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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Zweites Kapitel.

Es war wirklich eine unheimliche Geschichte. Ich befand mich im vollen Besitz meiner Geisteskräfte. Die Sonne sandte ihre Strahlen durch das Fenster in mein Zimmer. Ich war nicht das Opfer einer Sinnestäuschung. So klar ich jetzt mein eigenes Gesicht im Spiegel sah, hatte ich auch das entsetzte, hagere, aber entzückende Frauenantlitz darin erblickt, wohin war es entflohen? Jeder Gegenstand im Zimmer war scharf beleuchtet. Die Stille war geradezu bedrückend. Ich hätte einen Schmetterling schweben hören, so scharf war mein Gehör, aber nicht die geringste Schwingung hatte mein Ohr erreicht. Das geheimnisvolle Leben in der Luft, das ich schon erwähnt habe, hatte eher meine Gefühle als meinen Gehörsinn erregt.

Mit einiger Anstrengung gelang es mir, meine Ruhe wieder zu erlangen.

Nervengeschichten, sagte ich mir, gegen besseres Wissen, das müssen meine Nerven sein. Es ist ausgeschlossen, daß ein menschliches Wesen dieses Zimmer betreten und verlassen haben kann, ohne ein Geräusch zu verursachen, das seine Anwesenheit verraten hätte.

Alles das dachte ich mit dem Bewußtsein, nicht die Wahrheit zu sagen.

Ich machte die Türe auf und schloß sie wieder. Eine kreischende Angel verriet mir in diesem Moment, daß kein weibliches Wesen auf diesem Wege hatte kommen und gehen können. Alle anderen Oeffnungen waren Fenster. Das Zimmer war hoch, der Teppich von einer Textur, die Zauberstreiche unmöglich machte.

Bei mir, dachte ich, ist etwas nicht in Ordnung. Ich habe mir wohl in der letzten Zeit zu vielen Kummer gemacht. Ein wenig frische Luft wird mir gut tun.

Daraufhin stellte ich den »Bericht über einige mineralreiche Ländereien usw.« wieder an seinen Platz zurück, griff nach meinem Hute, begab mich leise die Treppe hinab und versuchte, die Haustüre zu öffnen. Aber ebensogut hätte ich versuchen können, eine Gefängniszelle ohne die Beihilfe eines Wärters aufzutun, so kompliziert war das System von Riegeln und Schlössern an der Türe. Bevor ich aber Zeit hatte, mich über diesen Umstand zu verwundern, sprang der kleine, runzelige Mann, der mich in das Haus eingelassen hatte, scheinbar aus der Luft plötzlich auf mich zu und sagte:

Sie erlauben, diese Verschlüsse muß man schon kennen, um sie aufmachen zu können. Es ist bisweilen soviel Geld im Hause, daß Herr Goliby große Vorsichtsmaßregeln gegen Einbrecher zu ergreifen gezwungen ist. So! – Das Tor flog weit auf. Dann setzte der kleine Mann hinzu:

Ich glaube, es wird gut sein, wenn ich Sie bis zum Gartentor begleite und Ihnen den Kunstgriff zeige, mit dem Sie das Schloß öffnen können. Er ist sehr einfach, sobald Sie ihn einmal kennen.

Das war in der Tat der Fall. Er führte meinen Zeigefinger auf eine Art Drahtstiftkopf, worauf das kleine Pförtchen sich selbsttätig öffnete.

So, sagte er. Herr Goliby, wird Ihnen, wie ich denke, morgen die Schlüssel geben.

Die Türe fiel wieder geräuschlos ins Schloß, und mit einem Gefühl der Erleichterung stand ich auf der Straße. Ich sah auf die Uhr.

Ein Viertel nach Drei, murmelte ich. vor vier Uhr verläßt Richard seine Wohnung nicht. Ich werde ihn gerade noch rechtzeitig antreffen.

Das war auch der Fall. Ich begegnete ihm auf der Treppe.

Du bist es, mein Junge? rief er mir zu. Ich kann dir nur ein paar Minuten widmen. Ein wichtiges Rendezvous, ich bin bereits etwas spät dran, wie steht's? Hast du deinen Mann getroffen?

Jawohl.

Gefällt er dir?

Ich weiß noch nicht recht.

Engagiert?

Gewiß. Er hat mir ein Vierteljahr im voraus bezahlt. was sagst du dazu?

Kommt mir etwas seltsam vor. Etwas ungewöhnlich, verstehst du.

Mir auch. –

Um diese Zeit querten wir den Pump Court in der Richtung nach dem Strande.

Nun, ich denke, es kam nicht ungelegen, setzte er hinzu, aber da du es angenommen hast, bist du verpflichtet, jetzt wenigstens drei Monate bei ihm zu bleiben. Na, darüber wirst du dir ja im klaren sein, vermutlich tust du es gern, was?

Offengestanden, ich weiß es nicht, erwiderte ich. Ich habe etwas Seltsames, um nicht zu sagen, Mysteriöses in dem Hause entdeckt.

Wieso? Das mußt du mir näher erklären, nur bitte ich, dich kurz zu fassen. Sobald wir die Fleetstraße erreichen, muß ich in die erste freie Droschke springen, der wir begegnen.

Ich teilte ihm so knapp als möglich mit, was sich ereignet hatte. Mein ernstes Gebahren belustigte ihn augenscheinlich. Er lachte.

In deinem Hirnkasten ist ein Schräubchen los und –

Unsinn, unterbrach ich ihn, ein wenig gereizt, du schenkst mir scheint's keinen Glauben.

Ich muß einem vertrauenswerten Manne doch wohl Glauben schenken, entgegnete er, selbstverständlich. Das Haus ist vielleicht verhext, es spukt. Das mußt du dir schon gefallen lassen. Ich selbst hätte nicht viel dagegen einzuwenden, mir einen derartigen hübschen weiblichen Spuk vormimen zu lassen, versuch's das nächste Mal, sie zu haschen. Sie soll eine Erklärung oder Entschuldigung abgeben. So, hier kommt eine leere Droschke gefahren. Ich muß dich nun verlassen, Teddy. T – t! Tut mir leid. Besuch mich bald wieder!

Im nächsten Augenblick entführte ihn der Wagen in der Richtung der St. Paulskirche.

Zuerst war ich über sein Benehmen etwas verstimmt. Er hatte mich nicht, wie ich es hätte verlangen können, ernst genommen. Wahrscheinlich hielt er mich für das Opfer einer Sinnestäuschung. Und doch hätte er mich besser kennen sollen. Mein Verdruß war indes vergangen, bevor ich noch in Charing Croß anlangte; und ich hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß es besser wäre, mein eigenartiges Erlebnis bei mir zu behalten, wenn ich vermeiden wollte, ausgelacht zu werden. Denn sicherlich würde mir niemand Glauben schenken. Schon begann ich selbst an meinem Erlebnis zu zweifeln.

Auf dem Heimweg suchte ich unseren alten Familienanwalt in der Albermarlestraße auf. Er streckte mir auf Herrn Golibys Scheck 10 Pfund vor und überhob mich so der Notwendigkeit, am nächsten Morgen in die City zu fahren. Mit dem Gelde fuhr ich wieder nach Westkensington, berichtigte die kleine Schuld bei meiner Hausfrau und packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen, worauf ich entdeckte, daß der Rest des Tages und die Nacht zu meiner eigenen Verfügung standen.

Diesen Abend leistete ich mir ein gutes Essen und geriet dann, ich weiß selbst nicht wie, in das Empire-Theater. Dort ereignete sich etwas Seltsames. Es mochte um elf Uhr sein. Das Gedränge in den Wandelgängen war auf seinem Höhepunkt angelangt. Aus dem wirren Lärme drang plötzlich eine mir merkwürdig bekannte Stimme an mein Ohr, und ich verstand die Worte:

»Ein ehrenwerter feiner junger Mann – ein bißchen grüner Junge. Er ist recht – Baccalaureus von Oxford usw. Gerade der richtige, um ...«

Das schrille Gelächter aus dem Munde eines weiblichen Wesens schnitt den Rest des Satzes ab.

Eilends wandte ich mich um. Gerade hinter mir stand eine Gruppe von Herren. Unter ihnen fiel mir durch seine geisterhafte Blässe ein hübscher junger Mann auf, dessen Gesicht ich bestimmt schon irgendwo gesehen hatte, war er es, der die Worte gesprochen hatte, die mir eben aufgefallen waren? Das war nicht zu bestimmen, und übrigens, was für eine Beziehung konnten sie zu mir haben? Ich glaubte fast, daß ich mich durch seine Worte ein wenig getroffen gefühlt hatte, nach der Behandlung, die mir Richard am Nachmittag hatte zuteil werden lassen. Im nächsten Augenblick war übrigens der junge Mann weitergegangen und in dem Trubel untergetaucht.

Ich mußte über den Zwischenfall lachen, zündete mir eine frische Zigarre an und verließ das Theater. Der Leicester Square war taghell erleuchtet, die Nachtluft entzückend kühl. Ich schlenderte nach Westminster hinunter und bestieg wieder den Zug nach Earl's Court. Man könnte glauben, daß die letzte Nacht, die ich in meiner bescheidenen Bude verbrachte, eine sehr friedliche gewesen sei. Das war indes nicht der Fall. Denn schwere Traumgesichter von Ungeschick und Leid peinigten mich. Es war nichts Bestimmtes, nichts Greifbares daran, nur verschwommene Vorstellungen, in denen das zynische, bleiche Gesicht eines Mannes und die wirren Locken und glühenden Augen eines Weibes immer wieder auftauchten. Zuletzt erwachte ich, die Stirne in Schweiß gebadet. Die Sonne sandte ihre Strahlen in breiten Streifen in das Zimmer. Als ich auf die Uhr schaute, sah ich, daß es sechs Uhr war.

Der Kuckuck hole solche Träume! dachte ich, und im nächsten Moment fuhr ich aus dem Bett und in mein Wannenbad.

Es geht doch nichts über kaltes Wasser, um den Trübsinn zu verjagen, sagte ich mir, als ich neugeboren und in bester Stimmung mich ankleidete.

Ich trat ans Fenster und zog den Vorhang zurück. Die warme, einschmeichelnde Junimorgenluft strömte mir entgegen und machte meine Zufriedenheit vollständig.

Jetzt ist mir wieder wohl, lachte ich, hahaha! Richard hatte doch recht. Muß ein Hirngespinst gewesen sein, oder ein Streich meiner Nerven. Nimm dich zusammen, Teddy, und blamiere dich nicht noch einmal!

Ich griff tüchtig aus, als ich meine Bude verließ, um die letzten Besorgungen vollends zu erledigen. Es war noch nicht zehn Uhr, als ich mit meinem Handkoffer vor der Villa Rabenhorst in der Elsinorestraße vorfuhr.

Dieses Mal wurde das Tor gastfreundlich weit für mich geöffnet, und die Droschke fuhr bis zu der Säulenhalle des Haustors. Der runzelige, kleine Mann war die Fröhlichkeit selbst. Ein Diener in Livree erschien und nahm mir mein Gepäck ab.

Ein hübsches Zimmermädchen in weißem Häubchen und weißer Schürze knixte vor mir, als ich die Halle querte. Konnte ich eine günstigere Aufnahme erwarten?

Binnen einer halben Stunde hatte ich mich in meiner neuen Wohnung bequem eingerichtet. Ich war in bester Stimmung, verjagte das Weib mit dem wirren Haar aus meinen Gedanken und machte mich mit frischer Lust an den »Bericht über einige mineralreiche Ländereien in Norddakota«. Die Arbeit war in keiner Weise anregend, aber ich ochste vier lange Stunden daran, bis ich endlich ans Essen dachte.

Wie mich Herr Goliby angewiesen hatte, drückte ich auf die Klingel. Das hübsche kleine Zimmermädchen, das in der Halle so freundlich vor mir geknixt hatte, erschien auf mein Läuten, und es währte keine halbe Stunde, bis das einladendste Mahl, das man sich wünschen konnte, für mich aufgetragen war.

Ob ich Rheinwein oder Bordeaux vorziehe? fragte das nette Zimmermädchen. Ich begann einzusehen, daß mich mein Geschick auf eine annehmbare Bahn geführt hatte und wunderte mich über meine schlimmen Vorahnungen vom vorhergehenden Tage.

Ich entschied mich für Bordeaux und fand ihn sehr gut. Und als ich zuletzt meinen Stuhl von der appetitlichen kleinen Tafel wegrückte, mit dem angenehmen Gefühl, ausgezeichnet gespeist zu haben, holte meine Hand gewohnheitsmäßig aus der Tasche mein Pfeifchen hervor, und im nächsten Moment paffte ich wohlriechende Tabakswolken in die Luft.

Herz, was begehrst du noch mehr? fragte ich mich, was zum Kuckuck habe ich mir auch so schwarze Gedanken gemacht? Ich will nun einen kleinen Bummel unternehmen!

Am Portal fragte ich den kleinen runzeligen Mann, wie er heiße.

Sawkins, erwiderte er mit einem Grinsen, das ich niemals vergessen werde.

Danke, Sawkins, sagte ich, wann denken Sie, daß Herr Goliby zurückkehren wird?

Heute abend. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, um wieviel Uhr.

Ein Stündchen etwa ging ich in der Umgebung von St. Johns Wood spazieren. Dann kehrte ich zurück und machte mich wieder an meinen »Bericht«. Es war ein gewichtiger Band, von nahezu tausend Seiten, und langweiligere Lektüre war mir nie vorgekommen. Ich warf mich mit allem Eifer auf die Arbeit, und doch überfiel mich Schläfrigkeit. Eine Weile kämpfte ich dagegen an. Dann überwältigte mich die Müdigkeit.

Als mein Geist sich wieder zu regen begann, war mein erstes Gefühl, daß sich etwas außer mir im Zimmer befinde, ein unbestimmbares Etwas, das ich im ersten Augenblick nicht bezeichnen konnte. Ich hätte beschwören können, daß außerdem für einen Moment eine menschliche Hand auf der meinigen geruht hatte. Erschreckt fuhr ich auf und sah mich im Zimmer um. Nichts war zu sehen. Ich hatte wieder geträumt, sagte ich mir, das war alles. Aber als mein Blick wieder zu meiner Beschäftigung zurückkehren wollte, fand er quer über meinem Auszuge liegend, einen Zettel, auf dem in unverkennbar weiblicher Handschrift die Worte niedergekritzelt waren:

» Wenn Ihnen Ihr Leben und Ihre unsterbliche Seele lieb sind, so verlassen Sie sofort dieses verfluchte Haus

Ich las die erstaunliche Botschaft zum zweiten Male durch, da vernahm ich Schritte im Zimmer. Ich zerknüllte das Papier in meiner Hand, wandte mich um und sah mich Herrn Goliby gegenüber.

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