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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 26
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ei, Sie sind es, Herr Goliby? sagte ich und erhob mich. Ich hatte geklingelt, um eine Kleinigkeit zu bestellen, und dachte daher, Marie habe geklopft.

Sein Gesicht hatte viel von seiner gewöhnlichen Färbung eingebüßt. Auch schien er von einer außerordentlichen Aufregung erfaßt zu sein. Er sah sich rasch und, wie mir vorkam, argwöhnisch im Zimmer um.

Ich glaubte, als ich heraufkam, in Ihrem Zimmer Stimmen zu hören, bemerkte er.

Ich lachte, und ich werde nie müde werden, die Geistesgegenwart zu bewundern, mit der ich in diesem Augenblick meine Gemütsbewegungen verbarg.

Stimmen, Herr Goliby? fragte ich. Sie meinen wohl eine Stimme. Ich habe laut in meinem Buche da gelesen. Ich wußte eben nicht, daß mir jemand zuhörte.

Er beobachtete mich für einen Moment scharf durch seine Brille.

So, das war es? sagte er. Ich dachte mir, vielleicht sei Sawkins bei Ihnen. Haben Sie ihn irgendwo gesehen?

Nein, Herr Goliby, erwiderte ich. Ich bin schon lange da und habe niemand gesehen, trotzdem ich bereits zweimal geklingelt habe.

Sehr merkwürdig, bemerkte er. Ich bin eben nach Hause gekommen und kann ihn nirgends finden. Das ist außerordentlich seltsam. Er sollte um acht Uhr zurück sein. Sie sind ganz sicher, ihn nirgends gesehen zu haben?

Nein. – Das war wörtlich die Wahrheit, und er schien die Verdrehung nicht zu bemerken.

Ich kann mir das gar nicht erklären, fuhr er fort, wobei er seinen scharfen Blick noch einmal durch das Zimmer wandern ließ.

Ich auch nicht, versetzte ich. Als ich nach Hause zurückkehrte, fand ich die Halle in völliger Finsternis, und auch das Gas brennt heute, wie Sie bemerkt haben werden, sehr schlecht.

Jawohl, es ist mir schon aufgefallen, es brennt miserabel. Woher das kommt, kann ich mir nicht denken. Entschuldigen Sie, Herr Lart, daß ich Sie in Ihrer Lektüre gestört habe.

Bitte sehr, Herr Goliby, erwiderte ich lachend. Es war mir ein Vergnügen, zu sehen, daß jemand im Hause ist. Da Sie gerade hier sind, wäre es mir angenehm, wenn Sie mir sagen wollten, ob es morgen etwas für mich zu tun gibt.

Nein, ich habe gegenwärtig keine Beschäftigung für Sie, entgegnete er. Ich bin zurzeit ein wenig im Gedränge. Die Versicherungsgesellschaften handeln in einer sehr unangenehmen und für mich unerklärlichen Weise. Außerdem habe ich einige kleinere Schwierigkeiten zu beseitigen, und so ist es wohl möglich, daß ich auf acht oder vierzehn Tage verreisen muß. Ich habe Ihrem Freunde schon heute morgen geschrieben, daß ich das kleine Diner, von dem neulich die Rede war, verschieben muß.

So? warf ich ein.

Ich werde Sie meine Abreise noch rechtzeitig wissen lassen, und wenn ich wirklich verreisen muß, können Sie ja auch eine kleine Erholungsreise unternehmen, sagen wir an die See. –

Das erinnerte mich an Richards Vorschlag. Das seltsame Zusammentreffen nötigte mir ein Lächeln ab. Ich dankte ihm für seinen Rat.

Und nun, sagte er, indem er sich wieder der Türe näherte, will ich noch einmal im Hause nachsehen, wo denn dieser Sawkins steckt, Gute Nacht, Herr Lart!

Gute Nacht, Herr Goliby!

Ich begleitete ihn auf den Vorplatz.

Apropos, Herr Goliby, rief ich ihm über das Geländer nach, als er bereits die Treppe hinunterstieg, soll ich mich nicht wieder hinter das Buch über Norddakota machen?

Das ist ganz nutzlos, tönte es aus der Dunkelheit herauf, die Besitzung ist verkauft worden.

Einen Augenblick später hörte ich, wie er die Halle durchschritt, und nun kehrte ich in mein Zimmer zurück und drehte den Schlüssel geräuschlos im Schlosse um. Dann begab ich mich ohne weiteren Aufenthalt in mein Schlafzimmer und schloß den Kasten auf.

Die Bahn ist frei, flüsterte ich.

Aber zu meinem Erstaunen erhielt ich von drinnen keine Antwort.

Als ich hineinblickte, entdeckte ich, daß das Weib verschwunden war.

Sie schien zu Luft verflossen zu sein. Das war für meine angegriffenen Nerven doch zuviel. Was würde ich nicht, dachte ich, für ein gutes Schlückchen Brandy mit Sodawasser geben! Ich machte mich wieder an mein Buch, aber es enthielt für mich nur noch einen Mischmasch von Worten ohne Bedeutung. Der Band zitterte in meiner Hand. Ich war nahe daran, aus der Haut zu fahren, wie die Redensart lautet. Plötzlich sprang ich bis ins Innerste erschreckt auf.

Es hatte leise an der Türe geklopft. Was ist das für eine neue Teufelei? fragte ich mich, während ich mit etwas unsicheren Schritten der Türe zuging und den Schlüssel im Schlosse umdrehte. Im nächsten Moment fiel mein Blick auf das lächelnde Gesicht des Zimmermädchens.

Ich habe Sie klingeln hören, Herr Lart, sagte sie, aber ich war bereits zu Bett gegangen und mußte mich erst ankleiden und konnte meine Sachen im Dunkeln nicht gleich finden, da ich kein Licht hatte. Ei, sehen Sie nur, wie schlecht Ihr Gas brennt! wie haben Sie bei der Beleuchtung nur lesen können? Was steht zu Diensten?

Glauben Sie, erwiderte ich, daß Sie einen Brandy mit Sodawasser auftreiben können?

Gewiß, Herr Lart. Ich werde es sofort besorgen. Darf ich diese Schachtel Zündhölzer da mitnehmen?

Natürlich, und ich werde die Türe offen stehen lassen, bis Sie zurückkommen. Es ist ja so dunkel auf der Treppe.

Nach Verlauf von zehn Minuten kehrte sie zurück, und ich konnte nun mein Auge an der Brandyflasche, dem Siphon, einem Glase und einem Biskuitkörbchen laben.

Mein Wort, Marie, sagte ich, indem ich ihr die Last abnahm, Sie sind ein kleines Juwel!

Dann schloß ich die Türe wieder ab und braute mir eine bekömmliche Mischung zusammen. Ich glaube, daß mir nie in meinem Leben ein Brandy mit Sodawasser so gut geschmeckt hat, wie an jenem Abend.

Ich habe nämlich, flüsterte ich Marie zu, etwas ganz verflixt Aufregendes erlebt. Sie ist abermals in diesem Zimmer da gewesen.

Was? Die gleiche, die wir heute nachmittag im Garten drunten gesehen haben?

Ja. – Und leise erzählte ich ihr, was sich ereignet hatte.

Mit offenem Munde und weitaufgerissenen Augen hörte mir Marie verwundert zu, ohne eine Bemerkung fallen zu lassen. Als ich mit meinem Berichte zu Ende war, sagte sie:

Das ist ja gerade wie die »Verschwundene Dame«, die ich auf dem Theater einmal gesehen habe. Mein Gott, muß es Ihnen gegruselt haben! Mir wenigstens wäre es so ergangen. Kein Wunder, daß Sie einen Tropfen Brandy haben wollten, und ich bin wirklich froh, daß ich Sie habe klingeln hören. Aber was ich mir nicht erklären kann; ist das: wenn sie geprügelt worden ist und hierher kam, um sich zu verstecken, was hat sie dann veranlaßt, sich so schnell wieder zu drücken?

Das verstehe ich auch nicht, Marie, sagte ich, aber ich getraue mich nicht, Sie länger bei mir zu lassen. Diese Wände haben Augen und Ohren, davon bin ich überzeugt. Das ganze Haus ist verhext. Ich denke, das beste wäre es, wenn Sie gleich wieder zu Bett gingen. Können Sie diese Sachen da bis morgen früh hierlassen?

Natürlich, Herr Lart, und an Ihrer Stelle würde ich noch einen Schluck oder zwei davon trinken, sonst werden Sie heute nacht kein Auge zumachen können. Gute Nacht!

Gute Nacht, Marie. Sie sind wirklich ein Goldkäferchen. Frühstück um acht Uhr bitte!

Ganz recht, Herr Lart.

Einen Augenblick später war ich wieder allein. Meine Gefühle zu beschreiben, wäre zu viel von mir verlangt. Was ich allein zu sagen brauche, ist, daß das Rätsel unlösbarer war als je. Ich befolgte den Rat des Mädchens und nahm noch einen »Schluck« zu mir. Das Getränk belebte meinen Mut wieder und würde, wie ich mir sagte, auch den Schlaf herbeirufen. Rasch kleidete ich mich aus, zündete das Gaslicht in meinem Schlafzimmer an, schlüpfte unter die Decke und versuchte von neuem, mich für mein Buch zu interessieren. Ich las auch etwa eine Stunde lang darin, dann fielen mir die Augen zu und ich versank in Träume, die ich keine Lust habe, hier wiederzugeben.

Pünktlich um acht Uhr brachte mir Marie mein Frühstück.

*

Der Tag verlief teilweise ohne weitere Ereignisse. Von Herrn Goliby hörte ich nichts mehr. Ich begab mich gegen Mittag in den Middletemple, in der Absicht, Richard aufzusuchen, aber er war für den ganzen Tag aus der Stadt abwesend, und so bummelte ich einige Stunden wie ein Träumender in der Stadt umher.

Es schlug gerade fünf Uhr, als ich vor dem »Criterion« stand und mir überlegte, ob ich nicht das Lokal betreten solle.

Zu meinem Erstaunen und zu meiner geheimen Freude erblickte ich, ohne daß er mich sah, meinen Doppelgänger, den jungen Mann, dem ich im Treppenhause des Rovers' Club nach meinem Besuche bei dem Baron Romer begegnet war. Er blieb ebenfalls einen Augenblick zögernd stehen, dann betrat er das Lokal.

Er hatte mich nicht bemerkt. Nach Verlauf einiger Sekunden folgte ich ihm und sah ihn wenige Schritte vor mir an der Bar stehen. Er führte eben ein Glas zum Munde, als ich leicht seinen Arm berührte.

Er zuckte zusammen, wandte sich um, und wir standen uns Auge in Auge gegenüber.

Wir begegnen uns schon zum zweiten Male, sagte ich. Ist das nicht ein seltsamer Zufall?

Er stellte sein Glas auf den Schanktisch ab und lächelte etwas blasiert.

Ja, erwiderte er sodann. Es ist seltsam – wir haben große Ähnlichkeit miteinander.

Ich schaute in den Wandspiegel. Das Bild, das ich darin erblickte, war wirklich verblüffend.

Allerdings, sagte ich, und deutete auf unsere Abbilder im Spiegel. Aber was noch viel seltsamer ist: ich habe nicht das Vergnügen gehabt. Sie kennen zu lernen, und wie kommt es dann, daß Sie augenscheinlich von Kopf bis zu den Füßen nach meinem Vorbilde gekleidet sind?

Ein merkwürdiger Zufall, erklärte er.

Das ist kein Zufall, versetzte ich erregt. Das ist nach reiflicher Ueberlegung und mit Absicht geschehen. Sie sind Franzose, nicht wahr?

Jawohl, erwiderte er.

Gut, dann wollen wir französisch sprechen. Es könnte Ihnen unangenehm sein, wenn unsere Unterhaltung mitangehört würde. Nein, ich kann mich mit dieser Erklärung in keiner Hinsicht zufrieden geben. Vom Kopf bis zu den Füßen sind Sie genau so gekleidet wie ich. Sie müssen mich schon früher gesehen und meine Kleidung zu irgend einem Zwecke kopiert haben.

Er protestierte lebhaft, aber ohne ihn anzuhören, fuhr ich fort:

Haben Sie schon etwas von einem gewissen Herrn Goliby gehört?

Niemals.

Auch nichts von dem Einbruchsdiebstahle, der neulich in seinem Hause verübt worden ist?

Wie wäre denn das möglich? fragte er, aber ich ließ ihn nicht weiterreden, sondern sagte in bestimmtem Tone:

Wollen Sie mir diese Frage beantworten!

Sie sind sehr kurz angebunden, Monsieur!

Kann sein. Wollen Sie antworten oder nicht?

Nein, wenn Sie es wissen wollen, ich habe kein Wort davon gehört.

Das kommt mir eigentümlich vor. Ich fürchte, Sie haben ein schlechtes Gedächtnis. Ich will es Ihnen stärken, indem ich Ihnen einige Einzelheiten wieder vor Augen führe. Am dreizehnten dieses Monats wurden Pariser Stadtobligationen im Betrage von 20 000 Pfund aus Herrn Golibys Villa entwendet. Am folgenden Tage wurden diese Papiere im Rathaus zu Paris durch einen Mann präsentiert, der ein genaues Ebenbild von mir selber ist und genau in denselben Kleidern steckte, wie Sie in diesem Augenblicke. Ich bin nun dieser Mann nicht, denn an dem fraglichen Tage war ich in London. Daher erlaube ich mir, den Schluß zu ziehen, daß derjenige, der die Papiere präsentierte und den Betrag dafür in Empfang nahm, niemand anderes war, als Sie selbst.

Plötzlich wurde er aschfahl, aber bevor er zu Worte kam, warf sich ein großer, breitschultriger Mensch zwischen uns und drängte uns mit seinen Ellenbogen heftig auseinander.

Sie möchten wohl die ganze Bar für sich allein haben, was?! schrie er mich an und stellte sich mit wütenden Blicken vor mich hin. Oder gehört vielleicht der »Cri« Ihnen? Wenn dem so ist, wann haben Sie ihn denn gekauft? Seien Sie gescheit, fügte er mit einer drohenden Geste hinzu, und schauen Sie mich nicht so unverschämt an oder Sie werden sehen, was Ihnen passiert. Einen kalten Brandy, Fräulein!

Voller Wut trat ich einen oder zwei Schritte zurück und entdeckte nun, daß ich mit dem Raufbold allein war. Mein Doppelgänger war verschwunden.

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