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Die Frau in Weiß ? Band I

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band I - Kapitel 12
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typefiction
authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band I
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXIII. Band
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X.

Es wurde sein Wort weiter von uns gesprochen, während wir nach dem Hause zurückgingen. Miß Halcombe eilte sofort auf ihrer Schwester Zimmer, und ich ging auf mein Atelier, um diejenigen von Mr. Fairlie's Zeichnungen, welche ich noch nicht aufgeklebt hatte, zu ordnen, ehe sie anderen Händen übergeben würden. Gedanken, die ich bisher unterdrückt hatte, Gedanken, die meine Stellung schwerer zu ertragen machten als je, drängten sich jetzt mir auf, da ich allein war.

Sie war verlobt, und ihr zukünftiger Gemahl war Sir Percival Glyde. Ein Mann im Range eines Baronets und Eigenthümer von Gütern in Hampshire.

Es waren Hunderte von Baronets in England und Dutzende von Güterbesitzern in Hampshire. Nach gewöhnlichen Beweisregeln hatte ich somit nicht den Schatten eines Grundes, um Sir Percival Glyde mit der verdächtigen Frage der Frau in Weiß in Verbindung zu bringen. Und dennoch brachte ich sie mit ihm in Verbindung, war es, weil er jetzt in meinen Gedanken mit Miß Fairlie in Verbindung stand und Miß Fairlie ihrerseits mit Anna Catherick seit jenem Abend, wo ich die unheildrohende Aehnlichkeit zwischen ihnen entdeckt hatte? Hatten die Ereignisse des Morgens bereits so sehr meine Nerven erschüttert, daß ich jeder Täuschung anheimfiel, welche ganz gewöhnliche Zufälle und Zusammentreffen in meiner Einbildungskraft hervorriefen? Ich kann es nicht sagen. Ich fühlte nur, daß das, was sich zwischen mir und Miß Halcombe auf unserem Heimwege zugetragen, mich ganz seltsam ergriffen hatte. Das Vorgefühl einer unentdeckbaren Gefahr, die für uns Alle in der Dunkelheit der Zukunft verborgen lag, regte sich stark in mir. Der Zweifel, ob ich nicht bereits ein Glied in der Kette von Ereignissen sei, die selbst meine herannahende Abreise von Cumberland nicht mehr zersprengen konnte, ob irgend Eins von uns das Ende sah, wie das Ende wirklich sein werde, gestaltete sich immer finsterer in meinem Geiste. So bitter und schneidend das Leiden auch war, das mir das kummervolle Ende meiner kurzen, verwegenen Liebe verursachte, so schien es abgestumpft und geschwächt durch die noch stärkere Ahnung von etwas Bevorstehendem, etwas unsichtbar Drohendem, das die Zeit über unseren Häuptern hielt.

Ich war etwas über eine halbe Stunde mit meinen Zeichnungen beschäftigt gewesen, als an meine Thür geklopft wurde. Auf meinen Ruf öffnete sich dieselbe und zu meinem Erstaunen trat Miß Halcombe in das Zimmer.

Ihr Auftreten war aufgebracht und erregt, sie ergriff einen Stuhl, ehe ich Zeit hatte, ihr einen zu reichen, und setzte sich dicht neben mich nieder.

»Mr. Hartright,« sagte sie, »ich hatte gehofft, daß für heute wenigstens alle unangenehmen Unterhaltungsgegenstände abgemacht seien. Aber es sollte nicht so sein. Es ist irgend eine versteckte Büberei im Werke, um meine Schwester über ihre herannahende Heirat zu ängstigen. Sie sahen mich den Gärtnerburschen mit einem Briefe, der in unbekannter Handschrift an Miß Fairlie adressirt war, in's Haus schicken?«

»Gewiß.«

»Jener Brief ist ein anonymer Brief – ein abscheulicher Versuch, Sir Percival Glyde in der Achtung meiner Schwester herabzusetzen. Derselbe hat sie so ergriffen und beunruhigt, daß es mir nur mit größter Mühe gelungen ist, sie hinlänglich zu besänftigen, daß ich ihr Zimmer verlassen und hieher kommen konnte. Ich weiß, daß dies eine Familienangelegenheit ist, über die ich Sie nicht zu Rathe ziehen sollte, und für die Sie weder Theilnahme noch Interesse fühlen können – «

»Ich bitte um Entschuldigung, Miß Halcombe. Ich fühle die allergrößte Theilnahme und das tiefste Interesse für Alles, was Miß Fairlie's Glück oder Ihr eigenes betrifft.«

»Es freut mich, Sie das sagen zu hören. Sie sind die einzige Person im Hause – und außerhalb desselben, die mir rathen kann. An Mr. Fairlie ist bei seinem Gesundheitszustande und seinem Abscheu gegen jede Art von Schwierigkeiten oder Geheimnis unnöthig zu denken. Der Geistliche ist ein guter, schwacher Mensch, der außer dem Einerlei seiner Amtspflichten von gar nichts weiß, und unsere Nachbarn sind gerade die Art von gemächlichen Alltagsbekanntschaften, die man in Zeiten der Sorge und Gefahr nicht bemühen darf. Was ich zu wissen wünsche, ist dies: soll ich sogleich diejenigen Schritte, die mir zu Gebote stehen, thun, um den Schreiber des Briefes zu entdecken? oder soll ich warten und mich morgen an Mr. Fairlie's Rechtsanwalt wenden? Es handelt sich um den Gewinn oder Verlust eines Tages, was vielleicht von großer Wichtigkeit ist. Sagen Sie mir, wie Sie darüber denken, Mr. Hartright. Hätte nicht die Nothwendigkeit mich bereits gezwungen, Sie unter sehr zarten Verhältnissen in mein Vertrauen zu ziehen, so wäre vielleicht selbst meine hilflose Lage keine Entschuldigung für mich. Aber wie die Sachen stehen, kann es doch gewiß nach Allem, was zwischen uns vorgegangen ist, nicht unrecht sein, zu vergessen, daß Sie erst seit drei Monaten unser Freund sind.«

Sie reichte mir den Brief. Derselbe begann plötzlich, ohne alle Einleitung oder Anrede, wie folgt:

»Glauben Sie an Träume? Ich hoffe es, um Ihrer selbst willen. Sehen Sie nach, was die heilige Schrift über Träume und deren Erfüllungen sagt (Erstes Buch Moses XL, V. 8; XLI, V. 25; Daniel IV, V. 18-25), und hören Sie die Warnung, die ich Ihnen sende, ehe es zu spät ist.

In letzter Nacht träumte mir von Ihnen, Miß Fairlie. Mir träumte, ich stände innerhalb des Altargitters einer Kirche, ich auf der einen Seite des Altars, und der Geistliche, in seinem Priestergewande und mit dem Gebetbuche in der Hand, auf der anderen.

Nach einer Weile kamen durch das Schiff der Kirche ein Mann und ein Weib auf uns zu, um getraut zu werden! Sie waren das Weib. Sie sahen in Ihrem weißseidenen Kleide und Ihrem langen Spitzenschleier so schön und unschuldig aus, daß mein Herz für Sie fühlte und mir Thränen in die Augen kamen.

Es waren Thränen des Mitleids, junge Dame, welche der Himmel segnet, und anstatt wie die alltäglichen Thränen, die wir Alle vergießen, aus meinen Augen zu fallen, wurden sie zu zwei Lichtstrahlen, die sich nach dem Manne hinzogen, der an Ihrer Seite am Altar stand, bis sie seine Brust berührten. Die beiden Strahlen standen in Bogen, wie zwei Regenbogen zwischen mir und ihm. Ich schaute an ihnen hin und blickte tief in sein innerstes Herz hinab.

Das Aeußere des Mannes, den Sie heirateten, war schön genug anzusehen. Er war weder groß noch klein – ein wenig unter mittlerer Größe. Ein gewandter, rüstiger, munterer Mann – dem Ansehen nach ungefähr fünfundvierzig Jahre alt. Er hatte ein bleiches Gesicht, war etwas kahl über der Stirn und den übrigen Theil seines Kopfes bedeckte dunkles Haar. Sein Kinn war ohne Bart, doch wuchs derselbe auf seinen Wangen und über seiner Oberlippe in einem schönen reichen Braun. Seine Augen waren ebenfalls braun und sehr lebhaft. Seine Nase gerade und schön und zart genug geformt für ein Weib. Seine Hände ebenso. Von Zeit zu Zeit wurde er von einem trockenen Husten gequält, und wenn er seine weiße rechte Hand zu seinen Lippen erhob, zeigte er auf der Rückseite derselben die rothe Narbe einer alten Wunde. Hat mir von dem rechten Manne geträumt? Sie wissen es am besten, Miß Fairlie. Lesen Sie jetzt, was ich unter der Außenseite sah – ich flehe Sie an, lesen Sie es und ziehen Sie Vortheil daraus.

Ich schaute an den beiden Lichtstrahlen hin und sah in sein innerstes Herz hinab. Und siehe! es war schwarz wie die Nacht und drin stand geschrieben mit den rothen, flammenden Buchstaben, welche da sind die Handschrift des gefallenen Engels: » Ohne Mitleid und ohne Reue. Er hat die Pfade Anderer mit Jammer und Elend bestreut und er wird den Pfad des Weibes an seiner Seite mit Jammer und Elend bestreuen.« Das las ich und dann bewegten sich die Lichtstrahlen von da fort und deuteten über seine Schultern hin und da, hinter Ihnen stand ein Engel, der weinte. Und die Lichtstrahlen veränderten zum dritten Male ihr Ziel und deuteten gerade zwischen Sie und jenen Mann. Sie dehnten sich auseinander, immer mehr auseinander und drängten Euch Beide voneinander. Und der Geistliche suchte vergebens nach dem Heiratsamte: es war aus seinem Buche verschwunden, und er schloß es und legte es in Verzweiflung von sich. Und ich erwachte mit thränenvollen Augen und klopfendem Herzen – denn ich glaube an Träume.

Glauben auch Sie, Miß Fairlie, – ich bitte Sie um Ihrer selbst willen, glauben Sie, wie ich glaube. Joseph und Daniel und Andere in der heiligen Schrift glaubten an Träume. Stellen Sie Erkundigungen über die Vergangenheit des Mannes mit der rothen Narbe auf der Hand an, ehe Sie das Wort sprechen, das Sie zu seinem elenden Weibe macht. Ich gebe Ihnen diese Warnung nicht um meinet-, sondern um Ihretwillen. Ich fühle ein Interesse für ihre Wohlfahrt, welches leben wird, solange ich athme. Die Tochter Ihrer Mutter hat einen weichen Platz in meinem Herzen – denn Ihre Mutter war meine erste, meine beste, meine einzige Freundin.«

Hier endete dieser seltsame Brief ohne irgend eine Unterschrift.

Die Handschrift bot keine Aussicht auf einen Schlüssel. Sie war in unsicheren, steifen Schönschreibebuchstaben auf blauen Linien geschrieben. Sie war matt und undeutlich und durch Flecken entstellt, aber hatte sonst nichts an sich, das sie auszeichnete.

»Das ist nicht der Brief eines ungebildeten Wesens,« sagte Miß Halcombe, »und zugleich ist er zu unzusammenhängend, um von einer gebildeten Frau aus den höheren Ständen geschrieben zu sein. Das Erwähnen des Brautkleides und Schleiers und andere kleine Ausdrücke scheinen das Schreiben als von einer Frau herrührend zu kennzeichnen, was denken Sie davon, Mr. Hartright?«

»Ich denke wie Sie. Es scheint mir nicht nur der Brief einer Frau zu sein, sondern auch einer Frau, deren Geist –«

»Gestört sein muß?« meinte Miß Halcombe. »Er ist mir in demselben Lichte aufgefallen.«

Ich antwortete nicht, während ich noch sprach, hatte mein Auge auf dem letzten Satze des Briefes geruht: »Die Tochter Ihrer Mutter hat einen weichen Platz in meinem Herzen – denn Ihre Mutter war meine erste, meine beste, meine einzige Freundin.« Diese Worte und der Zweifel, der mir soeben in Bezug auf den Gemüthszustand der Schreiberin des Briefes entschlüpft war, riefen, indem sie vereint auf meinen Geist einwirkten, einen Gedanken hervor, den auszusprechen oder auch nur im Geheimen zu hegen ich mich buchstäblich fürchtete. Ich begann zu zweifeln, ob nicht am Ende meine eigenen Geistesfähigkeiten ihr Gleichgewicht zu verlieren anfingen. Es schien fast wie eine Monomanie, jedes seltsame Ereignis, jedes unerwartete Wort derselben verborgenen Quelle, demselben finsteren Einflusse zuzuschreiben. Ich beschloß diesesmal zur Verteidigung meines eigenen Muthes und meiner eigenen Vernunft keine Entscheidung zu treffen, welche nicht deutlich durch die Thatsachen gerechtfertigt würde und fest Allem den Rücken zu wenden, das mich in der Gestalt von Vermuthungen in Versuchung führte.

»Falls wir irgendwie Aussicht haben, die Person aufzufinden, welche dies geschrieben hat,« sagte ich, indem ich Miß Halcombe den Brief zurückgab, »so kann es nicht schaden, wenn wir jede Gelegenheit ergreifen, sowie sie sich bietet. Ich bin der Ansicht, daß wir den Untergärtner noch einmal über die Frau, welche ihm den Brief gab, befragen und dann unsere Nachfragen im Dorfe fortsetzen sollten. Aber erst erlauben Sie mir eine Frage. Sie erwähnten soeben der Alternative, Mr. Fairlie's Rechtsanwalt morgen über die Sache zu Rathe zu ziehen. Ist es nicht möglich, ihn schon früher davon zu benachrichtigen? Warum nicht gleich heute?«

»Ich kann Ihnen dies nur erklären,« erwiderte Miß Halcombe, »indem ich in gewisse Einzelheiten in Bezug auf meiner Schwester Verlobung eingehe, welche zu erwähnen mir heute Morgen weder nothwendig noch wünschenswerth schien. Sir Percival Glyde's Zweck bei seinem Besuche hier am nächsten Montag ist, den Zeitpunkt seiner Vermählung festzusetzen, der bis jetzt völlig unbestimmt geblieben ist. Er wünscht sehr, daß dieselbe vor Ende des Jahres stattfinde.«

»Kennt Miß Fairlie diesen Wunsch?« fragte ich begierig.

»Sie hat keine Ahnung davon und nach dem, was sich zugetragen hat, werde ich nicht die Verantwortlichkeit übernehmen, sie darüber aufzuklären. Sir Percival hat seine Wünsche nur gegen Mr. Fairlie ausgesprochen, welcher mir selbst gesagt hat, daß er als Lauras Vormund bereit und erfreut sei, dieselben zu fördern. Er hat an Mr. Gilmore, den Geschäftsführer der Familie in London, geschrieben. Mr. Gilmore ist zufällig augenblicklich Geschäfte halber in Glasgow und in seiner Antwort hat er vorgeschlagen, auf seinem Rückwege nach London in Limmeridge House vorzusprechen. Er wird morgen ankommen und einige Tage da bleiben, um Sir Percival Zeit zu geben, seine Sache zu führen. Wenn ihm dies gelingt, so will Mr. Gilmore nach London zurückkehren und seine Instructionen in Bezug auf den Heiratscontract meiner Schwester mitnehmen. Jetzt begreifen Sie, Mr. Hartright, warum ich sage, daß wir bis morgen auf juristischen Rath warten müssen. Mr. Gilmore ist der alte, erprobte Freund und Rathgeber zweier Generationen von Fairlie's, und wir können ihm vertrauen wie sonst Niemanden.«

Der Heiratscontract! Der bloße Klang dieses einen Wortes durchdrang mich mit einer eifersüchtigen Verzweiflung, die Gift für meine höheren und besseren Gefühle war. Ich fing an – es ist schwer, dies zu bekennen, aber ich darf vom Anfang bis zum Ende der fürchterlichen Erzählung, zu der ich mich jetzt verpflichtet habe, nichts verschweigen – ich fing an, mit einer hassenswerthen Hoffnung an die unbestimmten Anklagen, welche der anonyme Brief gegen Sir Percival Glyde enthielt, zu denken. Wie wäre es, wenn jene wilden Beschuldigungen eine Grundlage von Wahrheit hätten? Wie wäre es, wenn diese Wahrheit bewiesen werden könnte, ehe die verderblichen Worte der Einwilligung gesprochen oder der Heiratscontract unterzeichnet würde?

Ich habe seitdem zu glauben versucht, daß die Gefühle, welche mich damals belebten, nur auf das reinste der Interessen von Miß Fairlie gerichtet waren. Aber es ist mir nie gelungen, mich so zu täuschen, daß ich es wirklich geglaubt hätte, und ich darf jetzt auch Andere darüber nicht in Ungewißheit lassen. Das Gefühl begann und endete mit einem unbekümmerten, rachesüchtigen, hoffnungslosen Hasse gegen den Mann, der sie heiraten wollte.

»Wenn wir etwas entdecken wollen,« sagte ich, unter dem neuen Einflusse sprechend, der mich jetzt leitete, »so dürfen wir keine Minute mehr unbenutzt verfließen lassen. Ich schlage noch einmal vor, daß wir zuerst den Gärtner zum zweiten Male befragen und dann unsere Nachforschungen im Dorfe fortsetzen.«

»Ich denke, ich kann Ihnen in beiden Fällen behilflich sein,« sagte Miß Halcombe aufstehend. »Lassen Sie uns sogleich gehen und zusammen Alles das thun, was uns das Beste erscheint und in unserer Macht liegt.«

Ich hatte meine Hand auf der Klinke der Thür, um letztere für sie zu öffnen – aber ich zögerte plötzlich, um eine wichtige Frage zu thun, ehe wir aufbrachen.

»Eine Stelle in dem anonymen Briefe,« sagte ich, »enthält genaue persönliche Beschreibungen. Sir Percival Glyde's Name wird nicht genannt, soviel ich weiß; können Sie mir sagen, ob jene Beschreibung auf ihn paßt?«

»Auf's Genaueste; sogar darin, daß sie ein Alter mit fünfundvierzig Jahren angibt –«

Fünfundvierzig, und sie war noch nicht einundzwanzig! Männer seines Alters heiraten alle Tage Mädchen in dem ihrigen, und die Erfahrungen haben jene Heiraten oft als die glücklichsten bezeichnet. Ich wußte dies – und dennoch fügte die Erwähnung seines Alters, als ich es mit dem ihrigen verglich, noch viel zu meinem blinden Hasse und Mißtrauen gegen ihn hinzu.

»Ganz genau,« fuhr Miß Halcombe fort, »selbst bis zur Narbe auf seiner rechten Hand, welche die Narbe einer Wunde ist, welche er vor Jahren auf seinen Reisen in Italien empfing. Es unterliegt keinem Zweifel, daß jede Eigentümlichkeit seiner äußeren Erscheinung dem Schreiber des Briefes genau bekannt ist.«

»Es wird sogar eines Hustens erwähnt, der ihn belästigt, wenn ich mich recht entsinne?«

»Ja, auch das hat seine Richtigkeit. Er selbst behandelt die Sache leicht, obgleich es seine Freunde zuweilen besorgt um ihn macht.«

»Ich setze voraus, man hat nie etwas gegen seinen Charakter gehört?«

»Mr. Hartright! Ich hoffe, Sie sind nicht so ungerecht, jenen schändlichen Brief auf sich einwirken zu lassen?«

Ich fühlte, wie das Blut mir in die Wangen drang, denn ich wußte, daß er allerdings auf mich eingewirkt hatte.

»Ich hoffe nicht,« entgegnete ich verwirrt; »vielleicht hatte ich kein Recht, eine solche Frage zu thun.«

»Es ist mir nicht unlieb, daß Sie sie thaten,« sagte sie, »denn es setzt mich in Stand, Sir Percivals Rufe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Weder ich noch meine ganze Familie, Mr. Hartright, haben je ein Wort gegen ihn auch nur flüstern hören. Er hat mit Erfolg zwei bestrittene Wahlen bestanden und ist unverletzt aus der Feuerprobe hervorgegangen. Ein Mann, der das in England kann, ist ein Mann, dessen Charakter sicher steht.«

Ich öffnete schweigend die Thür für sie und folgte ihr hinaus. Sie hatte mich nicht überzeugt, wäre ein Engel selbst vom Himmel herabgestiegen, um ihre Worte zu bestätigen, und hätte er vor meinen sterblichen Augen sein Buch geöffnet, er würde mich dennoch nicht überzeugt haben.

Wir fanden den Gärtner wie gewöhnlich bei der Arbeit. Keine von unseren Fragen konnte auch nur eine einzige Antwort aus der undurchdringlichen Dummheit des Burschen herausbringen. Die, welche ihm den Brief gegeben hatte, war eine ältliche Frau; sie hatte kein Wort mit ihm gesprochen und war sehr eilig südwärts davon gegangen. Das war Alles, was der Bursche uns sagen konnte.

Das Dorf lag südwärts vom Hause; folglich gingen wir dann ins Dorf.

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