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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 25
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Marie hatte leider mit ihrer Frage nur zu sehr das Richtige getroffen. Ich befand mich in einer höchst zweideutigen Lage, und ich bezweifle, ob Marie trotz ihrer Angst sich auch nur zur Hälfte über den wahren Ernst derselben im klaren befand.

Ich sah mich rasch nach einem Ausweg um. Aber es war keiner zu entdecken, wir befanden uns in einer gewöhnlichen Rumpelkammer, die mit alten Möbeln angefüllt war, und ich konnte darin keinen Schlupfwinkel ausfindig machen. Mittlerweile stiegen die Schritte schon langsam die zweite Treppe empor. Ich wußte mir nicht aus der peinlichen Lage zu helfen und war gespannt, was die scharfsinnige Marie beginnen würde. Wir konnten nicht sprechen, ohne uns augenblicklich zu verraten, aber unsere Blicke begegneten sich, und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich vermute, daß der meinige sie um Hilfe anflehte.

Nunmehr schlich sie auf den Zehenspitzen in die entfernteste Ecke des Raumes und winkte mir, zu folgen. Dann blieb sie plötzlich stehen und war mit einem Schlage in einem Haufen Gerümpel verschwunden. Ich entdeckte dort ein altes Gartenzelt, das aufs Geratewohl über einige Stühle geworfen worden war, und mußte mich bequemen, auf Händen und Füßen in das dunkle, staubige Loch hineinzukriechen, was für einen Baccalaureus keine geringe Selbstverleugnung erheischte.

Zu meinem Aerger streifte ich auch noch an Maries Armband und brachte es dadurch gerade in dem Augenblicke zum Klirren, wo Sawkins auf der Bildfläche erschien. Nun aber brach mir der kalte Schweiß aus allen Poren. Durch einen Diener schimpflich ans Tageslicht gezogen zu werden, von Kopf bis zu den Füßen mit Staub bedeckt, das wäre doch die erniedrigendste Lage gewesen, die ich mir denken konnte! Sawkins hatte offenbar das Geräusch gehört und blieb stehen. Mein Pulsschlag stockte.

Er lauschte einen Augenblick. Dann ging er auf sein Zimmer.

Ich stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Durch ein Loch in dem Segeltuch entdeckte ich, daß er seine Türe hatte offenstehen lassen, und wir daher seine Gefangenen waren, solange er es für gut befand, sich dort aufzuhalten. Aber es hatte den Anschein, als ob er sich nicht zum Ausruhen heraufbemüht habe. Aus dem Zimmer drangen eigentümliche Geräusche. Dann sah ich ihn, eine leere Reisetasche in der Hand, rasch an der Türe vorübergehen.

Gleichzeitig verspürte ich den warmen Hauch von Maries Atem nahe an meinem Ohre und vernahm die leise geflüsterten Worte:

Er packt ein!

Eine Weile sahen wir ihn nicht mehr, aber dann erschien er in der Türe. Er hatte die Reisetasche, dieses Mal gefüllt, in der Hand, einen Ueberzieher über dem Arm und den Hut auf dem Kopf. Rasch durchschritt er die Rumpelkammer, und einen Augenblick später hörten wir ihn geräuschvoll die Treppe hinuntersteigen. Als ich mich wieder aus der schmutzigen Höhle herausgearbeitet hatte, hörte ich ihn die Haustüre zuschlagen, und ich verspürte die Gewißheit, daß ich Sawkins zum letzten Male gesehen hatte.

Wir schauten uns gegenseitig an und mußten beide über den erbarmungswürdigen Zustand lachen, in den wir in der staubigen Höhle geraten waren. Dann sagte Marie, mit erschreckter Miene:

Er geht wirklich fort! Das ist noch nie passiert. Den haben wir auch zum letzten Male gesehen.

Ja, sagte ich, mir gefällt die Geschichte gar nicht, warum verläßt er das Haus während der Abwesenheit Herrn Golibys? Ich bin der Ansicht, daß Sie sich keinen Tag länger mehr hier aufhalten sollten. Es ist kein Aufenthaltsort für ein junges Mädchen wie Sie.

Und Sie, Herr Lart?

Kümmern Sie sich nicht um mich! Ich werde hier bleiben und sehen, was sich ereignet.

Dann bleibe ich auch, sagte sie in einem Tone felsenfester Entschlossenheit.

Gut, wie Sie wollen, Marie, bemerkte ich, aber vor allem wollen wir uns hier aus dem Staube machen. Wir haben beide dringend die Hilfe einer guten Bürste nötig.

Eine Viertelstunde später kamen zwei Briefe für mich an. Der eine rührte von dem Inspektor Beale her; er bat mich, ihn wenn möglich heute abend im »Goldenen Ochsen« zu Hampstead zu treffen. Dieser Brief versetzte mich in eine fröhliche Stimmung, da er für mich die Aussicht eröffnete, den Abend außerhalb des unheimlich stillen Hauses zuzubringen.

Dann erbrach ich den zweiten. Schon aus der Aufschrift hatte ich entnommen, daß er von Richard herrührte.

Er schrieb mir:

Lieber Ted!

Bei meiner Rückkehr ins Büro fand ich einen Brief von Golibys Hand vor, in dem er mir mit vielfachen Entschuldigungen mitteilt, daß ihn ein wichtiges Geschäft, wie er befürchtet, für einige Zeit von England fernhalten wird. Daher müsse unser kleines Diner in der Villa Rabenhorst voraussichtlich um einige Wochen hinausgeschoben werden. Hat er Dir das auch schon gesagt? Ich dachte mir, es sei das Beste, es Dich sofort wissen zu lassen, denn mir erscheint die Sache etwas verdächtig, daß er gerade jetzt, wo die Versicherungen solch einen Krach wegen der gestohlenen Papiere machen, auf Reisen gehen will. Ist es nicht seltsam, daß er nicht da bleibt, um einer Untersuchung beizuwohnen, deren Ergebnis über 20 000 Pfund von seinem Gelds entscheiden wird?

Ich muß offen gestehen, daß mir die Geschichte einen schlimmen Eindruck macht. Daher möchte ich meinen Rat von heute morgen zurückziehen und Dir vorsichtshalber vorschlagen, Dich auf der Stelle aus dem Staube zu machen und für acht oder vierzehn Tage irgend einen ruhigen Seeplatz aufzusuchen, bis sich die Diebereien ein wenig geklärt haben werden. Da es sich in der Pariser Angelegenheit um kaiserliches Eigentum handelt, wird die Polizei der ganzen Welt auf die Beine gebracht werden, und daher können Enthüllungen nicht lange auf sich warten lassen. Davon darfst Du überzeugt sein. Was die mysteriöse Schöne anlangt, so laß sie zum Henker gehen, und bringe Deine eigene Haut in Sicherheit, solange es noch Zeit ist. Wollte Gott, ich hätte Dich nie in die Geschichte hineingebracht!

Du sollst indes keinen Schaden erleiden, solange ich bin

Dein
Richard Hamilton.

Seltsam genug, aber dieser neue Rat Richards lief meinen Absichten zuwider. Hatte er mir denn nicht gesagt, daß mir nichts passieren könne, wenn ich in der Villa Rabenhorst bliebe? Meine Hände waren vollständig rein, und die Polizei war von diesem Umstande überzeugt. Was sollte sie hingegen denken, wenn ich Sawkins' Beispiel folgen und mich in irgend einem Schlupfwinkel verstecken würde? Wäre das nicht im Gegenteil ein Geständnis meiner Schuld gewesen oder wenigstens einer strafbaren Mitwissenschaft, das sicher zu meinem Verderben führen würde? Welche Sicherheit bot mir ein »ruhiger Seeplatz«? Offenbar hatte Richard nunmehr den Kopf verloren, wenn ich mich auch auf einem sinkenden Schiffe befand, so war ich doch ein unschuldiger Passagier und brauchte die Folgen nicht zu fürchten. Nein, ich wollte »feste bei der Stange bleiben«, wie mir Richard geraten hatte. In meinem Unternehmen steckte ein gut Teil Aufregung, und das liebte ich, und seit meiner Begegnung mit der »mysteriösen Schönen«, von der Richard ja noch nichts wußte, war ich mehr als je entschlossen, die Sache zu Ende zu führen.

Ich blickte auf die Uhr. Es war sieben, und so zu spät, ihn noch zu Hause zu treffen. Ich konnte ihn ja am folgenden Tage aufsuchen. Das war besser, als zu schreiben. Mittlerweile war ich hungrig geworden. Daher beschloß ich, nach Hampstead hinüberzubummeln und dort im »Goldenen Ochsen« zu Abend zu speisen, wobei ich zu gleicher Zeit den Inspektor treffen würde.

Wie ich erwartet, traf ich ihn in dem einfachen Gasthause, wo der Junggeselle, der in Hampstead wohnte, seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte.

Er war bei unserer Begegnung die Freundlichkeit selbst.

Sehr erfreut, rief er bei meinem Anblicke aus, Sie wieder zu sehen.

Ebenfalls, Herr Inspektor, erwiderte ich. Entwickelt sich die Sache in Paris?

Gewiß, Le Noir ist scharf dahinter. Aber es ist eine mächtig verwickelte Geschichte. Sie haben zweifellos von dem großen Juwelendiebstahle gehört, und von der Verhaftung Javottes?

Gewiß, antwortete ich, und was mehr ist, ich bin in Newhaven um ein Haar selber verhaftet worden, unter dem Verdachte, an dem Juwelendiebstahle beteiligt zu sein.

Er lachte aus vollem Halse.

Ich dachte mir's, sagte er, daß Sie es gewesen sein müssen, als es auf Scotland Yard gemeldet wurde. Ihre Ähnlichkeit mit Javotte hat Ihnen diese kleine Unannehmlichkeit bereitet. Ich hoffe, daß Sie sich die Sache nicht zu Herzen genommen haben.

Nein, erwiderte ich lachend, aber ich möchte die »kleine Unannehmlichkeit« nicht gerade gerne noch einmal mitmachen.

Fürchten Sie nichts, Herr Lart, sagte er. Der Mann, den wir fassen wollten, war Javotte, und wir haben ihn hinter Schloß und Riegel. Er hat uns einige überraschende Dinge verraten. Aber nun will ich Sie nicht länger von Ihrem Abendessen abhalten, es könnte sonst kalt werden.

Als wir gemütlich zu Nacht gespeist hatten, sagte er leise zu mir:

Könnte ich nun ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Herr Lart? Wir gehen zu diesem Zwecke am besten in den Garten!

Als wir uns im Freien befanden, fuhr er fort:

Herr Le Noir hat Ihnen gesagt, daß Sie uns möglicherweise unterstützen könnten, nicht?

Gewiß, bestätigte ich.

Und Sie haben sich bereit erklärt, uns diese Unterstützung zukommen zu lassen?

Versteht sich.

Gut. Ich brauche nicht auf Einzelheiten einzugehen, sondern will Ihnen nur verraten, daß das Haus, in dem Sie sich gegenwärtig aufhalten, in einem gewissen Verdachte steht. Es wäre am besten, wenn Sie es verlassen würden. Nehmen Sie das als einen freundschaftlichen Wink. Wir würden es indes lieber sehen, wenn Sie noch nicht sofort wegzögen, verstehen Sie?

Gewiß.

Zu meiner Ueberraschung zog er nun eine Pfeife aus der Tasche und ließ darauf einen scharfen Pfiff hören. Er klang sehr eigentümlich.

Würden Sie diesen Pfiff wieder erkennen? fragte er.

Unbedingt.

Gut. wenn Sie ihn eines Abends hören sollten – Sie sehen, ich bringe Ihnen ein großes Vertrauen entgegen –, wollen Sie dann so freundlich sein, unverweilt die Treppe hinabzueilen und die großen Riegel von der Haustüre zurückzuschieben?

Ich starrte ihn einen Augenblick an, bevor ich antwortete. Dann sagte ich:

Ich werde es tun. Verlassen Sie sich auf mich!

Besten Dank. Es wird Ihnen kein Haar gekrümmt werden. Dafür wollen wir schon sorgen. Und nun muß ich mich von Ihnen verabschieden. Nochmals besten Dank und leben Sie wohl! Auf Wiedersehen!

Damit verließ er mich. Ich ging noch ein wenig in der berühmten Umgegend spazieren, aber ich hatte kein Auge für ihre Schönheiten, und um halb zehn Uhr lenkte ich meine Schritte wieder St. Johns Wood zu.

Als ich in der Villa Rabenhorst anlangte, lag das Haus in völliger Dunkelheit da. Selbst in der Halle war kein Licht zu sehen. Und als ich das seltsam verlassen aussehende Haus betrat, verursachte mir seine Stille und Dunkelheit ein Unbehagen, das vom Gruseln nicht mehr sehr verschieden war. Ich tastete mich zu meinem Zimmer hinauf und zündete dort das Gas an, das indes nur mit schwacher, bläulicher Flamme brannte. Ein Schauder überlief mich, was war vorgefallen? War es möglich, daß Goliby auf Reisen gegangen war, ohne ein Wort zu hinterlassen, um mich davon zu benachrichtigen? Dieser Gedanke erschien mir lächerlich unglaublich, doch was sollte ich anderes denken? Das Haus schien von jeglichem lebendem Wesen verlassen zu sein. Und doch hatte mir Marie versprochen, daß wenigstens sie dableiben wollte, war sie schon schlafen gegangen? Ich hätte es gerne gewußt. Es war ja noch gar nicht spät. Sollte ich läuten und eine Erfrischung bestellen? Warum denn auch nicht? Und so ließ ich dem Gedanken die Tat folgen.

Ich wartete fünf Minuten, dann läutete ich zum zweiten Male, weitere fünf Minuten verflossen, ohne daß jemand kam. Die Sache begann ungemütlich zu werden. Nunmehr zündete ich alle Flammen am Leuchter an. Aber trotzdem blieb die Beleuchtung immer noch bläulich und etwas schaurig. Meine Nerven wurden allmählich unruhig, und ich wünschte von ganzem Herzen, ich wäre in ein Theater oder, wenn es sein mußte, in eine Musikhalle gegangen.

Dazu war es leider zu spät, wie es zu früh war, um schon zu Bett zu gehen. Dann fiel mir wieder der Roman ein, den ich auf der ereignisvollen Diepper Reise zu lesen angefangen hatte. Er lag auf dem Tische neben mir. Ich griff darnach, zog einen Lehnstuhl zum Gasleuchter heran, machte es mir darin bequem und nahm mir entschlossen vor, mir alle schlimmen Vorahnungen aus dem Kopfe zu schlagen.

Ich hatte eben ein Kapitel ohne große Aufmerksamkeit durchgelesen und begann nun warm zu werden, als mir plötzlich auf eine subtile und unerklärliche Weise die Anwesenheit einer anderen Person in meinem Zimmer zum Bewußtsein kam. Mit einem Mal rann mir das Blut kalt durch die Adern. Ich ließ mein Buch fallen und schaute auf. Aus meinem Schlafzimmer kam eine wilde Gestalt in unordentlichem Aufzug, mit entsetzten Augen und Blutflecken auf dem lieblichen Antlitz auf mich zugestürzt.

Es war kein Geist, sondern ein zitterndes lebendes Wesen.

Um des Himmels willen, Herr Lart, rief sie, beschützen Sie mich, verbergen Sie mich irgendwo!

Ich war schon aufgesprungen.

Sagen Sie mir, Madame, rief ich meinerseits, was das zu bedeuten hat!

Ich habe keine Zeit zu Erklärungen. Verbergen Sie mich irgendwo – wo Sie wollen – sofort oder ich bin verloren!

In einem Augenblick hatte ich meine fünf Sinne wieder gesammelt, wie es einem in gefährlichen Lagen bisweilen gelingt, und warf rasch einen Blick rings in dem Zimmer herum. Hier konnte ich sie unmöglich verstecken. Dann sagte ich: Hier herein! packte sie beim Arme und zog sie in mein Schlafzimmer, wo ich sie in den Kleiderschrank drängte und ihn von außen zuschloß.

In diesem Augenblick hörte ich an der äußeren Türe ein scharfes Pochen.

Rasch schlich ich geräuschlos zu meinem Lehnstuhl zurück und hob das Buch, das auf den Boden gefallen war, wieder auf.

Herein, rief ich sodann.

Die Türe ging auf, ich blickte in die Höhe und erkannte, daß auf der Schwelle Herr Goliby stand.

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