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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 31
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Dreißigstes Kapitel.

Aber das ist ja der Baron Romer, sagte der Inspektor voller Erstaunen.

Er hat mir vor einer Minute verraten, daß er selbst den Goliby gespielt hat. Ich muß es ihm wohl glauben.

Teufel! bemerkte er. Das haben wir nicht geahnt. Das erklärt ja eine Menge Dinge!

Allerdings, erwiderte ich. Ich war mit Blindheit geschlagen.

Hat er sie erschossen? fragte Beale und deutete auf die Tote.

Ja.

Warum?

Weil er glaubte, sie habe ihn der Polizei verraten.

Das ist ein Irrtum, wir haben unsere Informationen von Javotte. Er hat die ganze Bande verraten. Und nun, wie komme ich zur Hinterseite dieses verfluchten Hauses?

Ich führte ihn zu dem Spiegel, der nunmehr wieder offen stand.

Das ist die Lösung. Ich habe sie erst diesen Abend entdeckt. Gehen Sie geradeaus, nach wenigen Schritten kommen Sie an eine Treppe. Sie können den Weg nicht verfehlen.

Vorwärts, rief er seinen Leuten zu, als ein wildes Getöse an unser Ohr drang. Drunten ist harte Arbeit zu tun. Ich denke, Le Noir wird froh sein, wenn wir der Bande in den Rücken fallen.

Die Polizisten verschwanden in dem Gange. Einige Momente später schwoll der Lärm an, bis schließlich ein Aufruhr drunten losbrach, als ob alle Höllenteufel einander in den Haaren lägen.

Ich hatte mittlerweile genug davon bekommen. Ein Schauer überrieselte mich, als ich, um hinauszukommen, über die Tote hinwegsteigen mußte, deren Augen in stummer Bitte mich anzuflehen schienen. Ich griff nach meinem Hute, setzte ihn auf, nahm eilends meinen Handkoffer zur Hand und stürmte, ohne mich noch einmal umzusehen, die Treppe hinab, zur Türe hinaus und durch den Garten auf die Straße. Seltsamerweise versperrte mir dort kein Polizist den Weg, und so schnell als es mir meine Beine erlaubten, eilte ich von dannen.

Zum Glück begegnete ich am Ende der Straße einer Droschke. Ich gab dem Kutscher ein Zeichen und sprang hinein.

Fahren Sie wie der Wind in die Stadt, wohin Sie wollen, rief ich dem erstaunten Kutscher zu.

Jawohl, lautete die Antwort. Die Peitsche knallte und der Wagen rollte davon. Nur allmählich begann sich meine Aufregung zu legen. Endlich konnte ich wieder frei atmen. Ich öffnete das Kutscherfensterchen und rief:

Fahren Sie zum Charing Croß Hotel, Kutscher!

Nunmehr fragte ich mich, ob wohl Richard im »Savageclub« sei.

Im Hotel angekommen, sicherte ich mir ein Zimmer und begab mich dann sofort durch die Villiersstraße zur Adelphiterrasse. Im »Savageclub« begegnete ich Richard in der Halle.

Heiliger Gott! Mensch, wie siehst denn du aus? Was ist vorgefallen?

Das Schlimmste!

Komm sofort hinauf und trinke einen Brandy! Ich habe dich noch nie in einer solchen Verfassung gesehen.

Zehn Minuten später fühlte ich mich besser. Das Reizmittel hatte mich wieder gekräftigt. Wir waren die einzigen Gäste im Schreibzimmer des ersten Stockes.

So, sagte ich, jetzt bin ich wieder auf dem Damm! Und nun will ich dir die ganze Geschichte erzählen.

Richard saß mit offenem Munde da, als er meinem grauenhaften Berichte folgte. Als ich geendet, ergriff er meine Hand.

Mein lieber Ted, sagte er. Ich weiß nicht, wie ich dich für diese schlimme Geschichte entschädigen soll.

Wenn du so weiterredest, kündige ich dir die Freundschaft, erwiderte ich. Wenn du dich von Romer oder Goliby oder wie wir ihn nennen wollen hast täuschen lassen, was soll ich denn von mir sagen, der ich ihn Tag für Tag gesprochen habe, ohne den geringsten Zweifel an seiner Person zu hegen? Sein wahrer Beruf wäre die Bühne gewesen. Schließlich hat er mich anständig behandelt. Nur der Blick auf seinen Revolver hat mir, während meiner kurzen Unterredung heute nacht mit ihm, nicht sehr gefallen. Einen Augenblick stand die Sache auf Spitz und Knopf. Ich bin wirklich meinem Geschicke dankbar, das mir erlaubt, jetzt deine liebenswürdige Gesellschaft hier zu genießen.

So saßen wir bis zu später Stunde beisammen und unterhielten uns über die Vorfälle in St. Johns Wood. Zum Schlusse begleitete er mich bis zu meinem Hotel. In jener Nacht habe ich kein Auge zugetan.

Da ich keinen Anlaß dazu hatte, bin ich seitdem nicht wieder in der Gegend gewesen, wo die nächtliche Schreckensszene stattgefunden hatte.

Am nächsten Morgen in aller Frühe stattete ich Scotland Yard einen Besuch ab. Da ich mir wohl bewußt war, daß ich eigentlich schon früher hätte eine Meldung machen sollen, begnügte ich mich, anzudeuten, daß ich den Verdacht habe, es sei in der vorhergehenden Nacht etwas Unsauberes in der Villa vorgefallen. Man möchte doch den hinter der Villa Rabenhorst liegenden Garten näher untersuchen. Ich könne mich ja täuschen, aber ich möchte sie doch auf meine Vermutung aufmerksam gemacht haben.

Das Ergebnis dieser Andeutung war, daß am folgenden Tage der Leichnam meines zweiten Doppelgängers, des jungen Mannes, den ich im Criterion getroffen hatte, aus einem hastig und oberflächlich gemachten Grabe zu Tage gefördert wurde. Wie Javotte verriet, war der junge Mann niemand anderes als sein Zwillingsbruder, wodurch der fast unglaublich erscheinende Zufall, daß ich sogar mit zwei Doppelgängern zusammengetroffen war, in natürlicher Weise erklärt wurde.

Es wurde bekannt, daß eine reichliche Anzahl von Polizisten bei der Razzia verwendet worden waren. Nicht ein einziger Punkt rings um die beiden Villen war unbewacht geblieben, und diejenigen Mitglieder der Bande, die ihr Heil in der Flucht durch die Fenster gesucht hatten, sprangen ihren Verfolgern buchstäblich in die Arme. Man war der Ansicht, daß nicht ein einziger entkam. Seit vielen Jahren hatte die Polizei keinen so wichtigen und sensationellen Fang mehr gemacht: es handelte sich um die verwegenste Verbrecherbande, die während des ganzen Jahrhunderts entlarvt worden ist. Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich, daß auch der ehrwürdige Anwalt aus Cliffords Inn dazu gehört hatte und der Polizei bei dieser Gelegenheit in die Hände gefallen war.

Nicht allein die geraubten Juwelen der Großfürstin Alexina wurden im Hause vorgefunden, sondern auch riesige Summen in Gold und Wertpapieren. Die unschuldig aussehende Villa im Wildwoodweg war mit der ebenso ruhig und behäbig dreinschauenden Villa Rabenhorst verbunden, und zwar zuerst vermittels der Gewächshäuser hinter der ersteren, und sodann durch einen kleinen Tunnel, der zu einem Keller führte, welcher unter dem Raume lag, in dem die Bande gefangen genommen wurde. Es stellte sich heraus, daß er ursprünglich als Billardzimmer gedient hatte. Von da aus führte eine Wendeltreppe in das darüber gelegene Zimmer, das, wie ich gute Gründe habe zu glauben, der Schauplatz mancher wilden Orgie gewesen ist.

Eine Entdeckung interessierte mich vielleicht noch mehr als die anderen, da sie den Geldschrank betraf, aus dem die Wertpapiere verschwunden waren. Es ergab sich nämlich, daß seine hintere Wand sich wie eine Türe öffnen ließ und durch einen geheimen Zugang mit dem von mir entdeckten Korridor in Verbindung stand. Auf diese Weise brauchte der Dieb nur auf eine Feder zu drücken, mit dem Arm in den Geldschrank hineinzugreifen und die Wertsachen herauszuholen, ohne daß es nötig war, das Schloß zu öffnen und so die Verbindung mit den elektrischen Klingeln im Hause herzustellen.

Die Entdeckung, daß Baron Romer das Haupt der Bande war, erregte großes Aufsehen. Jedermann wunderte sich über das Doppelleben, das er so erfolgreich gespielt, und das niemals Verdacht erweckt hatte.

Ich mußte natürlich bei der Totenschau als Zeuge auftreten, und eine Zeitlang wurden allerlei Theorien über die Identität des ermordeten Weibes und ihre Beziehungen zum Baron Romer, insbesondere, ob die beiden verheiratet gewesen, laut.

Genaues ist indes, wie ich glaube, niemals zu Tage gefördert worden. Was mich anlangt, so bin ich geneigt, ihr Zeugnis für richtig zu halten, ob sie nun insgeheim oder öffentlich verheiratet waren; ich bin davon so fest überzeugt, als daß sie ihm bis zu ihrem Ende die Treue bewahrt hat und einem Mißverständnisse zum Opfer gefallen ist.

Dies sagte ich zu Richard bei Gelegenheit unserer nächsten Zusammenkunft.

Er schüttelte langsam das Haupt und sagte:

In einem gewissen Sinne indes hat sie das Spiel von Anfang an verraten.

In einem gewissen Sinne, ja, erwiderte ich, oder vielmehr in einer allgemeinen Weise.

Das kam mir immer merkwürdig vor, bemerkte er.

Mir erscheint es heute noch so, stimmte ich ihm bei, aber nie hat sie mir auch nur mit einem Worte die Identität des Baron Romer verraten.

Das stimmt. Dieses Weib wird uns, wie ich glaube, immer mehr oder weniger ein Rätsel bleiben.

Ohne Zweifel, Richard. – Ich erhob mein Glas und fuhr fort:

Weihen wir ihr ein stilles Glas. Sie hat es immer gut mit mir gemeint!

Gewiß, erwiderte er, und schweigend leerten wir unsere Gläser.

Nach einer kleinen Pause ergriff Richard wieder das Wort und sagte:

Und nun, mein Junge, wo du deinen Hals aus der Schlinge gezogen hast, was hast du jetzt vor? Willst du dich wieder nach einer Privatsekretärstelle umsehen?

Wie, nach meinen Erfahrungen? war meine Antwort. Nicht für ein Königreich!

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