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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Drittes Kapitel.

Wenn Herr Goliby irgend ein Zeichen von Verwirrung in meinem Gesicht entdeckte, so war wenigstens in seinem Auftreten nichts von einer solchen Entdeckung zu lesen. Er war die Leutseligkeit selbst, als er auf die kleinbeschriebenen Bogen meines Manuskriptes deutete und sagte:

Sie kommen rasch vorwärts, wie ich sehe. Aber ich fürchte, Sie können der Arbeit nicht viel Geschmack abgewinnen, Herr Lart.

Ich dachte über die Worte auf dem Zettel, den ich zerknüllt in der Laust verbarg, nach und zwang mich zu einem Lächeln.

Allerdings ist das Buch etwas trocken, antwortete ich, aber ich habe mich schon durch Schlimmeres hindurchgearbeitet. Die Integralrechnung zum Beispiel.

Er lächelte seinerseits.

Das erinnert mich an meine eigene Studienzeit, sagte er. Ich zweifle indes, ob ich jetzt noch auch nur eine einfache Gleichung zu lösen imstande wäre, wie doch die Zeit verfliegt und gleichzeitig damit das Gedächtnis! O jerum, jerum, jerum, o quae muntatio usw.

Mit einem leichten Seufzer ließ er sich in einen Stuhl neben mich fallen.

Ich wollte, ich hätte Sie vor eine Ihren Interessen entsprechendere Beschäftigung stellen können, setzte er nach einer nachdenklichen Pause hinzu. Es hat indes keine Eile mit der Arbeit. Ueberarbeiten Sie sich nur nicht! Ich glaube bestimmt, daß Sie sich nach und nach hier einleben werden. Hoffentlich bedient man Sie gut.

Ich beruhigte ihn über diesen Punkt. Dann fuhr er fort:

Wir führen ein sehr ruhiges und seßhaftes Leben hier. Ich vermute, daß es Sie ein wenig eintönig ansprechen wird. Als meine arme Frau noch lebte, war das alles sehr, sehr verschieden. Es ist traurig, eine geliebte Lebensgenossin zu verlieren, Herr Lart. Ich wünsche Ihnen, daß Ihnen nie dieses Unglück zustoßen möge.

Ich murmelte eine sehr triviale Bemerkung über die Schicksalsschläge des Lebens vor mich hin. Er nickte nachdenklich dazu und fuhr fort:

Ja, ich führe ein einsames Leben und suche Trost oder vielmehr Zerstreuung in finanziellen Unternehmungen. Das betäubt ein wenig die Schmerzen meines Elends und macht das Leben etwas interessant, das sonst ganz ohne Gehalt wäre. Aber in meinem Alter fühle ich die Notwendigkeit der Hilfe eines Menschen, der jünger und energischer ist als ich, und auf den ich mich ohne Rückhalt verlassen kann. Mein Instinkt in diesen Dingen läßt mich selten im Stich, und ich glaube in Ihnen den Richtigen gefunden zu haben. Dem Namen nach sind Sie mein Privatsekretär. In Wirklichkeit aber wünsche ich, daß Sie mehr als das sind. Meine Pläne, ich meine in Geschäftsdingen, sind großzügig, und ich wünsche, daß Sie daran teilhaben, zum wenigsten, eine aktive Rolle in ihrer Förderung spielen.

Ich starrte ihn mit großen Augen an.

Aber, entgegnete ich, ich verstehe ja nichts von Geschäften.

Na ja, erwiderte er. Sie müssen sich eben an mich halten. Sie haben noch alles zu lernen und nichts zu vergessen. Unter meiner Leitung kann manches, was Sie sich jetzt noch nicht träumen lassen, zur Wirklichkeit werden, wenn Sie sich meine Methoden aneignen und meine Interessen zu den Ihrigen machen, ist es möglich, daß Sie in nicht allzuferner Zeit ein kleines Vermögen erwartet, Herr Lart.

Auf diese Eröffnung wußte ich nichts zu erwidern. Der Mann schien meines Vertrauens wert, war es denn möglich, daß ich auf einen Philanthropen gestoßen war? War es glaubhaft, war es auch nur anzunehmen, daß dieser Mann, mit dem ich mich bis jetzt kaum eine Stunde unterhalten hatte, so rückhaltlos von der Förderung meiner Vermögensverhältnisse reden konnte, wenn er nicht irgend einen höheren Zweck damit verfolgte oder wenn er nicht ein toller Altruist war, der mit einem sehr harmlosen jungen Menschen experimentieren wollte?

Ich zermarterte mir das Gehirn, um eine angemessene Antwort zu finden, aber es fiel mir um alle Welt nichts Passendes ein, und so sagte ich nur:

Ich bin Ihnen sehr für Ihre Güte verbunden, Herr Goliby.

Bitte sehr, entgegnete er. Sie sind mir sympathisch. Sie haben ein ehrliches Gesicht. Ich habe das Gefühl, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Ich schenke Ihnen mein Vertrauen und will Sie ohne Verzug in meine Pläne einweihen. Sind Sie in Paris bekannt?

Diese unvermittelte Frage setzte mich in Erstaunen. Aber ich erwiderte nur:

Nein, Herr Goliby.

Nun, das tut auch nichts, Ich habe Informationen betreffs gewisser französischer Wertpapiere erhalten und meine Londoner Agenten beauftragt, davon bis zu dem Werte von 20 000 Pfund aufzukaufen. Die Papiere werden, wie ich anzunehmen Grund habe, bis morgen in Ihren Händen sein. Da ich nun vielleicht nicht hier bin – ich weiß das bis jetzt noch nicht bestimmt –

Hier wurde er durch ein Pochen an der Türe unterbrochen. Sawkins betrat das Zimmer; er hatte ein Telegramm in der Hand.

Ein Telegramm, Herr Goliby, sagte er und händigte es seinem Herrn ein. Dieser brach sofort den Umschlag auf.

Aha, sagte er, genau wie ich erwartete. Dann sah er auf seine Uhr. Ich muß um fünf Uhr dreißig mit dem Manchester Schnellzug noch abfahren. Keine Widerrede, Sawkins. verflixte Geschichte, aber das läßt sich nun nicht ändern, setzte er hinzu, als Sawkins das Zimmer verlassen hatte. Ich werde morgen sobald als möglich zurückkehren. Mittlerweile möchte ich, daß Sie sich in die City begeben. Ich werde Ihnen einen Brief an meinen Agenten, Herrn Warmley, mitgeben und ihn beauftragen, Ihnen die vorhin erwähnten Papiere auszuliefern. Das beste wird sein, wenn ich den Brief gleich schreibe.

Damit trat er an das Pult, kritzelte ein halbes Dutzend Zeilen auf ein Briefbögchen, steckte es in einen Umschlag, adressierte ihn und übergab mir zuletzt das Schreiben, ohne den Umschlag zu verschließen.

Es wird rätlich sein, daß Sie hin und zurück eine Droschke nehmen, vorsichtshalber, bemerkte er. Die Papiere versorgen Sie dann in diesem Geldschrank. Ich will Ihnen rasch zeigen, wie er geöffnet wird.

Er erhob sich und trat zu dem großen eisernen Schrank und lud mich ein, näherzutreten.

Es ist ein wundervoller Geldschrank, erklärte er. Amerikanisches Fabrikat. In der Bank von England haben sie keinen besseren. Ich bin zwar auf alle Fälle für 10 000 Pfund gegen Einbruch versichert; aber es würde keinem Einbrecher der Welt gelingen, diesen Schrank aufzumachen. Er hat zwei Schlösser.

Bei diesen Worten zog er zwei Schlüssel aus der Tasche, steckte den einen in das vordere, den anderen in ein Schloß, das sich mehr in der Mitte der Türe befand, und sagte: Jetzt merken Sie auf!

Aufmerksam folgte ich seinen Bewegungen, die nicht wenig kompliziert waren, worauf die Türe aufging.

Der Schrank schließt sich einfach mittels einer Feder, bemerkte er nun, und da gegenwärtig keine Wertsachen darin befindlich sind, lasse ich ihn geöffnet, wenn Sie morgen mit den Papieren zurückkehren, so versorgen Sie sie in diesem Fach und stoßen die Türe zu. Sie werden die Feder einschnappen hören und so wissen, daß alles in Ordnung ist. Andere Einzelheiten muß ich Ihnen nach meiner Rückkehr von Manchester erklären, Warten Sie mal: heute ist Mittwoch. Halten Sie sich bereit, Freitag morgen nach Paris abzufahren. Ist Ihnen alles klar, Herr Lart?

Gewiß, Herr Goliby.

Gut also. Es bleibt mir nicht viel Zeit übrig. Ich muß jetzt weg. – Damit ließ er mich mit meinen etwas verwirrten Gedanken allein.

Was sollte ich denken? Was glauben? Auf der einen Seite war wenigstens etwas Greifbares vorhanden. Ein Mensch von Fleisch und Blut, der mit einer nicht alltäglichen Liebenswürdigkeit ausgestattet ist, macht mir aller Ehren werte Versprechungen und betraut mich mit einem Auftrage, dessen Natur eine Zuversicht in meine Ehrlichkeit voraussetzt, die, wie ich glauben muß, unter den gegebenen Umständen sehr ungewöhnlich ist. Was ist dabei nicht vertrauenerweckend?

Auf der anderen Seite hatte ich in meiner Hand ein zerknülltes Papier, das eine zweifellos unheimliche Botschaft an mich enthielt. Ich glättete den Zettel auf dem Pulte und las die Mitteilung noch einmal durch. Woher stammte sie? Wer hatte die Worte geschrieben? Auf welch unbegreiflichem Wege war sie in mein Zimmer, auf meinen Schreibtisch geschmuggelt worden? Das war ohne allen Zweifel eine sehr geheimnisvolle Geschichte, aber war sie es wirklich wert, daß ich ihr auch nur einen Augenblick meine Aufmerksamkeit schenkte? Nichts hätte mich mehr vergewissern können, als die Unterredung mit Herrn Goliby. Als er mir die Aufsicht über 20 000 Pfund anvertraute, hatte auch er mein Vertrauen gewonnen. Irgend jemand im Hause versuchte, möglicherweise im Interesse eines enttäuschten Bewerbers um meine Stelle, mich einzuschüchtern. Das ging mich nichts an. Und um dem Gedanken die Tat folgen zu lassen, zerriß ich den Zettel in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb.

Trotzdem ich mich von dem Gefühl der Unruhe befreit hatte, blieb doch die Neugierde in mir bestehen. Daß ein geheimer Eingang in mein Zimmer vorhanden sein mußte, sagte mir die einfachste Ueberlegung. Ich glaubte nicht an Gespenster. Somit gab es keine andere Lösung als diese Annahme. Und dies wollte ich ergründen und beweisen, wenn es, woran ich nicht zweifelte, menschenmöglich war.

Außer dem allgemeinen Eindruck der Front kannte ich bis jetzt nichts von der Bauart des Hauses. Ich vermutete, daß sich dahinter ein großer Garten befand, aber Mauern ohne Oeffnungen gestatteten keinen Ausblick nach dieser Richtung. Die geräumige Halle empfing ihr Licht durch einen Lichtschacht, der mit einer Glaskuppel gedeckt war. Bis jetzt hatte ich keine Fenster entdeckt, die auf die Rückseite des Hauses gingen. Mein Zimmer befand sich auf der Straßenseite. Seine zwei Fenster reichten bis zum Fußboden und führten auf einen Balkon. Eines derselben war geöffnet. Ich betrat den Balkon, von dieser Seite konnte man, außer mit Hilfe einer Leiter, nicht in das Zimmer gelangen. Soviel war mir augenblicklich klar. Die Ausstattung meines Zimmers habe ich bereits beschrieben. Sie gab mir keine Anhaltspunkte zur Lösung des Rätsels an die Hand. Ich untersuchte sorgfältig alle freien Stellen der Wände, da ich mir sagte, es könnte eine Geheimtüre vorhanden sein. Aber ich entdeckte auch nicht die Spur eines Spaltes in der geblümten Tapete. Zweifellos war dies eine merkwürdige Geschichte.

Mein Schlafzimmer war eingebaut und bezog sein Licht nur durch die Türe und ein kleines Fenster, das auf die Halle im ersten Stock ging. Dieses Fensterchen war nicht nur geschlossen, sondern überdies mit Riegeln an der inneren Seite gesichert. Das größte Möbelstück in diesem Zimmer bildete ein nicht benützter Kleiderschrank von der üblichen Form. Eine eingehende Untersuchung ergab nichts Besonderes in seiner Bauart. Die Tapete verriet nichts Verdächtiges. Die Nachforschung hatte also nicht das geringste Ergebnis gezeitigt. Höchst enttäuscht kehrte ich an mein Pult zurück. Ich hatte ein Gefühl äußersten Unbehagens. Gerade in diesem Moment klopfte es an meiner Türe. Sawkins trat ein.

Erstaunt sah ich ihn an, als er sagte:

Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, Herr Lart. Aber Herr Goliby hat mich beauftragt, Ihnen diese zwei Schlüssel einzuhändigen. Der da ist für das Gartentor und dieser für die Haustüre, damit Sie nach Gefallen aus- und eingehen können.

Ich nahm die Schlüssel in Empfang und dankte ihm dafür. Er wollte sich schon entfernen, als mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fuhr.

Ach, fällt mir eben ein, Sawkins, sagte ich, ich fühle mich noch etwas fremd im Hause. Ich weiß ja kaum, wer darin wohnt. Herr Goliby sagte mir, er sei Witwer.

Jawohl, das ist er.

Somit ist keine Dame des Hauses da?

Sawkins hatte seltsame Augen, die mich an die einer Ratte erinnerten. In diesem Augenblick erschien darin ein merkwürdiges Aufblitzen.

Nein, rief er, beileibe nicht! wie kommen Sie zu dieser Frage?

Nun, erwiderte ich etwas verwirrt, ich – hm – vielleicht war meine Frage nicht angebracht.

Wieso denn? fragte er.

Nun, ich denke, ich hätte nicht so neugierig sein sollen. Ich habe natürlich nur aus Neugierde gefragt.

Gewiß, Herr Lart. Was also die Bewohner des Hauses anlangt, so haben wir die Köchin. Sie ist die eine weibliche Person. Sie haben Sie wohl noch nicht gesehen. Dann kommt Marie, das Zimmermädchen, die Sie bereits gesehen haben, und sie ist die zweite. Das wären die weiblichen Bewohner. Außer Herrn Goliby wäre ich da, und der Hausmeister und der Diener und – entschuldigen Sie, daß ich Sie zuletzt nenne. Sie selbst. – Hierbei überzog ein Grinsen sein Gesicht. Dann ergänzte er seine Auskunft mit den Worten: Sieben Personen im Ganzen wohnen im Hause, zwei weibliche und fünf männliche.

Ich danke Ihnen bestens, erwiderte ich. Sie werden mich wohl für sehr neugierig halten, denke ich, nicht?

Nicht im geringsten, Herr Lart. Es ist sehr natürlich, daß Sie das gerne wissen möchten. An Ihrer Stelle hätte ich genau dasselbe getan.

Der Ton, in dem er das sagte, schien zwar ungekünstelt aufrichtig, doch täuschte ich mich nicht über den unverkennbar argwöhnischen Blick, den er auf mich warf, als er das Zimmer verließ.

Welcher Art mein Argwohn war, brauche ich hier wohl nicht näher auszuführen. Daß ein drittes weibliches Wesen im Hause weilte, davon war ich felsenfest überzeugt. Und bei dieser Ueberzeugung blieb ich auch.

Während der folgenden Nacht ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Ich hatte mich frühzeitig niedergelegt und schlief den Schlaf des Gerechten, plötzlich erwachte ich an dem schrillen Gelächter von Frauen. Sofort setzte ich mich im Bette auf und lauschte. Ich hatte mich nicht getäuscht. Es unterlag keinem Zweifel, daß nicht nur eine, sondern wenigstens ein Dutzend ausgelassen fröhliche Frauenstimmen sich hören ließen, und zwar, wie mir schien, nicht sehr weit von meinem Bette entfernt. Ich hielt den Atem an und strengte mein Gehör an. Plötzlich drang ein Schrei, der eher dem Schmerze als der Fröhlichkeit zu entstammen schien, durch die Wände. Höhnisches Gelächter folgte. Dann war wieder alles still. Ich suchte vergebens weitere Laute zu erhaschen. Schließlich streckte ich meine Hand zum Nachttischchen aus, das neben meinem Bette stand, zündete ein Streichholz an und schaute auf die Uhr. Es war gerade halb drei Uhr.

Ich schlief erst bei anbrechender Morgendämmerung wieder ein. Unruhige Träume suchten mich heim, aus denen ich um sieben Uhr erwachte. Mein erster Eindruck war, daß ich die ganze Geschichte überhaupt nur geträumt hatte.

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