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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 24
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Nicht nur in Gestalt und Gesichtszügen, sondern selbst in der Kleidung glich mir der Mensch, wie ein Ei dem anderen. Sein Hut, seine Kravatte, selbst der Stoff seines Anzugs bis zu den Knöpfen schienen eine Kopie der meinigen zu sein. Ja sogar seine Schuhe hatten dieselbe braune Nüance, wie die meinigen. Nichts hätte erstaunlicher sein können, wenigstens für mich, denn er trug deutlich eine große Verlegenheit zur Schau, als er an mir vorübereilte und durch die Türe des Vestibüls verschwand.

Tausend gegen eins zu wetten, dachte ich, ist das der Mann, der die gestohlenen Papiere präsentiert und das Geld dafür in Empfang genommen hat. Er hat sich genau nach mir gekleidet, um mir zu gleichen. Kein Wunder, daß der Kassier in Paris mich als den Schuldigen bezeichnet hat.

Jetzt allmählich begann ich die Fäden des Komplottes zu entwirren. Im Falle des Mißlingens wäre diese Aehnlichkeit benützt worden, um die Schuld auf mich zu schieben, und ich verdankte es nur einem günstigen Zufall, daß ich bis jetzt noch heil und unversehrt aus der Affäre hervorgegangen war. Jetzt hegte ich nicht den geringsten Zweifel mehr, daß ich in eine gigantische Verschwörung verwickelt war, die von einem genialen Geiste ausgeheckt worden war und deren Verlauf zu meinem Ruin führen konnte.

Bis jetzt hatte ich indes Glück gehabt. Es war ein auf- und anregendes Spiel, und ich wollte meinem guten Sterne vertrauen und die Sache durchfechten, wie sie sich auch gestalten mochte.

So war ich, in Gedanken versunken, bis zum Piccadilly-Zirkus hinuntergeschlendert, als mir eine Inhaltstafel der Abendzeitungen in die Augen fiel. Ich las unter anderem darauf die Worte:

Pariser Juwelendieb stahl: Eine neue Verhaftung.

Ich kaufte mir sofort eine Zeitung und fand darin die Nachricht, daß ein Amerikaner, der Coddington zu heißen vorgab, ein Gast des Hotel Continental, von einem Zimmermädchen beobachtet worden war, wie er um die Zeit, wo der Juwelendiebstahl stattfand, aus dem Schlafzimmer der Großfürstin Alexina herausgekommen war. Er gab die Erklärung ab, daß er den Gang mit dem darüberliegenden verwechselt habe, wo er sein Zimmer hatte, und beteuerte bei seiner Verhaftung energisch seine Unschuld.

Diese Nachricht brachte mir keine Aufklärung. Daher steckte ich die Zeitung in die Tasche und schlenderte zum Strande. Hier fiel mir wieder Richards Auftrag und Geschenk ein, und ich beschloß, da ich ohnehin in der Stadt nichts mehr zu tun hatte, wieder nach St. Johns Wood zurückzukehren.

Als ich das Haus betrat, begegnete ich keiner Seele. Es machte einen unnatürlich ruhigen Eindruck auf mich. Ich begab mich auf mein Zimmer und klingelte. Nach wenigen Minuten erschien Marie mit strahlendem Gesicht.

Schon so frühzeitig zurück, Herr Lart? sagte sie. Ich dachte, Sie würden heute abend ins Theater oder in eine Musikhalle gehen.

Das ist schon noch möglich, Marie, erwiderte ich. Ist Herr Goliby zu Hause?

Ich weiß nicht, wo er ist. Ich habe ihn seit heute morgen nicht mehr gesehen.

Und Sawkins? Ich bin ihm drunten nicht begegnet.

O der! Der hat heute Ausgang, und die Köchin auch, und der Diener. Ein sauberer Kerl ist er, nie hat er sich mit uns unterhalten und wozu er eigentlich da ist, weiß ich auch nicht. Den ganzen Tag sitzt er da und dreht die Daumen und ißt sich voll, als sei er am Verhungern. Solch ein Haus hab ich mein Lebtag nicht gesehen, nie ein Besuch, keine Seele zum Essen, seit ich im Dienste bin.

Es ist allerdings etwas still hier. So sind Sie heute allein im Hause, Marie?

Jawohl, Herr Lart, außer Jenkins, dem Hausmeister, und der ist beduselt. Er ist fast immer beduselt, wie er sagt, hat er sonst nichts zu tun. Als ich heraufkam, hörte ich ihn in seinem Zimmer schnarchen, als wolle er Tote erwecken.

Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner Brust.

Somit haben wir, wie es scheint, das ganze Haus zu unserer Verfügung, bemerkte ich, nicht, Marie?

Sie lachte.

Ja, Herr Lart, erwiderte sie, das ganze Haus!

Dieser Gedanke brachte sie so wenig in Verlegenheit, daß ich etwas nervös wurde. Marie war, wie ich schon erwähnte, ein sehr nettes und anziehendes Wesen, und in unserem Tête-à-tête lag ein gefährliches Element, besonders im Hinblick auf die Verpflichtungen, die ich auf mich geladen hatte, Richards Anordnungen auszuführen.

Ich nahm indes einen Anlauf.

Marie, sagte ich. Sie sind sehr lieb mit mir gewesen.

Ich! erwiderte sie erstaunt. Wieso meinen Sie das?

Wie ich das meine? Nun, Sie haben mir immer so gutes Frühstück heraufgebracht und waren immer so gefällig und nett und zuvorkommend.

Ich machte eine kleine Pause und schaute sie an. Sie war beinahe starr vor Verwunderung.

Daher, fuhr ich fort und griff mit der Hand in die Tasche, um Richards Geschenk herauszuholen, dachte ich mir, daß ich Ihnen ein kleines Zeichen meiner Wertschätzung geben sollte.

Ich faltete das Seidenpapier auseinander und stellte das goldene Verführungsmittel zur Schau. Dann sagte ich, mich räuspernd:

Wenn Sie – hm – dieses kleine Schmuckstück von mir annehmen wollten, so – hm – würde es mich – hm – sehr freuen, Marie.

Nunmehr war ihre Verblüffung auf dem Höhepunkt angelangt, als ich meinen Spruch glücklich herausgebracht hatte. Ihre Gesichtsfarbe wechselte in rascher Folge, den Mund hatte sie vor Staunen zu schließen vergessen, ihre Augen waren unverwandt auf das glänzende Schmuckstück geheftet.

Oh, Herr Lart, stammelte sie, aber sie kam nicht weiter.

Darf ich es an Ihrem Arme befestigen, Marie? fragte ich, um der peinlichen Pause ein Ende zu machen.

Oh, Herr Lart, wiederholte sie, indem sie mir den Arm prompt hinhielt. Ein leiser Seufzer des Entzückens kam über ihre Lippen, als sie die Feder zuspringen horte und ihr Eigentum strahlend betrachtete.

Dann, bevor ich mir recht klar über den Vorfall wurde, ereignete sich etwas, das mich nicht wenig in Verlegenheit setzte. Sie sprang mir mit einem Male um den Hals, näherte ihre blühenden Lippen blitzschnell meiner Wange, und ein schallender Kuß saß darauf.

Oh, Herr Lart, sagte sie noch verwirrter als zuvor, wie sind Sie nur dazu gekommen, mir so was Schönes zu kaufen? Oh, ist das reizend!

Ich wußte wohl, daß die Sache sich so entwickelt hatte, wie Richard es im Sinne gehabt, ich müßte auch lügen, wenn ich ableugnen wollte, daß mir die Situation keineswegs unangenehm vorkam, aber ich hatte das Gefühl, daß ich einer weiteren Entwickelung vorbeugen mußte, und daher sagte ich, in dem kühlsten Tone, der mir unter diesen Umständen zur Verfügung stand:

Schon recht, Marie, schon recht, Sie brauchen mir nicht zu danken. Ich wollte Ihnen nur als Ihr Freund ein kleines Andenken bringen. Es hat – hm – wirklich weiter nichts zu bedeuten, Marie, verstehen Sie?

Sie starrte mich einen Augenblick etwas verblüfft an, als habe sie den Sinn meiner Rede nicht ganz verstanden.

Ach so, sagte sie schließlich und wurde puterrot dabei, wie wenn Sie nicht ein Herr wären, und ich es nicht wüßte! Ich habe es nicht so gemeint und muß Sie vielmals um Verzeihung bitten, daß ich so frech war!

Sie sagte das in einer so niedlichen und kindlich unschuldigen Weise, daß ich in die größte Versuchung geriet, sie meinerseits abzuküssen. Es kostete mich keine geringe Ueberwindung, dieser Versuchung zu widerstehen, aber es gelang mir noch rechtzeitig, mich zu beherrschen, und so sagte ich lachend:

Unsinn, Marie. Ich meinte nur, Sie sollen wegen der Kleinigkeit nicht so viele Worte machen!

Das nennen Sie eine Kleinigkeit? versetzte sie und hielt ihren runden Arm stolz in die Höhe. Entzückt betrachtete sie das Armband und fuhr fort:

Das ist schuld daran, Herr Lart. Ich habe mich darüber ganz vergessen, entschuldigen Sie nochmals!

Schon recht, Marie. Und nun, sind Sie ganz sicher, daß Sie in diesem Zimmer eine Dame gesehen haben?

So sicher, als ich hier stehe, erwiderte sie in überzeugtem Tone, oder war es ein Geist, trotzdem Mutter mir immer gesagt hat, daß es keine Geister gibt, denn als ich hereinkam, schien sie – ich glaube, ich habe es Ihnen schon gesagt, – geradenwegs durch die Wand hindurch verschwunden zu sein.

Können Sie mir sagen, wie sie ausgesehen hat? fragte ich.

Nun, Herr Lart, sie war sehr hübsch, mit Augen und Haaren so schwarz, wie die Nacht. Ich würde sie sofort wieder erkennen.

So? Das ist immerhin etwas. Und nun, Marie, da wir so gut wie allein im Hause sind, würden Sie mir Herrn Golibys Arbeitszimmer zeigen?

Warum nicht? wenigstens die Türe. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß, seit ich hier bin, noch niemand hineingehen durfte, als Sawkins.

Sie führte mich die Treppe hinunter und deutete auf die Türe eines Zimmers, das, wie sich herausstellte, gerade unter dem meinigen gelegen war, und zwar unter meinem Schlafzimmer. Die Türe sah genau wie eine andere aus und hatte durchaus nichts Geheimnisvolles an sich. Ich drückte auf die Klinke und fand das Zimmer verschlossen, wie Marie vorhergesagt hatte. Dann nahm ich zum ersten Male in meinem Leben, aber ohne zu erröten, meine Zuflucht zu einem Mittel, das ich bisher streng verpönt hatte: ich schaute durch das Schlüsselloch hinein.

Gerade gegenüber der Türe erblickte ich ein Telephon. Dieses erklärte mir ein geheimnisvolles Geklingel, das gelegentlich schon meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Daneben konnte ich eine Portière sehen, die offenbar eine Türe verdeckte. Außerdem vermochte ich nichts anderes zu erblicken, als einen nackten Fußboden, leere Wände, einen einzigen Holzstuhl, die Hälfte eines großen Tisches und gerade noch ein Stückchen von einem kleinen Toilettenspiegel. Es war ein seltsames Allerheiligstes für einen reichen Mann und gab mir Stoff für ernste und düstere Reflexionen.

Ich sehe nicht viel, Marie, bemerkte ich wahrheitsgemäß. Und jetzt führen Sie mich zu jenem Giebelfenster, von dem Sie mir erzählt haben! Ich möchte einen Blick in den hinteren Garten werfen.

Ich fand, daß es ein kleines Fenster war; seltsamerweise war es mit einem Eisengitter versehen.

Das muß seinen Grund haben, dachte ich, aber es war mir nicht möglich, diesen Grund zu erraten.

Immerhin bot das Fenster eine vorzügliche Aussicht auf einen großen, dichtbestandenen Baumgarten und einen kleineren daneben, der von dem größeren durch eine Mauer abgesperrt war und zu dem die Dienerschaft Zutritt hatte. Wie man indes in den größeren Garten vom Hause aus gelangen sollte, war mir unverständlich. Was mich aber vor allem an der Aussicht interessierte, war der Umstand, daß man von hier aus sehr gut die Villa des Baron Romer unterscheiden konnte. Sie war keine hundert Meter von der Villa Rabenhorst entfernt. Ihre Gemüsegärten und Treibhäuser reichten bis zu den Mauern des Golibyschen Gartens. Ich überlegte mir eben, welche Verbindungen möglicherweise zwischen den beiden Villen bestehen konnten, als ich plötzlich eine weibliche Gestalt bemerkte, welche durch den Garten dahergewandelt kam. Keinen Augenblick zweifelte ich an der mir wohl bekannten Erscheinung. Ich wandte mich sofort um und beobachtete sie. Hier war eine Gelegenheit, meine Entdeckung zu bestätigen.

Ein hübsches Weib dort drüben im Garten, bemerkte ich und deutete nach ihr.

Heiliger Gott! rief das Mädchen aus. Das ist sie ja, die Dame, von der ich Ihnen erzählt habe.

Sie hat wenig Geisterhaftes an sich, sagte ich.

Ja wirklich, eben habe ich dasselbe gedacht. Ich – was war das?

Sie hielt die Hand ans Ohr und sagte: Es wird der Herr sein, der zurückkommt! – Nein, es ist Sawkins! Ich kenne ihn an dem Krachen seiner Schuhe. Er kommt die Treppe herauf. Um Gottes willen, er muß ja hier vorbeikommen, wenn er in sein Zimmer will. Was sollen wir denn tun, wenn er uns hier beisammen findet?

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