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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 29
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Diese Entdeckung brachte mich gleich auf den Gedanken, daß ich durch sie auch noch andere Geheimnisse aufdecken könnte. Ich tappte in den dunkeln Gang hinaus, etwas ängstlich, wie ich gestehen muß, aber die Finsternis hemmte meine Schritte. Ich konnte mir nicht denken, wohin er führte. Trotzdem ich vor Neugierde brannte, blieb ich doch stehen. Der Selbsterhaltungstrieb, der auch die lebhaftesten Impulse hemmt, hielt mich zurück. Vor allem mußte ich Licht haben und dazu brauchte ich meine Zündhölzer, die ich auf meinem Waschtische hatte liegen lassen. Rasch tastete ich mich an den Wänden entlang zurück und holte meine Zündhölzer. In diesem Augenblick klopfte es an der Türe meines Wohnzimmers.

Das Pochen kam mir so unerwartet, daß mich ein Schauder überlief. Rasch drehte ich den Spiegel wieder in seine gewöhnliche Lage zurück und zog die Türe zu meinem Schlafzimmer leise hinter mir zu. Dann ging ich langsam zur Türe und machte sie auf.

Herr Goliby trat ein.

Ich habe Licht in Ihrem Zimmer gesehen, als ich durch den Garten kam, sagte er, aber was ist Ihnen denn? Sind Sie unwohl? Störe ich Sie?

Es war klar, daß ich mich um ein Weniges verraten hätte. Ich machte nun eine verzweifelte Anstrengung, mich zusammenzurappeln.

Nicht im geringsten, Herr Goliby, erwiderte ich. Ich bin selber erst vor kurzem nach Hause zurückgekehrt und habe wiederholt geklingelt, ohne daß jemand gekommen wäre. Daher dachte ich, ich sei allein im Hause, und als Sie anklopften, erschrak ich ein wenig und –

Ja, ja, versetzte er, ich verstehe. Sie haben sich auch in einer Hinsicht nicht getäuscht: sämtliche Dienstboten sind dem Beispiel Sawkins' gefolgt, und durchgebrannt. Der Himmel weiß warum. So kommt es, daß das Haus nahezu verlassen ist. Ich habe es bereits heute morgen entdeckt. Es war ihnen wahrscheinlich zu eintönig hier. Nun, glücklicherweise schadet es nichts, indem ich morgen selbst verreise. Leider habe ich in letzter Zeit Pech gehabt.

Das tut mir sehr leid, warf ich ein.

Nun, man muß auf derlei Wendungen gefaßt sein – das Glück ist ein unsicherer Kamerad. Die Besitzungen in Norddakota haben sich als nicht so einträglich erwiesen, wie ich mir ursprünglich dachte. Es ist betrübend – sehr betrübend.

Ich bin sehr überrascht, Herr Goliby. So weit ich in den Stoff eingedrungen bin, schienen sie mir sehr aussichtsreich.

Mir auch. Es ist ein harter Schlag, Herr Lart!

Ich kann es fast nicht glauben! Haben Sie, beiläufig, mein Billett von heute morgen erhalten, Herr Goliby?

Gewiß. Aber Sie hätten sich nicht die Mühe machen sollen, zu schreiben. Ich dachte, Sie hätten gestern verstanden, daß ich es Ihnen freigestellt habe, zu kommen und gehen, wie es Ihnen beliebt.

Jawohl. Aber ich hielt es für meine Pflicht –

Nicht im geringsten, unterbrach er mich. Und das bringt mich auf den Grund, warum ich Sie heute abend noch störe. Da morgen das Haus verlassen und niemand zu Ihrer Bedienung anwesend sein wird, so wäre es das Beste, wenn Sie, wie ich Ihnen andeutete, einen kleinen Urlaub nehmen würden. Sobald ich nach London zurückkehre, werde ich mich an Ihren Freund, Herrn Hamilton, wenden.

Wie Sie wünschen, Herr Goliby. Haben Sie mittlerweile noch einen Auftrag für mich?

Nein, nicht daß ich wüßte. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen, Herr Lart. Lassen Sie sich's gut gehen! Unsere Beziehungen sind sehr angenehm gewesen. Leben Sie wohl! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Adieu!

Besten Dank, Herr Goliby. Leben Sie wohl!

Ich geleitete ihn bis zur Türe und schloß sie dann leise hinter ihm ab. Dann kehrte ich in mein Schlafzimmer zurück und wandte mich wieder dem geheimnisvollen Spiegel zu. Ich wäre fast umgesunken vor Schrecken, als ich davor das mysteriöse Weib erblickte, von dem in meinem Berichte soviel die Rede gewesen ist.

Ich schnappte nach Luft. Endlich sagte ich:

Sie wieder hier, Madame?

Trotz ihrer leichenhaften Blässe und einer roten Strieme auf der Stirne erschien sie mir schöner als je.

Jawohl, erwiderte sie, zum letzten Male. Was mich wieder hierhergetrieben hat, weiß ich nicht. Sie haben ja meinen wiederholten Warnungen nicht die geringste Beachtung geschenkt. Sie haben Augen, um zu sehen und Ohren, um zu hören, und doch verfolgen Sie blind und taub Ihren Weg, ohne zu merken, was um Sie vorgeht. Warum ich zum ersten Male hierherkam, weiß ich nicht, es sei denn, daß ich mit Ihnen, einem jungen unschuldigen Menschen, Mitleid hatte, weil Sie in diese ruchlose Höhle gelockt worden sind. Erinnern Sie sich des Wortlautes meiner ersten Warnung?

Gewiß. Sie sprachen darin von einem »verfluchten Haus«.

Es ist ein dreimal verfluchtes Haus, warum sind Sie nach dieser Warnung doch dageblieben?

Ich will es Ihnen offen sagen, erwiderte ich. Die Warnung wurde mir auf eine, wie ich damals glaubte, geradezu übernatürliche Weise zugestellt. Ich sah in meinem Spiegel ein prachtvolles Gesicht. Soll ich weiterfahren?

Ja.

Ich blickte mich nach dem Gesicht um. Es war verschwunden. Ein Hirngespinst, sagte ich mir. Ich versuchte, zu glauben, daß ich das Opfer einer angenehmen Sinnestäuschung geworden sei. Dann jedoch fand ich Ihr Billett, die Warnung, von der Sie reden, und ich erkannte sofort, daß mich nicht meine Phantasie getäuscht hatte. Ein prachtvolles Weib hatte auf irgend eine Weise seinen Weg zu meinen Zimmern gefunden.

Und wie haben Sie sich das erklärt?

Gar nicht. Ich bin ein Mensch wie ein anderer auch. Meine Neugier war geweckt. In meinem Bestreben, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen, ließ ich die Warnung außer Acht. Ich weiß auch, was in diesem Hause vor sich geht. Was mir geschehen kann, weiß ich nicht. Sollte mir das Schlimmste zustoßen, so wird es nicht Ihre Schuld sein. Ich habe das Wagnis auf mich genommen und muß nun auch die Folgen tragen. Die Hälfte des Geheimnisses habe ich bereits gelöst.

Damit deutete ich auf den Spiegel.

Aha, sagte sie. Sie haben also den Kunstgriff entdeckt. Er ist sehr einfach.

Ja, stimmte ich bei, wenn man ihn kennt.

Und nun, was die andere ungelöste Hälfte des Geheimnisses anlangt?

Die können Sie allein lösen.

Bringen Sie die Frage in eine bestimmte Form! erwiderte sie. Ich werde dann entscheiden, ob ich sie Ihnen beantworte.

Gut, versetzte ich. Um es deutlich zu sagen: wer sind Sie?

Der Schatten eines Lächelns huschte über ihre Lippen.

Sie fragen in Ihrer Ehrlichkeit sehr ungeschminkt, antwortete sie. Nun, es ist ein Geständnis, das mir nicht leicht über die Lippen geht, aber ich will es Ihnen sagen: durch ein schlimmes Verhängnis bin ich dazu gekommen, das Weib des größten Schurken in ganz Europa zu sein.

Und der ist?

Der Mann, den ich vor wenigen Minuten mit Ihnen reden hörte.

Heiliger Himmel! rief ich aus. Sind Sie Frau Goliby?

Sie blickte mich einen Moment sehr eigentümlich an, dann erwiderte sie mit einem Zug des Unwillens um ihre Lippen:

Sie sind wirklich sehr einfältigen Herzens, Herr Lart, und es hat nicht den geringsten Wert, Sie zu warnen. Ja, wenn Sie so fragen, ich bin die Frau des Herrn Goliby. Aus reiner Barmherzigkeit will ich Ihnen einen letzten Wink geben, verlassen Sie dieses Haus durch das Hauptportal, so schnell Ihre Beine Sie tragen, denn sollten Sie es wagen, mir zu folgen – hiebei drückte sie auf eine unter der Tapete verborgene Feder, die den Spiegel wieder langsam herausschwingen ließ – wenn Sie toll genug wären, dies zu tun, dann sei Ihnen der Himmel gnädig! Ihr Leben wird keinen Pfifferling mehr wert sein. Adieu.

Wie ein Blitz verschwand sie durch die Oeffnung. Ich sprang hinzu, um den Spiegel am Zuschnappen zu verhindern.

Vielleicht ist es Wahnsinn, ihr zu folgen, sagte ich bei mir, aber man kann nur einmal sterben!

Es lag nicht in meiner Natur, die Sache vor der letzten Enthüllung aufzugeben, insbesondere in der erregten Stimmung, in der ich mich jetzt befand, selbst wenn mein Schritt mich, wie sie behauptet hatte, in die gefährlichste Lage bringen sollte. Und so drehte ich den Spiegel wieder auf und schlüpfte in die Oeffnung hinein.

In diesem Augenblick hörte ich den Spiegel hinter mir wieder in die Feder einschnappen. Das ernüchterte mich ein wenig. Ich kehrte mich um und versuchte, ihn zurückzudrehen, aber es ging nicht. Dann zündete ich ein Streichholz an und suchte an der rohbeworfenen Mauer nach einer Feder. Es war umsonst. Und als das Zündholz ausging, befand ich mich in äußerster Finsternis mit dem Bewußtsein, ein Gefangener zu sein.

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