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Die Frau in Weiß ? Band I

William Wilkie Collins: Die Frau in Weiß ? Band I - Kapitel 11
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typefiction
authorWilkie Collins<
titleDie Frau in Weiß ? Band I
publisherVerlag von Karl Prochaska
seriesSammlung Prochaska
volumeXIII. Band
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX.

Es war an einem Donnerstage in der Woche zu Ende des dritten Monats meines Aufenthaltes in Limmeridge House.

Als ich am Morgen zur gewöhnlichen Stunde in's Frühstückzimmer trat, war Miß Halcombe zum ersten Male, seit ich sie kannte, nicht an ihrem Platze am Tische.

Miß Fairlie war draußen auf dem Rasenplatze. Sie grüßte mich, kam aber nicht herein. Weder ihre Lippen noch die meinigen hatten ein einziges Wort fallen lassen, das uns hätte verlegen machen können – und doch ließ uns ein unausgesprochenes Gefühl der Verlegenheit gegenseitig die Gelegenheit vermeiden, miteinander allein zu sein. Sie wartete auf dem Rasenplatze und ich in der Frühstücksstube, bis Mrs. Vesey und Miß Halcombe eintraten. Wie schnell wäre ich noch vor vierzehn Tagen zu ihr hinaus gegangen! Wie herzlich würden wir damals uns die Hände gegeben haben und in unsere gewöhnliche Unterhaltung gefallen sein!

Nach wenigen Minuten kam Miß Halcombe herein. Sie sah nachdenklich aus und machte zerstreute Entschuldigungen, daß sie so spät komme.

»Ich wurde durch eine Berathung über häusliche Angelegenheiten, wegen welcher Mr. Fairlie mich zu sprechen wünschte, aufgehalten,« sagte sie. Miß Fairlie kam aus dem Garten herein, und wir boten einander den üblichen Morgengruß. Ihre Hand lag kälter denn je in der meinigen. Sie sah mich nicht an und war sehr bleich. Sogar Mrs. Vesey bemerkte dies, als sie einen Augenblick später in's Zimmer trat.

»Es wird wohl vom veränderten Winde kommen,« sagte die alte Dame. »Der Winter naht – ach ja, mein liebes Kind, bald wird er da sein!«

In ihrem Herzen und dem meinigen war er schon eingekehrt.

Unser Frühmahl – das sonst so voll fröhlicher Pläne für den Tag gewesen – ward kurz und still beendet. Miß Fairlie schien das Drückende der langen Pausen in der Unterhaltung zu fühlen und sah bittend ihre Schwester an, daß sie dieselben füllen möge. Endlich, nachdem sie ein- oder zweimal auf höchst uncharakteristische Weise angesetzt und wieder aufgehört hatte, begann Miß Halcombe:

»Ich habe deinen Onkel heute Morgen gesehen,« sagte sie. »Er ist der Ansicht, daß die dunkelblaue Stube hergerichtet werden soll, und er bestätigt, was ich dir sagte. Montag ist der Tag – nicht Dienstag.«

Während Miß Halcombe diese Worte sprach, blickte Miß Fairlie auf den Tisch herab. Ihre Finger bewegten sich zitternd unter den Krumen, die sie auf das Tischtuch gestreut hatte. Die Blässe ihrer Wangen zog sich bis in ihre Lippen hinein, und die Lippen selbst bebten sichtlich. Ich war nicht der Einzige, der dies bemerkte. Miß Halcombe sah es ebenfalls und ging uns sofort mit dem Beispiele des Aufstehens voran.

Mrs. Vesey und Miß Fairlie verließen zusammen das Zimmer. Die lieben, kummervollen blauen Augen schauten mich einen Augenblick an mit der in die Zukunft sehenden Trauer eines nahen, langen Lebewohls. Ich fühlte die schmerzvolle Antwort in meinem eigenen Herzen – es war ein Schmerz, der mir sagte, daß ich sie bald verlieren, aber selbst um des Verlustes willen, umso fester, umso unveränderlicher lieben würde.

Ich wandte mich dem Garten zu, als sich die Thür hinter ihr schloß. Miß Halcombe stand mit ihrem Hute in der Hand und ihrem Shawl über dem Arme neben dem großen Fenster, das in den Garten führte, und betrachtete mich aufmerksam.

»Haben Sie etwas Zeit übrig,« fragte sie, »ehe Sie Ihre Arbeit auf Ihrem Zimmer beginnen?«

»Gewiß, Miß Halcombe. Meine Zeit steht Ihnen ganz zu Diensten.«

»Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen allein sprechen, Mr. Hartright. Holen Sie Ihren Hut und kommen Sie mit mir in den Garten hinaus. Wir werden dort zu dieser Stunde des Morgens nicht leicht gestört werden.«

Als wir auf den Rasenplatz hinaustraten, ging einer der Gärtnerburschen – noch ein Knabe – mit einem Briefe in der Hand an uns vorbei und nach dem Hause zu. Miß Halcombe rief ihn an.

»Ist der Brief für mich?« fragte sie.

»Nein, Miß, er soll eben für Miß Fairlie sein,« antwortete der Bursche, den Brief hinhaltend.

Miß Halcombe nahm ihm den Brief ab und besah die Adresse.

»Eine fremde Hand,« sprach sie zu sich selbst. »Wer mag Lauras Correspondent nur sein? Wo hast du dies her?« fragte sie, zum Gärtnerburschen gewendet.

»Nun, Miß,« sagte der Bursche, »ich hab's eben von einer Frau,«

»Was für eine Frau?«

»Eine schon ziemlich alte Frau.«

»So, eine schon ziemlich alte Frau. Kennst du sie?«

»Ich müßte lügen, wenn ich sagen sollte, daß ich sie gekannt hätte.«

»In welcher Richtung ging sie fort?«

»Dahin,« sagte der Untergärtner, mit großer Kaltblütigkeit nach Süden deutend, indem er jenen ganzen Theil von England mit einer einzigen Schwenkung seines Armes bezeichnete.

»Sonderbar,« sagte Miß Halcombe, »ein Bettelbrief vermuthlich. Da,« fügte sie hinzu, als sie dem Burschen den Brief zurückgab, »trage ihn in's Haus und gib ihn an einen der Diener ab. Und jetzt, Mr. Hartright, falls Sie nichts dawider haben, wollen wir diesen Weg nehmen.«

Sie führte mich über den Rasenplatz und denselben Pfad entlang, den wir am Tage meiner Ankunft in Limmeridge eingeschlagen hatten. Bei dem kleinen Lusthause, in dem Laura Fairlie und ich einander zum ersten Male gesehen hatten, stand sie still und brach das Schweigen, das sie, während wir zusammen gingen, beobachtet hatte.

»Was ich Ihnen zu sagen habe, kann ich Ihnen hier sagen.«

Mit diesen Worten trat sie in das Lusthäuschen, setzte sich auf einen der Stühle, die an dem kleinen runden Tische standen, und machte mir ein Zeichen, den anderen zu nehmen. Ich hatte von dem, was kommen sollte, eine Ahnung gehabt, als sie im Frühstückzimmer zu mir sprach; jetzt war ich dessen gewiß.

»Mr. Hartright,« sagte sie, »ich werde mit einem offenen Geständnisse anfangen. Ich werde – ohne Redensarten, die ich verabscheue, oder Complimente, die ich verachte – Ihnen sagen, daß ich im Verlaufe Ihres Aufenthaltes unter uns eine große freundschaftliche Achtung für Sie gefaßt habe. Ihr Betragen gegen jenes unglückliche Frauenzimmer, dem Sie unter so eigenthümlichen Umständen begegneten, nahm mich gleich zu Anfang zu Ihren Gunsten ein. Die Art und Weise, wie Sie in der Sache verfuhren, mag nicht vorsichtig gewesen sein; aber sie bewies die Selbstbeherrschung, das Zartgefühl und das Mitleid eines Mannes, der von Natur ein Gentleman ist. Ich erwartete demnach nur Gutes von Ihnen, und Sie haben meine Erwartungen nicht getäuscht.«

Sie hielt inne – machte jedoch ein Zeichen mit der Hand, um mir anzudeuten, daß sie keine Antwort von mir erwartete, ehe sie fortführe. Als ich das Lusthäuschen betrat, war kein Gedanke an die Frau in Weiß in meinem Herzen gewesen. Jetzt aber riefen Miß Halcombe's Worte ihn in mein Gedächtnis zurück. Dort blieb er, während der ganzen Unterhaltung – er blieb und zwar nicht ohne Erfolg.

»Als Ihre Freundin,« fuhr sie fort, »werde ich Ihnen sofort auf meine offene, deutliche Weise geradezu sagen, daß ich ihr Geheimnis entdeckt habe – ohne irgend eine Hilfe oder einen Wink, merken Sie wohl auf, von einem anderen Wesen. Mr. Hartright, Sie haben, wie ich fürchte, sorgloserweise eine ernste, tiefe Zuneigung zu meiner Schwester Laura gefaßt. Ich mache Ihnen nicht den Schmerz, in viel Worten ein Bekenntnis darüber von Ihnen zu verlangen, weil ich weiß, daß Sie zu redlich sind, um es zu leugnen. Ich tadle Sie nicht einmal – nein, ich fühle bloß Mitleid mit Ihnen, weil Sie eine hoffnungslose Liebe in Ihr Herz eingelassen haben. Sie haben nicht versteckt gehandelt, haben nicht im Geheimen mit meiner Schwester gesprochen. Sie haben sich der Schwäche und der unbewußten Verabsäumung Ihrer eigenen Interessen schuldig gemacht, aber weiter nichts. Hätten Sie in irgend einer Hinsicht weniger zartfühlend und weniger bescheiden gehandelt, so hätte ich Ihnen, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern oder irgend Jemand zu Rathe zu ziehen, gesagt, das Haus zu verlassen. So nun klage ich nur das Mißgeschick Ihrer Jahre und Ihrer Stellung an, nicht Sie. Geben Sie mir die Hand – ich habe Ihnen Schmerz verursacht; ich werde Ihnen noch mehr Schmerz verursachen müssen – es ist nicht zu ändern, aber – geben Sie Ihrer Freundin Marianne Halcombe erst die Hand!«

Diese plötzliche Güte, diese warme, hochherzige, furchtlose Theilnahme, mit der sie mir so barmherzigerweise auf dem Fuße der Gleichheit entgegen kam und welche mit so zarter, großmüthiger Offenheit gerade zu meinem Herzen, meiner Ehre, meinem Muthe sprachen, überwältigte mich einen Augenblick. Ich versuchte sie anzusehen, als sie meine Hand nahm, aber mein Blick war unklar. Ich versuchte, ihr zu danken, aber die Stimme versagte mir.«

»Hören Sie mich an,« sagte sie und wandte sich rücksichtsvoll ab, um nicht zu sehen, wie sehr ich meine Fassung verloren hatte. »Hören Sie mich an und lassen Sie uns gleich mit der Sache zu Ende kommen. Es ist mir eine wirkliche, wahre Erleichterung, daß ich in dem, was ich sagen muß, die Frage in Bezug auf gesellschaftliche Ungleichheit nicht zu berühren brauche. Umstände, welche Sie bis in's Innerste verletzen werden, ersparen mir die bittere Nothwendigkeit, einem Manne, der in freundschaftlicher Vertraulichkeit mit mir gelebt hat, durch irgend eine demüthigende Hindeutung auf Dinge, die Rang und Stellung betreffen, noch mehr Schmerz zu machen. Sie müssen Limmeridge House verlassen, Mr. Hartright, ehe noch mehr Unglück geschieht. Es ist meine Pflicht, Ihnen das zu sagen, und es würde in ganz derselben ernsten Nothwendigkeit nicht minder meine Pflicht sein, es Ihnen zu sagen, wenn Sie auch der Repräsentant der ältesten und begütertsten Familie in England wären. Sie müssen uns verlassen, nicht weil Sie ein Zeichenlehrer sind –« sie hielt einen Augenblick inne; dann wandte sie ihr Gesicht gerade zu mir und legte, über den Tisch reichend, ihre Hand fest auf meinen Arm.

»Nicht, weil Sie ein Zeichenlehrer sind,« wiederholte sie, »sondern weil Laura Fairlie – verlobt ist.«

Das Wort fuhr mir wie eine Kugel durch das Herz. Mein Arm fühlte die Hand nicht mehr, welche ihn gefaßt hielt. Ich rührte mich nicht, ich sprach nicht. Der rauhe Herbstwind, welcher die trockenen Blätter zu unseren Füßen umherstreute, durchfuhr mich plötzlich so kalt, als ob meine tollen Hoffnungen ebenfalls vertrocknete Blätter gewesen wären, wie sie von dem Winde dahin geweht würden. Hoffnungen! Verlobt oder nicht – war sie nicht mir gleich fern? Hätten andere Männer an meiner Stelle daran gedacht? Nicht, wenn sie dieselbe geliebt hätten, wie ich sie liebte.

Der heftige Schmerz war vorüber und ließ nichts als ein dumpfes schweres Weh zurück. Ich fühlte wie Miß Halcombe's Hand meinen Arm fester faßte –, ich erhob den Kopf und sah sie an. Ihre großen schwarzen Augen waren auf mich geheftet und beobachteten die Blässe meines Gesichtes, die ich fühlte und die sie sah.

»Ueberwinden Sie es!« sagte sie. »Hier, wo Sie sie zuerst sahen, auf der Stelle überwinden Sie es! Beben Sie nicht wie ein Weib davor zurück. Reißen Sie es sich aus der Brust und zertreten Sie es wie ein Mann!«

Die unterdrückte Heftigkeit, mit der sie sprach, die Kraft ihres Willens – die sich in dem Blicke, den sie auf mich heftete, und in dem Griffe ihrer Hand, welche sie noch nicht von meinem Arme fortgenommen, aussprach – theilten sich endlich mit mir und machten mich ruhiger. Wir warteten Beide einen Augenblick in Stillschweigen. Nach Verlauf desselben hatte ich ihr großmüthiges Vertrauen auf meine Mannhaftigkeit gerechtfertigt und wenigstens äußerlich meine Fassung wiedergewonnen.

»Haben Sie sich gefaßt?«

»Hinreichend gefaßt, Miß Halcombe, um Sie Beide um Vergebung zu bitten. Hinreichend, um mich von Ihrem Rathe leiten zu lassen und Ihnen dadurch meine Dankbarkeit zu beweisen, die ich Ihnen auf keine andere Art beweisen kann.«

»Sie haben sie schon mit diesen Worten bewiesen,« entgegnete sie. »Mr. Hartright, alle Verheimlichung ist zwischen uns zu Ende. Ich kann es nicht über mich gewinnen, gegen mein Gefühl Ihnen zu verbergen, was meine Schwester mir unbewußterweise verrathen hat. Sie müssen uns sowohl um meiner Schwester willen, als um Ihrer selbst willen verlassen. Ihre Anwesenheit hier, Ihre nothwendige Vertraulichkeit, so harmlos dieselbe in jeder anderen Hinsicht auch war, Gott weiß es, hat sie unruhig und elend gemacht. Ich, die ich sie mehr liebe als mein Leben – ich, die ich an ihre reine, edle unschuldige Natur glaube wie an meine Religion – kenne nur zu wohl das heimliche Elend das sie durch ihre Selbstvorwürfe gelitten, seit der erste Schatten eines mit ihrer Verlobung unvereinbaren Gefühles sich gegen ihren Willen in ihr Herz schlich. Ich sage nicht – nach dem, was sich zugetragen, wäre es unnütz, dies zu sagen – daß ihre Verlobung jemals ihre ganze Zuneigung hatte. Es ist eine Sache der Ehre, nicht der Liebe – ihr Vater bestätigte sie vor zwei Jahren auf seinem Sterbelager – sie selbst wünschte sie weder, noch bebte sie davor zurück – sie war darein ergeben. Bis Sie hierher kamen, war sie in der Lage von Hunderten von anderen Frauen, die Männer heirateten, ohne sich besonders zu ihnen hingezogen oder von ihnen abgestoßen zu fühlen, und die anstatt vor der Heirat nach der Heirat sie lieben lernen (wenn sie dieselben nicht hassen lernen!). Ich hoffe inniger, als ich es mit Worten sagen kann – und Sie sollten den selbstverleugnenden Muth haben, dies ebenfalls zu hoffen – daß die neuen Gedanken und Gefühle, welche die alte Ruhe und Zufriedenheit unterbrochen haben, nicht zu tief Wurzel gefaßt haben mögen, um sich wieder ausreißen zu lassen. Ihre Abwesenheit (hätte ich weniger Glauben an Ihre Ehre, Ihren Muth und Ihr gutes Urtheil, so würde ich Ihnen nicht vertrauen, wie ich es jetzt thue) – Ihre Abwesenheit wird meine Bemühungen unterstützen, und die Zeit wird uns allen Dreien helfen.«

»Es ist immer schon etwas, zu wissen, daß mein Vertrauen zu Ihnen kein übel angebrachtes war; daß Sie nicht weniger redlich, weniger ehrenhaft, weniger rücksichtsvoll gegen die Schülerin sein werden, deren Stellung Sie das Unglück hatten zu vergessen, als gegen die Fremde, Unglückliche, die nicht umsonst Ihre Hilfe anrief.«

Noch einmal diese zufällige Anspielung auf die Frau in Weiß! War es denn unmöglich, von Miß Fairlie und von mir zu sprechen, ohne die Erinnerung an Anna Catherick hervorzurufen und sie zwischen uns zu stellen wie ein Verhängnis, dem nicht auszuweichen war?

»Sagen Sie mir, welche Entschuldigung ich Mr. Fairlie gegenüber machen kann, indem ich meinen Contract mit ihm breche,« sagte ich. »Sagen Sie mir, wann ich gehen soll, sobald sie angenommen ist. Ich verspreche, Ihnen und Ihrem Rathe unbedingt zu folgen.«

»Die Zeit ist in jeder Beziehung von Wichtigkeit,« entgegnete sie. »Sie hörten, wie ich heute Morgen vom nächsten Montag und der Notwendigkeit sprach, das dunkelblaue Zimmer herzurichten. Der Besuch, den wir am Montag erwarten –«

Ich konnte nicht warten, bis sie sich deutlicher ausdrückte. Nach dem, was ich jetzt wußte, sagten mir Miß Fairlie's Blicke und Manieren beim Frühstück, daß der in Limmeridge House erwartete Gast ihr zukünftiger Gemahl sei. Ich versuchte es zu unterdrücken, aber es erhob sich in dem Augenblicke etwas in mir, das stärker war als mein Wille, und ich unterbrach Miß Halcombe.

»Lassen Sie mich schon heute gehen,« sagte ich bitter. »Je eher, desto besser.«

»Nein, nicht heute,« erwiderte sie. »Der einzige Grund, den Sie Mr. Fairlie für Ihre Abreise vor Ablauf Ihres Contractes angeben können, muß der sein, daß eine unvorhergesehene Notwendigkeit Sie zwingt, ihn um seine Erlaubnis zu bitten, sofort nach London zurückkehren zu dürfen. Sie müssen bis morgen warten, um ihm dies zur Zeit zu sagen, wo die Briefe ankommen, weil er dann diese plötzliche Veränderung Ihrer Pläne verstehen wird, indem er sie mit der Ankunft eines Briefes für Sie aus London in Beziehung bringt. Es ist jämmerlich und widerlich, sich zur Täuschung herablassen zu müssen, selbst wenn dieselbe von der harmlosesten Art ist; aber ich kenne Mr. Fairlie, und falls Sie einmal seinen Verdacht erregen, daß Sie keinen ernstlichen Grund haben, so wird er sich weigern, Sie fortzulassen. Sprechen Sie am Freitag Morgen mit ihm und beschäftigen Sie sich dann mit Ihrer Arbeit für Mr. Fairlie, um sie (um Ihres eigenen Interesses willen) in ihrem unvollendeten Zustande doch in möglichster Ordnung zurückzulassen, und verlassen Sie diesen Ort dann am Sonnabend. Es wird dann für Sie und für uns Alle noch Zeit genug sein, Mr. Hartright.«

Ehe ich ihr noch antworten konnte, daß sie sich darauf verlassen möge, daß ich unbedingt nach ihren Wünschen und Anordnungen handeln werde, wurden wir Beide durch herannahende Schritte aufmerksam gemacht. Es kam Jemand vom Hause her, um uns zu suchen. Ich fühlte, wie das Blut mir in die Wangen schoß und dann sie wieder verließ. Konnte die dritte Person, die zu solcher Zeit und unter solchen Umständen uns aufsuchte, Miß Fairlie sein?

Es war mir eine Erleichterung – so traurig und so hoffnungslos war meine Stellung ihr gegenüber bereits geworden – es war mir eine förmliche Erleichterung, als die Person, deren Schritte uns gestört hatten, am Eingangs des Lusthäuschens stand und sich als Miß Fairlie's Kammermädchen auswies.

»Könnte ich wohl einen Augenblick mit Ihnen sprechen, Miß?« sagte das Mädchen etwas eilig und unruhig.

Miß Halcombe stieg die Stufen hinab und ging ein paar Schritte mit ihr in das Gehölz hinein.

Da ich allein war, wandten sich meine Gedanken mit einem Gefühle der Verlassenheit, das zu beschreiben ich keine Worte finde, meiner herannahenden Rückkehr zur Einsamkeit meiner Wohnung in London zu. Gedanken an meine liebe, alte Mutter und an meine Schwester, die sich mit ihr so sehr über meine Aussichten in Cumberland gefreut hatte, Gedanken, deren lange Verbannung aus meinem Herzen ich mir jetzt zum ersten Male zu meiner Schande und meinem Vorwurfe vergegenwärtigte, kehrten mir mit jener zärtlichen Traurigkeit alter vernachlässigter Freunde zurück. Was sollten die Gefühle meiner Mutter und Schwester sein, wenn ich mit dem Bekenntnisse meines elenden Geheimnisses vor Ablauf meines Contractes zurückkehrte – nachdem sie so hoffnungsvoll an jenem Abend im Häuschen zu Hampstead Abschied von mir genommen hatten.

Wieder Anna Catherick! Selbst die Erinnerung an jenen Abschiedsabend bei meiner Mutter und Schwester mußte sich mit jener an den Gang im Mondenscheine nach London vermischen, was sollte es bedeuten?

Sollten jene Frau und ich einander noch einmal begegnen? Es war wenigstens möglich. Wußte sie, daß ich in London wohnte? Ja, ich hatte es ihr entweder vor oder nach jener sonderbaren Frage gesagt, ob ich viele Leute kenne, die den Rang eines Baronets hätten. Entweder vorher oder nachher, mein Geist war in diesem Augenblicke nicht klar genug, um sich dessen mit Bestimmtheit zu entsinnen.

Es vergingen einige Minuten, ehe Miß Halcombe das Kammermädchen zurückschickte und dann zu mir zurückkehrte. Auch sie sah jetzt unruhig aus.

»Wir sind jetzt über Alles, was nothwendig war, einig, Mr. Hartright,« sagte sie. »Wir haben einander verstanden, wie Freunde einander verstehen sollten, und können jetzt zum Hause zurückkehren. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, so bin ich um Laura beunruhigt. Sie hat mir sagen lassen, daß sie mich augenblicklich zu sprechen wünscht, und ihr Kammermädchen sagt, daß sie anscheinend außerordentlich ergriffen sei von einem Briefe, den sie diesen Morgen erhalten hat, derselbe Brief wahrscheinlich, den ich in's Haus schickte, als wir hieher gingen.«

Wir gingen eilends durch das Gebüsch zurück. Obgleich Miß Halcombe Alles gesagt hatte, was sie ihrerseits zu sagen wünschte, so hatte ich nicht Alles von meiner Seite gesagt, von dem Augenblicke an, wo ich entdeckte, daß der in Limmeridge House erwartete Gast Miß Fairlie's zukünftiger Gemahl sei, fühlte ich eine bittere Neugierde, eine brennende, neidische Begier, zu wissen, wer er sei. Es war möglich, daß sich nicht leicht eine zweite Gelegenheit zu einer solchen Frage bieten würde, und ich wagte daher, sie auf unserem Rückwege nach dem Hause zu thun.

»Jetzt, da Sie so gut sind, zu sagen, daß wir einander verstanden haben, Miß Halcombe,« sagte ich, »jetzt, da Sie meiner Dankbarkeit, meiner Entsagung und meines Gehorsams gewiß sind, darf ich es wagen, Sie zu fragen, wer« – ich zögerte; ich hatte mich gezwungen, an ihn als ihren zukünftigen Gemahl zu denken, aber als solchen von ihm zu sprechen, war noch weit schwerer – »wer der Herr ist, mit dem Miß Fairlie sich verlobt hat?«

Sie war offenbar mit der Botschaft beschäftigt, die man ihr von ihrer Schwester gebracht hatte. Sie antwortete hastig und zerstreut:

»Ein Herr mit großem Vermögen in Hampshire.«

Hampshire! Anna Catherick's Heimat. Wieder und immer wieder die Frau in Weiß. Es mußte ein Verhängnis darin sein.

»Und sein Name?« sagte ich so ruhig und gleichgiltig, wie es mir möglich war.

»Sir Percival Glyde.«

Sir – Sir Percival Glyde! Anna Chatherick's Frage, jene verdächtige Frage über Leute im Rang von Baronets, die ich etwa kannte, war kaum durch Miß Halcombe's Rückkehr in's Lusthäuschen aus meiner Erinnerung verwischt worden, als sie dieselbe durch ihre Antwort schon wieder hervorrief. Ich stand plötzlich stille und sah sie an »Sir Percival Glyde,« wiederholte sie, in der Vermuthung, daß ich sie nicht verstanden.

»Ritter oder Baronet?« fragte ich mit einer Aufregung, die ich nicht länger bemeistern konnte.

Sie schwieg einen Augenblick und entgegnete dann ziemlich kalt:

»Baronet, natürlich.«

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