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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 30
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Das war ein schlechter Anfang meiner Entdeckungsreise. Meine Abenteuerlust war auf den Nullpunkt gesunken. War es ein Zufall, der mir den Rückweg abgeschnitten hatte? Vermutungen darüber anzustellen, war nutzlos. Es blieb mir nichts übrig, als den Gang zu verfolgen und vielleicht einen anderen Ausweg zu entdecken.

Der Gang führte geradenwegs zu einer Treppe. Als ich unten angelangt war, bemerkte ich, daß ein zweiter Gang von dem ersten abzweigte. Aber ich hatte keine Zeit, über diesen Umstand nachzugrübeln, denn zu meinem Schrecken unterschied ich deutlich in einiger Entfernung von mir ein Stimmengewirr, das mich zum Stehenbleiben veranlaßte.

Großer Gott, dachte ich, jetzt laufe ich ja geradenwegs dem Löwen in den Rachen!

Zurückzugehen nützte mir nichts, vielleicht würde der zweite Gang, der offenbar von dem Raume, von dem die Stimmen herkamen, wegführte, ins Freie gehen. Schnell entschlossen betrat ich ihn. Aber ich kam nicht weit, denn plötzlich öffnete sich an seinem Ende eine Türe, eine elektrische Taschenlaterne warf ihren Schein durch den Gang hinunter auf mich, und in der Gestalt, die drohend auf mich zukam, erkannte ich den Baron Romer.

Als er vor mir stand, war er so überrascht, daß er eine Minute lang keine Worte finden konnte. Endlich sagte er mit heiserer, aber gedämpfter Stimme:

Wie zum Teufel kommen Sie hierher, Sie Unglücksmensch?

Ich hatte mit einem Schlage meine Geistesgegenwart wieder erlangt und erwiderte unbefangen:

Ich habe entdeckt, daß sich hinter dem Spiegel in meinem Schlafzimmer ein Gang befindet, und die Neugier trieb mich, nachzusehen, wo er wohl hinführe. Ich wäre froh, wenn ich wieder draußen wäre!

Sind Sie schon dorthin vorgedrungen? fragte er argwöhnisch und deutete nach der Richtung, von der, an diesem Punkte kaum noch hörbar, die Stimmen herkamen.

Nein, beteuerte ich, ich komme eben die Treppe herunter.

Der Baron überlegte einen Augenblick.

Sie müssen mir doch überall in die Quere kommen, brummte er ärgerlich. Ich werde Sie auf diesem Wege hinausführen. Geben Sie mir Ihre Hand!

Er hatte seine Laterne in die Tasche gesteckt und mich bei der Hand gefaßt. Nun zog er mich in der Dunkelheit denselben Weg zurück, den er gekommen war. Nach wenigen Schritten hörte ich, daß er eine Türe aufschloß, dieselbe, aus der er herausgekommen war. Ich hatte keine Zeit zur Ueberlegung und dachte auch gar nicht daran, Widerstand zu leisten.

In diesem Augenblick erhob sich, am anderen Ende des Ganges scheinbar, ein wildes Geschrei. Der Baron blieb unwillkürlich stehen. Dann sonderte sich von dem Lärm eine alles übertönende Stimme ab, die die Worte hinausbrüllte:

Sie hat uns verraten! Die Polizei hat die Villa umzingelt – sie sind schon halbwegs durch den Tunnel hindurch – ich habe die Riegel vorgeschoben! Aber sie schlagen schon die Türe ein. In einer Minute sind sie da. Ich wußte, daß es dazu kommen müßte! Sie hat zuviel gewußt und sie allein hat es getan!

Ich fühlte, daß der Baron wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammenzuckte, als er diese Worte vernahm. Er stieß einen gräßlichen Fluch aus und schleuderte mich in den Raum hinein, dessen Türe er geöffnet hatte. Und ehe ich mich von meiner Ueberraschung erholt hatte, war die Türe zugeschmettert, und ich befand mich hinter Schloß und Riegel, in tiefster Finsternis.

Meine Lage war nicht beneidenswert. Offenbar hatte mich der Baron in das Gemach geworfen, um mich unschädlich zu machen. Glücklicherweise hatte ich meine Zündhölzer bei mir. Ich strich eines an und besah mir meinen Aufenthaltsort. Zu meiner großen Verwunderung entdeckte ich, daß ich in dem »Blaubartszimmer«, wie Marie es genannt hatte, in Golibys Arbeitszimmer eingeschlossen war, in das ich am Tage zuvor einen Blick durch das Schlüsselloch geworfen hatte. Auf der Stelle erkannte ich es wieder. In einer Ecke stand ein Feldbett, in der gegenüberliegenden ein Kleiderschrank, dessen eine Türe offenstand. Auf dem Tische lag, vor dem Spiegel, den ich schon das letzte Mal gesehen hätte, ein Kästchen, das auffallend an den Schminkkasten eines Schauspielers erinnerte. Daneben erblickte ich eine goldene Brille und eine weiße Perücke. Beim Anblick dieser Gegenstände ging mir mit einem Male ein Licht auf. Goliby war in Wirklichkeit offenbar gar kein alter Herr, und jetzt sah ich mit einem Male ein, was ich für ein Einfaltspinsel gewesen war.

Aber rasch machte ich auch eine zweite Entdeckung, die mich in meiner gegenwärtigen Lage noch weit mehr interessierte. Die zur Halle führende Türe war einzig und allein durch eine Feder verschlossen. Ich brauchte sie nur zurückzuziehen und konnte dann ungehindert als freier Mann in die Halle hinausschlüpfen. Das hatte offenbar der Baron in seiner Aufregung vergessen oder auch gar nicht gewußt. Anstatt auf Beales Signal zu warten, konnte ich einfach die Riegel am Hauptportal zurückschieben und durch dasselbe mich ins Freie flüchten. Ich war durch die Ereignisse so abgestumpft, daß ich gar nicht befürchtete, Goliby in die Hände zu laufen. Seine Verkleidung lag ja in dem kleinen Zimmer, und so würde er sich hüten, sich in seiner wahren Gestalt vor mir zu zeigen.

Als ich die Türe eben leise öffnete, drang aus der Richtung, von der ich zuvor die Stimmen gehört hatte, ein mächtiger Aufruhr an mein Ohr. Schreie und Flüche, vermischt mit Schüssen, erfüllten die Luft. Ich eilte durch die Halle und war beinahe schon am Portal angelangt, als mich plötzlich ein durchdringender Schrei, der zweifellos von einem Weibe herrührte, zum Stehen brachte. Offenbar kam er aus meinem Zimmer droben her.

Ich vergaß meinen ersten Entschluß und eilte die Treppe hinauf. Währenddessen hörte ich eine vor Wut überschnappende Stimme die Worte brüllen:

»Du lügst, du Hexe, du lügst! Du hast uns verraten!«

Abermals erhob sich ein Geschrei, das aber prompt durch den Knall eines Revolverschusses abgeschnitten wurde. Ich konnte den dumpfen Fall, der dem Schusse folgte, beinahe fühlen.

Als ich in das Zimmer stürmte, sah ich den Baron Romer mit rollenden Augen, die noch rauchende Waffe in der Hand, neben dem Leichnam eines entzückenden Weibes stehen, wer es war, brauche ich wohl nicht deutlicher zu sagen.

Er wandte sich wütend nach mir um.

Was! schrie er. Da sind Sie schon wieder!

Ja, sagte ich entschlossen und deutete auf den Leichnam. Was bedeutet das?

Ich bin verraten worden, und die Verräterin hat ihre Schuld mit dem Leben bezahlt. Das ist es. Und jetzt machen Sie sich auf die Beine! Laufen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!

Entsetzlich, stammelte ich, wo ist denn Herr Goliby?

Verdammter Schafskopf, sagte er in gänzlich verändertem Tone, kennen Sie mich denn nicht?

Die Schuppen fielen mir von den Augen, als ich Golibys Stimme aus dem Munde des Mörders wieder erkannte. Aber er ließ mir keine Zeit, sondern fuhr, nun wieder im alten Tone, fort:

Gehen Sie jetzt, Sie verfluchte Klette, laufen Sie!

Er hatte den Revolver auf mich gerichtet. Ich rannte aus dem Zimmer. Im gleichen Moment vernahm ich Beales Pfeife. Ich stürmte die Treppe hinunter, durchquerte die Halle und zog, so rasch ich es in meiner Aufregung vermochte, die Riegel am Hauptportal zurück.

Der Inspektor stürzte in die Halle, gefolgt von einem Dutzend Polizisten.

Aha, Sie haben Wort gehalten, sagte er. Wo ist Goliby?

Während er diese Frage stellte, ertönte im ersten Stock ein zweiter Revolverschuß. Ohne zu antworten, führte ich ihn die Treppe hinauf und deutete auf den Toten, der neben dem ermordeten Weibe lag.

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