seines Gebens und des ihrigen bildete. Ich war entschlossen, ihn um Lauras willen zu einer Erklärung Zu zwingen.

»Sir Percival!« rief ich mit Strenge, »haben Sie gar nichts zu sagen, wenn meine Schwester so viel gesagt hat? Mehr, meiner Ansicht nach, als irgend ein Mann in Ihrer Lage das Recht hat, von ihr zu hören.«

»Verzeihen Sie, Miß Halcombe,« sagte er, »wenn ich Sie daran erinnere, daß ich ein solches Recht nicht beansprucht habe.«

Die paar einfachen Worte, die ihn auf den Gegenstand zurückgeführt hätten, von dem er abgewichen, waren gerade auf meiner Zunge, als Laura mich am Sprechen verhinderte, indem sie selbst das Wort ergriff.

»Ich hoffe, daß ich mein peinliches Bekenntnis nicht vergebens gemacht habe,« sagte sie. »Ich hoffe, daß es mir Ihr volles vertrauen für das erworben, was ich noch zu sagen habe?«

»Ich bitte Sie, dessen versichert zu sein.«

Er sprach diese kurze Antwort mit Wärme. Sein Gesicht drückte die gespannteste Erwartung auf ihre nächsten Worte aus.

»Ich hoffe, Sie verstehen, daß ich nicht aus irgend einem selbstsüchtigen Beweggründe gesprochen habe,« sagte sie. »Falls Sie mich nach dem, was Sie soeben gehört haben, verlassen, Sir Percival, so wird das nicht meine Vermählung mit irgend einem anderen Manne zur Folge haben. – Meine Schuld gegen Sie hat ihren Anfang und ihr Ende in meinen Gedanken gefunden. Sie kann niemals weiter gehen. Es ist kein Wort« – sie zögerte, zweifelhaft über den Ausdruck, den sie gebrauchen sollte, in einer kurzen Verwirrung, die etwas unaussprechlich Trauriges und Schmerzliches hatte. »Es ist kein Wort von mir und demjenigen, dessen ich setzt zum ersten und letzten Male in Ihrer Gegenwart erwähne, über unsere gegenseitigen Gefühle gewechselt worden, noch ist es wahrscheinlich, daß wir einander je im Leben wieder begegnen werden. Ich bitte Sie ernstlich, mir auf mein Wort in dem zu glauben, was ich Ihnen gesagt habe. Es ist die Wahrheit, Sir Percival, zu der ich meinen versprochenen Gemahl berechtigt halte, welche Opfer meiner Gefühle dies auch bedingen möge. Ich baue auf seine Großmuth, die mir vergeben, und auf seine Ehre, die mein Geheimnis bewahren wird.«

»Das Vertrauen soll mir in beiden Beziehungen heilig sein,« sagte er.

Dann schwieg er und sah sie an, als ob er erwarte, mehr zu hören.

»Ich habe Alles gesagt, was ich zu sagen wünschte,« fügte sie ruhig hinzu – »ich habe mehr denn genug gesagt, um Sie zu rechtfertigen, indem Sie von dem Verlöbnisse zurücktreten.«

»Sie haben mehr denn genug gesagt«, entgegnete er, »um es zum höchsten Ziele meiner Wünsche zu machen, dasselbe vollzogen zu sehen.« Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Sitze und that ein paar Schritte nach der Stelle zu, an der sie saß.

Sie zuckte heftig zusammen und ein schwacher Schrei des Erstaunens entfuhr ihren Lippen. Mit jedem Worte, das sie gesprochen, hatte sie unschuldigerweise ihre Reinheit und Wahrhaftigkeit einem Manne verrathen, der vollkommen den unschätzbaren Werth eines reinen, wahren Weibes verstand. Ihr edles Benehmen war der verborgene Feind all der Hoffnungen gewesen, welche sie darauf gebaut hatte. Ich hatte dies von Anfang an befürchtet.

»Sie haben es mir überlassen, Sie aufzugeben, Miß Fairlie,« fuhr er fort. »Ich bin nicht herzlos genug, um einem Weibe zu entsagen, in der ich soeben die Edelste ihres Geschlechtes erkannt habe.«

Er sprach mit solch leidenschaftlicher Begeisterung und dennoch so vollkommenem Zartgefühle, daß sie leicht erröthete und ihn mit plötzlicher Lebhaftigkeit ansah.

»Nein!« sagte sie fest. »Die Beklagenswertheste ihres Geschlechtes, wenn sie sich selbst geben muß, wo sie nicht ihr Herz geben kann.«

»Ist es nicht möglich, daß sie es noch in Zukunft gibt,« fragte er, »wenn ihres Mannes ganzes Streben dahin geht, es zu verdienen?«

»Niemals!« entgegnete sie. »wenn Sie darauf bestehen, unser Verlöbnis anzuerkennen, Sir Percival, so mag ich Ihr treues und ergebenes Weib werden – aber Ihr liebendes Weib – falls ich mein eigen Herz kenne – nie!«

Sie sah so unwiderstehlich schön aus, als sie diese muthigen Worte sprach, daß kein Mann von der Welt sein Herz hätte gegen sie stählen können.

»Ich nehme Ihr Vertrauen und Ihre Treue dankbar an,« sagte er. »Das Geringste, was Sie mir zu bieten haben, ist mehr für mich, als das Aeußerste, das ich von irgend einem Weibe der Welt erwarten dürfte.«

Ihre linke Hand hielt noch immer die meinige umschlossen, aber ihre Rechte hing achtlos an ihrer Seite herab. Er führte sie sanft an seine Lippen, verbeugte sich gegen mich und verließ dann schweigend das Zimmer.

Sie rührte sich nicht, nachdem er das Zimmer verlassen – sie saß neben mir, kalt und still, die Augen auf den Boden geheftet. Ich sah, daß es hoffnungslos und nutzlos sein werde, zu sprechen, und schlang daher nur meinen Arm um sie, um sie fester an mich zu drücken. Sie zog sich plötzlich von mir zurück und stand auf.

»Ich muß mich drein ergeben, Marianne, so gut ich kann,« sagte sie. »Mein neues Leben hat seine schweren Pflichten, und eine derselben beginnt heute.«

Während sie sprach, trat sie an den kleinen Tisch am Fenster, auf dem ihre Zeichenmaterialien lagen, sammelte sie sorgsam und legte sie in eine Schublade ihres Schränkchens. Sie verschloß es und brachte nur den Schlüssel.

»Ich muß von Allem scheiden, daß mich an ihn erinnert,« sagte sie. »verwahre den Schlüssel, wo du willst, ich werde ihn nie wieder gebrauchen.«

Ehe ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sie sich zu ihrem Bücherschranke gewandt und das Album herausgenommen, welches Walter Hartright's Zeichnungen enthielt. Sie stand einen Augenblick und hielt das kleine Heft liebend in beiden Händen, dann erhob sie es und küßte es.

»Es ist das letzte Mal, Marianne,« sagte sie, »ich nehme ja auf immer Abschied davon.«

Sie legte das Buch auf den Tisch und nahm den Kamm heraus, der ihr Haar festhielt, welches dann in seiner unvergleichlichen Pracht über ihre Schultern und bis weit unter ihre Taille um sie her wallte. Sie trennte eine lange, dünne Locke von den übrigen, schnitt sie ab und befestigte sie sorgfältig auf dem ersten leeren Blatte des Albums. Dann schloß sie eilig das Heft und legte es in meine Hände.

»Du schreibst an ihn und er an dich,« sagte sie. »Solange ich lebe, sage ihm nie, daß ich unglücklich bin. Betrübe ihn nicht, Marianne – wenn du mich lieb hast, betrübe ihn nicht, wenn ich sterbe, so versprich mir, daß du ihm dies kleine Buch mit seinen Zeichnungen und meinem Haare geben willst. Und, o Marianne, sage ihm dann für mich, was ich selbst ihm niemals sagen kann – sage, daß ich ihn liebte!«

Sie schlang ihren Arm um meinen Nacken und flüsterte mir diese letzten Worte mit einer leidenschaftlichen Wonne in's Ohr, die zu hören mir fast das Herz gebrochen hatte. All der lange Zwang, den sie sich auferlegt hatte, wich unter diesem ersten und letzten Ausbruche der Liebe. Sie riß sich mit krampfhafter Heftigkeit von mir los und warf sich in einem Anfalle von Weinen und Schluchzen, der ihren ganzen Körper erschütterte, auf's Sopha.

Ich suchte vergebens, sie zu beruhigen. Als der Anfall vorüber war, war sie zu erschöpft, um zu sprechen. Gegen Nachmittag schlummerte sie ein, und ich legte das Album fort, damit sie es nicht mehr sehen möge, wenn sie erwachte.

Mein Gesicht war ruhig, wie immer mein Herz sein mochte, als sie die Augen wieder öffnete und mich anschaute, wir sprachen nicht weiter von der betrübenden Unterredung von heute Morgen.

Den 9. November. – Sir Percival sprach diesen Nachmittag voll Gefühl und ohne Rückhalt mit mir über das, was sich in Lauras Zimmer zugetragen. Er versicherte mich, daß das beispiellose Vertrauen, welches sie in ihn gesetzt, eine so entsprechende Ueberzeugung von ihrer Unschuld und Reinheit in seinem Herzen erweckt, daß er sich keinen Augenblick einer unwürdigen Eifersucht schuldig gemacht habe. So sehr er auch die unglückliche Neigung beklagen müsse, welche dem Fortschritte Einhalt gethan, den er anders vielleicht in ihrer Achtung hatte machen können, ebenso fest sei er auch wieder überzeugt, daß dieselbe in der Vergangenheit uneingestanden geblieben und unter allen Verhältniswechseln, die möglicherweise zu erwarten ständen, auch für die Zukunft uneingestanden bleiben werde. Dies sei seine feste Ueberzeugung, und der größte Beweis, den er davon geben könne, liege in der Versicherung, welche er hiemit ausspreche, daß er weder in Bezug auf den Zeitpunkt des Entstehens dieser Neigung noch in Bezug auf den Gegenstand derselben irgendwie Neugierde fühle.

Er wartete, nachdem er dies gesagt, und sah mich an. Ich war mir eines unwürdigen Verdachtes, daß er wohl gar darauf speculire, daß ich aus eigenem Antriebe gerade jene Fragen beantworten werde, über die er sich den Anschein so vollkommener Gleichgiltigkeit gegeben, so bewußt – daß ich aller ferneren Erwähnung dieses Gegenstandes mit Verwirrung auswich. Zugleich aber war ich entschlossen, jede Gelegenheit zu einem Versuche zu benutzen, Lauras Sache zu führen; und ich gestand ihm geradezu, daß ich bedauere, daß seine Großmuth ihn nicht noch einen Schritt weiter geführt und bewogen habe, ganz von dem Verlöbnisse zurückzutreten.

Aber auch hier entwaffnete er mich dadurch, daß er sich nicht zu vertheidigen suchte. Miß Fairlie's Betragen am gestrigen Tage habe die unveränderliche Liebe und Bewunderung, die er seit zwei langen Jahren für sie gehegt, so befestigt, daß ein thätiger Kampf von seiner Seite gegen diese Gefühle hinfort nicht mehr in seiner Macht sei. Ich möge ihn für schwach, selbstsüchtig und gefühllos gegen gerade dasjenige Weib halten, das er anbete, doch bitte er mich zu erwägen, ob die Zukunft eines unverheirateten Weibes, das unter einer unglücklichen Neigung hinsiechte, eine frohere Aussicht biete, als die einer Frau, deren Mann schon den Boden, den ihre Füße betreten, anbetete. In letzterem Falle sei noch etwas von der Zeit zu hoffen, im ersteren, wie sie selbst gesagt, gab es gar keine mehr für sie.

Es war nur zu klar, daß Lauras Verfahren von gestern ihm einen Vortheil offen gelassen, falls er ihn benutzen wollte und daß er ihn in der That benutzte. Die einzige Hoffnung, die mir noch bleibt, ist die, daß seine Beweggründe wirklich, wie er es betheuert, aus der unwiderstehlichen Stärke seiner Zuneigung zu Laura entspringen.

Ehe ich mein Tagebuch für heute Abend schließe, muß ich berichten, daß ich heute in des armen Hartright's Interesse an zwei alte Bekannte meiner Mutter in London schrieb, Beide Männer in hoher Stellung und denen viel Einfluß zu Gebote steht, wenn sie irgend etwas für ihn thun können, so bin ich überzeugt, daß sie mir's nicht verweigern werden. Laura ausgenommen, war ich nie so besorgt, um irgend Jemanden, als ich es jetzt um Walter bin. Alles, was sich zugetragen, seitdem er uns verlassen, hat meine große Achtung und Theilnahme für ihn nur noch vergrößert.

Den 10. November. – Sir Percival hatte eine Unterredung mit Mr. Fairlie, und ich wurde dazu geladen.

Ich fand Mr. Fairlie's Gemüth außerordentlich erleichtert durch die Aussicht, daß das »Familienärgernis« (wie er die Vermählung seiner Nichte zu benennen beliebt) endlich beigelegt werden soll. Bis dahin fühlte ich mich nicht berufen, ihm irgend etwas von meiner Ansicht zu sagen; als er aber auf seine allerwiderwärtigste, schmachtende Manier zunächst uns vorschlug, setzt auch, Sir Percivals Wünschen gemäß, den Zeitpunkt der Heirat zu bestimmen, verschaffte ich mir den Genuß, Mr. Fairlie's Nerven mit einem so kräftigen Proteste, daß man Laura nimmer drängen dürfe, zu bestürmen, wie ich ihn nur durch Worte ausdrücken konnte. Sir Percival versicherte mich augenblicklich, daß er die Richtigkeit meines Einwurfes fühle, Mr. Fairlie lehnte sich in seinen Sessel zurück, schloß seine Augen und wiederholte seinen Vorschlag dann so trocken, als ob weder Sir Percival noch ich ein Wort dagegen gesagt hätten. Die Sache endete damit, daß ich es platterdings ausschlug, der Sache gegen Laura zu erwähnen, falls sie nicht von selbst davon anfinge; und nach dieser Erklärung verließ ich sofort das Zimmer. Sir Percival sah ernstlich verlegen und betrübt aus. Mr. Fairlie streckte seine trägen Beine auf seinem Sammetschemel aus und sagte: »Diese liebe Marianne! wie sehr ich dich um dein derbes Nervensystem beneide: Bitte, schlage die Thür nicht zu!«

Ich erzählte Laura Alles, was sich zugetragen, ohne den Versuch zu machen, ihr meinen Verdruß darüber zu verbergen. Ihre Antwort erstaunte und betrübte mit unaussprechlich; es war die allerletzte Entgegnung, die ich von ihr erwartet hätte.

»Mein Onkel hat recht,« sagte sie, »ich habe dir und meiner ganzen Umgebung bereits Kummer und Sorge genug verursacht. Laß mich nicht noch mehr verursachen, Marianne –laß Sir Percival entscheiden.«

»Ich bin mit meinem alten Leben fertig. Der schlimme Tag ist nicht weniger sicher in Aussicht für mich, weil ich ihn aufschiebe. Ich habe euch Allen Betrübnis und Sorge genug verursacht und will euch nicht noch mehr Betrübnis und Sorge machen.«

Sie pflegte die Fügsamkeit selbst zu sein und war jetzt so unbeugsam in ihrer Ergebung – ich möchte fast sagen in ihrer Verzweiflung. So innig ich sie liebe, hätte es mich doch weniger geschmerzt, wenn ich sie heftig bewegt gesehen; diese Kälte und Fühllosigkeit war ihrem natürlichen Charakter so entsetzlich zuwider.

Den 11. November. – Sir Percival that beim Frühstück einige Fragen über Laura an mich, die mir nichts weiter übrig ließen, als ihm mitzutheilen, was sie gesagt hatte.

während wir sprachen, kam sie selbst herunter. Nach dem Frühstück hatte er Gelegenheit, ein paar Worte allein in einer Fensternische mit ihr zu sprechen. Sir Percival sagte mir, er habe sie inständig gebeten, ihm die Gunst zu erweisen, von ihrem Privilegium Gebrauch zu machen, indem sie den Zeitpunkt für ihre Vermählung nach eigenem Gefallen bestimme. In Erwiderung habe sie bloß ihre Erkenntlichkeit ausgesprochen und ihn ersucht, seine wünsche Miß Halcombe mitzutheilen.

Ich bin außer mir. Bei dieser Gelegenheit, wie bei jeder anderen, hat Sir Percival, ungeachtet alles dessen, was ich sagen oder thun kann, seinen Zweck auf die ehrenvollste Weise erreicht. Seine Wünsche sind dieselben jetzt, die sie waren, als er ankam. Es ist erst drei Uhr Nachmittags, während ich diese Zeilen schreibe, und schon hat uns Sir Percival in der frohen Eile eines Bräutigams verlassen, um sein Haus in Hampshire zu dem Empfange seiner jungen Frau vorzubereiten, wenn sich nicht irgend etwas ganz Außerordentliches ereignet, um es zu verhindern, so wird ihre Vermählung genau zu der Zeit stattfinden, wo er es wünschte – vor Ablauf des Jahres. Meine Finger brennen, indem ich es schreibe!

Den 12. November. – Eine schlaflose Nacht, aus Unruhe um Laura. Gegen Morgen kam ich zu dem Entschlusse, zu versuchen, ob nicht eine Veränderung der Umgebung günstig auf sie wirken werde. Nach einiger Ueberlegung entschied ich mich, an die Arnold's in Yorkshire zu schreiben. Sie sind einfache, liebevolle, gastfreundliche Leute, und sie hat sie seit ihrer Kindheit gekannt. Als ich den Brief in die Posttasche gesteckt, sagte ich ihr, was ich gethan habe; sie sagte bloß: »Mit dir, Marianne, will ich gehen, wohin du willst. Du wirst gewiß recht haben. Ich denke wohl, daß die Abwechselung gut für mich sein wird.«

Den 15. November. – Ich habe an Mr. Gilmore geschrieben und ihn benachrichtigt, daß wirklich Aussicht darauf vorhanden, diese elende Heirat vor sich gehen zu sehen, und erwähnte zugleich meiner Absicht, zu versuchen, was eine kleine Abwechselung für Laura zu thun im Stande sei.

Den 13. November. – Drei Briefe für mich. Der erste von den Arnold's voller Freude über die Aussicht, Laura und mich bei sich zu sehen. Der zweite von einem der Herren, an die ich in Walter Hartright's Interesse schrieb und der mich benachrichtigt, daß er das Glück gehabt, eine Gelegenheit zu finden, mein Anliegen zu erfüllen. Der dritte von Walter selbst; er dankt nur, der arme Junge, in den wärmsten Ausdrücken dafür, daß ich ihm Gelegenheit verschafft, seine Heimat, sein Vaterland und alle seine Lieben zu verlassen. Es scheint, daß eine Privatexpedition von Liverpool absegeln soll, um in den verfallenen Städten von Centralamerika Nachgrabungen zu veranstalten. Der Zeichner, der bereits angestellt war, um sie zu begleiten, hat im letzten Augenblicks den Muth verloren und sich zurückgezogen und Walter soll an seiner Stelle eintreten. Er ist, von dem Zeitpunkte an, wo sie in Honduras landen, auf sechs Monate fest angestellt und dann, falls die Nachgrabungen erfolgreich und die Mittel ausreichend sind, noch auf ein Jahr. Sein Brief schließt mit dem versprechen, mir vom Schiffe aus eine Abschiedszeile zu schreiben. Ich kann nur hoffen und beten, daß er und ich in dieser Sache gehandelt haben, wie es am besten war. Es scheint ein so ernster Schritt für ihn zu sein, daß der bloße Gedanke daran mich schon erschreckt. Und doch, wie kann ich erwarten oder wünschen, daß er, in seiner unglücklichen Lage, zu Hause bliebe?

Den 15. November. – Der Wagen ist vor der Thür. Laura und ich reisen heute zu den Arnold's ab.

 

Polesdean Lodge in Yorkshire.

Den 23. November. – Eine Woche unter diesen neuen Umgebungen und freundlichen Leuten hat ihr gut gethan, obgleich nicht in dem Grade, wie ich es gehofft hatte. Ich habe beschlossen, unseren Besuch noch wenigstens um eine Woche auszudehnen.

Den 23. November – Traurige Nachrichten mit der heutigen Post. Die Expedition nach Centralamerika segelte am Einundzwanzigsten ab. Wir sind von einem wahren Manne geschieden, haben einen treuen Freund verloren. Walter Hartright hat England verlassen.

Den 25. November. – Gestern traurige, heute schlimme Nachrichten. Sir Percival Glyde hat an Mr. Fairlie geschrieben, und Mr. Fairlie hat an Laura und mich geschrieben, um uns augenblicklich nach Limmeridge zurückzurufen.

Was kann dies bedeuten? Ist der Tag der Vermählung in unserer Abwesenheit bestimmt worden?

 

Limmeridge House.

Den 27. November. – Meine schlimmen Ahnungen sind eingetroffen. Die Heirat ist auf den dreiundzwanzigsten December festgesetzt.

Am Tage nach unserer Abreise nach Polesdean Lodge erhielt Mr. Fairlie, wie es scheint, einen Brief von Sir Percival, worin dieser ihm mittheilte, daß die notwendigen Verbesserungen und Veränderungen in seinem Hause im Hampshire weit längere Zeit in Anspruch nehmen würden, als er erwartet habe. Die gehörigen Ueberschläge sollten ihm in kürzester Frist zugestellt werden und es werde seine Anordnungen mit den Arbeitern sehr unterstützen, wenn er genau von dem Zeitpunkte unterrichtet werden könne, an welchem die Hochzeit stattfinden dürfe. Er werde dann im Stande sein, alle seine Zeitberechnungen zu machen und zugleich seinen Freunden, die er eingeladen, ihn im Winter zu besuchen, und die natürlich nicht kommen konnten, solange das Haus in den Händen der Arbeiter sei, die nöthigen Entschuldigungen zu schreiben.

Auf diesen Brief hatte Mr. Fairlie geantwortet, indem er Sir Percival bat, selbst einen Tag für die Hochzeit vorzuschlagen, der dann Miß Fairlie's Billigung überlassen werden könne. Sir Percival antwortete mit umgehender Post und schlug (in Uebereinstimmung mit seinen schon zu Anfang ausgesprochenen Wünschen) die letzte Woche im December vor – etwa den dreiundzwanzigsten oder vierundzwanzigsten oder irgend einen anderen Tag, den die Dame und ihr Vormund vorziehen möchten. Da die Dame nicht zur Hand war, um ihren eigenen Wunsch auszusprechen, hatte ihr Vormund in ihrer Abwesenheit den erstgenannten gewählt – den dreiundzwanzigsten December – und uns in Folge dessen nach Limmeridge zurückberufen.

Nachdem Mr. Fairlie mir diese Einzelheiten gestern mitgetheilt, schlug er mir auf seine liebenswürdigste Manier vor, die nothwendigen Unterhandlungen schon heute einzuleiten. Da ich fühlte, daß aller Widerstand nutzlos sei, wenn ich nicht erst Lauras Erlaubnis dazu hatte, so willigte ich ein, mit ihr zu sprechen.

Heute Morgen sprach ich meinem Versprechen gemäß zu Laura. Die Fassung, die sie mit solcher Entschlossenheit, seit Sir Percival uns verlassen, bewahrt hat, war dem Schlage einer solchen Nachricht nicht gewachsen. Sie erblaßte und zitterte heftig.

»Noch nicht so bald!« flehte sie. »O, Marianne, nicht so bald!«

Der geringste Wink von ihr genügte mir. Ich stand auf, um sofort ihre Sache bei Mr. Fairlie zu vertreten.

Gerade, als meine Hand auf der Thürklinke war, ergriff sie mein Kleid und hielt mich fest.

»Laß mich gehen,« sagte ich; »mir brennt die Zunge, deinem Onkel zu sagen, daß er und Sir Percival nicht in Allem ihren Willen haben können.«

Sie seufzte bitterlich und hielt noch immer mein Kleid fest.

»Nein!« sagte sie mit matter Stimme. »Es ist zu spät, Marianne – zu spät! Es wird uns nur noch mehr Sorge und Verwirrung bereiten. Es wird dich mit meinem Onkel veruneinigen und Sir Percival wieder mit neuen Klagegründen zu uns bringen.«

»Desto besser!« rief ich mit Heftigkeit aus. »Wer kümmert sich um seine Klagegründe? Mußt du dir das Herz brechen, um sein Gemüth zu beruhigen? Kein Mann unter der Sonne ist solcher Opfer von uns Frauen würdig. Die Männer! Sie sind die Feinde unserer Unschuld und unseres Friedens – sie schleppen uns fort von der Liebe unserer Eltern, der Freundschaft unserer Schwestern und ketten unser hilfloses Leben an das ihrige, wie sie zwei Hunde zusammenkoppeln. Und was gibt uns der Beste dafür wieder? Laß mich los, Laura – es macht mich wahnsinnig, daran zu denken!«

Thränen – erbärmliche, schwache Weiberthränen füllten meine Augen.

»O Marianne!« sagte sie, »all deine Liebe, dein Muth und deine Aufopferung können nicht verhindern, was ja früher oder später doch geschehen muß. Laß meinen Onkel seinen Willen haben. Laß uns keine Sorgen und Herzschmerzen mehr haben, die irgend ein Opfer von mir verhindern kann. Sage, daß du bei mir leben willst, Marianne, wenn ich verheirathet bin – und sage weiter nichts.«

Aber ich drängte die verächtlichen Thränen zurück und redete und bat dann, so ruhig wie es mir nur möglich war. Es nützte nichts. Sie ließ mich mein Versprechen, bei ihr zu leben, wenn sie verheiratet sei, wiederholen, und that dann plötzlich eine Frage, die meinem Kummer und meiner Theilnahme für sie eine neue Richtung gab.

»Als wir in Polesdean waren,« sagte sie, »hattest du einen Brief, Marianne –«

Ihre veränderte Stimme, das plötzlich veränderte Wesen, mit dem sie das Gesicht abwandte und an meiner Schulter verbarg; die Zögerung, welche sie schweigen ließ, bevor sie noch ihre Frage beendet – Alles dies sagte mir nur zu deutlich, wohin ihre halb ausgesprochene Frage deutete.

»Ich dachte, Laura, daß wir Beide nie wieder von ihm sprechen wollten,« sagte ich.

»Du hattest einen Brief von ihm?« wiederholte sie.

»Ja,« entgegnete ich; »wenn du darauf bestehst, es zu wissen.«

»Beabsichtigst du, ihm wieder zu schreiben?«

Ich zögerte. Ich hatte mich gefürchtet, ihr von seiner Abreise zu erzählen. Was konnte ich ihr antworten? Er war hingegangen, wohin ihm auf Monate, vielleicht auf Jahre kein Brief folgen konnte.

»Gesetzt, ich beabsichtigte es, Laura, was dann?« sagte ich.

Ihre Wange brannte an meinem Nacken, und ihre Arme schlossen sich fester um mich.

»Sag' ihm nichts vom Dreiundzwanzigsten,« flüsterte sie. »versprich mir's, Marianne – bitte, versprich mir, daß du selbst meines Namens nicht erwähnen willst, wenn du das nächste Mal an ihn schreibst.«

Ich gab ihr das Versprechen. Ich weiß keine Worte, um auszudrücken, mit wie kummervollem Herzen ich es gab. Sie nahm augenblicklich ihren Arm von meiner Taille hinweg, ging an's Fenster und schaute, den Rücken mir zugewendet, hinaus. Nach einer Minute sprach sie wieder, doch ohne sich umzuwenden oder mich nur im Geringsten ihr Gesicht sehen zu lassen.

»Gehst du zu meinem Onkel?« frug sie. »willst du ihm sagen, daß ich in jede Anordnung willige, die ihm gut dünkt? Fürchte nicht, mich zu verlassen, Marianne; mir wird besser werden, wenn ich eine kleine Weile allein bleibe.«

Ich ging hinaus. Hätte ich, als ich in den Gang trat, Mr. Fairlie und Sir Percival dadurch, daß ich den kleinen Finger erhob, an die äußersten Enden der Welt versetzen können, so hätte ich ihn erhoben, ohne mich auch nur eine Secunde lang zu besinnen. Ich wäre gänzlich zusammengesunken und in einen heftigen Thränenstrom ausgebrochen, wären nicht meine Thränen alle von der Gluth meines Zornes verzehrt worden. So aber trat ich ungestüm in Mr. Fairlie's Zimmer – rief ihm so barsch wie möglich zu, »Laura willigt in den Dreiundzwanzigsten,« und fuhr wieder hinaus, ohne auf Antwort zu warten. Ich schlug die Thür heftig hinter mir zu und hoffe, daß ich Mr. Fairlie's Nervensystem für den heutigen Tag gründlich erschüttert habe.

Den 28. November. – Heute Morgen habe ich Walters Abschiedsbrief noch einmal durchgelesen, da sich mir gestern der Zweifel aufdrängte, ob ich auch recht daran thue, Laura seine Abreise zu verheimlichen.

Wenn ich es mir recht überlege, denke ich noch immer, daß ich recht daran gethan. Seine Andeutungen über die Vorbereitungen, welche für diese Expedition nach dem Innern von Amerika gemacht wurden, weisen alle darauf hin, daß die Leiter derselben sie für gefahrvoll hielten und daß er den Gefahren eines bösen Klimas, eines wilden Landes und einer unruhigen Bevölkerung entgegengegangen ist. Es wäre sicherlich eine grausame Offenheit, Laura ohne die dringendste Notwendigkeit hievon zu unterrichten.

Ich bin fast in Zweifel, ob ich nicht eigentlich den Brief, damit er nicht etwa eines Tages in unrechte Hände geräth, verbrennen sollte. Nicht allein, daß derselbe in Ausdrücken von Laura spricht, die auf immer ein Geheimnis Zwischen mir und dem Schreiber bleiben müssen, sondern er wiederholt auch jenen Verdacht – der so eigensinnig, unbegreiflich und beunruhigend scheint – daß er, seitdem er Limmeridge verlassen, heimlich beobachtet worden. Er behauptet, daß er die Gesichter zweier Männer, die ihm in den Straßen von London wiederholt nachgingen, in der Menge erblickte, welche der Einschiffung der Expedition in Liverpool zusah, und versichert mit Entschiedenheit, daß er in dem Augenblicke, wo er in's Boot stieg, Anna Catherick's Namen hinter sich aussprechen hörte. Seine eigenen Worts lauten folgendermaßen: »Diese Ereignisse haben eine Bedeutung, sie müssen zu irgend einem Resultate führen. Das Geheimnis, das Anna Catherick betrifft, ist noch nicht aufgeklärt. Ich mag ihr vielleicht auf meinem Pfade nie wieder begegnen, Miß Halcombe, da machen Sie besseren Gebrauch von der Gelegenheit, als ich von der meinigen machte. Ich spreche nach fester Ueberzeugung, und ich flehe sie an, sich dessen, was ich sage, zu erinnern.« Dies sind seine eigenen Worte. Es ist gefährlich, den Brief aufzubewahren. Der kleinste Zufall könnte ihn in fremde Hände liefern. Ich kann krank werden – sterben; es wird besser sein, ihn sogleich zu verbrennen und so eine Befürchtung weniger zu haben.

Es ist geschehen! Die Asche seines Abschiedsbriefes liegt in wenigen schwarzen Flocken auf dem Kaminherde. Ist dies das traurige Ende jener ganzen traurigen Geschichte? G nein, nicht das Ende – gewiß, gewiß nicht schon das Ende!

Den 29. November. – Die Vorbereitungen zur Heirat haben begonnen. Die Schneiderin hat ihre Aufträge bekommen, Laura hat das Alles mir und der Schneiderin überlassen, wie anders wäre dies gewesen, falls der arme Walter der Baronet und der ihr vom Vater bestimmte Gemahl gewesen! wir hören täglich von Sir Percival. Die letzte Reuigkeit, die er uns mittheilt, ist die, daß es wohl vier bis sechs Monate dauern wird, ehe die Veränderungen in seinem Hause vollständig beendet werden können. Er schlägt vor, da Laura augenblicklich nicht kräftig ist und der Winter ungewöhnlich strenge zu werden droht, sie nach Rom zu nehmen und bis zu Anfang nächsten Frühlings in Italien zu bleiben. Sollte sie diesen Plan nicht billigen, so sei er ebenso bereit, die Saison in London zuzubringen und irgend ein passendes möblirtes Haus dort zu miethen.

In beiden Fällen ist eine Trennung zwischen Laura und mir unvermeidlich, wenn sie in's Ausland reisen, wird es eine längere Trennung werden, als wenn sie in London blieben – aber dagegen müssen wir wieder den Vortheil erwägen, der aus einem Aufenthalte in einem milden Klima für Lauras Gesundheit erwachsen würde, und noch mehr als das berücksichtigen, wie sehr die Ueberraschungen und die Aufregung einer ersten Reise in dem interessantesten Lande der Welt zu ihrer Aufheiterung und Aussöhnung mit ihrem neuen Leben beitragen würden. Sie ist nicht in der Stimmung, dies in den conventionellen Vergnügungen und Aufregungen von Londen zu finden. Dieselben würden sie den Druck dieser beklagenswerthen Heirat nur noch schwerer fühlen lassen. Ich fürchte den Anfang ihres neuen Gebens mehr, als ich Worte habe, es auszudrücken – aber ich hege einige Hoffnung für sie, wenn sie reist; keine, wenn sie zu Hause bleibt.

Den 1. December. – Ein sehr, sehr trauriger Tag; ein Tag, den ich ausführlich zu beschreiben nicht das Herz habe. Nachdem ich gestern Abend schwach genug war, es zu verschieben, war ich heute Morgen genöthigt, ihr von Sir Percivals Vorschlags in Bezug auf die Hochzeitsreise zu sagen.

In der vollen Ueberzeugung, daß ich sie begleiten werde, war das arme Kind beinahe froh über die Aussicht, die Wunder von Florenz, Rom und Neapel zu sehen. Ich mußte ihr sagen, daß kein Mann während der ersten Zeit nach seiner Vermählung einen Nebenbuhler – selbst nicht einen weiblichen – in der Zuneigung seiner Frau duldet. Ich mußte sie warnen, daß meine Aussicht auf dauernden Aufenthalt unter ihrem Dache einzig und allein davon abhänge, daß ich nicht Sir Percivals Eifersucht errege, indem ich mich beim Beginne ihrer Heirat als Empfängerin der tiefsten Geheimnisse seiner Frau zwischen sie drängte. Tropfenweise mußte ich die entweihende Bitterkeit der Weisheit dieser Welt in dieses reine Herz und unschuldige Gemüth gießen, während sich jedes höhere und bessere Gefühl in mir meiner verhaßten Aufgabe widersetzte. Jetzt ist es vorbei. Sie hat ihre bitteren, unvermeidlichen Lehren empfangen; die Täuschungen ihrer Mädchenzeit sind dahin, und es war meine Hand, die sie ihr rauben mußte. Aber lieber meine Hand als die seinige, das ist mein einziger Trost.

So ist denn der erste Vorschlag angenommen: sie gehen nach Italien, und ich soll, mit Sir Percivals Genehmigung, meine Vorkehrungen treffen, bei ihrer Rückkehr nach England bei ihnen zu wohnen.

 

Den 16. December. – Es sind volle vierzehn Tage vergangen, ohne daß ich diese Blätter geöffnet habe.

Von den beiden letztverflossenen Wochen habe ich nicht viel zu berichten. Die Kleider sind fast alle fertig und die neuen Reisekoffer bereits aus Londen angekommen. Meine arme, liebe Laura verläßt mich den ganzen Tag kaum eine Minute; und gestern Abend, als wir beide nicht schlafen konnten, kam sie zu mir in mein Bett, um mit nur zu plaudern. »Ich werde dich bald verlieren, Marianne,« sagte sie; »ich muß dich genießen, solange ich dich noch haben kann.«

Die Heirat wird in der Kirche zu Limmeridge stattfinden, und es ist, Gott sei Dank, Niemand aus der Nachbarschaft zu der Feierlichkeit eingeladen. Unser einziger Gast wird unser alter Freund Mr. Arnold sein, der von Polesdean kommen wird, um Vaterstelle bei der Braut zu vertreten, da ihr Onkel viel zu zarter Gesundheit ist, um sich in so unbarmherzigem Wetter, wie wir es jetzt haben, hinaus zu wagen.

Den 17. December. – Sir Percival langte heute an und sah, wie mir's schien, etwas abgemagert und sorgenvoll aus, sprach und lachte indessen wie ein Mann in bester Laune. Er brachte einige wirklich schöne Kleinodien als Geschenke mit, welche Laura mit Freundlichkeit und wenigstens äußerlicher Fassung entgegennahm. Das einzige Anzeichen von dem Kampfe, den es sie kosten muß, in einer so schweren Zeit wenigstens den Schein der Fassung zu bewahren, entdeckte ich in ihrem plötzlichen Widerwillen, allein gelassen zu werden. Anstatt sich wie sonst in ihr Zimmer zurückzuziehen, scheint sie nur mit Zagen hineinzugehen. Als ich heute nach dem Gabelfrühstück hinauf ging, um mich zu einem Spaziergange zu rüsten, erbot sie sich, mich zu begleiten.

»Laß mich fortwährend etwas thun,« sagte sie, »laß mich immer in Gesellschaft sein. Laß mir keine Gelegenheit zum Denken, das ist Alles, worum ich dich bitte, Marianne – laß mir keine Gelegenheit zum Denken.«

Diese traurige Veränderung in ihr machte sie nur umso anziehender für Sir Percival. Er deutet sie, wie ich sehen kann, zu seinem Vortheile. Es liegt eine fieberhafte Röthe auf ihren Wangen, ein fieberhafter Glanz in ihren Augen, die er als eine Rückkehr ihrer Schönheit und ihres Frohsinns willkommen heißt.

Es ist kein Zweifel – obgleich ein sonderbarer Eigensinn mich verhindert, es zu sehen – es ist kein Zweifel, daß Lauras künftiger Gemahl ein sehr schöner Mann ist. Erstens liegt ein großer Vortheil in regelmäßigen Zügen – und er hat sie. Glänzende braune Augen sind bei Männern sowohl, wie bei Frauen sehr anziehend, und auch die hat er. Anmuthige, unbefangene Bewegungen, feines Wesen, fließende Konversation – alles unstreitig Vorzüge, und er besitzt sie alle. Falls man mich in diesem Augenblicke frage, welche Fehler ich an Sir Percival entdeckt habe, so könnte ich nur zwei andeuten. Der eine: seine fortwährende Unruhe und Erregbarkeit. Der andere: seine kurze, scharfe, verächtliche Manier, wenn er mit Dienstboten spricht, was wahrscheinlich eine bloße Angewohnheit ist. Nein, ich kann's nicht bestreiten: Sir Percival ist ein sehr schöner und ein sehr angenehmer Mann. So! setzt habe ich es endlich geschrieben und freue mich, daß ich fertig damit bin.

Den 18. December. – Da ich mich heute Morgen traurig und niedergeschlagen fühlte, ließ ich Laura bei Mrs. Vesey, um einen meiner schnellen Mittagsspaziergänge zu machen, die ich seit einiger Zeit zu oft ausgesetzt hatte. Ich schlug den offenen Weg über die Heide, der nach Todd's Ecke führt, ein. Nachdem ich ungefähr eins halbe Stunde gegangen, war ich unaussprechlich erstaunt, Sir Percival aus der Richtung des Gehöftes entgegenkommen zu sehen. Er ging sehr schnell und schwang seinen Stock, den Kopf hoch erhoben, wie gewöhnlich, und mit offenem Jagdrocke, der im Winde flatterte. Als wir zusammenkamen, wartete er nicht ab, daß ich ihn befragte, sondern theile mir sogleich mit, daß er in dem Gehöfte gewesen, um sich zu erkundigen, ob Mr. und Mrs. Todd seit seinem letzten Besuche in Limmeridge nichts von Anna Catherick gehört hätten.

»Sie fanden natürlich, daß sie nichts weiter von ihr wußten?« sagte ich.

»Nicht das Geringste,« entgegnete er. »Ich fange an, ernstlich zu befürchten, daß wir sie verloren. Wissen Sie vielleicht,« fuhr er fort, indem er mir sehr aufmerksam in's Gesicht sah, »ob der Maler – Mr. Hartright, im Stande ist, uns weitere Auskunft zu geben?«

»Er hat weder von ihr gehört noch sie gesehen, seit er Cumberland verlassen hat,« sagte ich.

»Sehr traurig,« sagte Sir Percival, indem er sprach wie ein Mann, der sich unangenehm getäuscht sieht, und dabei aussah, wie ein Mann, der sich erleichtert fühlt. »Es ist unmöglich zu berechnen, welche Unfälle dem armen Geschöpfe zugestoßen sein mögen. Es verdrießt mich unaussprechlich, daß es allen meinen Bemühungen mißlungen, sie der Sorgfalt und dem Schutze zurückzugeben, dessen sie so dringend bedarf.«

Hat nicht mein zufälliges Begegnen mit ihm auf der Heide einen neuen günstigen Zug seines Charakters offenbart? War es nicht sehr rücksichtsvoll von ihm, so kurz vor seiner Heirat an Anna Catherick zu denken und den langen Weg nach Todd's Ecke zu gehen, da er die Zeit in Lauras Gesellschaft so viel angenehmer hätte zubringen können? Wenn man bedenkt, daß sein Beweggrund hiezu ein rein menschenfreundlicher sein mußte, so beweist sein Benehmen unter den Umständen viel Wohlwollen und verdient das größte Lob.

Den 19. December. – Neue Entdeckungen in der unerschöpflichen Mine von Sir Percivals Tugenden. Ich spielte heute auf den in Vorschlag gebrachten Plan meines Aufenthaltes bei seiner Frau an, nachdem er sie nach England zurückgebracht habe. Ich hatte kaum den ersten Wink m dieser Richtung fallen lassen, als er mit Wärme meine Hand ergriff und sagte, ich habe gerade das ausgesprochen, was er von Herzen mir vorzuschlagen gewünscht habe, und er bitte mich, versichert zu sein, daß ich ihm eine große Gunst damit erweise, wenn ich nach der Heirat meinen Aufenthalt bei Laura nehme.

Als ich ihm für seine rücksichtsvolle Güte gedankt hatte, gingen wir zunächst auf den Gegenstand seiner Hochzeitsreise über und sprachen von der englischen Gesellschaft in Rom, in die Laura eingeführt werden sollte. Er erwähnte mehrerer Namen von Bekannten, die er diesen Winter dort zu treffen erwartete. Sie waren, soviel ich mich entsinnen kann, alle englisch, mit einer Ausnahme, Diese eine Ausnahme war Graf Fosco.

Die Erwähnung Graf Fosco's und die Entdeckung, daß er und seine Frau wahrscheinlich mit den Neuvermählten auf dem Festlande zusammentreffen werden, stellt Lauras Heirat zum ersten Male in ein entschieden günstiges Licht. Es mag dies vielleicht eine Familienfehde enden. Bisher hat es der Gräfin Fosco beliebt, ihre Verpflichtungen als Lauras Tante aus bloßem Grolle gegen den verstorbenen Mr. Fairlie wegen seines Verfahrens in Bezug auf das Legat zu vergessen. Jetzt aber kann sie bei diesem Betragen nicht länger bleiben. Sir Percival und der Graf sind alte und vertraute Freunde, und ihre Frauen haben keine andere Wahl, als sich auf höflichem Fuße zu begegnen. Die Gräfin Fosco war zu ihrer Mädchenzeit eines der impertinentesten Frauenzimmer, die mir vorgekommen sind, launisch, anmaßend und eitel bis zur Albernheit. Falls es ihrem Gemahl gelungen, sie zu Verstand zu bringen, verdient er die Dankbarkeit jedes Mitgliedes der Familie, und er mag mit der meinigen den Anfang machen.

Ich werde neugierig, den Grafen kennen zu lernen. Er ist der vertrauteste Freund von Lauras künftigem Gemahl und erregt als solcher mein lebhaftestes Interesse, weder Laura noch ich haben ihn jemals gesehen. Alles, was ich von ihm weiß, ist, daß seine zufällige Gegenwart eines Tages vor vielen Jahren auf den Stufen der Trinità del Monte zu Rom Sir Percival half, einem Raub- und Mordanfalle zu entgehen, gerade in dem kritischen Momente, wo er in der Hand verwundet worden und im nächsten im Herzen hätte getroffen sein können. Auch entsinne ich mich, daß der Graf bei Gelegenheit von Mr. Fairlie's – des verstorbenen – lächerlichen Einwürfen gegen die Heirat seiner Schwester, ihm einen sehr gemäßigten und verständigen Brief über die Angelegenheit schrieb, der, wie ich mich fast zu sagen schäme, unbeantwortet blieb. Dies ist Alles, was ich von Sir Percivals Freunde weiß.

Meine Feder ergeht sich in bloßen Muthmaßungen. Ich kehre zu nüchternen Thatsachen zurück. Es ist eine Thatsache, daß Sir Percivals Aufnahme meines gewagten Vorschlages, bei seiner Frau zu leben mehr als gütig, daß sie beinahe liebevoll war. Ich habe ihn bereits als schön, unterhaltend, rücksichtsvoll gegen Unglückliche und gütig gegen mich beschrieben. Ich erkenne mich selbst wirklich kaum wieder in meinem neuen Charakter als Sir Percivals wärmste Freundin.

Den 20. December. – Ich hasse Sir Percival! Ich leugne entschieden, daß er schön ist. Ich finde ihn unbeschreiblich widerwärtig, durchaus rücksichtslos und ohne alle Herzensgüte. Gestern Abend kamen die Karten der Neuvermählten an. Laura öffnete das Paquet und sah zum ersten Male ihren neuen Namen gedruckt. Sir Percival sah vertraulich über ihre Schulter auf die Karte, auf der Miß Fairlie bereits in Lady Glyde verwandelt war, lächelte mit der unerträglichsten Selbstgefälligkeit und flüsterte ihr etwas in's Ohr. Ich weiß nicht, was es war, Laura wollte mir's nicht sagen, aber ich sah sie tödlich erbleichen. Er nahm keine Notiz von der Veränderung und schien sich auch der barbarischen Weise unbewußt, etwas gesagt zu haben, das ihr weh' thun könne. Alle meine alten feindseligen Gefühle gegen ihn erwachten augenblicklich wieder, und die vielen Stunden, die seitdem vergangen sind, haben nichts dazu beigetragen, den Eindruck wieder zu verwischen. In drei Worten: ich hasse ihn.

Den 21. December. – Haben mich die Sorgen dieser ängstlichen Zeit etwas verwirrt gemacht? Es hat sich mir seit gestern Abend die hartnäckige Idee aufgedrängt, daß sich noch etwas ereignen wird, um die Heirat zu verhindern, was hat diesen sonderbaren Gedanken in mir hervorgerufen? Ist es der indirecte Erfolg meiner Besorgnisse um Lauras Zukunft? Oder entstand er etwa aus der wachsenden Unruhe und Aufregung, die ich allerdings, da der Hochzeitstag näher und naher rückt, an Sir Percival bemerkt habe? Ich kann's nicht bestimmen.

Den 22. December. – Ein Tag, wie ich ihn nie wieder zu erleben hoffte!

Die gute Mrs. Vesey, die wir in letzter Zeit Alle zu wenig beachtet haben, verursachte uns gleich zuerst einen traurigen Morgen. Sie hat sich seit vielen Monaten heimlich mit der Anfertigung eines warmen Shawls von Shetlandwolle für ihre liebe Schülerin beschäftigt, eine erstaunliche Arbeit für eine Frau in ihrem Alter und von ihren Gewohnheiten. Das Geschenk wurde heute Morgen überreicht, und meine arme, warmherzige Laura verlor alle Fassung, als die zärtliche alte Hüterin ihrer mutterlosen Kindheit den Shawl stolz um ihre Schultern legte. Mir blieb kaum Zeit, meine eigenen Thränen zu trocknen, als ich schon zu Mr. Fairlie berufen wurde, um von ihm eine lange Mittheilung über die Vorkehrungen zu hören, die er zur Bewahrung seiner Ruhe am Hochzeitstage getroffen hatte.

»Die liebe Laura« sollte sein Geschenk – einen armseligen Ring, mit ihres zärtlichen Onkels Haar statt eines kostbaren Steines geziert und inwendig eine herzlose französische Inschrift über verwandte Gefühle und ewige Freundschaft tragend – »die liebe Laura« sollte diesen zärtlichen Tribut sofort aus meinen Händen empfangen, so daß sie Zeit haben möge sich von der Gemüthsbewegung, die ihr das Geschenk verursachen würde, zu erholen, ehe sie sich in ihres Onkels Gegenwart begebe. »Die liebe Laura« sollte ihm heute Abend einen kleinen Besuch abstatten und die Güte haben, keine Scene zu machen. »Die liebe Laura« sollte ihm morgen in ihrem Brautkleide noch einen kleinen Besuch abstatten und abermals die Güte haben, keine Scene zu machen. »Die liebe Laura« sollte nochmals, zum dritten Male, zu ihm kommen, ehe sie abreise, aber ohne sein Gemüth dadurch aufzuregen, daß sie ihm sagte, wann sie reisen werde, und ohne Thränen – »im Namen der Barmherzigkeit, ohne Thränen!« Ich war so entrüstet über diese erbärmliche, selbstsüchtige Narrheit, daß ich jedenfalls Mr. Fairlie's Nerven durch einige der bittersten Wahrheiten zu erschüttern Lust gehabt hätte, die er je in seinem Leben gehört hat, wäre ich nicht in demselben Augenblicke durch Mr. Arnold's Ankunft zu neuen Pflichten unten im Hause abgerufen worden. Der Rest des Tages ist nicht zu beschreiben. Die Konfusion kleiner, durcheinander geworfener Ereignisse verwirrte Alle. Da gab es Koffer zu packen, Geschenke kamen an von fernen und nahen Bekannten, hohen und niedrigen Freunden, wir waren Alle in einer unnöthigen Hast, Alle voll aufgeregter Erwartung des morgigen Tages. Sir Percival namentlich war zu unruhig, um nur fünf Minuten an einer Stelle zu bleiben. Sein trockener, kurzer Husten quälte ihn mehr denn je. Er ging den ganzen Tag ein und aus und schien mit einem Male so neugierig zu werden, daß er sogar die Fremden ausfragte, die mit Botschaften zum Hause kamen. Man fügte zu all diesem den einen Gedanken in Lauras und meinem Herzen hinzu, daß wir uns morgen trennen sollten, und die gespenstische Furcht, die keine von uns aussprach, daß diese unselige Heirat sich als der eine verderbenbringende Fehler ihres Lebens und der hoffnungslose Schmerz des meinigen erweisen möge.

Ich schreibe diese Zeilen lange nach Mitternacht in der Einsamkeit meines Zimmers, nachdem ich eben heimlich Laura in ihrem hübschen weißen Bettchen betrachtet habe.

Da lag sie, nicht ahnend, daß ich sie betrachtete, ganz ruhig, aber nicht schlafend. Der Schimmer des Nachtlichtes zeigte mir, daß ihre Augen nur halb geschlossen waren, und zwischen den Lidern glänzten Thränenspuren. Mein kleines Andenken, nichts als eine kleine Brosche, lag auf dem Tischchen neben ihrem Bett und daneben ihr Gebetbuch und ihres Vaters Miniaturbildchen, das sie mitnimmt, wohin sie auch gehen mag. Ich stand einen Augenblick hinter ihrem Kissen und blickte auf sie herab, wie sie da lag und der eine Arm so weiß auf der weißen Decke ruhte – so still, so sanft athmend, daß selbst die Spitzen an ihrem Nachtkleide nicht einmal zitterten, ich stand und schaute sie an, wie ich sie zu tausend Malen angeschaut und wie ich sie niemals wiedersehen werde – und kehrte dann leise in mein Zimmer zurück. Mein einziges Lieb! wie verlassen du bist trotz all deines Reichthums und all deiner Schönheit! Der eine Mann, der sein Herzblut hergeben würde, um dir zu dienen, ist weit von dir in dieser stürmischen Nacht, umhergetrieben auf der wüthenden See. wer bleibt dir sonst noch? Kein Vater, kein Bruder, kein lebendes Wesen, außer einem hilflosen, nutzlosen Weibe, das diese traurigen Zeilen schreibt und für dich den Morgen erwartet, voll Kummer, den sie nicht stillen, voll Zweifel, die sie nicht überwinden kann. O, welch ein Schatz soll morgen in jenes Mannes Hände gegeben werden! wenn er es jemals vergißt; wenn er je ein Haar ihres Hauptes verletzt!

Den 23. December. – Sieben Uhr. Ein wilder, rauher Morgen. Sie ist soeben aufgestanden und ist wohler und gefaßter, da die Zeit gekommen ist, als sie gestern war.

Zehn Uhr. Sie ist angekleidet, wir haben einander umarmt und versprochen, nicht den Muth zu verlieren. In dem Tumulte und der Verwirrung meiner Gedanken bleibt mir noch immer diese sonderbare Idee, daß sich etwas ereignen wird, um die Heirat zu verhindern. Hat er etwa dasselbe Gefühl? Ich sah ihn unruhig zwischen den an der Thür haltenden Wagen hin und her gehen, wie kann ich nur so thöricht schreiben! Die Heirat ist gewiß. In weniger als einer halben Stunde brechen wir nach der Kirche auf.

Elf Uhr. Es ist Alles vorüber. Sie sind verheiratet.

Drei Uhr. Sie sind fort! Ich bin blind vom Weinen – ich kann nicht weiter schreiben.

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