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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 21
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Zwanzigstes Kapitel.

Ich traf Richard zu Hause. Er schien höchlich überrascht, mich schon wieder zu sehen.

Was? Du bist schon wieder im Lande? sagte er. Wie kommt denn das? Ist deine Mission schon zu Ende? Ist der lustige Einbrechersmann gefaßt?

Ich lachte.

Nein, Richard, soviel ich weiß, erfreut sich der lustige Einbrechersmann immer noch seiner goldenen Freiheit und wird wohl mit der angenehmen Aufgabe beschäftigt sein, Tausendfrankenscheine in brauchbare Münze umzuwechseln. Die Rollen sind vertauscht worden. Ich bin diesen Morgen um ein Haar selber nach Nummer Sicher eingebracht worden. Es ist ein fröhliches Erlebnis, seine Taschen von einem Detektiv umgekehrt zu sehen. Hast du das auch schon mitgemacht?

Bis jetzt noch nicht. Aber für derartige boshafte Späßchen muß doch ein Grund vorgelegen haben. Hast du auf eigene Faust eine kleine Räuberei ausgeführt? Die Pariser Luft soll ein wenig demoralisierend wirken, habe ich mir sagen lassen.

Vielleicht in anderen Beziehungen, erwiderte ich. Aber abgesehen von einigen wenigen zweideutigen Reden, zu denen man mich gezwungen hat, hat mein Gewissen noch kein Loch bekommen. Allerdings liegt die Zeit nicht mehr in unsichtbarer Ferne, wo du mit völliger Sicherheit mich als einen abgefeimten Lügner ansehen kannst, mein lieber Richard.

Er zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte mich überrascht an.

Mein lieber Freund, sagte er, du bist heute morgen nicht bloß ein früher Vogel, sondern auch dein Lied ist mir nicht ganz verständlich.

Das glaube ich dir. Aber lustig klingt es, was? Mein Wort darauf, ein wenig Spaßmachen hat mir unendlich wohl getan. Das Bewußtsein einer dunkeln und beinahe verbrecherischen Existenz hat während der letzten vierundzwanzig Stunden schwer auf mir gelegen. Ich muß dir eine ganze Menge erzählen, Richard. Es wird dir die Augen über mich öffnen. Hast du zurzeit viel zu tun?

Allerdings, es sieht darnach aus. Brauchst du lange zu deiner Beichte?

Nicht so sehr. Ich hoffe, daß deine Wände keine Ohren haben.

Nein, das ist in diesem Geschäft strengstens verboten. Ein Bekenntnis deiner Missetaten wird nur mein Ohr erreichen. Und nun, sei so gut und schieße los!

Gut, um also zu beginnen, wie würde es dich berühren, wenn ich zum Anfange dir eröffnen würde, daß ich ein Helfershelfer bei einem Diebstahl im größten Stil gewesen bin, allerdings erst nach der Tat?

Es würde mich etwas ungewohnt berühren, das ist alles, sagte er; als eine Art von Zeitvertreib, die für einen Oxforder Baccalaureus nicht ganz angebracht wäre.

Ganz richtig. Und was würdest du fernerhin sagen, wenn ich dir mitteilen würde, daß ich, als ich gestern abend Paris verließ, für 100 000 Pfund geraubte Diamanten und derlei Zeug im Besitze hatte?

Nun, erwiderte er mit mitleidigem Lächeln, wenn ich ehrlich sein sollte, Ted, so wäre ich geneigt, dich einen Flunkerer zu nennen, und zu selber Zeit der Ansicht sein, daß du einen Sparren hast, wie sich das Volk auszudrücken pflegt.

Ganz richtig, muß ich nochmals sagen, und ich könnte dich nicht dafür tadeln. Und doch bin ich gleichzeitig felsenfest davon überzeugt, daß es tatsächlich der Fall gewesen ist. Eine schwarze Tasche, die nur Dokumente enthalten sollte, wurde mir im Grand Hotel eingehändigt. Ich bin aufrichtig überzeugt davon, daß diese Tasche, die mir in Dieppe aus der Hand gerissen wurde, die Juwelen enthielt, die gestern der Großfürstin Alexina von Rußland im Hotel kontinental gestohlen worden sind. Ohne Zweifel hast du in den Morgenblättern schon von der Geschichte gelesen. Nicht?

Großer Gott! Allerdings habe ich's gelesen. Und wem hättest du die Tasche ausliefern sollen?

Nun, Herrn Goliby natürlich.

Richard pfiff leise vor sich hin.

Ted, mein Junge, die Sache wird ernst.

Verflucht ernst, erwiderte ich.

Und du bist von der Polizei durchsucht worden, sagst du? Wo denn?

In Newhaven, heute morgen, und wenn diese Tasche in meinem Besitze vorgefunden worden wäre, wo wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt zu suchen?

Im Loch, vorausgesetzt, daß deine Voraussetzungen richtig sind.

Im Loch, gewiß, daran hege ich nicht den geringsten Zweifel.

Wirklich eine nette Geschichte, und du hättest dann deinen alten Freund Richard Hamilton in das Land verwünscht, wo der Pfeffer wächst, weil er dich in eine solche Lage gebracht hat.

Nein, Richard, mach dir keine Sorgen, du weißt übrigens selbst, daß ich es nicht getan haben würde.

Nein, das weiß ich nicht und ich zweifle sehr daran, Was kann denn dieser Goliby für ein Herr sein? Was hat er denn gesagt, als du ihm den Verlust der Tasche mitteiltest?

Das ist eine lange, seltsame Geschichte, und ich fange am besten am Anfang an und erzähle sie dir in der richtigen Reihenfolge. Wenn ich sie stückweise erzähle, wirst du nur verwirrt, was habe ich dir in meinem Briefe noch mitgeteilt?

Daß du mit Vignaud, Le Noir und einem Detektiv von Scotland Yard auf das Rathaus gegangen seiest und daß dort ein querköpfiger Beamter dich als den Mann bezeichnet habe, dem das Geld ausbezahlt worden sei.

Ganz recht, und ich denke, ich teilte dir auch mit, was Le Noir von einer sehr eigenartigen Unterhaltung mitangehört hatte?

Ja gewiß. Es handelte sich um den Baron Romer und unsere geheimnisvolle Freundin. Hast du sonst noch etwas von ihr gehört?

Jawohl, aber alles zu seiner Zeit! Laß mich da beginnen, wo ich stehen geblieben war!

Ich erzählte ihm nunmehr von Herrn von Montpelier und der verräterischen Straßenangabe auf seiner Visitenkarte. Schon mein Bericht darüber versetzte meinen Freund in Stimmung, und er bemerkte: Die Sache scheint ja recht interessant zu werden!

Nun berichtete ich ihm meine kurze Unterredung mit Le Noir im Lesezimmer des Grand Hotel und wie Herr von Montpelier, der von einer anderen Seite herkam, uns beisammen erblickt hatte. Ich erzählte ihm von der unverkennbaren Aufregung des Herrn, als er den Detektiv bei mir entdeckte, von der Art und Weise, in der er mich aus dem Hotel geschoben und in die Droschke genötigt hatte, und von seiner Ermahnung, die wertvolle schwarze Tasche nicht einen Moment aus den Augen zu lassen.

Hm, meinte Richard, sehr auffallende Chose. Rechnung bezahlt, Droschke bereit, Handkoffer schon hineingeschafft. Alles vorbereitet. Der Herr »von« auf Nadeln sitzend. Ob er wohl ein »von« ist, was meinst du?

Das weiß der Kuckuck. Romer ist Baron, nicht?

Hm, ja, man sagt es. Nun, laß dich nicht aufhalten!

Ich nahm meine Erzählung wieder auf. An einer Stelle unterbrach er mich.

Hast du das Gesicht des Mannes nicht gesehen, der dir die Handtasche entriß?

Nein, es war zu dunkel, wo ich stand. Ich sah nichts als Regen und Verwirrung, als ich ausstieg.

Vielleicht, sagte er, war es der Mann mit dem rötlichen Barte, der offenbar ein wachsames Auge auf dich hatte.

Sicherlich.

Warum »sicherlich«?

Weil ich ihn heute morgen in London wieder gesehen habe und er die schwarze Tasche in der Hand trug.

Donner und Doria! rief er aus. warum hast du mir das nicht eher gesagt?

Weil ich noch nicht so weit war. Hetz mich nur nicht! Die Erzählung ist ziemlich ausgiebig, aber ich bin bald damit zu Ende. Ich war von der Ueberfahrt noch etwas abgeschlagen, und so brannte er mir durch. Die Ueberfahrt selbst ist mir ein böhmisches Dorf. Ich glaube, daß sie stürmisch war. Ich kann es nicht einmal mit Bestimmtheit behaupten. Auf jeden Fall befand ich mich schließlich in Newhaven, wo pünktlich ein Detektiv mich in Beschlag nahm. Er wollte sehen, was mein Handkoffer enthielt. Das Ergebnis seiner Untersuchung verblüffte ihn. Daher führte er mich in das Büro des Stationsvorstandes, wo er mir die Taschen umkehrte. Nunmehr aber begann ich Fragen zu stellen. Er entschuldigte sich einigermaßen, war aber nicht in der Stimmung, Fragen zu beantworten. Statt dessen gab er mir den Rat, mich zu beeilen und in meinen Zug zu springen, um ihn nicht zu verfehlen. Diesem Rat folgte ich. In Redhill kaufte ich mir den »Daily Telegraph«. Da begannen sich endlich meine verwirrten Gedanken zu ordnen. Der Nebel teilte sich mit einem Male. Jetzt fühlte ich mich wohler. Wo hätten sie mich untergebracht, hätte ich die verfluchte Tasche nicht verloren?

In Lewes, erwiderte Richard trocken. Es befindet sich dort ein komfortables Gefängnis. Natürlich wäre ich auf telegraphischen Wunsch hinuntergefahren und hätte dich wieder losgeeist, altes Haus!

Danke für den guten Willen. Ich weiß, wie ich mich das nächste Mal zu benehmen habe. Nun gut: als ich auf dem Victoriabahnhof anlangte, erblickte ich diesen rotbärtigen Halunken, die schwarze Tasche in der Hand.

Bist du ihm nicht nachgerannt?

Nachgerannt? Da war nichts zu wollen. Nein, ich nahm eine Droschke nach St. Johns Wood. In der Nähe der Villa Rabenhorst holte uns eine andere Droschke ein. Wer saß darin? Wieder mein rotbärtiger Freund! Und weißt du, wo er hinfuhr? Geradenwegs in den Wildwoodweg zu der Villa des Baron Romer. Nun hast du endlich alles hübsch beieinander, was sagst du dazu?

Daß deine Erzählung in Wirklichkeit so ist, wie du mir angekündigt hast: nämlich ausgiebig. Eine andere Wertung wird, wie ich denke, bald folgen. Nun, und dann begabst du dich nach Haus und hast den ehrwürdigen Goliby gesprochen? Was meinte denn der zu deiner Moritat?

Ich hielt es für angebracht, bei dieser Gelegenheit etwas zurückhaltend zu sein. Daher erklärte ich mit vielen Ausdrücken des Bedauerns, daß mir die Tasche, die die Dokumente enthielt, abhanden gekommen sei und daß ich zuversichtlich hoffe, der Verlust möchte nicht unersetzlich sein.

Kein Wort über den Juwelendiebstahl oder über deinen Verdacht betreffs des Tascheninhalts?

Keine Silbe.

Mein lieber Ted, rief Richard aus und drückte mir herzlich die Hand, ich habe dir vielleicht schon unrecht getan. Dieses Mal hast du wirklich vernünftig gehandelt. Und dann?

Erst schien er ekelig verlegen, aber er erholte sich rasch und sagte, er könne die Dokumente in Paris noch einmal anfertigen lassen, wenn ich auch den Eindruck gewann, daß er durch die Wendung in der Sache stark aus dem Gleichgewicht geraten sei. Eins ist sicher, daß die Versicherungen sich glatt weigern, zu berappen.

Ich nehme es ihnen nicht übel, bemerkte Richard. Einbrecher können in der Regel ihre Finger nicht durch zehn Zentimeter dicken Stahl hindurchstecken und wertvolle Papiere herausziehen, ganz abgesehen von der elektrischen Leitung, die sie zum Schweigen veranlaßt haben. Die Geschichte ist faul, mein Junge. Goliby muß die Sache vor Gericht bringen, wenn er es riskiert. Das wird ein hübsches Skandälchen absetzen, und du wirst auch darein verwickelt werden. Weiß der Himmel, ob es nicht das Beste wäre, wenn du dich, ohne dich lange zu besinnen, drücken würdest.

Davon wollte ich eben reden, sagte ich. Ich habe ihm den Vorschlag gemacht, auf meine Stelle zu verzichten und ihm das vorgestreckte Geld zurückzubezahlen, aber der alte Herr wollte nichts davon wissen. Wenn ich ehrlich sein will, so muß ich gestehen, daß ich gespannt bin, wie sich die Geschichte weiter entwickelt und daß ich sie ganz gerne weiter verfolge. Ich habe reine Hände, und es kann mir unmöglich etwas geschehen. Es sind eine Reihe von Geheimnissen zu lösen. Insbesondere das von dem Weibe, das wie ein Geist in meine Zimmer hereinwandelt und von dem ich jetzt genau weiß, daß es kein Geist ist, dieses liebliche Geschöpf, das –

Aha, rief Richard, jetzt bin ich auf deiner Seite, Ted. Ganz recht! Stelle ihr doch eine Falle! Fange sie, wenn sie wieder einmal einen Geist markiert und ergreife Repressalien! Hol mich der Henker, wenn ich es an deiner Stelle nicht täte!

Bei diesem Ausruf mußte ich lachen.

Ich glaube, Richard, du bist selber ein wenig in das Weib verschossen, was? fragte ich.

Hol mich der und jener, wenn ich es nicht bin! erwiderte er freimütig, und ich würde mir nichts daraus machen, für eine Woche oder so mit dir zu tauschen.

Auch ich würde es mit Vergnügen tun, versetzte ich, wenn sich das machen ließe. Beiläufig: sie ist wieder in meinem Zimmer gewesen.

Wie? Wann? Letzte Nacht?

Nein, nicht letzte Nacht, aber während meiner Abwesenheit. Marie, das Zimmermädchen, hat mir die Geschichte erzählt. Auch sie hat allerlei in diesem Hause der Geheimnisse gesehen und gehört und infolgedessen gekündigt.

Ich erzählte ausführlich, was mir morgens Marie anvertraut hatte.

Richard starrte mich mit offenem Munde an.

Das ist, bei Gott, rief er aus, ein Geheimnis, das eine Lösung wert ist, Wann geht Marie?

In einem Monat, nehme ich an.

Gut. Mache ihr sofort kräftig den Hof! Sie wird sich geschmeichelt fühlen und nichts dagegen haben. Glaube meiner Erfahrung! Sie wird dir von Nutzen sein. Schon das von dem Giebelfenster ist ein wertvoller Wink.

Ich lachte abermals. Richards Methoden waren stets verführerisch, aber für mich etwas ungewohnt.

Gut, sagte ich, ich werde mir's überlegen. Mittlerweile aber habe ich den Glanzpunkt meines Berichtes bis zum Schluß aufgehoben. Es ist der Gipfel und Höhepunkt! Der Baron Romer hat, wie ich erfuhr, heute morgen bei Herrn Goliby vorgesprochen und gegen deinen ergebenen Diener eine Klage eingereicht.

Rasch berichtete ich Richard die näheren Umstände.

Nun, sagte ich abschließend, war er da oder nicht, und welcher Zusammenhang besteht möglicherweise zwischen dem Herrn Baron und dem ehr- und hochachtungswürdigen Herrn Goliby?

Ich geb's auf, sagte Richard, aber ich glaube, daß wir in dieser Beziehung sehr bald überraschende Entwickelungen erleben werden.

In diesem Augenblick trat ein Schreiber mit einem Briefe ein.

Soeben angekommen, Herr Hamilton, sagte er und verließ das Zimmer.

Weibliche Handschrift, murmelte Richard, da bin ich doch neugierig, von wem er stammt.

Er riß den Umschlag auf, starrte auf den Inhalt und übergab ihn mir, ohne ein Wort zu sagen.

Das Briefchen trug weder Datum, noch Ueberschrift und enthielt nichts als die Worte:

Ihr Freund Lart hat bereits zwei Briefe von jemand erhalten, der es gut mit ihm meint. Das ist der dritte und letzte, wollen Sie ihn davon gefälligst in Kenntnis setzen.

Ich sah auf. Unsere Augen begegneten sich.

Von dem gleichen Weibe, sagte ich.

Ohne allen Zweifel, erwiderte Richard.

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