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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 20
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Neunzehntes Kapitel.

Ich war natürlich sehr neugierig, die Bedeutung von Baron Romers Besuch zu erfahren, insbesondere weil er zu so ungewöhnlich früher Morgenstunde erschien.

Da ich indes dieses neue Rätsel nicht lösen konnte, kehrte ich zu meinem Frühstück zurück. Ich war mit dem Verlaufe der Unterredung mit meinem Chef wohl zufrieden, die ich mir so stürmisch vorgestellt hatte. Behaglich ließ ich mich am Tische nieder. Leider war das Frühstück mittlerweile erkaltet. Doch das bekümmerte mich wenig, und so machte ich mich wieder an meinen Schinken mit Ei. In diesem Augenblicke ging die Türe abermals auf und herein kam Marie mit einer neuen Auflage, die mein Zimmer mit gefälligem Dufte erfüllte.

Bei Gott, Marie, sagte ich, Sie sind doch ein liebes Kind. Und wissen Sie auch, daß Sie sehr hübsch sind?

Aber Herr Lart, erwiderte sie lächelnd und errötend, Sie wollen sich nur über mich lustig machen.

Keine Rede, Sie wissen es ja selbst, Marie, denn ich glaube, daß Sie gelegentlich ganz gerne in den Spiegel schauen.

Das muß ich schon – wenn ich mein Haar mache, erwiderte sie zimpferlich.

Ja, ja, und hübsches Haar haben Sie – und eine solche Menge!

Wirklich?

Tatsächlich! Sie kleiner Schelm, Sie wissen es ganz genau! Uebrigens haben Sie beiläufig den Herrn gesehen, der eben gekommen ist?

Das Mädchen blickte mich erstaunt an.

Was für ein Herr? fragte sie. Ich habe die Gartenglocke nicht läuten hören.

So? Aber Sawkins ist doch vor wenigen Minuten heraufgekommen und hat die Karte eines Herrn überbracht, der drunten warte und Herrn Goliby zu sprechen wünsche.

Seltsam, sagte sie nachdenklich. Sawkins wird ihn eben haben kommen sehen und ließ ihn ein, bevor er geläutet hat. Ich habe auch niemand reden hören, und doch sind alle Türen auf, mit Ausnahme von Herrn Golibys Arbeitszimmer. Da darf ja niemand hinein.

Warum denn?

Ich weiß nicht. Die Türe ist stets, geschlossen. Nur Sawkins hat Zutritt. Sonst niemand.

Und Sie sind nie darin gewesen? fragte ich jetzt voller Neugier.

Nie, Herr Lart. Die Köchin und ich nennen es das »Blaubartszimmer«, das man auf dem Theater sieht. Wie ich Ihnen sagte, wimmelt es in dem Hause von Geheimnissen – für mich allerdings nicht mehr lange.

Seltsam, sagte ich. Aber das bringt mich wieder darauf, daß Sie mir etwas erzählen wollten, als vorhin Herr Goliby hereinkam, etwas von lachenden und singenden Frauen und Pfropfenknallen.

Ach ja, richtig. Ich erinnere mich jetzt. Also ich schlich zur Türe, wie ich Ihnen erzählte, und da ich dort nicht genügend hörte, ging ich auf den Vorplatz, den oberen Vorplatz, wissen Sie, wo ich mein Zimmer habe, und da hörte ich den Lärm noch besser. Ich konnte aber nicht herausbringen, wo er herkam, wenn mir's auch war, als komme er von der Hinterseite des Hauses. Daher stieg ich die Treppe hinauf zum Giebelfenster, das auf den Garten hinausgeht.

Den rückwärtigen Garten?

Jawohl.

Sie sind natürlich schon dort gewesen?

Nur ein Stückchen, von der Küche aus. Der Rest ist durch eine Mauer ab gesperrt.

So? Aber man kann ihn von diesem Giebelfenster aus sehen, nicht?

Jawohl.

Ein großer Garten?

Ziemlich groß, ja, mit einer Menge Bäume, wie der Garten vor dem Hause.

Ja? Und was haben Sie gesehen?

Elektrisches Licht zwischen all den Bäumen, hell wie am Tage, und Licht, das aus einigen Fenstern vom Hause herausdrang, wo ich doch wußte, daß das Gas ausgedreht war und Herr Goliby schlief – und im ganzen Hause kein solches elektrisches Licht ist – und ein Gelächter und Geschrei, das ruhig weiter ging! Mir lief es kalt den Rücken hinab, ja, das dürfen Sie mir glauben. Ich schlüpfte rasch wieder hinunter in mein Bett, klappernd vor Schreck – und am nächsten Morgen habe ich gekündigt.

Ich schwieg einen Augenblick, indem ich mir genau überlegte, was sie mir erzählt hatte, plötzlich fiel mir etwas ein.

Noch etwas, Marie, sagte ich. Sind Sie ganz sicher, daß Sie außer der Köchin und Ihnen selbst nie ein weibliches Wesen im Hause gesehen haben?

Das Mädchen errötete. Als ich bemerkte, daß sie mich zögernd anblickte, fügte ich hinzu:

Seien Sie aufrichtig mit mir, Marie, Sie haben sicher jemand gesehen!

Sie schaute sich ängstlich um, dann beugte sie sich zu mir nieder und flüsterte mir ins Ohr:

Doch, Herr Lart, ich habe einen Geist gesehen, oder ein Weib oder was es sonst gewesen ist. In diesem Zimmer da. Es war an dem Tage, wo ich gekündigt habe. Ich kam herein, um Ihre Bettwäsche zu wechseln, und so wahr ich hier mit Ihnen rede, sah ich gerade noch die Schleppe von einem Frauenkleide in Ihr Schlafzimmer hineinschlüpfen und hörte sie auch rauschen, weil sie aus Seide mit Glasperlen oder dergleichen war. Das ist mir eine nette Entdeckung, sagte ich bei mir, aber da es am hellen Tage war und kein Mannsbild zu sehen, das mich hätte schrecken können, ging ich geradeswegs in das Zimmer hinein, um zu sehen, wer es sei, und was sie zu ihrer Entschuldigung vorzubringen habe. Aber als ich in das Zimmer trat, war keine Menschenseele darin. Ich schaute in den Schrank und unter das Bett, und dann überrieselte es mich eiskalt, und ich bin seither nicht mehr in dem Zimmer gewesen. Aber nicht wahr, Herr Lart, Sie sagen davon kein Wort zu Herrn Goliby, sicher nicht? Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich nichts davon verraten hätte.

Machen Sie sich nur keine Sorgen, Marie, sagte ich. Er wird von mir keine Silbe davon erfahren.

Plötzlich legte sie den Finger auf die Lippen. Er kommt die Treppe herauf, flüsterte sie und begann mit großem Eifer die leeren Teller auf das Servierbrett zu stellen. Ich selber lehnte mich nachlässig in meinem Stuhle zurück und blickte harmlos in die Luft, als Herr Goliby wieder eintrat.

Einen Moment, sagte Marie und machte ein ganz unnötiges Geklapper, das, wie ich mir dachte, sicherlich den Argwohn eines mißtrauischen Menschen erregt haben würde. Aber augenscheinlich war Herr Goliby nicht von argwöhnischen Gedanken heimgesucht. Er nickte freundlich zur Antwort, ließ sich auf einem Stuhle nieder und wartete ruhig, bis das Mädchen das Zimmer verlassen hatte. Dann faßte er mich ins Auge und sagte mit, wie mir schien, plötzlichem Ernste:

Seltsamerweise scheint der Baron Romer ein Nachbar von mir zu sein.

Ich war nahe daran, zu erwidern, daß mir dieser UmRomerstand wohl bekannt sei, aber zur rechten Zeit nahm ich mich noch zusammen und sagte nur:

Wirklich?

Ja, fuhr er fort. Und der Grund zu seinem Besuche war recht eigenartig. Er kam, um sich über Sie zu beklagen.

Ueber mich? fragte ich erstaunt, aber lachend. Sie machen mich neugierig, Herr Goliby. worüber beklagt er sich denn?

In wenigen Worten über Folgendes: er hat aus irgend einer Quelle, wie er sagt, in Erfahrung gebracht, daß man Sie in Paris gegen ihn eine ernsthafte und, wie er es bezeichnet, verleumderische Anschuldigung hat erheben hören, gesprächsweise, wie er behauptet. Er versichert, daß das im Grand Hotel vorgefallen ist. Mir kommt es ganz unbegreiflich vor, daß er Ihren Namen kennt, und daß er weiß, daß Sie mein Privatsekretär sind und zwei Tage im Grand Hotel gewohnt haben. Wie er meinen Namen und meine Adresse erfahren hat, das weiß der Kuckuck. Er weigerte sich, mir über diesen Punkt irgendwelche Auskunft zu erteilen. Jetzt besinnen Sie sich einen Moment, Herr Lart! Sind Sie ganz sicher, daß Sie sich keine Indiskretion haben zuschulden kommen lassen und daß Sie niemand gegenüber den Baron erwähnt haben?

Ich habe nur mit Herrn Le Noir über ihn gesprochen.

Ich schwieg einen Augenblick und überlegte, ob ich ihm von dem Gespräche Mitteilung machen sollte, das Le Noir belauscht und von dem er mir erzählt hatte. Herr Goliby beobachtete mich stillschweigend. Auf jeden Fall konnte es nichts schaden, und so fügte ich hinzu:

Herr Le Noir hat mir noch etwas von dem Baron erzählt, was ich vorhin vergaß, Ihnen mitzuteilen. Aber darauf kann sich der Unwille des Barons nicht beziehen. Außer mit dem französischen Detektiv, dem Inspektor Beale, Herrn Vignaud und Ihrem Freunde, Herrn von Montpelier, habe ich mich in Paris überhaupt mit niemand unterhalten. Den Nachmittag des ersten Tages habe ich in St. Cloud zugebracht. Während des größten Teils des zweiten Tages war ich in Versailles und kehrte erst zurück, als es meine Abmachung mit Herrn von Montpelier erforderte. Darum bestehe ich darauf, daß der Baron mich ganz ungerechterweise beschuldigt hat, und ich habe nicht die geringste Lust, mir das von ihm bieten zu lassen.

Herr Goliby lächelte ein wenig und sagte:

Nehmen Sie das nicht so tragisch, lieber Herr Lart! Beiläufig, Sie erwähnten vorhin eine Bemerkung des Herrn Le Noir über den Baron. Darf ich fragen, worum es sich handelte?

Er will zufällig gehört haben, daß einige Herren sich über ihn unterhielten.

Wirklich? Das ist aber ein merkwürdiger Zufall, bemerkte Herr Goliby und lächelte wiederum.

Allerdings, sagte ich harmlos.

Und was sagten diese Herren? fragte er, ohne sonderliches Interesse, wie mir schien.

Sie sprachen über seine Beziehungen zu einer Dame.

Herr Goliby bemerkte lächelnd:

Cherchez la femme! Es ist doch immer und überall dasselbe! Es war wohl von einer Französin die Rede?

Offenbar.

Namen wurden keine genannt?

Doch, wenn ich mich recht erinnere, sprachen sie von einer gewissen Lucette.

Was sagten sie denn von ihr?

Ihr Gespräch schien sich um die Frage zu drehen, ob diese Lucette dem Baron wohl einen Strick drehen würde.

Zu meiner Ueberraschung schien sich Herr Goliby sehr für diese Streitfrage zu interessieren.

So, so, sagte er, und zu welchem Schlusse kamen die Herren?

Sie schienen die Frage nicht entscheiden zu können.

Herr Goliby schaute nachdenklich auf den Boden. Dann sagte er:

Haben Sie im Hotel mit Herrn Le Noir darüber gesprochen?

Nein, auf der Straße.

Hat vielleicht jemand Ihre Unterredung belauscht?

Das ist ganz ausgeschlossen, Herr Goliby, wir sprachen beinahe im Flüstertöne.

Dann kann sich der Vorwurf des Barons auch nicht darauf beziehen. Somit war ich völlig im Rechte, als ich Sie dem Baron gegenüber in Schutz nahm. Aber er war ganz aufgebracht – seiner Sache bombensicher, wie er sich ausdrückte, wollte Ihnen gegenübergestellt werden und was derlei Unsinn mehr ist.

Warum auch nicht? Ich hätte mich nur gefreut, ihm auf seine Anschuldigungen die gebührende Antwort zu geben.

Das glaube ich Ihnen schon. Aber ich wollte nicht, daß die Ruhe meines Hauses durch eine derartige Szene gestört würde. Ich sagte ihm das sehr deutlich. Ferner erklärte ich ihm, daß ich unbeschränktes Zutrauen zu meinem Privatsekretär habe, und gab meiner Ansicht unumwundenen Ausdruck, daß er in dieser Angelegenheit das Opfer irgend einer Täuschung oder eines Mißverständnisses sei.

Ganz richtig, bemerkte ich. Aber was mir an der Sache so seltsam vorkommt, ist, daß er mir einen Vorwurf gerade aus dem macht, was nur mir und Ihnen bekannt ist, nämlich aus der Vermutung, die ich nur Ihnen gegenüber äußerte.

Er schien einen Moment verwirrt zu sein. Zuletzt sagte er:

Ja, das scheint wirklich sehr bemerkenswert. Indes, lassen wir damit den Zwischenfall ruhen! Ihre Erklärung genügt mir vollständig, um mich zu überzeugen, daß Sie ganz korrekt gehandelt haben. Ich werde den Baron schriftlich davon in Kenntnis setzen. Trotz des kleinen Mißgeschicks in Dieppe habe ich das größte Vertrauen zu Ihnen, Herr Lart. Seien Sie überzeugt davon. Und nun benötige ich Ihre Dienste für heute nicht mehr. Daher steht Ihnen der heutige Tag völlig zur Verfügung.

Mit diesen Worten erhob er sich und schüttelte mir freundschaftlich die Hand. Im nächsten Moment war er verschwunden.

Ich blieb noch eine Weile stehen und überlegte mir die Vorkommnisse. Aber ich konnte nicht ins Klare darüber kommen. Schließlich setzte ich meinen Hut auf und machte mich auf den Weg zu demjenigen, dem ich vor Begierde brannte, meine Erlebnisse zu erzählen, meinem Freunde Richard Hamilton.

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