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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Viertes Kapitel.

Sobald ich mich angekleidet hatte, drückte ich auf die Klingel. Das hübsche kleine Zimmermädchen, das, wenn ich Sawkins Glauben schenken durfte, Marie hieß, erschien.

Ich lächelte sie freundlich an, als ich ihr mein Frühstück bestellte, und sie erwiderte mein Lächeln strahlend, wobei zwischen ihren roten Lippen die weißesten Zähnchen der Welt sichtbar wurden.

Ein sehr gescheites und nettes Geschöpf, dachte ich, als sie das Zimmer verließ. Ein so hübsches kleines Ding kann nicht hinterlistig sein. Ich möchte doch wissen, was die Köchin für ein Wesen ist, und ob diese zwei Frauenzimmer mich mit ihrem Gelächter aus dem Schlafe reißen könnten. – Vielleicht hatten sie die Abwesenheit des Herrn am Ende doch benützt, um mit dem Hausmeister und dem Diener und dem mürrischen Sawkins eine kleine fröhliche Unterhaltung zu führen, und ich hatte heute nacht die Laute, die ohne Zweifel aus der Küche kamen, überschätzt.

Richard, der Weise aus dem Temple, mußte trotz allem und allem recht haben. Ich war das Opfer von Halluzinationen. Diese Gewißheit, die nun in mir aufstieg, berührte mich nicht angenehm. Marie kehrte binnen kurzem mit einem Frühstück zurück, das jedes Feinschmeckers Herz entzückt haben würde.

Als sie den Tisch mit einem reizenden Tuche bedeckte, bemerkte ich, scheinbar nur, um etwas zu sagen:

Sie haben heute nacht drunten ein hübsches Festchen gefeiert, Marie. Sie haben mich geweckt. Ich wollte, ich hätte dabei sein können, wenn die Katze aus dem Haus ist, was? Das nächste Mal lassen Sie mich's wissen, nicht wahr?

Sie war eben im Begriff, eine Platte Rippchen für mich aufzutragen. Nun hielt sie in ihrer Beschäftigung inne. Ihr Gesicht, ihr ganzes Benehmen, sogar ihre Stimme waren verändert, als sie erwiderte:

Was meint der Herr? Ich verstehe Sie nicht. Es ist keine Katze im Hause, und um zehn Uhr war jedermann schlafen gegangen. Das dürfen Sie mir glauben.

Ich war erstaunt. Offenbar hätte ich mich getäuscht. Richard war mit seiner Vermutung nicht fehl gegangen. Ich sah in die großen, blauen, unschuldigen Kinderaugen, die forschend auf die meinigen gerichtet waren und fühlte mich beschämt.

So? sagte ich stockend. Ich – hm – dachte, ich hätte Geräusche gehört, die von einer Belustigung herzukommen schienen. Es scheint – Oder – sollte ich geträumt haben?

Jedenfalls, Herr, erwiderte sie. Es gibt in ganz London kein so ruhiges Haus wie das unserige. Früh zu Bett und früh heraus, das ist Herrn Golibys Grundsatz. Das war auch meiner Mutter ihrer, und ich wüßte selber keinen besseren.

Ich fürchte, daß ich verlegen errötete.

Entschuldigen Sie, Marie, nicht wahr? sagte ich schließlich. Ich glaubte wirklich, Gelächter zu hören und allerlei Allotria, während der vergangenen Nacht. Sicherlich habe ich geträumt, wie lächerlich! Bitte, sagen Sie nichts davon, Marie, nicht wahr?,

Sie sah mich wieder strahlend an.

Bewahre, Herr, wenn Sie es so nett sagen – wir träumen ja alle, nicht? Ob wir wollen oder nicht, wir können nichts dafür.

Ich mußte die Wahrheit dieses Gemeinplatzes zugeben, aber als ich mich einige Minuten später allein befand, schüttelte ich den Kopf.

Was bedeutet all das? dachte ich. Haben mich meine geistigen Fähigkeiten verlassen? Leide ich an beginnender Geisteskrankheit? Nein und nochmals nein! Meine Sinne haben mich nicht getäuscht. So sicher ich vor zwei Tagen im Spiegel das schöne betrübte Antlitz erblickt habe, so überzeugt bin ich davon, daß ich vergangene Nacht in diesem Hause Frauen lachen hörte. Darum frage ich mich noch einmal, was bedeutet all das?

Da in dieser Frage etwas Beunruhigendes lag, machte ich mich alsbald wieder an meine eintönige Arbeit über die Mineralschätze Norddakotas. Diese Beschäftigung erlöste mich von meinem Argwohn, bis die Standuhr auf dem Kamin elf Uhr schlug. Dann erinnerte ich mich meines Auftrags in der City, und wenige Minuten später schloß ich das Gartentürchen auf. Ich schlüpfte auf die Straße hinaus und überlegte mir, wo ich den nächsten Droschkenhalteplatz finden könnte.

Während ich einen Moment stille stand und mich noch besann, erblickte ich plötzlich auf der gegenüberliegenden Seite einen Mann, seiner Kleidung und allgemeinen Erscheinung nach einen Fremden, der nichts besonderes vorzuhaben schien und in aller Ruhe eine Zigarette rauchte. In diesem Augenblick fiel mir die Haltestelle Schweizerhäuschen ein. Sofort eilte ich in der Richtung dorthin davon. Als ich zufällig einmal zurückblickte, bemerkte ich, daß der Mann mir folgte.

Ich schenkte diesem Umstand wenig Aufmerksamkeit. Als ich indes eine Droschke gefunden und dem Kutscher die nötigen Weisungen erteilt hatte, lehnte ich mich, ich weiß nicht von welchem Instinkte getrieben, zum Fenster hinaus und schaute zurück. Da sah ich, daß der, Fremde, ebenfalls in einer Droschke, der meinigen folgte. Diese Entdeckung setzte mich etwas in Erstaunen. Aber bald dachte ich, es sei ein rein zufälliges Zusammentreffen, und schenkte dem Umstand keine weitere Beachtung. Daher war ich aufs höchste überrascht, als ich zufällig den Mann in seinem Wagen wiederum erblickte, während wir unseren Weg durch das wirre Durcheinander von Fuhrwerken auf der Oxfordstraße suchten. Nunmehr wurde ich in Anbetracht meiner Aufgabe ordentlich nervös und stieg an der Kreuzung der Tottenham Court Road aus. Eilends begab ich mich von hier auf dem kürzesten Wege zum Strand, wo ich unverzüglich auf einen Omnibus aufsprang, der nach dem Mansion House bestimmt war.

Ist ja wohl alles Einbildung, sagte ich mir, aber es ist doch besser, mich hier in Sicherheit zu wissen. – Zufrieden stieg ich vom Omnibus und erkundigte mich nach dem Weg nach Copthall Court, wo Herr Warmley wohnen sollte.

Immer noch schmunzelnd über meinen Erfolg in der Flucht vor dem Manne, der möglicherweise mein Feind war, gelangte ich rasch an mein Ziel. Die Geschäftsräume des Herrn Warmley bestanden aus einem äußeren Büro, in dem auf hohen Stühlen eine Anzahl Schreiber sich mit Erfolg den Anschein gab, fleißig zu sein, einem kleinen Wartezimmer und dem Allerheiligsten, aus dem das unregelmäßige Klappern einer Schreibmaschine kam.

Herr Warmley war da. Auf Vorweisen von Herrn Golibys Brief wurde ich sofort zu ihm geführt. Er erhob sich bei meinem Eintritt, überflog den Brief und schüttelte mir sodann mit großer Kordialität die Hand.

Es war ein junger Mann, etwa dreißig Jahre alt, mit einem gewichsten Schnurrbart von unbestimmbarer Färbung, abgesehen davon, daß er hell war, und stahlgrauen Augen, die mich durchbohren zu wollen schienen, als mein bescheidenes Augenpaar ihrem herrischen Glanze begegnete.

Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Lart, begann er. Herr Goliby hat mir schon von Ihnen erzählt. Bitte, empfangen Sie meine Glückwünsche zu der glücklichen Verbindung, die Sie mit ihm eingegangen sind. Herr Goliby hat einen höchst günstigen Eindruck von Ihnen erhalten, wie ich Ihnen versichern kann, und glauben Sie mir, daß, wenn Sie sich richtig halten, Ihr Glück gemacht ist. Wenn er Sympathie zu einem Manne faßt, was nicht alle Tage vorkommt, so ist es geradezu wundervoll, was er für diesen Mann zu tun bereit ist. Und was nun die Papiere anlangt, so stehen sie zu Ihrer Verfügung. Haben Sie eine Handtasche mitgebracht?

Ich mußte gestehen, daß dies nicht der Fall war.

Eine unscheinbar aussehende Tasche, fuhr er fort, ist immer das Beste; eine Mappe könnte man Ihnen leicht unter dem Arme hervorziehen, oder könnten Sie sie in einem Moment der Zerstreuung verlegen. Da es ausländische Papiere sind, die leicht verkauft werden könnten, möchte ich doch zu besonderer Vorsicht anraten. Warten Sie mal!

Er überlegte einen Augenblick, währenddessen das Klappern der Schreibmaschine eintönig weiterging. Dann holte er aus einem Schrank eine glänzende, schwarze Handtasche hervor und wischte mit einem Taschentuch den Staub davon ab. Gerade, was wir brauchen, sagte er, man kann heutigentags nicht vorsichtig genug sein. Es ist noch nicht eine Woche her, daß ein junger Mann, etwa in Ihrem Alter, gerade hier in diesem Hofe einer Summe von über 100 000 Pfund beraubt wurde. Solch ein Ereignis lehrt Vorsicht. So!

Er versorgte die Wertpapiere in der Tasche und klappte sie zu. Dann bemerkte er:

So, Herr Lart! An Ihrer Stelle würde ich mich unterwegs nirgends aufhalten. Kehrt Herr Goliby heute abend wieder nach Hause zurück?

Er sagte, er habe es im Sinne.

Ach ja, ich erinnere mich jetzt daran. Sie fahren morgen mit diesen Papieren nach Paris. Es sind städtische Obligationen, die nächsten Samstag fällig sind. Guten Tag, Herr Lart. Ich werde hoffentlich noch öfters die Ehre haben!

Einen Augenblick später war ich draußen; ich hielt die Tasche krampfhaft in der Rechten und war entschlossen, die erste freie Droschke zu nehmen und geradeswegs nach St. Johns Wood zu fahren. Plötzlich spürte ich, wie eine Hand meine Schulter berührte. Ich wandte mich um und fand mich Auge in Auge dem Fremden gegenüber, dem ich zu entkommen so lebhafte Anstrengungen gemacht hatte. Er schob seine Zigarette in die Mundecke und sagte:

Entschuldigen Sie, vor einer oder zwei Stunden sah ich Sie aus einem gewissen Hause in St. Johns Wood herauskommen. Darf ich fragen, ob Sie dort wohnen?

Durch diese unerwartete Frage wurde ich dermaßen überrumpelt, daß ich zusammenfuhr und ohne Ueberlegung antwortete:

Jawohl. Ich – hm – wenigstens wohne ich seit zwei Tagen dort.

Dann erholte ich mich von der Ueberraschung und fügte hinzu, indem ich den Griff der Tasche noch krampfhafter umschlossen hielt:

Wie kommen Sie, ein völlig Fremder, dazu, mir eine so unverschämte Frage vorzulegen? Ich habe nicht die geringste Lust, mich in ein Gespräch mit Ihnen einzulassen!

Schon wollte ich weiter eilen, da legte er mir die Hand schwer auf die Schulter und sagte:

Nicht so heftig, junger Mann! Sie werden mich wahrscheinlich noch besser kennen lernen, bevor wir miteinander fertig sind. Prägen Sie sich das ein! – Mit einem grimmigen Lächeln wandte er sich zum Gehen und war plötzlich in der Menge verschwunden.

Daß mir diese Begegnung einen höllischen Schrecken einjagte, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen. Sogar hier, im Herzen Londons, schien die Atmosphäre mit Geheimnissen geladen. Ich bin in keiner Weise ein Feigling. Einer wirklichen, greifbaren Gefahr wollte ich, ohne zu zwinkern, ins Auge sehen. Aber die fremdartigen, ich möchte fast sagen verhexten Ereignisse der letzten paar Tage waren mir, wie man sagt, auf die Nerven gegangen, und ich muß gestehen, daß ich wie Espenlaub zitterte, als ich die erste vorüberfahrende Droschke anrief und in dieselbe hineinsprang.

Da der Temple vom direkten Wege nicht weit abseits lag, beschloß ich, meinen Freund Richard dort aufzusuchen und ihn zu bitten, mich auf meiner Fahrt zu begleiten. Daher wies ich den Kutscher an, den kleinen Umweg über den Strand zu machen. Als wir am Temple anlangten, kam Richard gerade heraus, so daß ich nicht auszusteigen brauchte. Ich rief ihn an.

Als er sich erstaunten Blickes mir näherte, rief ich ihm mit mühsam verhaltener Stimme zu:

Hast du Zeit, Richard, mich nach St. Johns Wood zu begleiten?

Was ist denn los? fragte er, ohne meine ängstliche Frage zu beantworten, du bist ja weiß wie eine Kalkwand! Bist du krank?

Schlimmer als das. Kommst du mit? Kannst du kommen?

Wenn es sein muß, ja, erwiderte er mit besorgtem Blick. Aber dann muß ich rasch noch einmal auf mein Büro zurück, um die nötigen Anweisungen zu geben. Gehst du mit?

Nein, ich warte hier, entgegnete ich.

Gut! In zehn Minuten bin ich zurück. – Damit verschwand er durch das Portal des Temple.

Ein tiefer Seufzer der Erleichterung stieg aus meiner Brust. Meine zitternden Nerven beruhigten sich. Bis jetzt wenigstens befand sich das kostbare Täschchen sicher in meinem Besitze, und wenn Richard mich begleitete, war eine weitere Gefahr ausgeschlossen. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis er zurückkehrte. Er stieg ein und setzte sich neben mich.

Und nun, begann er, was zum Henker ist denn los mit dir?

Ich habe seltsame Erlebnisse hinter mir, Richard, erwiderte ich. Ich wollte, ich hätte jenes Haus in St. Johns Wood niemals gesehen.

Er lachte.

Schon wieder Halluzinationen, Ted? Was hast du da in deinem Täschchen?

Für zwanzigtausend Pfund Wertpapiere.

Er sah mich von der Seite an und pfiff leise vor sich hin.

Ist das auch eine Halluzination? fragte er schließlich in ruhigem Tone.

Ich bitte dich, Richard, es ist mein voller Ernst! Und ich wollte, ich hätte das verflixte Zeug nicht mehr in Händen, wie bin ich froh, daß du bei mir bist. Ich habe Geschichten erlebt, ich sage dir Geschichten. Ich habe sogar – Heiliger Gott! Da ist er schon wieder!

Der Verkehr war in diesem Augenblick ins Stocken geraten. Wir hielten an der Ecke der Wellingtonstraße. Ein paar Meter von uns entfernt, bei dem Gerüst des neuen Gaiety-Theaters, stand, seine unvermeidliche Zigarette im Munde, der geheimnisvolle Fremde.

Richard sah mich verwundert an.

Mein Wort drauf, sagte er, ich glaube wahrhaftig, du hast einen Stich!

Statt zu antworten, deutete ich nur auf den Mann drüben. Der Kerl mit der Zigarette, sagte ich, siehst du ihn?

Richard warf einen Blick in der Richtung, die ihm mein Zeigefinger wies und zuckte überrascht zusammen.

Der mit der Zigarette? sagte er dann. Zufällig kenne ich den Mann, weißt du, wer es ist? Niemand anders als Le Noir von der Pariser Polizei, einer der gewandtesten Detektivs in ganz Europa. Nun sage mir aber, wie du dazu kommst, ihn zu kennen!

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