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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 9
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Achtes Kapitel.

In der Fleetstraße bestiegen wir wieder unsere Droschke, um bei den verschiedenen Versicherungsgesellschaften vorzusprechen, die bei dem Einbruch in der Villa Rabenhorst in Mitleidenschaft gezogen waren. Es erwies sich, daß das eine bloße Formsache war. In jedem Falle wurde der Vorfall notiert, und es hieß, daß man eine Untersuchung einleiten würde. Damit war die Sache erledigt, wie mir schien, auf eine sehr einfache Weise.

Eine solche Versicherung ist doch eine feine Sache, sagte ich mir, und es ist nur schade, daß Herr Goliby nicht einen höheren Betrag versichert hat.

Daraus ist zu ersehen, daß ich um jene Zeit von dem Geschäftsbetrieb in der City noch gar manches zu lernen hatte und daß Herr Goliby den Mund nicht zu voll genommen, als er behauptete, ich müsse noch alles lernen.

Plötzlich überraschte mich Herr Goliby durch eine Frage.

Was meinen Sie, sagte er, wenn wir Ihren Freund Hamilton aufsuchen würden? Er wird sich gewiß für diese Sache interessieren. Sie selbst werden ihm ohne Zweifel gerne von den Vorfällen Mitteilung machen, die sich trotz unserer Vorsichtsmaßregeln zugetragen haben.

Mit beiden Händen griff ich nach seinem Vorschlage.

Nichts lieber als das, Herr Goliby, erwiderte ich.

In der nächsten Minute schlug unsere Droschke die Richtung nach dem Temple ein.

Als wir in Richards Büro eintraten, erfuhren wir, daß er ausgegangen sei.

Er hat eine Verhandlung, meldete uns ein Schreiber. Sie werden ihn im Justizpalast, Kings Bench, Saal sieben finden.

Da wir unsere Droschke schon entlassen hatten, begaben wir uns zu Fuß dorthin. In einem Korridor begegneten wir Richard. Er ging in ernstem Gespräch mit einem Herrn, offenbar seinem Klienten, den mit Steinfließen belegten Gang auf und ab. Zuerst bemerkte er uns gar nicht. Als er uns aber endlich erblickte, blieb er erstaunt stehen und sagte:

Ich habe nur noch einige Minuten zu tun. Wollen Sie solange warten? – Dann nahm er seinen gemessenen Gang, den Korridor entlang, wieder auf.

Wir brauchten nicht lange auf ihn zu warten. Es vergingen nur einige Minuten, bis er auf uns zugeeilt kam.

Wie geht es Ihnen, Herr Goliby? fragte er in seiner frischen Art. Und dir, Teddy? Tut mir leid, daß ich Sie warten lassen mußte – ein Klient – war nichts zu machen. Aber der Fall ist auf morgen vertagt worden. Daher bin ich für den Rest des Tages frei. Kommen Sie mit zu mir, damit ich diese Robe und Perücke loswerden kann. Du siehst ja so ernsthaft drein, wie eine Eule, Ted. Dachte, du seiest schon unterwegs nach Paris, was passiert? Papiere gemaust?

Da hast du es getroffen, erwiderte ich und wandte mich um eine Bestätigung meiner Aussage an Herrn Goliby.

Allerdings, sagte er, leider haben Sie es getroffen.

Was? Unmöglich! rief Richard aus und starrte uns fassungslos an. Die Papiere sind gestohlen worden? Verschwunden?

Aus dem großen Geldschrank heute nacht. Jawohl!

Großer Gott! Wie ist denn das möglich, wenn du außerdem in dem Zimmer warst?

Ich weiß nicht, wir wollen zuerst in dein Büro gehen. Dann sollst du alles hören.

Wir waren nun auf dem Strand. Fünf Minuten später saßen wir alle drei in Richards Privatbüro.

Das ist, wie mir scheint, schon eine ganz ungewöhnlich verflixte Geschichte, sagte Richard. Und nun, heraus damit!

Ich berichtete ihm alle Ereignisse des vorhergehenden Tages, wobei ich auch nicht den geringsten Vorfall wegließ. Eine Zeitlang hörte Richard mit unbeweglicher Miene zu, dann bemerkte ich, wie er die Augenbrauen zusammenzog und seine Augenlider nervös zu zwinkern begannen, und bevor ich noch geendet hatte, war er aufs höchste bestürzt.

Das ist ja eine ganz unerhörte Einbrecherleistung, sagte er schließlich, die eine Erklärung fordert. Ich vermute, daß sie die Polizei ratlos machen wird. Und Sie, Herr Goliby, bestätigen alles, was mein Freund gesagt hat?

Gewiß. Ich habe gesehen, daß die Papiere in den Schrank gelegt wurden, ich habe die elektrische Verbindung selbst hergestellt und, wenn ich mich nicht täusche, auch die Türe selber zugemacht. Um diese Zeit waren die Papiere im Schrank. Da heute morgen die Zeit drängte, und Herr Lart noch nicht ganz angekleidet war, schloß ich auch den Schrank selber auf und entdeckte, daß die Papiere verschwunden waren.

Jawohl, versetzte Richard, so daß Sie meinen Freund auf keine Weise tadeln, noch ihn irgendwelches Mangels an Vorsicht bezichtigen?

Fällt mir nicht ein, entgegnete Herr Goliby ernst. Ganz im Gegenteil. Ich bin der Ansicht, daß er gestern jede Vorsichtsmaßregel ergriffen hat, und ich muß auch Ihnen, Herr Hamilton, dafür danken, daß Sie sich darum bemüht haben.

Oh, bitte sehr, meinte Richard lebhaft, Lart war, wie es scheint, von irgend einem verdächtigen Individuum verfolgt worden und darüber in der größten Angst. Er hatte noch nie die Verantwortung über eine so große Summe gehabt, wie Sie wissen, und das machte ihn nervös.

Das verstehe ich, erwiderte Herr Goliby. Sie haben nicht etwa zufällig diesen – hm – dieses verdächtige Individuum gesehen, Herr Hamilton?

Ich? Nein, leider nein. Ich wollte, ich hätte es gesehen. Ich besitze ein etwas energischeres Temperament als mein Freund hier. Ich wäre wie ein Blitz hinter dem Manne her, hätte ihn beim Kragen gepackt und ihn um sein Begehr gefragt. Ich glaube indes, um der Wahrheit die Ehre zu geben, daß Larts Befürchtungen etwas übertrieben waren. Um ihn jedoch von seinen Sorgen zu befreien und da ich wußte, daß die Straßen zu Ihnen hinaus ein wenig einsam sind, hielt ich es für besser, ihn nach Hause zu begleiten.

Ich kann nur wiederholen, daß dies von Ihnen, Herr Hamilton, sehr liebenswürdig war, versetzte Goliby, und ich möchte mich nochmals herzlich bei Ihnen dafür bedanken. Und nun, Herr Hamilton, Sie sind ein sehr heller Kopf. Können Sie mir in dieser Sache irgend einen Rat erteilen? Glauben Sie, daß die Versicherungsgesellschaften irgend welche Schwierigkeiten machen werden?

Das ist sehr wohl möglich, antwortete Richard. Es ist noch nie vorgekommen, daß Einbrecher aus einem so hervorragenden Geldschrank, wie der Ihrige ist, 20 000 Pfund geraubt haben, ohne dabei Dynamit oder Brechstangen zu benützen oder die Schlösser in irgend einer Weise zu beschädigen. Und dann, wie ist denn das mit den elektrischen Klingeln möglich? Sie haben versagt, während es den Anschein hat, daß sie ihre Pflicht getreulich erfüllten, als Sie heute morgen den Schrank geöffnet haben. Dieser Umstand wird sicherlich eine sehr genaue Untersuchung notwendig machen.

Allerdings, allerdings, bemerkte Herr Goliby und schüttelte dabei den Kopf. Es ist für mich eine höchst unglückliche Geschichte, aber ich glaube nicht, daß ich augenblicklich irgend etwas weiteres in dieser Angelegenheit tun kann. Die Nummern der gestohlenen Papiere sind jetzt in Paris bereits bekannt.

Und der Dieb auf dem Wege dorthin begriffen, sagte Richard. Sollte nicht die französische Polizei unverzüglich von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt werden? Der Dieb könnte, wenn er der Polizei bekannt wäre, am Nordbahnhofe oder schon in Amiens als verdächtig verhaftet werden. Dazu ist noch reichlich Zeit vorhanden.

Dieser Vorschlag schien Herrn Goliby einzuleuchten.

Eine ausgezeichnete Idee, sagte er und erhob sich. Ich werde sofort umkehren und sie verwirklichen. Wenn Sie Lust haben, Herr Lart, so können Sie bei Ihrem Freunde bleiben. Ich danke Ihnen bestens, Herr Hamilton. Sie haben mir einen vorzüglichen Rat gegeben. Ich würde mich sehr geschmeichelt fühlen, wenn Sie mir einmal abends die Freude machen würden, mit uns – Herrn Lart, mir und einigen Freunden – in aller Einfachheit zu Abend zu speisen, wir führen ein bürgerliches Leben in der Villa Rabenhorst.

Richard wechselte rasch einen bedeutsamen Blick mit mir und nahm die Einladung an.

Im nächsten Augenblick waren wir zwei allein und schauten einander an.

Was hältst du von dieser Geschichte? fragte er mich.

Ich habe mir überhaupt noch keine Meinung darüber bilden können, erwiderte ich. Es ist ganz im Einklang mit allem anderen, was in diesem geheimnisvollen Hause vorfällt.

Wornach hat denn das Zeug geschmeckt?

Den Geruch im Zimmer meinst du wohl?

Jawohl.

Ich weiß nicht. Es war kein Rosenöl. Etwas Säuerliches.

Hm. Glaubst du, daß es das war, was dich bewußtlos machte?

Ich habe wenigstens den Eindruck.

Wo war der zweite Schlüssel? Unter deinem Kissen?

Sogar unter dem Kopfpolster. Ich merke schon, wie du dir die Sache zurechtlegst, aber ich kann einen Eid darauf tun, daß er nicht von seinem Platze entfernt worden ist.

Glaubst du also, daß es wirklich ein Einbruchsdiebstahl war?

Gewiß, was denn sonst?

Er zuckte die Achseln und überlegte einen Augenblick.

Vielleicht bietet das eine Erklärung für Le Noirs Anwesenheit in London, meinte er zuletzt. Möglicherweise hat er die Gauner in Paris belauscht, als sie das Komplott geschmiedet haben. Nicht übel, wenn Goliby den Le Noir für den Einbrecher hält! Köstlich! Warte nur, wir werden binnen Kurzem noch etwas von diesem Herrn hören. Offenbar hat Le Noir dich im Verdacht. Aber du brauchst nichts zu befürchten, alter Junge! Meine Hand drauf, das Haus ist wirklich voller Geheimnisse, wie du sagtest. Sonst noch etwas von dem Zauberweibe gesehen?

Jawohl.

Im Ernste?

Völlig.

Wo? Wieder in deinem Zimmer?

Nein. An einem Fenster eines ganz anderen Hauses in der Nachbarschaft.

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und starrte mich in großer Bestürzung an.

Ted, sagte er sodann, wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, was ich gesehen habe, so würde ich sagen, du seiest reif für eine Anstalt. Ein schrecklicher Gedanke ist mir schon gekommen: sind wir beide vielleicht nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen?

Das weiß der Himmel allein, erwiderte ich in ganz verzweifeltem Tone.

Das indes ist absurd, wie der Schrecken unserer Schultage, Euklid, zu sagen pflegt. Und was das unheimlich bezaubernde Weib anlangt, so bin ich mit Neugierde vollgepfropft. Du hast sie am Fenster eines benachbarten Hauses gesehen, sagst du?

So deutlich, als ich dich je gesehen habe.

Ei was! Wo liegt denn dieses Haus?

In einer benachbarten Straße –

Die durch Gärten und Mauern und dergleichen von euch getrennt ist?

Jawohl. Sie steht ganz allein mitten in einem Garten.

Richard schüttelte ungläubig den Kopf und stellte die unerwartete Frage an mich:

Meinst du nicht, es wäre besser, wir gingen jetzt zum Mittagessen? Setze deinen Hut auf und komm! Nachher kannst du mir in aller Gemütlichkeit von deiner Begegnung erzählen.

Seine Augen betrachteten mich weitgeöffnet, als ich meinen Bericht abstattete, wir blieben ein paar Stunden sitzen, dann begab ich mich wieder nach St. Johns Wood. Dort erfuhr ich, daß die Polizei nach einer langen und sorgfältigen Untersuchung vor kurzem das Haus verlassen hatte.

Es war indes eine Karte für mich hinterlassen worden. Der Name »Inspektor Walker« entriß mir den Ausruf:

Großer Gott! Gibt das wieder neue Unannehmlichkeiten für mich?

Unter dem Namen des Inspektors standen die Worte:

»... wünscht Herrn Lart sofort nach dessen Rückkehr auf der Polizeistation zu sprechen.«

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