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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 7
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Sechstes Kapitel.

Ich mußte beinahe lachen, als ich zu meiner Befriedigung erkannte, daß Richard nun schließlich doch mit mir einer Ansicht war. Dieser Gedanke kam meinem Mute zu Hilfe. Warum sollte ich nicht die Sache zu Ende führen? Warum sollte ich das Rätsel nicht lösen, wenn das für einen Menschen möglich war? Von Le Noir hatte ich nichts zu befürchten, mochte er ein noch so großer Detektiv sein. Ich hatte außerdem den Eindruck, daß er einen Irrtum begangen und mich mit irgend jemand anderem verwechselt hatte. Jetzt lachte ich von Herzen.

Die Sache wird interessant, Richard, sagte ich. Und mit deiner Hilfe will ich auf meinem Posten ausharren und die Sache verfolgen.

Gut, meinte er. Die Sachlage wimmelt von verhexten Vorfällen. Ich beneide dich nicht darum, aber ich bewundere unbedingt deinen Mut. Da kommt eine leere Droschke gefahren. Was meinst du zu einem kleinen Essen bei Pagani?

Der Vorschlag war mir willkommen. Der Nachmittag verlief sehr gemütlich, und erst um neun Uhr kehrte ich nach St. Johns Wood zurück.

Wie ich erfuhr, war Herr Goliby von Manchester zurückgekehrt und hatte sofort nach mir gefragt. Dann war er wieder ausgegangen und hatte hinterlassen, daß er nicht vor elf Uhr zurück sein würde, mich aber um diese Zeit zu sprechen wünsche.

Daher blieben mir noch zwei Stunden, die ich nach Belieben verwenden konnte. Ich zündete meine Pfeife an und ging noch zu einem kleinen Spaziergang aus.

Ich schlenderte die Elsinorestraße zur Linken hinunter. In dieser Richtung war ich noch nie gegangen. Eine Strecke lang folgten hohe Mauern, die ausgedehnte Grundstücke einschlossen, dann kreuzte ein Fußweg ebenfalls zur Linken die Straße. In diesen bog ich nunmehr ein.

Bald begann er nach der Richtung einzuschwenken, die, wie ich annahm, an die rückwärtige Mauer der Villa Rabenhorst führen mußte. Aber der Weg war eng, die Mauern erhoben sich zu beträchtlicher Höhe, und Dunkelheit füllte den Raum dazwischen aus. Diese Umstände munterten mich nicht gerade auf, den Weg noch weiter zu verfolgen, und ich war bereits entschlossen, wieder umzukehren, als an einem scharfen Umranke eine kleine Ueberraschung meiner harrte. Die hohe Steinmauer machte mit einem Male einem eisernen Gartengitter Platz, das mir den Durchblick auf eine mitten im Garten stehende schneeweiße Villa erlaubte. Alle Fenster waren durch elektrisches Licht hell erleuchtet, je nach den Vorhängen, die einen hochrot, die anderen blaßgelb schimmernd. Es war ein hübscher Anblick, der aber in den Londoner Vorstädten keine Seltenheit bildet. Und so wäre ich vielleicht weitergegangen, ohne ihm große Aufmerksamkeit zu schenken, hätte ich nicht am Gartentor einen Wagen bemerkt und gehört, daß sich auf dem Kieswege des Gartens Schritte dem Tore näherten. Es war ein Privatgefährt, wie ich an der ganzen Aufmachung und der vornehm einfachen Livree des Kutschers erkannte. Meine Neugier war erwacht. Ich drückte mich an die entgegengesetzte Mauer hinter einen Busch und zog den Hut über die Stirne herunter. So konnte ich beobachten, daß jemand den Kutschenschlag öffnete, und als der Schein der Wagenlaterne auf sein Gesicht fiel, erkannte ich in ihm sofort den auffallend blassen jungen Mann, dem ich einige Tage bevor abends im Empire-Theater begegnet war. Dann vernahm ich seine Stimme, die mir abermals merkwürdig bekannt vorkam.

In den Klub, sagte er, möglichst schnell!

Zu Befehl, Herr Baron, antwortete der Kutscher.

Ich hörte die Peitsche sausen, die Räder schwirren und flüchtige Hufe klappern. Dann war ich wieder allein.

Einem gewöhnlichen Spaziergänger wäre an dieser Begegnung nichts aufgefallen, aber mich interessierte der Unbekannte. Und so wollte ich wenigstens sehen, wo er wohnte. Daher ging ich zu dem Gitter hinüber und blickte durch die Stäbe hindurch.

Es war jetzt stichdunkel, aber die Sterne strahlten in dieser Nacht ungewöhnlich hell, und der Abendstern warf einen Schein in die Nacht, wie allein er ihn zu vergeben hat. In Verbindung mit dem Lichte aus den Fenstern ermöglichte er mir, einen gepflegten Garten zu unterscheiden, mit hübschen, blumenübersäten Terrassen. Da schimmerte ein Faun, dort eine Venus, überall standen schlanke Vasen, denen Geranien entquollen, und das sanfte Geplätscher eines Springbrunnens schlug deutlich an mein Ohr.

Was war es eigentlich, was an diesem Wohnsitze meine Neugier so erweckte? Welcher Instinkt hatte mich zu diesem Eisengitter geführt? Ich wußte es in diesem Augenblicke nicht. Aber mit einem Male erfolgte die Erklärung, als ich zufällig zu einem Fenster aufblickte, das besonders hell erleuchtet war. An diesem Fenster erschien das Antlitz einer Frau, von dem Lichte hinter ihr scharf umrissen. Dann fuhr ein weißer Arm vor, der Vorhang wurde rasch gezogen und die überraschende Erscheinung war mit einem Schlage verhuscht.

In ungläubigem Staunen stand ich wie festgewurzelt. Aber ich konnte nicht leugnen, was meine Augen erblickt hatten. Daran war nicht zu zweifeln. Dort droben war, für einen flüchtigen Augenblick nur, vom elektrischen Lichte umflossen, das weibliche Antlitz erschienen, das sowohl ich als auch Richard in dem, wie ich nun zu glauben geneigt war, Zauberspiegel meines Zimmers erblickt hatten. Ich war überzeugt, es deutlich erkannt zu haben. Oder hatte meine Phantasie das Gesicht, das mehr, als ich mir zu gestehen wagte, in meinen Vorstellungen herumspukte, in ein fremdes Antlitz hineinprojiziert? Nein, ich hatte es deutlich erkannt, und war, bis mir das Gegenteil bewiesen wurde, auch fest davon überzeugt.

Das Geheimnis wurde immer verwickelter. Es hatte eine nicht ganz ungefällige Form angenommen. Allerlei phantastische Ideen jagten sich in meinem Gehirn, während ich wieder nach Hause zurückschlenderte. Welche romantischen Möglichkeiten lagen nicht in dieser eigenartigen Angelegenheit! Wenn ich daran dachte, daß dieses prachtvolle Weib mit den roten Lippen bereits zweimal in mein verschwiegenes Zimmer eingedrungen war und daß sie dies zu jeder Tages- oder Nachtzeit wiederholen könnte, dieser Gedanke war berauschend. Bei meiner Rückkunft sah ich mich im Zimmer um. Ein wahrer Taumel ergriff mich. Nein, nein, es war nicht zu glauben. Die Geschichte war vollständig unmöglich. Meine Vernunft mußte mich verlassen haben. Aber Richard hatte ja auch die schöne Erscheinung gesehen. Es war einfach verblüffend.

Ich versuchte, mich durch Lesen zu zerstreuen. Unmöglich. Bei dem geringsten Geräusch fuhr ich auf, und der kalte Schweiß brach mir aus allen Poren. Mit einer wahren Erleichterung vernahm ich endlich Schritte vor der Türe, die mir die Ankunft Herrn Golibys ankündigten.

Gleich bei seinem Eintritte bemerkte ich, daß er sich nicht ganz so benahm, wie es bisher der Fall gewesen war. Es war nur eine unbedeutende Veränderung, und wenn meine Nerven nicht aufs äußerste gespannt gewesen wären, hätte ich sie vielleicht gar nicht beobachtet. Er ließ mir das erste Wort.

Sawkins sagte mir, begann ich, daß Sie nach mir gefragt haben, Herr Goliby. Es tut mir leid, daß ich nicht zu Hause war.

O bitte, lassen wir das, sagte er. Ich nehme an, daß die Wertpapiere in –

Sie sind im Geldschrank, Herr Goliby. Ich ließ mich vorsichtshalber von einem Freunde begleiten.

Sawkins hat mir das mitgeteilt, bemerkte er kurz. Aus dem Tone, in dem er dies sagte, entnahm ich sofort, daß dies der Grund zu der Aenderung seines Benehmens war.

Es war Herr Hamilton, der Herr, der so freundlich war, mir den Empfehlungsbrief zu geben, welchen –

So, er war es? – Augenblicklich hellte sich seine Miene wieder auf.

Wir sind sehr intim befreundet, Herr Goliby, fuhr ich fort, und ich hatte einen sehr triftigen Grund, mich von ihm begleiten zu lassen, sonst würde ich mir nicht diese Kühnheit herausgenommen haben.

Sein Gesicht wies wieder das alte Wohlwollen auf.

Das war keine Kühnheit, mein lieber Herr Lart, bemerkte er. Sie können Ihre Freunde hieher einladen, so oft Sie Lust dazu verspüren, warum denn auch nicht, möchte ich wissen?

Das ist mir nur ein neuer Beweis Ihres Wohlwollens, Herr Goliby, erwiderte ich, aber ich habe nicht daran gedacht, diese Erlaubnis vorwegzunehmen. Mein Beweggrund war folgender, von dem Augenblick an, da ich heute morgen dieses Haus verließ, wurde ich von einem Manne verfolgt, einem Fremden offenbar. Er ging mir bis zu der Station Schweizerhäuschen nach, wo ich eine Droschke nahm. Er bestieg eine andere, die mir folgte. In der Oxfordstraße stieg ich aus und eilte durch die Seven Dials davon. Ich dachte, ihm entschlüpft zu sein, aber in der Copthall Court tauchte er wieder auf, und da wurde ich denn beunruhigt. Daher sprang ich mit den Papieren in eine Droschke, fuhr zum Temple, holte dort meinen Freund Hamilton ab, erklärte ihm rasch die Sachlage und bat ihn, mich hieher zu begleiten und mir zu bezeugen, daß die Wertpapiere unversehrt in diesem Geldschrank versorgt wurden. Ich gebe mich der Zuversicht hin, daß meine Handlungsweise Ihre Billigung findet, Herr Goliby.

Er betrachtete mich nunmehr mit wahrhaft strahlenden Blicken.

Vollständig, erwiderte er, vollständig, Herr Lart. Sie haben wirklich sehr vorsichtig gehandelt, und ich bin Herrn Hamilton für seine Bemühungen in dieser Sache zu großem Danke verpflichtet. Er ist ein ausgezeichneter junger Mann. Ich muß ihn doch einen dieser Abende zum Essen bitten und mit einigen Freunden bekannt machen, die ihm von Nutzen sein könnten. Ich tue das nicht oft, Herr Lart, aber, auf mein Wort, das war wirklich sehr freundlich von ihm. Und nun zu diesem Manne, der Ihnen gefolgt ist! Das ist ein sehr verdächtiges Zusammentreffen. Können Sie ihn mir beschreiben?

Richard und ich waren übereingekommen, daß ich soweit gehen dürfe, wie ich bis jetzt gegangen war, daß ich ihm aber unter gar keinen Umständen eine Andeutung über die Identität des Mannes machen dürfe. Daher begnügte ich mich, ihm eine ausführliche Beschreibung von Monsieur Le Noir zu geben. Während ich dies tat, bemerkte ich, daß Herr Goliby augenscheinlich darüber unruhig wurde.

Merkwürdig, sagte er, sehr merkwürdig. Ich denke, wir sollten für heute besondere Sicherheitsmaßregeln treffen. Zunächst möchte ich Sie bitten, die Nummern dieser Papiere zu notieren.

Damit trat er an den Schrank und zog zwei Schlüssel aus der Tasche.

Wie ich Ihnen sagte, Herr Lart, fuhr er fort, sind zwei Schlüssel nötig, um diesen Schrank zu öffnen. Bitte sehen Sie her, damit ich Ihnen den modus operandi noch einmal zeigen kann.

Ich folgte aufmerksam seinen Bewegungen.

Jawohl, ich verstehe, Herr Goliby, sagte ich, als die großen eisernen Türen aufsprangen.

Ich schlage Ihnen vor, für heute Nacht einen dieser Schlüssel an sich zu nehmen. Ich werde den anderen behalten. Außerdem ist hier eine weitere Vorsichtsmaßregel getroffen. – Er deutete auf einen elektrischen Leitungsdraht, der im Schrank sichtbar war und fuhr fort: Wenn ich diesen Draht hier mit der Klemmschraube in die Türe stecke, ist er mit sämtlichen elektrischen Klingeln im Hause verbunden. Eine sehr sinnreiche Vorrichtung, würde der Versuch gemacht, diese Türe aufzubrechen. So wäre sofort das ganze Haus auf den Beinen. Sind Sie mir gefolgt?

Gewiß, erwiderte ich.

Gut! Jetzt bitte schreiben Sie die Nummern dieser Obligationen auf. Das bietet zwar keine absolute Sicherheit, da sie überall eingelöst werden, aber wenn es sich um Wertpapiere handelt, kann man nicht vorsichtig genug sein.

Ich machte mich sofort an die Arbeit, während er, scheinbar tief in Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab ging. Das Geschäft war rasch erledigt, und nach Verlauf weniger Minuten händigte ich ihm eine Liste der Nummern ein.

So, ich danke Ihnen, sagte er. Und nun will ich Sie nicht länger Ihrer Nachtruhe berauben. Der Zug nach Paris fährt um neun Uhr in Charing Croß ab. Ich werde um halb Acht bei Ihnen anklopfen. Zehn Minuten später wird Ihr Frühstück bereit stehen. Sawkins wird dafür sorgen, daß eine Droschke am Gartentor Sie erwartet. In diesem Kuvert werden Sie genaue Instruktionen für Ihren Pariser Aufenthalt und Ihre Geschäfte daselbst vorfinden. Hier haben Sie vier Fünfpfundnoten für Ihre Ausgaben. Suchen Sie ein gutes Hotel auf, z. B. das Grand Hotel, und schränken Sie sich in keiner Weise ein. Und nun wollen wir diese Papiere wieder einschließen!

Ich schob das Bündel wieder in das innere Fach. Herr Goliby schraubte den Draht ein, und die schweren Türen fielen mit lautem Knacken ins Schloß.

Hier ist Ihr Schlüssel, bemerkte er, gute Nacht!

Liebenswürdig schüttelte er mir die Hand, und im nächsten Moment war ich allein.

Ich verriegelte die Türe, aber da es eine schwüle Nacht war, ließ ich die Fenster weit offen. Dann zog ich meine Uhr auf, versorgte den Schlüssel zum Geldschrank unter meinem Kopfkissen, kleidete mich langsam aus und wollte schon das Gaslicht ausdrehen, als ich mich eines Besseren besann und eine Flamme weiterbrennen ließ. Sie beleuchtete gerade den Geldschrank, und vom Bette aus konnte ich ihn vollständig überblicken. Eine Zeitlang konnte ich keinen Schlaf finden. Die unerklärlichen Ereignisse des verflossenen Tages waren schuld daran. Mehrere Stunden lang lag ich da, den Blick auf den großen eisernen Schrank gerichtet. In meinem Geiste überstürzten sich seltsame Erscheinungen. Zuletzt verfiel ich in einen Halbschlummer, aus dem ich indes wieder erwachte. Da entdeckte ich, daß Dunkelheit das Zimmer erfüllte, und ein mir unbekannter scharfer Geruch mich in der Nase kitzelte.

Ich sprang aus dem Bette, taumelte in das äußere Zimmer und versuchte das Gas wieder anzuzünden. Aber es war umsonst. Ich vermochte nichts zu sehen, nichts zu hören und fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Nunmehr schleppte ich mich zu meinem Bett zurück, von da ab weiß ich nichts mehr, als daß ich durch ein lautes Pochen an der äußeren Türe wieder geweckt wurde. Alsbald sprang ich aus dem Bett, rannte zu der Türe und öffnete sie. Vor mir stand Herr Goliby und sagte, als er das Zimmer betrat, in gereiztem Tone:

Potz Kuckuck, Mensch, was Sie für einen gesunden Schlaf haben! Ich hämmere bereits eine volle Viertelstunde an diese Türe. Kleiden Sie sich so rasch als möglich an! Sie werden keine Zeit mehr zum Frühstück haben. Die Droschke wartet bereits am Gartentor. Nicht für tausend Pfund ließe ich Sie den Zug verfehlen. Geben Sie mir Ihren Schlüssel! Ich werde die Papiere aus dem Schranke holen, während Sie sich eilends ankleiden.

In höchster Verlegenheit holte ich den Schlüssel unter meinem Kissen hervor, händigte ihn ihm ein und fuhr hastig in meine Kleider. plötzlich hörte ich im ganzen Hause die Klingeln läuten, und augenblicklich erfolgte ein Ausruf, der merkwürdig heftig klang.

Kommen Sie! rief Herr Goliby.

Ich stürzte, halbangekleidet, wie ich war, hinaus.

Er deutete auf den geöffneten Geldschrank.

Wo sind die Papiere? fuhr er mich drohend an.

Ich starrte, fast blind vor Bestürzung, in den Schrank: er war leer!

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