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Die Frau in Weiß ? Band II

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band II - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleDie Frau in Weiß ? Band II
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXIV. Band
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senderwww.gaga.net
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IV.

Da ich mit einem Frühzuge reiste, kam ich zur Essenszeit in Limmeridge an. Die Leere des Hauses war drückend und trübe. Ich hatte erwartet, daß in Abwesenheit der jungen Damen die gute Mrs. Vesey wenigstens mir Gesellschaft geleistet hätte; aber eine Erkältung fesselte sie an ihr Zimmer.

Mr. Fairlie war in seinem gewöhnlichen Zimmer, in seinem gewöhnlichen Lehnstuhle und in seinem gewöhnlichen unerträglichen Körper- und Geisteszustände. Als ich eintrat, stand sein Kammerdiener vor ihm und hielt ihm einen schweren Band von Federzeichnungen zur Besichtigung vor. Der jämmerliche Ausländer war nahe daran, vor Ermüdung umzufallen, während sein Herr ganz gelassen die Blätter umschlug und ihre verborgenen Schönheiten mit Hilfe eines Vergrößerungsglases an's Licht brachte.

»Sie allerbester der besten alten Freunde,« sagte Mr. Fairlie, sich träge zurücklehnend, ehe er mich ansehen konnte, »wie hübsch von Ihnen, herzukommen und mich in meiner Einsamkeit zu besuchen, Sie lieber Gilmore!«

Ich hatte erwartet, daß er den Kammerdiener nach meinem Erscheinen entlassen werde; aber er dachte nicht daran.

»Ich bin gekommen, um über eine sehr wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen,« sagte ich, »und Sie werden daher verzeihen, wenn ich vorschlage, daß wir dazu lieber allein sind.«

Mein Ton und Benehmen ließen ihm keine andere Wahl, als meinen Wunsch zu erfüllen. Er sah den Diener an, indem er verdrießlich auf einen Sessel an seiner Seite deutete:

»Lege die Zeichnungen nieder und geh' hinaus,« sagte er, »und ärgere mich nicht, indem du die Stelle verlierst. Hast du die Stelle verloren oder nicht? Weißt du ganz gewiß, daß du sie nicht verloren hast? Und hast du meine Handglocke so hingestellt, daß ich sie erreichen kann? Ja? Warum zum Teufel gehst du da nicht?«

Der Kammerdiener ging hinaus. Mr. Fairlie drehte sich auf seinem Sessel herum, polirte das Vergrößerungsglas mit seinem zarten Batisttaschentuche und gönnte sich einen Seitenblick auf die offene Mappe von Federzeichnungen. Es war unter diesen Umständen schwer, nicht die Geduld zu verlieren.

»Ich bin mit großer persönlicher Unbequemlichkeit hergekommen,« sagte ich, »um den Interessen Ihrer Nichte und Ihrer Familie zu dienen, und denke, daß ich mir einigermaßen das Recht erworben, dafür mit Ihrer Aufmerksamkeit beehrt zu werden.«

»Zanken Sie mich nicht aus!« sagte Mr. Fairlie, indem er hilflos in seinen Sessel zurücksank und die Augen schloß. »Bitte, zanken Sie mich nicht aus. Ich bin wirklich nicht stark genug, um es zu ertragen.«

»Der Zweck meines Besuches,« fuhr ich fort, »ist, Sie ernstlich zu bitten, Ihren Brief wieder zu erwägen und mich nicht zu zwingen, die gerechten Ansprüche Ihrer Nichte und Aller, die zu ihr gehören, aufzugeben. Lassen Sie mich Ihnen die Sache noch einmal und zum letzten Male auseinandersetzen.«

Mr. Fairlie schüttelte den Kopf und seufzte jämmerlich.

»Dies ist herzlos von Ihnen, Gilmore – furchtbar herzlos,« sagte er, »einerlei, fahren Sie fort.«

Ich setzte ihm die Sache in jedem erdenklichen Lichte auseinander. Während der ganzen Zeit lehnte er sich mit geschlossenen Augen in seinem Sessel zurück. Als ich zu Ende war, öffnete er träge die Augen, nahm sein silbernes Riechfläschchen vom Tische und roch daran.

»Sie guter Gilmore,« sagte er in Pausen zwischen dem Riechen, »wie allerliebst dies von Ihnen ist! Wie Sie Einen mit der Menschheit aussöhnen!«

»Geben Sie mir eine deutliche Antwort auf eine deutliche Frage, Mr. Fairlie. Ich wiederhole es Ihnen, Sir Percival Glyde hat nicht den Schatten eines Rechtes, mehr als Zinsen des Geldes zu erwarten. Das Geld selbst sollte, falls Ihre Nichte keine Kinder hat, unter ihrer Controle sein und in ihre Familie zurückkehren. Falls Sie fest sind, muß Sir Percival nachgeben oder sich der verächtlichen Beschuldigung aussetzen, daß er Miß Fairlie ausschließlich um ihres Geldes willen heiratet.«

Mr. Fairlie drohte mir scherzhaft mit seinem Riechfläschchen.

»Sie lieber alter Gilmore, wie Sie doch Rang und Adel hassen, nicht wahr? Wie Sie den armen Glyde verabscheuen, bloß weil er Baronet ist! Was Sie für ein Radicaler sind – o mein Gott, was Sie für ein Radicaler sind!«

Ein Radicaler!!! Ich ließ mir viel gefallen, aber, nachdem ich mein Lebenlang ein unerschütterlicher Conservativer gewesen, konnte ich mich nicht einen Radicalen nennen lassen. Mein Blut kochte – ich sprang von meinem Stuhle in die Höhe – ich war sprachlos vor Entrüstung.

»Erschüttern Sie das Zimmer nicht so!« schrie Mr. Fairlie – »um Gotteswillen, erschüttern Sie das Zimmer nicht so! Edelster aller Gilmore, ich beabsichtige keine Beleidigung damit. Meine eigenen Ansichten sind so außerordentlich liberal, daß ich glaube, ich bin selbst ein Radicaler. Ja. Wir sind ein Paar Radicale. Bitte, seien Sie nicht böse. Kommen Sie und sehen Sie sich diese reizenden Federzeichnungen an. Bitte, Sie lieber guter Gilmore!«

Während er auf diese Weise fortfaselte, faßte ich mich glücklicherweise für meine Selbstachtung wieder. Als ich wieder sprach, war ich ruhig genug, um seine Impertinenz mit der schweigenden Verachtung zu behandeln, welche ihr gebührte.

»Sie sind völlig im Irrthum,« sagte ich, »wenn Sie denken, daß es irgend ein Vorurtheil gegen Sir Percival Glyde ist, das mich so sprechen läßt. Was ich gesagt habe, würde auf jeden Mann, ob hoch oder niedrig, in seiner Lage anzuwenden sein. Falls Sie sich in der nächsten Stadt hier an den ersten besten respectablen Praktikanten wendeten, so würde er Ihnen, als Fremder, gerade dasselbe sagen, was ich Ihnen als Freund gesagt habe. Er würde Ihnen sagen, daß es gegen jede Regel ist, das Geld der Dame gänzlich dem Manne zu überlassen, der sie heiratet. Er würde, nach ganz gewöhnlicher juristischer Vorsicht, sich weigern, dem Manne ein Interesse von zwanzigtausend Pfund an dem Tode seiner Frau zu geben!«

»Wirklich, Gilmore?« sagte Mr. Fairlie. »Wenn er etwas nur halb so Abscheuliches sagte, so versichere ich Sie, daß ich Louis klingeln und ihn augenblicklich aus dem Hause werfen lassen würde.«

»Sie sollen mich nicht aufreizen, Mr. Fairlie – um Ihrer Nichte und um ihres Vaters willen sollen Sie mich nicht aufreizen. Sie sollen die ganze Verantwortlichkeit dieses schimpflichen Handels auf Ihre eigenen Schultern laden, ehe ich dies Zimmer verlasse.«

»Bitte, nein! – o bitte, nein!« sagte Mr. Fairlie. »Bedenken Sie, wie kostbar Ihre Zeit ist, Gilmore, und werfen Sie diese nicht fort. Sie wollen mich ärgern, sich selbst ärgern, Glyde ärgern und Laura ärgern und – mein Gott! das Alles um das allerunwahrscheinlichste Ereignis von der Welt. Nein, lieber Freund – um der Sache des Friedens und der Ruhe willen, entschieden Nein!«

»Ich soll also darunter verstehen, daß Sie bei dem Entschlusse bleiben, den Sie in Ihrem Briefe aussprechen?«

»Ja, bitte. Freut mich so sehr, daß wir einander endlich verstehen. Setzen Sie sich wieder – bitte!«

Ich ging sofort zur Thür, und Mr. Fairlie klingelte voll Ergebung mit seinem Handglöckchen. Ehe ich das Zimmer verließ, wandte ich mich um und redete ihn zum letzten Male an.

»Was sich auch immer in Zukunft ereignen möge, Sir,« sagte ich, »erinnern Sie sich wohl, daß ich meine Pflicht gethan, indem ich Sie gewarnt habe. Als treuer Freund und Diener Ihrer Familie sage ich Ihnen zum Abschied, daß, wenn ich eine Tochter hätte, sie sich nimmer mit einem Manne, wer er auch sei, unter solchen Bedingungen verheiraten sollte, wie Sie mich für Ihre Nichte zu machen zwingen.«

Die Thür öffnete sich hinter mir, und der Kammerdiener stand auf der Schwelle und wartete.

»Louis,« sagte Mr. Fairlie, »lasse Mr. Gilmore hinaus und komme dann wieder und halte mir die Mappe vor. »Lassen Sie sich unten ein gutes Frühstück geben, Gilmore.«

Ich war zu entrüstet, um noch etwas zu entgegnen, und ging daher schweigend hinaus. Es ging Nachmittags um zwei Uhr ein Zug nach London, und mit diesem Zuge kehrte ich zurück.

Am Dienstag sandte ich den veränderten Contract ein, welcher in Wirklichkeit gerade diejenigen Personen enterbte, welche Miß Fairlie mir mit eigenen Lippen als die von ihr gewünschten Erben bezeichnet hatte. Aber ich hatte keine Wahl. Hätte ich mich geweigert, den Contract aufzusetzen, so hätte ein anderer Advocat es gethan.

Meine Aufgabe ist zu Ende. Mein persönlicher Antheil an den Ereignissen in dieser Familiengeschichte erstreckt sich nicht weiter, als bis zu dem Punkte, den ich jetzt erreicht habe. Ich schließe diesen kurzen Bericht mit schwerem, kummervollem Herzen. Und mit schwerem, kummervollem Herzen wiederhole ich hier meine Abschiedsworte in Limmeridge House: wenn ich eine Tochter hätte, so sollte sie sich nimmer mit einem Manne, wer er auch sei, unter solchen Bedingungen verheiraten, wie ich für Laura Fairlie zu machen gezwungen war.

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