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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 27
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

In einem einzigen Augenblick durchschaute ich das Spiel und wurde mir klar, daß ich meine Rolle darin sehr schlecht gespielt hatte. Der Raufbold war ohne Zweifel ein Bundesgenosse meines Doppelgängers, und es kam mir sehr unangenehm zum Bewußtsein, daß das Talent zum Detektivberufe in keiner Hinsicht eine notwendige Folge akademischer Bildung sei.

Ich kümmerte mich nicht weiter um den Raufbold und verließ das Lokal, durch den Verlauf des Abenteuers sehr ernüchtert. Das einzige Ergebnis der dummen Geschichte war, daß ich ein oder zwei Mitglieder der Bande veranlaßt hatte, auf ihrer Hut zu sein. Die Folgen davon konnten für mich sehr unliebsam sein. Und der Fehler lag völlig auf meiner Seite. Es stand mir immer noch frei, dem Beispiel Sawkins' zu folgen, der offenbar wie eine Ratte das sinkende Schiff verlassen hatte. Ich konnte immer noch einen gemütlichen Seeplatz aufsuchen, wie Richard und Herr Goliby mir vorgeschlagen hatten. Bei diesem Punkte meiner Ueberlegungen angelangt, verfiel ich plötzlich auf einen merkwürdigen Gedanken. Warum hatte mir Herr Goliby diesen Wink erteilt, wenn er es nicht in der wohlwollenden Absicht tat, mich vor den Folgen meiner eigenen Tollköpfigkeit zu retten? Daß er mich als einen Unschuldigen betrachtete, davon war ich felsenfest überzeugt. Wenn meine Theorie der Wirklichkeit entsprach, so war das ein sicherer Beweis für die freundlichen Gefühle, die der Mann gegen mich hegte.

In diesem Lichte besehen, enthielten seine Worte den deutlichen Wink, ich solle, sobald es mir beliebte, die Villa Rabenhorst verlassen. Ich hatte meine Schuldigkeit getan und seinen Zwecken gedient, und er war so dankbar, seinem Untergebenen zu gönnen, daß er nicht in irgend welche Unannehmlichkeiten verwickelt werde, die sich aus seinem weiteren Aufenthalte in der Villa Rabenhorst ergeben könnten. Wenn ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, mußte ich zugeben, daß er mich von Anfang an sehr höflich und großmütig behandelt hatte. Einem geschenkten Gaul soll man, nach dem Sprichwort, nicht ins Maul schauen. Es kam mir nicht zu, etwas über die Gründe zu sagen, die ihn bewogen hatten, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, welche Erklärung ich mir auch immer darüber bilden mochte. Und bei dieser Wendung meines Gedankenganges stieg eine Gewissensfrage in meinem Innern auf. Würde ich, angesichts der vielfachen Zeichen seines Wohlwollens, mich nicht als ein undankbares Scheusal erweisen, wenn ich in dem Hause bliebe und das Versprechen erfüllte, das ich dem Inspektor Beale gegeben hatte? Warum sollte ich nach allem, was vorgefallen war, an dem Untergange des Mannes mitarbeiten? Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine sieben Sachen zu packen, den nächsten Zug nach Brighton oder in ein anderes Seebad zu besteigen und so aus dem bevorstehenden Wirrwarr zu flüchten. Natürlich müßte ich es dem Zimmermädchen mitteilen und sie veranlassen, meinem Beispiele zu folgen.

Je länger ich mir dies überlegte, desto mehr machte ich mich mit dem gefaßten Gedanken vertraut, trotz meines früheren Vorsatzes, die Sache zu Ende zu führen. Endlich entschloß ich mich, die weitere Entwickelung abzuwarten, die die Sache in den nächsten vierundzwanzig Stunden nehmen würde, und meine endgültige Entscheidung nach dem Verlauf der Dinge einzurichten.

Nunmehr begab ich mich zu Gatti, wo ich dinierte, während des Essens kam mir ein neuer Gedanke, der mich veranlaßte, alsbald nach beendeter Mahlzeit wieder nach St. Johns Wood hinauszufahren. Um halb neun Uhr fand ich mich daher im Wildwoodweg ein und verbarg mich dort in einem Gebüsche nahe bei dem Gartentor von Baron Romers Villa, das mir schon früher einmal Unterschlupf geboten hatte.

Ich erwartete zwar nichts Besonderes auszukundschaften, aber ein unwiderstehlicher Drang, das schöne Weib wieder zu sehen, führte mich auf diesen Platz. War sie wohl noch in der Villa? War ihr ein Unfall zugestoßen? Auf jeden Fall wollte ich in meinem Schlupfwinkel verharren, bis ich jemand zu Gesicht bekommen würde, und sollte es auch Stunden dauern.

Glücklicherweise stand heute der Mond nicht am Himmel. Es hatte sogar schon seit einigen Stunden ein Gewitter in der Luft gelegen, und über ganz St. Johns Wood war der Himmel mit schweren, schwarzen Wolken behangen. Ein weiterer Vorteil für mich bestand darin, daß die Gaslaterne am Gartentor einen scharfen Schatten von dem Gebüsch auf mich warf, während sie jeden Aus- oder Eintretenden hell beleuchten würde.

Die Villa selbst lag in der Dunkelheit fast verborgen da, und nur da und dort war ein beleuchtetes Fenster zu sehen. Ich war eben zu dem Schlusse gelangt, daß niemand zu Hause sein müsse, als ich einen Wagen das Sträßchen heranrollen hörte.

Ein Einspänner fuhr vor und hielt an dem Gartentore. Es stiegen zwei Herren aus, in denen ich beim Scheine der Gaslaterne den Baron Romer und zu meinem großen Erstaunen einen alten Bekannten von mir erkannte: Herrn von Montpelier. Beide trugen Gesellschaftstoilette und verschwanden eilig durch das Gartentor.

Aha, dachte ich. Ein vielversprechender Anfang!

Kaum war das Geräusch verklungen, das der Wagen beim Wegfahren verursachte, als eine Gestalt in den Lichtschein trat, die mir ebenfalls merkwürdig bekannt vorkam. Als sie vor dem Tore stehen blieb, erkannte ich sie.

Es war niemand anderes als der kleine Herr Vignaud. Vor Freude über meine Entdeckung hätte ich am liebsten wie ein Kind in die Hände geklatscht.

Auch er verschwand durch das Gartentor, und dann fuhr eine Equipage vor. Ihr entstiegen ein mir unbekannter Herr und zwei Damen, alle in großer Toilette, und einen Augenblick war das gelbe Gaslicht ganz mit Diamantengeglitzer durchsetzt.

Es muß heute hier eine Festlichkeit stattfinden, sagte ich bei mir, aber wie kommt es, daß das Haus beinahe gar nicht erleuchtet ist?

Zu den spärlichen Lichtern in der Villa war kein einziges hinzugekommen. was in aller Welt mochte das bedeuten?

Dann ward ein neues Gefährt sichtbar, das wieder von geschmückten Damen besetzt war. Hierauf erschienen zwei Herren zu Fuß,. Arm in Arm. Sie sahen aus wie Fremde und waren mir gleichermaßen unbekannt. Sie beeilten sich und warfen argwöhnische Blicke um sich, als sie durch das halbgeöffnete Tor hineinschlüpften. Bis jetzt hatte ich noch keine Silbe reden hören. Das ganze Schauspiel kam mir wie ein Geisterspuk vor, der einen Augenblick in dem hellen Gaslicht auftauchte, um dann vom Dunkel des Gartens verschlungen zu werden. Wo waren sie alle hinverschwunden? Sicherlich nicht in die Villa, denn immer ließ sich noch kein weiteres Licht in der Villa blicken, während die Räume im ersten Geschoß, wo sich zweifellos die Empfangsräume befanden, in völlige Dunkelheit gehüllt waren.

Es folgte wieder ein Einspänner. In dem Herrn, der daraus ausstieg, erkannte ich meinen Doppelgänger, den ich vor wenigen Stunden im »Criterion« getroffen hatte. Er war jetzt im Gesellschaftsanzug. Bald darauf erschien ein Trüppchen von vier Herren, dem eine Equipage mit weiteren schönen Damen folgte. Und immer war noch kein Wort gesprochen worden. Der ganze Aufzug erschien mir so unreal und unheimlich, daß mir der Kopf wirbelte. Ich fühlte mich wie von einem wilden Traume umfangen.

Eine halbe Stunde währte diese Prozession von Phantomen durch das Gartentor. Endlich war sie zu Ende. Zehn volle Minuten vergingen, ohne daß jemand ankam. Da sah ich, daß sich das Gebüsch hinter dem eisernen Gartenzaune fast unmerklich bewegte, und durch den engen Zwischenraum zwischen zwei Gitterstangen wurde vorsichtig ein Kopf hindurchgesteckt. Er schaute einen Augenblick auf die Straße und verschwand dann wieder. Eine Minute später schlüpften zwei Männer aus dem Gartentor. Als sie in den Lichtschein kamen, erkannte ich einen der beiden.

Es war Le Noir.

Sie kamen schnell über die Straße herüber und stellten sich in einer Entfernung von einem oder zwei Metern von mir auf. Dann sagte der eine:

Haben Sie nicht vorhin, ehe die Gäste ankamen, einen jungen Menschen vorübergehen sehen? Ich konnte ihn von meinem Platze nicht beobachten.

Doch. Soweit ich in der Dunkelheit sah, war es ein harmloser Spaziergänger, der vorbeigeschlendert ist.

Ich lächelte behaglich, als ich hörte, daß ich, ohne es zu wollen, die Wachsamkeit der beiden Polizeibeamten getäuscht hatte.

Nun, und denken Sie nicht, daß es auf heute abend hätte angesetzt werden sollen?

Nein, erwiderte Le Noir, es sind zu viele Weiber dabei. Es hat keinen Sinn, sich von den Wildkatzen die Augen auskratzen zu lassen. Das ist heute abend nur so ein kleines Abschiedsfest. Weder der Yankee noch der Russe sind dabei. Ich denke, daß sie heute nacht herüberfahren. Nach den Informationen, die ich erhalten habe, trifft sich die Bande morgen in corpore hier in Geschäftsangelegenheiten. Das ist erst die Gelegenheit, die wir beim Schopfe packen müssen. Beale ist ganz mit mir einverstanden.

Nun wollte ich nicht länger den Horcher spielen. Ich räusperte mich leise und war sofort von einer kräftigen Hand am Kragen gefaßt.

Le Noir zog mich aus meinem Schlupfwinkel hervor und fragte, indem er mich tüchtig schüttelte:

Wer zum Teufel ist denn das?

Ich lachte.

Lassen Sie mich los, Herr Le Noir, sagte ich leise, ich werde es Ihnen sagen. Oder vielleicht werden Sie es selber sehen, wenn Sie mich bei Licht betrachten wollen.

Er zog mich in den Lichtschein der Gaslaterne.

Sie sind es, Herr Lart? fragte er. Bitte vielmals um Entschuldigung! Hoffentlich war ich nicht zu unsanft. Aber was in aller Welt hat Sie heute abend hierhergeführt?

Neugierde.

Also haben Sie gesehen, wie –

Ich habe alles gesehen. Was bedeutet denn das?

Können Sie sich's nicht denken?

Teilweise schon. Aber wo sind denn alle diese Leute hingegangen?

Das weiß ich bis jetzt noch nicht. Aber wir werden es binnen Kurzem herausbringen. Beale sagte mir, er habe Ihnen gewisse Verhaltungsmaßregeln erteilt.

Jawohl.

Und Sie werden uns natürlich nicht im Stiche lassen?

Gewiß nicht, erwiderte ich. Die Worte waren meinem Munde entschlüpft, ehe mir noch zum Bewußtsein kam, was ich getan hatte.

Gut. Man darf uns hier nicht beisammen überraschen. Es könnte jemand zufällig durch den Garten kommen und uns sehen. Das könnte uns den ganzen Plan verderben.

Damit trennten wir uns, worauf ich mich, ohne mich länger aufzuhalten, in die Villa Rabenhorst zurückbegab. Als ich die Halle betrat, begegnete ich dem Zimmermädchen.

Das Gas ist, wie ich sehe, heute in Ordnung, Marie, bemerkte ich.

Jawohl. Ich denke, daß Sawkins den Gasmesser zugedreht hatte, das meint auch die Köchin. Und alles geht weg, Herr Lart. Der Hausmeister ist hinausgeworfen worden, weil er soviel trinkt und nicht auf Sawkins aufgepaßt hat, und nun hat die Köchin auch gekündigt. Das ist eine Auswanderung, Herr Lart! Die Köchin ist auch gleich weggegangen, und so sind wir jetzt die Einzigen, die noch im Hause geblieben sind!

Ich antwortete nur:

Bringen Sie mir eine Kleinigkeit zu essen auf mein Zimmer, Marie! Uebrigens muß ich Ihnen etwas Wichtiges mitteilen, setzte ich flüsternd hinzu.

Sehr wohl, Herr Lart, sagte sie und warf mir einen erschreckten Blick zu, als ich die Treppe hinaufeilte.

Als sie zehn Minuten später ein kleines Abendessen auf meinen Tisch gestellt hatte, sah sie mich fragenden Blickes an.

Ach ja, richtig, sagte ich, es handelt sich um Folgendes, Marie. Ich möchte, daß Sie dieses Haus in Bälde verlassen. Sie dürfen wirklich nicht länger dableiben.

Warum denn, Herr Lart? Ich dachte doch –

Sie unterbrach sich und ihr Mund nahm einen weinerlichen Ausdruck an.

Ja, ja, ich weiß schon, was Sie meinen. Aber ich habe es mir anders überlegt. Etwas Fürchterliches wird hier in kürzester Zeit sich ereignen, und ich gehe auch weg.

Wann denn, Herr Lart?

Morgen, höchst wahrscheinlich. Und Sie dürfen hier nicht allein zurückbleiben!

Ihr Gesicht hellte sich wieder auf.

Keine Angst, Herr Lart. Wenn Sie gehen, bleibe ich auch nicht länger hier. Ja wahrhaftig!

Gut also. Gehen Sie eilends auf Ihr Zimmer und packen Sie auf der Stelle zusammen. Sie dürfen keine Minute mehr hierbleiben. Kümmern Sie sich nicht um dieses Geschirr! Heute nacht gehen seltsame Dinge vor. Man darf Sie nicht mit mir im Gespräche treffen.

Sie wollte diesen Punkt einer Kritik unterziehen, aber ich ließ sie nicht zu Worte kommen.

Nicht wahr, Marie, Sie wollen nicht, daß ich Ihnen böse bin?

Um Gottes willen nicht, Herr Lart! sagte sie flehentlich.

Gut, dann aber gehen Sie sofort, und bringen Sie mir zeitig mein Frühstück!

Sie warf mir noch einen bittenden Blick zu und verließ dann das Zimmer. Ich schloß die Türe ab, drehte das Gas aus, sperrte die Fenster weit auf, zog einen Lehnstuhl ins Schlafzimmer, warf mich in denselben und lauschte nun mit scharfem Ohre auf – Ja, auf was? Ich wußte es eigentlich selber nicht.

Eine Stunde ging vorüber, ohne daß die Stille gestört wurde, dann drang ein unterdrücktes Gemurmel an mein Ohr, das nichts Bestimmbares erkennen ließ. Nach und nach aber schienen sich die Geräusche zu nähern und deutlicher zu werden. Es folgte schrilles Gelächter aus weiblichen und lautes Geschrei aus männlichen Kehlen, und zuletzt ein wahrer Chorus, der in Bravorufe ausbrach.

Dieser immer mehr anschwellende Lärm war zu gleicher Zeit eine Erleichterung und eine Beängstigung für mich. Ich erhob mich und legte mein Ohr an die Wand. Sofort gewann ich die Ueberzeugung, daß der Lärm nicht von einem angrenzenden Raume herkam. Es mußte ein kleiner Zwischenraum vorhanden sein, und doch wurden die Geräusche von Minute zu Minute deutlicher hörbar.

Nichts war klarer, als daß mich nur wenige Meter Zwischenraum von dem Schauplatze einer wilden Orgie trennten, in dem schrilles Gelächter aus weiblichen Kehlen die Hauptnote bildete.

Dies ging annähernd eine Stunde so weiter, dann erstarb auf einmal das Gelächter. Es erhoben sich streitende Männerstimmen, in die sich aufkreischende Weiberstimmen mischten, dann vernahm ich deutlich, daß Glas zerschellte und Möbel umgeworfen wurden. Und zuletzt wurde der ganze Lärm durch zwei scharfe, klare Schüsse übertönt, denen ein tödliches Schweigen nachfolgte.

In diesem Augenblick füllte ein blauer leuchtender Blitz mein Zimmer mit seinem Lichte. Er paßte zu der Sachlage. Ich war überzeugt davon, daß das warme Blut eines Ermordeten nicht weit von mir auf den Fußboden sickerte. Ich erinnerte mich an Maries Erzählung von elektrischem Lichte, das den Garten erhellt hatte und von dem sie nicht wußte, woher es kam. Es war nur einige Schritte zu der Rumpelkammer droben. Rasch eilte ich hinauf. Aber ich fand, daß der Garten in gänzlicher Dunkelheit dalag. Und die weiße Villa des Baron Romer war überhaupt nicht zu erblicken, bis ein Blitzstrahl aufflammte und sie für einen Augenblick beleuchtete, wobei die Glasdächer der Treibhäuser wie Fischschuppen glitzerten. Dann sah ich wieder in ebenholzschwarze Finsternis hinaus.

Ich mochte so etwa eine Viertelstunde am Fenster gestanden haben, als meine lauschenden Ohren auf der Terrasse unter mir Schritte vernahmen und ein leise geflüstertes Gespräch unterschieden.

Wir wollen jedenfalls sicher gehen, sagte eine Stimme. Er kann vielleicht da droben sein. Sagtest du nicht, daß ein Fenster da ist, von dem man den Garten übersehen kann?

Unsinn! versetzte eine andere Stimme, in der ich sofort die des Baron Romer erkannte, du hast ja selber gesehen, daß sein Bett nicht berührt worden ist. Er ist noch nicht nach Hause zurückgekehrt.

Man muß seiner Sache sicher sein, war die Antwort. Hanf ist am Halse kein angenehmer Stoff. Du hältst den Burschen für ein unschuldiges Kindlein. Ich aber nicht. Er weiß mehr, als du ihm zutraust. Ich habe es aus der Art und Weise entnommen, wie er mit dem anderen heute mittag im »Criterion« umsprang. Ich habe in der letzten Zeit die Verantwortung und die Last getragen, du nicht. Und ich will in dieser Sache meinen eigenen Willen haben, wenn der Kerl nicht droben ist, um so besser für ihn, denn ich habe noch eine Kugel in meinem Revolver übrig –

Pst! sei doch kein Esel, fiel eine mir unbekannte Stimme ein, geh doch hinauf, wenn es dir Spaß macht, wir werden dich begleiten.

Kalter Schweiß brach mir aus allen Poren, wohin sollte ich denn fliehen? Da war ja Sawkins' Zimmer, aber das würde sicher durchsucht werden. In meiner Angst fiel mir das Versteck ein, das Marie ausfindig gemacht hatte. Aber wie sollte ich es in der Dunkelheit finden?

Gott sei Dank! atmete ich erleichtert auf, als in diesem Augenblick ein Blitz aufflammte und das Zimmer tageshell beleuchtete. Ich ergriff die Gelegenheit, und dank den Pantoffeln an meinen Füßen fühlte ich mich eine Sekunde später in Sicherheit, wenn auch mein Herz so laut gegen die Rippen hämmerte, daß ich fürchtete, das Geräusch möchte mich den Ankömmlingen verraten.

Trotzdem sie leise auftraten, krachte die Treppe unter ihren Füßen. Dann ging die Türe auf, und es wurde ein Zündholz angestrichen.

Nun, sagte der Baron Romer, bist du befriedigt? Ich sage dir doch, der Mann ist ausgegangen. Und warum zum Henker sollte er heraufkommen? Er kennt sich im Hause gar nicht aus und weiß nichts von diesem Fenster. Muß ich dir denn diese Tatsache eintrommeln?

Aber da ist ja noch ein Zimmer.

Gut. So gehe doch hinein und durchsuche es! Aber ich sage dir, wir vergeuden damit nur unsere wertvolle Zeit.

Schlag der Teufel drein, so ist es! bemerkte ein dritter. Vorwärts, du benimmst dich ja wie ein Kind! Mir ist es zu dumm. Ich schiebe ab!

Im nächsten Moment hörte ich ihn die Treppe hinabsteigen. Die beiden anderen folgten sogleich.

Ich kroch mehr tot als lebendig aus meinem Schlupfwinkel. Mein ganzer Mut war dahin. Warum hatte ich Richards Rat nicht befolgt? Was sollte ich Narr nun beginnen? Welche Gefahr stand mir nun auf dem Wege bis zu meinem Zimmer bevor? Ich mußte vorderhand bleiben, wo ich war. Das stand fest.

Ich schlich mich wieder zu dem Fenster vor. Bis jetzt war noch kein Regen gefallen. Aber der Himmel war, wie ich bei den häufigen Blitzen sah, ganz mit schweren Wolken bedeckt. Unter anderen Umständen wäre es ein prachtvolles Schauspiel gewesen. Aber in meiner Lage hatte ich kein Auge für die zuckenden Blitze. Ich lauschte angestrengt in die Nacht hinaus. Aber ich vernahm nichts als die Donnerschläge, die mein Gehör für feinere Töne abstumpften. Eine halbe Stunde mochte ich so, pochenden Herzens, am Fenster gestanden haben, als mir plötzlich das Licht eines fürchterlichen Blitzes im Garten drunten einige Gestalten zeigte, die in den Garten hinausgingen. Es war mir, als ob sie etwas Großes trügen, aber die Erscheinung dauerte nur einen Augenblick, und so war ich ungewiß, ob es ein Spiel meiner aufgeregten Phantasie oder die Wirklichkeit gewesen war. Sicher war ich, daß ich Gestalten drunten erblickt hatte. Ein Donnerschlag folgte, der alle Fensterscheiben im Hause zum Klirren brachte. Dann öffnete der Himmel seine Schleußen. Ein wahrer Wolkenbruch rauschte hernieder, und der Garten blieb in Finsternis begraben.

Nunmehr durchzuckte mich ein Gedanke, was auch immer die Männer im Garten tun mochten, jedenfalls hatten sie eine wichtige Arbeit vor. Das hatte auch die Ungeduld des Barons und des zweiten der drei hier oben verraten. Und da es gleichzeitig nicht mehr blitzte, war dank diesen zwei Umständen die Gelegenheit gekommen, wo ich mich in Sicherheit bringen konnte. Und diese wollte ich nicht unbenutzt verstreichen lassen.

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