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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 23
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Der Baron war zum Ausgehen gekleidet. Auf seinem blassen Angesicht lag ein zorniger Ausdruck.

Ein unerwartetes Zusammentreffen, sagte er steif.

Kennst du den Herrn schon? fragte sie mit großer Sicherheit.

Nein, bemerkte er, ich meinte den Zufall, daß du einem Bekannten begegnet bist, hier in dem einsamen Sträßchen.

Für mich war das Zusammentreffen ebenfalls überraschend, sagte sie. Erlaube, daß ich dir Herrn Lart vorstelle. Ich bin mit seiner Mutter und seinen Schwestern in Richmond sehr gut bekannt.

Der Baron hatte die Gartentüre geöffnet und verbeugte sich. Ich tat desgleichen und wollte mich auf den Rückweg machen, als er mich zurückhielt. Er hatte nun sein Benehmen völlig verändert.

Lart, sagte er nachdenklich, Lart, ein etwas ungewöhnlicher Name, wäre es möglich, daß Sie Privatsekretär bei einem gewissen Herrn –ä–ä– auch ein kurioser Name –

Goliby, warf ich ein.

Richtig, daß Sie bei dem alten Kauz Privatsekretär sind?

Gewiß, dieses Individuum bin ich, erwiderte ich. Und wenn ich mich nicht täusche, Herr Baron, so haben Sie den »alten Kauz« heute morgen besucht.

Ueberrascht blickte er mich an. Für einen Moment war er etwas aus der Fassung gebracht. Dann sagte er:

Stimmt, und unser Zusammentreffen kommt mir sehr gelegen. Ich möchte Sie gerne gerade in Beziehung auf diesen Besuch für ein paar Augenblicke sprechen. Leider kann ich mich aber hier nicht länger aufhalten, da ich in der Stadt ein wichtiges Rendezvous habe. Aber wenn wir uns etwa in einer Stunde irgendwo treffen könnten, wäre es mir sehr erwünscht. Würde es Ihnen passen, um diese Zeit im Rover's Club nach mir zu fragen?

Mit Vergnügen, Herr Baron, antwortete ich und wollte mich schon wieder zurückziehen, als die Dame mir die Hand bot. Der Baron grüßte und eilte das Sträßchen hinab, während ich bei dem schönen Weibe stehen blieb.

Freut mich sehr, Sie wieder einmal gesehen zu haben, sagte sie mit, wie mir vorkam, unnötig lauter Stimme, wollen Sie so freundlich sein, Ihre Mutter und Schwestern von mir zu grüßen?

Ich werde nicht verfehlen, es zu tun, erwiderte ich so natürlich und ungezwungen, als es mir in diesem Augenblicke möglich war. Dann verbeugte ich mich grüßend vor der schönen Dame und entfernte mich in der gleichen Richtung wie der Baron, aber viel langsameren Schrittes als er.

Das erste Gefühl, das mir zum Bewußtsein kam, war das der Erleichterung. Aber dann überhasteten sich Gefühle der verschiedensten Art in meinem Innern. Ich beglückwünschte mich zu meiner Keckheit, mit der ich die Dame angesprochen hatte. Das Ergebnis war nicht ganz so ausgefallen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber es war immerhin auch nicht entmutigend. Trotz ihrer ausweichenden Antworten hatte sie doch stillschweigend zugegeben, daß ich in betreff ihrer Identität mich nicht geirrt hatte. Außerdem waren jetzt einige meiner Zweifel zum Schweigen gebracht. Mochte sie heißen, wie sie wollte, sie war sicherlich keine Französin. Möglicherweise war sie nicht die Frau, von der Javotte gesprochen hatte. Ich war zu dem Schlusse, daß sie mit der »Lucette« identisch sei, ohne hinreichende Gründe, lediglich durch eine Vermutung gelangt.

Eine erfreuliche Einzelheit war die, daß ihre Geistesgegenwart, die sie mich dem Baron als alten Bekannten vorstellen ließ und die zweifellos der Furcht vor Romer entsprungen war, uns offenbar auf gleichen Rang gestellt hatte. Wir hatten nun ein gemeinsames Geheimnis, und nichts reißt so schnell die Schranken zwischen Männern und Frauen ein, als gemeinsame Geheimnisse.

Plötzlich rappelte ich mich zusammen, wurde ich denn schon sentimental? fragte ich mich, und alsbald verbannte ich diesen Gedanken. Nein, keine Spur! Trotzdem kam es mir seltsam vor, daß sie an einem einfachen, unbemittelten Baccalaureus ein solches Interesse haben sollte. Und zum tausendsten Male versuchte ich das unfaßbarste aller Wunder zu erklären: wie sie sich Eingang zu meinem Zimmer verschafft hatte. Wir lebten doch nicht in einem Zeitalter der Hexenkünste und des Zauberspuks, und selbst wenn Zeppelin den einen oder anderen auf dem Luftwege hinwegzaubern konnte, so blieben Backsteinwände doch unveränderte Backsteinwände, so undurchlässig wie je, und höchstens mit Hilfe von Brecheisen konnten Menschen diese physikalische Tatsache entwerten.

Und doch war das Wunder geschehen! Drei Augenpaaren hatte es sich geoffenbart. Die Theorie von den Halluzinationen war endgültig verworfen worden. Ich ahnte, daß eine Lösung des Rätsels nahe bevorstand, daß überraschende Wendungen nicht mehr ferne seien, – mit welchem Ergebnis freilich, ob es für mich unheilvoll oder ohne Harm sich erweisen würde, das ruhte in der Zukunft Schoße.

Ich war mittlerweile an einer Droschkenhaltestelle angelangt. Ich sprang in einen Wagen, gab dem Kutscher die Adresse, und wir fuhren der Stadt zu. Als wir am Trafalgar Square vorüberkamen, schoß mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf.

Die St. Martinsbibliothek ist ja in der Nähe, sagte ich mir. Da könnte ich rasch halten lassen und im Debrett nachschlagen, ob der Baron Romer verheiratet ist oder nicht!

Sofort wies ich den Kutscher an, bei der Bibliothek zu halten, und stieg aus. In weniger als zehn Minuten hatte ich in Erfahrung gebracht, daß der Baron Romer der einzige Sohn eines notorisch verarmten, irischen Landedelmanns und ledig sei.

Wieder erhob sich während des Weiterfahrens die Frage vor mir, wer dieses geheimnisvolle und berückende Weib sein könnte, wenn sie nicht die Frau des Barons war. Und dann: woher stammten die Diamanten, in denen sie an jenem Abend, wo ich sie im Savoyhotel gesehen, strahlte? Wie konnte der Sohn eines mittellosen Edelmanns, der keinen festen Beruf hatte, eine Frau in so verschwenderischer Weise ausstatten? Die Antwort lag nahe und bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Und ihm sollte ich nun, und zwar als Gleichstehender, gegenübertreten!

Aber was hatte ich bei allem Mißtrauen zu befürchten? warum sollte ich nicht eine hochmütige Miene aufsetzen und mit ihm umspringen wie mit meinesgleichen?

Am Klub angelangt, entließ ich meinen Wagen. Der Portier sandte meine Karte hinauf, und einen Augenblick später wurde ich in das Besuchszimmer geführt. Fast gleichzeitig trat auch der Baron ein und schloß die Türe hinter sich zu.

Sein Benehmen war nun beinahe freundlich, als er mir die Hand drückte und mich bat, Platz zu nehmen.

Ich werde Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, sagte er. Es ist sehr freundlich von Ihnen, daß Sie sich die Mühe gemacht haben, bei mir vorzusprechen. Darf ich eine kleine Erfrischung bestellen, Herr Lart?

Nein, danke, erwiderte ich, nunmehr völlig unbefangen.

Wie Sie wünschen, fuhr er fort. Es handelt sich also um Folgendes. Ich brauche wohl nicht vorauszuschicken, daß es Dinge gibt, die man vor Damen nicht gerne bespricht?

Ich war ganz seiner Meinung und teilte es ihm mit.

Daher, fuhr er fort, nahm ich mir die Freiheit, Sie hierher zu bitten. Es ist also ganz richtig, daß ich heute morgen einen Besuch bei diesem Herrn –ä–ä– hol's der Henker! – ich kann den Namen nicht behalten –

Goliby, bemerkte ich.

Nun ja – ein merkwürdiger Name das, und ich fand auch, daß es ein komischer Kauz war.

Sie waren ihm zuvor nie begegnet, wie ich annehme? warf ich ein.

Ich? Nein, nie. Und es war ein merkwürdiger Umstand, der für mich gleichzeitig ziemlich ernst war, der uns zusammenführte. Darf ich mir die Frage gestatten, wie lange Sie schon in seinen Diensten stehen?

Sehr kurze Zeit, antwortete ich, noch keine vierzehn Tage.

Würde es indiskret erscheinen, wenn ich mich nach der Art seiner Beschäftigung oder seines Berufes erkundigte?

Der Grund zu dieser Frage war mir nicht ganz klar. Daher antwortete ich in allgemeiner Weise:

Er hat keinen eigentlichen Beruf, wie ich glaube. Er ist ein bemittelter Herr und –

Ach so? Ich danke Ihnen. Nun, um zum Gegenstande zu kommen, und der berührt Sie persönlich – Sie sind, wie ich glaube, in letzter Zeit in Paris gewesen?

Jawohl, sagte ich, nunmehr sehr vorsichtig.

Auf Veranlassung des Herrn –ä– Godiby?

Goliby, wenn Sie erlauben. Jawohl, auf seine Veranlassung. Meine Reise stand im Zusammenhang mit einem Einbruchsdiebstahle, der in seinem Hause vorgefallen ist. Sie haben wahrscheinlich auch davon gehört.

Der Baron schüttelte langsam das Haupt.

Nein, sagte er, ich wüßte mich nicht zu erinnern. Doch halt! Natürlich, ich erinnere mich jetzt – es war mir doch, der Name komme mir bekannt vor. Ich habe etwas davon in den Zeitungen gelesen – ich glaube, es handelte sich um Wertpapiere, die geraubt worden sind. Ist davon die Rede?

Ganz richtig, Herr Baron, erwiderte ich. Französische Papiere im Werte von zwanzigtausend Pfund sind aus seinem Geldschrank entwendet worden.

Und Sie wurden im Zusammenhang mit dieser Affäre nach Paris gesandt? Ich verstehe jetzt. Und Sie sind, wie ich vermute, im Grand Hotel abgestiegen?

Jawohl, Herr Baron.

So. Nun wollen wir gleich von unserer Angelegenheit reden. Heute morgen erhielt ich einen Brief von einem Freunde in Paris, der mir viel Verdruß verursacht hat. Ich könnte einen weit stärkeren Ausdruck benützen, aber lassen wir es dabei bewenden. Er enthielt die Mitteilung, daß ein junger Mann namens Lart, der im Grand Hotel wohne und als der Privatsekretär eines Londoner Herrn namens Goliby bekannt sei, welcher in St. Johns Wood wohne –

Einen Moment, unterbrach ich ihn: Keiner Seele im Grand Hotel waren diese Umstände bekannt, wie ist es dann möglich, daß Ihr Korrespondent damit vertraut war?

Sie stammen von Ihren eigenen Lippen – wenigstens behauptet er es, versetzte der Baron ruhig.

Das ist eine Lüge, rief ich wütend aus. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir diesen Brief zu zeigen?

Das kann ich in diesem Augenblicke nicht, erwiderte er, weil ich ihn nicht bei mir habe. Es tut mir sehr leid – und es tut mir auch leid, daß Sie sich so aufregen.

Aufregen! rief ich aus. Passen Sie mal auf, Herr Baron! Ich habe schon aus dem Munde des Herrn Goliby erfahren, welche Beschuldigungen Sie gegen mich erheben. Diese Anschuldigungen sind, ich wiederhole es, ungerechtfertigt, und sind Fabrikate irgend eines – eines – ich will nicht sagen, daß es Ihr Korrespondent ist – aber irgend eines Menschen, den ich nicht kenne. Daß ich Ihren Namen im Zusammenhang mit einer Dame nennen hörte, habe ich bereits Herrn Goliby erklärt, und er gab sich mit dieser Erklärung völlig zufrieden. Ich habe niemandem Rechenschaft darüber abzulegen.

Worum handelte es sich bei diesem Gespräche, wo Sie meinen Namen nennen hörten?

Ich erzählte ihm in wenig Worten den Inhalt des Gespräches, ohne ihm zu verraten, von wem ich es erfahren hatte. Er zog die Stirne zusammen, dann sagte er, offenbar, um von dem Thema loszukommen:

Sie sind aber mal ein erregbarer junger Mann! Sie werden doch verstehen, daß ich mich für derlei Gespräche interessiere. Ist denn dabei etwas Beleidigendes für Sie?

Nun war ich festgefahren.

Nicht unbedingt, antwortete ich, aber es ist trotzdem ärgerlich, falsch beschuldigt zu werden, insbesondere, wenn es sich um anonyme Verdächtigungen handelt. Sie haben sich bei Herrn Goliby darüber beschwert, daß ich jemand im Grand Hotel erzählt hätte, was ich von Ihnen gehört habe. Diese Behauptung, ich wiederhole es, ist vollständig falsch.

Ich bin völlig bereit, Ihrer Versicherung Glauben zu schenken, Herr Lart, bemerkte er in versöhnlichem Tone. Bitte, betrachten Sie diese Behauptung als zurückgezogen, wenn Sie es wünschen, mit meinen Entschuldigungen, aber ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie mir noch eine oder zwei Fragen beantworten wollten.

Gerne, Herr Baron, wenn es in meiner Macht liegt, es zu tun, sagte ich, ganz erfreut darüber, daß ich schließlich doch zu meinem Rechte gekommen war.

Gut, versetzte er, haben Sie eine Ahnung, wer es war, der diese Diskussion über mich und ä – jene Dame geführt hat?

Ich überlegte einen Augenblick.

Ja, wenigstens kann ich Ihnen einen Begriff von einem der beiden geben. Sie brauchen dazu nur mich selber anzusehen.

Wieso denn?

Indem einer der Herren eine auffallende Aehnlichkeit mit mir selbst hat.

Der Baron nagte ärgerlich an seiner Unterlippe.

Hm, sagte er, ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Lart. Und nun, zu der Dame! Sie nannten sie Lucette, nicht wahr?

Jawohl, Herr Baron.

Aus dem, was Sie von der Unterhaltung erfuhren, konnten Sie sich keine Meinung über die Person dieser Dame machen?

Nicht die geringste, auch interessierte es mich nicht.

Schade. Nun, Herr Lart, ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich Ihnen für Ihre Mitteilungen sehr verbunden bin und hoffe, Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.

Nicht im geringsten, Herr Baron, erwiderte ich, wenn Sie jetzt nur Ihren falschen Verdacht aufgegeben haben.

Vollständig, Herr Lart, versetzte er. Bitte wollen Sie meine Entschuldigungen entgegennehmen und die alberne Geschichte vergessen!

Er schüttelte mir liebenswürdig die Hand und führte mich bis zur Türe, wo ich mich verbeugte und das Zimmer verließ.

Als ich die Treppe hinunterstieg, kam mir ein Herr entgegen. Ich blieb vor Erstaunen stehen und starrte ihn an, als ob ich meinen Augen nicht traute, denn vor mir stand, als sehe ich mich in einem Spiegel, mein vollendetes Ebenbild.

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