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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Erstes Kapitel.

Von einer benachbarten Kirche kamen, langsam nacheinander durch die Nacht hinrollend, zwölf Schläge, als wir zwei – Richard Hamilton und ich – den »Savageklub« verließen und gemächlich dem Strand zuschlenderten Die Geschichte spielt in London..

Bei der Kreuzung mit der Adamsstraße blieben wir stehen, da uns hier unser Weg trennte. Richard besaß eine Junggesellenwohnung im Middletemple, woraus sein Beruf zu ersehen ist, ich dagegen hatte vor kurzem in Oxford mein Baccalaureat bestanden und hatte, da ich außer meinem akademischen Grade wenig besaß, in Westkensington ein bescheidenes Zimmer inne.

Und nun, Teddy, sagte er, wirst du wohl einsehen, daß ich persönlich nichts von dem Manne weiß. Der Rechtsanwalt Baldwin, der mir zu meinem ersten Prozess verholfen hat, führte ihn gestern zu mir. Er wollte ein Gutachten über die Rechtsgültigkeit gewisser Ansprüche, die er zu machen hat, einholen, wie das Thema vom Privatsekretär aufs Tapet kam, weiß ich nicht mehr. Irgendwie kamen wir eben im Verlaufe unserer Unterhaltung darauf zu sprechen, und sofort dachte ich an dich.

Das sieht dir wieder gleich, lieber Freund, bemerkte ich.

Laß doch das! wie gesagt, ich weiß persönlich nichts von dem Manne. Aber schon sein Aeußeres spricht zu seinen Gunsten. Er hat silberweißes Haar, ein glattrasiertes Gesicht, rote Wangen und eine wohlerhaltene weiße Hautfarbe. Ein oberflächlicher Blick allein schon gibt dir den Eindruck von feinem schwarzem Tuch, einer Goldbrille und Wohlwollen – du kennst ja den Typus!

Gewiß. Das klingt ja vielversprechend!

Allerdings. Baldwin sagt, es sei ein Amerikaner. Auch ich halte ihn dafür, nach seiner Aussprache zu urteilen, die gerade eine Spur des amerikanischen Akzentes an sich hat. Baldwin behauptet ferner, er sei reich, besitze drüben Silber- und Kupferminen und dergleichen. Auf jeden Fall rate ich dir, ihn aufzusuchen. Du kannst dir ja dann selbst ein Urteil über den Mann bilden und tun, was dich gut dünkt.

Ich zog den Empfehlungsbrief aus der Tasche, den Richard vorhin im Klub für mich geschrieben, und besah mir noch einmal die Adresse. Sie lautete:

Herrn Nahum Goliby
Villa Rabenhorst

Elsinore Road
St. John's Wood.

Einverstanden, Richard, sagte ich, ich will den alten Knaben morgen aufsuchen. Bin dir sehr verbunden. Ein Geschenk vom Himmel bedeutet das für mich – 250 Pfund Sterling sagtest du, nicht?

Soviel hat er mir gegenüber angedeutet. Versuch' auf jeden Fall, ob du nicht mehr aus ihm herausschlagen kannst.

Ich werde es schon tun, mein Junge. Ein neugebackener Baccalaureus läßt sich nicht über die Schulter ansehen; was meinst du, Richard? Gute Nacht also, ich werde mich beeilen müssen, um meinen Omnibus noch zu erreichen.

Gute Nacht und viel Glück! erwiderte er. – Damit trennten wir uns und verfolgten jeder seinen Weg.

Ich war so glücklich, den letzten Omnibus am Piccadillyzirkus noch rechtzeitig zu erreichen, während der langen Fahrt nach Westkensington blieb mir genügend Zeit, um über die Sachlage nachzudenken.

Meine Verhältnisse waren keine glänzenden. Meine Neigungen hatten mich zur juristischen Laufbahn geführt. Sie stimmten mit den Absichten meines Vaters überein. Aber das Schicksal machte mir einen Strich durch die Rechnung. Gegen das Ende meiner letzten Studienjahre verstarb mein Vater plötzlich, und erst da wurde die unheilvolle Entdeckung gemacht, daß er sich zu tief in Spekulationen eingelassen hatte, und der Rest eines beträchtlichen Vermögens kaum hinreichte, um die Kosten seiner Bestattung zu bezahlen. Der entzückende alte Besitz in Richmond kam unter den Hammer, mit der gesamten Ausstattung, und meine Mutter, die noch ein kleines Haus in Cheltenham zu eigen hatte, ließ sich mit meinem Schwesterchen Lucie dort nieder.

So verflossen all meine goldenen Hoffnungen von Auszeichnung in meinem Berufe, von einer hohen Stellung bei Gericht, von der Möglichkeit einer glänzenden Karriere im Parlament, alle diese Jünglingsträume zu nichts. Ich konnte nicht für einen Augenblick daran denken, von den geringen Einkünften meiner Mutter zehren zu wollen. Daher war ich mit einem Male vor das ernsteste der Probleme gestellt: meinen Unterhalt zu verdienen. Dieser Gedanke war mir bisher nie in konkreter Form begegnet. Bis jetzt war die Sache so einfach wie das Atmen gewesen. Ich wurde genährt und gekleidet und beherbergt, ohne daß ich diesem Umstand auch nur einen Augenblick meine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Nunmehr, mit leeren Taschen, begann ich einzusehen, daß Brot und Butter bezahlt werden müssen und daß man hierfür Geld brauche, daß Hausfrauen sich nicht mit meinem ehrlichen Aussehen begnügen konnten, daß Schneiderherzen steinhart seien, selbst einem Baccalaureus gegenüber, wenn er kein bares Geld in der Tasche hatte.

Es war eine grausame Erkenntnis der grundlegenden Begriffe des Wirtschaftslebens. Aber ich mußte den wirklichen Verhältnissen ins Auge blicken und ging vor allem meinen alten Freund Richard Hamilton, der nur wenige Jahre älter war als ich, um Rat an. Er war im Besitze eines Ueberflusses an den Gütern dieser Welt und daher in der Lage gewesen, seiner Neigung zu folgen. Jetzt war er bereits ein aussichtsreiches Mitglied der jüngeren Generation im Dienste der Gerechtigkeit.

Diese Unterredung war von Erfolg begleitet gewesen. Und während nun der Omnibus sich allmählich meinem Ziele näherte, wurde ich ganz aufgeheitert bei dem Gedanken, daß ein jährliches Einkommen von 250 Pfund in meinem Bereiche lag.

Pünktlich um die Mittagszeit des folgenden Tages fand ich mich in der Elsinorestraße ein. Auf beiden Seiten der Straße waren hohe Backsteinmauern sichtbar, über die das heitere Grün des Laubwerks herabhing; nirgends konnte ich ein Haus erblicken. Auch begegnete ich keiner Seele, mit Ausnahme eines Postbeamten, der einen schweren Sack auf dem Rücken trug und sich zum nächsten Briefkasten begab. Ich faßte jede Zufahrt ins Auge, an der ich auf der Suche nach meinem Bestimmungsort vorüberkam. Aber erst am Ende der Straße gelang es mir, ein Schildchen mit der Inschrift »Villa Rabenhorst« in goldenen Lettern zu entdecken. Es war an einem Tore von beträchtlicher Höhe und unverkennbarer Stärke angebracht. In dem großen Tore war, wie an allen anderen dieser Stadtgegend, ein kleines Pförtchen mit einem Guckloch und daneben ein Glockenzug, eine Kette mit einem Ring am Ende, angebracht.

Trotzdem es in den ersten Tagen des Juni war, spürte ich die Sonne schon ganz gehörig auf meinen Rücken brennen, so ungebührlich lange dauerte es, bis man auf mein Läuten reagierte. Endlich hörte ich auf dem Kies des Fußwegs drinnen Schritte, ich hatte das Gefühl, daß mich jemand durch das Guckloch beobachtete, und dann flog das Pförtchen auf.

Ich sah mich einem Manne gegenüber, der augenscheinlich weder ein Diener noch ein Hausmeister war, einem kleinen, etwas verrunzelten Manne, der ähnlich wie ein Geistlicher gekleidet war und mich mit seinen Luchsaugen betrachtete und mit einem einzigen scharfen und sachkundigen Blick einschätzte. Er überließ es mir, das Gespräch zu beginnen.

Ich habe einen Empfehlungsbrief an Herrn Goliby, sagte ich daher. Ist er zu sprechen? – Mit diesen Worten überreichte ich ihm meine Karte.

Er warf einen Blick darauf und entgegnete augenblicklich:

Bitte, wollen Sie näher treten!

Ich trat durch das Pförtchen, das sich geräuschlos und selbsttätig hinter mir schloß, und folgte dem Manne. Der Garten war mit hohen Bäumen und dichtem Gesträuche bestanden, so daß ich schließlich beinahe an das Haus anstieß, das bis dahin unsichtbar geblieben war. Es war ein etwas luxuriöser Bau mit doppelter Front und einer Säulenhalle. Das Portal war geöffnet. Ich stieg die Stufen hinan und folgte dem Manne in eine geräumige Halle, von da führte er mich in ein kleines Vorzimmer.

Wollen Sie so freundlich sein und Platz nehmen, sagte er. Ich werde Ihre Karte Herrn Goliby überbringen!

Ich brauchte dieses Mal nicht lange zu warten. Die Türe ging auf, und ein wohlwollender, alter Herr kam mit ausgestreckter Hand und einem Lächeln, das mich sehr angenehm berührte, auf mich zu.

Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Lart, begann er. Sie sind, wie ich annehme, der junge Herr, von dem mir Herr Hamilton gestern gesprochen hat.

Ich verbeugte mich und händigte ihm Richards Schreiben ein. Während er damit beschäftigt war, betrachtete ich ihn mit kritischem Blicke und fand Richards Beschreibung von ihm in jeder Kleinigkeit bestätigt. Ehrenhaftigkeit sprach aus jedem seiner Züge. Ich hatte das Gefühl, daß ich hier einem Menschen gegenüberstand, dem man seine Frau, seine innersten Geheimnisse, sein Geld, ohne es zu zählen, anvertrauen konnte. Nur etwas berührte mich eigentümlich. Ohne Zweifel war es seine ungewöhnlich zarte Gesichtsfarbe. Abgesehen von seinem weißen Haar und einigen Runzeln auf der Stirne und um den Mund, der volle Lippen aufwies, hatte er ein sehr jugendliches Aussehen. Seine Augen glänzten lebhaft und hell, als er den Brief durch seine in Gold gefaßte Brille las.

Ganz gut, sagte er nunmehr, Herr Hamilton spricht sehr warm von Ihren Fähigkeiten. Seine Empfehlung ist mehr als genügend. Ich brauche keine weitere Auskunft. wollen Sie die Güte haben, mir nach oben zu folgen, Herr Lart?

Ich folgte seiner Einladung. Er führte mich in ein im ersten Stock gelegenes Zimmer, dessen Fenster auf den Garten gingen. Eine offenstehende Türe ließ in ein kleines Schlafzimmer sehen. Ihr gegenüber stand ein großer, eiserner Kassenschrank. Karten und Entwürfe bedeckten die Wände. Ein wohlgefüllter Bücherschrank, ein amerikanisches Rollpult, Lehnstühle und ein dicker Bodenteppich, der die Schritte zur Lautlosigkeit dämpfte, vervollständigten die Einrichtung, die ebensogut in einem Büro in der City hätte stehen können.

Ich übersah alles mit einem einzigen Blicke.

Dies, Herr Lart, wird Ihr Zimmer sein, und da wir gerade bei diesem Punkte angelangt sind: darf ich Sie fragen, ob Sie etwas dagegen haben, hier im Hause zu wohnen?

Nein, keineswegs, Herr Goliby, entgegnete ich.

In diesem Falle, sagte er und deutete auf die offene Türe, wird das da Ihr Schlafzimmer sein. Es ist klein, Herr Lart – hierbei lächelte er wieder – aber sehr komfortabel, was das Essen anlangt, so glaube ich recht zu gehen, wenn ich annehme, daß Sie es am liebsten hier vorgesetzt haben möchten.

Bevor ich antworten konnte, fügte er hinzu: Jawohl, das wird das Beste sein, und zwar zu den Zeiten, die Ihren Neigungen und Wünschen am besten entsprechen. Und nun zu Ihrem Honorar. Ich habe Herrn Hamilton gegenüber eine gewisse Summe genannt, ohne Zweifel hat er sie Ihnen mitgeteilt. Halten Sie den Betrag für annehmbar?

Ich hatte in diesem Augenblicke nicht den Mut, mehr zu verlangen, und so erwiderte ich sofort:

O ja, vollständig, Herr Goliby.

Gut also. Und nun, Herr Lart, nehme ich an, daß Sie sich nicht beleidigt fühlen werden über das, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe. Herr Hamilton erzählte mir von gewissen unerwarteten Schicksalsschlägen, die Sie betroffen haben, und es ist leicht verständlich, daß Ihnen ein wenig bares Geld von Nutzen sein möchte. Nein, nein, setzte er hinzu, als ich durch eine Bewegung verriet, daß ich nicht mit ihm einverstanden war, ich habe mich selbst schon in ähnlicher Lage befunden, den meisten Menschen geht es so – und ich weiß, was das bedeutet. Es macht mir Vergnügen und ist mein Wunsch, Ihnen ein Quartal im voraus zu bezahlen.

Und bevor ich mir der Tatsache recht bewußt geworden war, hatte er sich schon an das Pult gesetzt, einen Scheck auf den Betrag ausgestellt und ihn mir in die Hand genötigt. Dann fuhr er fort, ohne auf meine herzlichen Dankesworte für seine ungewöhnliche Freundlichkeit zu hören:

Und jetzt, Herr Lart, wann wird es Ihnen angenehm sein, Ihren Posten anzutreten?

Sofort, erwiderte ich. Soweit wenigstens dieser Nachmittag in Betracht kommt. Alle Vorkehrungen zu meinem Umzuge kann ich leicht heute abend treffen. Daher bleiben mir noch fünf oder sechs Stunden für die Arbeit. Wenn Sie so liebenswürdig sein wollen, mir meine Arbeit anzuweisen, werde ich mich mit Vergnügen sofort daran machen.

Er zögerte einen Moment und sah sich im Zimmer um, als suche er etwas, bis seine Augen auf dem Bücherschrank haften blieben. Dann schaute er auf die Uhr.

Ich habe, sagte er, heute nachmittag ein Rendezvous in Brighton, daher ist es wirklich nicht nötig, daß Sie heute dableiben, wenn Sie indes, fügte er hinzu, indem er zum Bücherschrank trat und ein Buch herausnahm, eine oder zwei Stunden darin blättern wollen, ist es mir auch recht. Es ist ein ausführlicher Bericht über gewisse mineralreiche Ländereien in Norddakota. Ich möchte einen Auszug daraus haben – verstehen Sie, einen konzentrierten Extrakt. Es wird, wie ich fürchte, eine langweilige Arbeit absetzen und Sie einige Zeit kosten, werfen Sie, bitte, für heute einen Blick hinein, wenn Sie Lust haben. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich darf meinen Zug nicht verfehlen. Machen Sie es sich bequem, als ob Sie zu Hause wären, wenn Sie irgend etwas wünschen, so läuten Sie! Ich werde Sie morgen wieder aufsuchen.

Als sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte und ich mich allein fand, begann mir das Bewußtsein davon aufzudämmern, was geschehen war. Ich war ganz aufgeregt. Es schien mir unfaßlich, daß ich auf diese erstaunliche Weise ein Heim gefunden hatte und daß ich bereits einen Scheck von über sechzig Pfund in der Tasche haben sollte. Ich zog ihn heraus und sah ihn an. Nein, es war keine Täuschung. Da standen der Name der Bank, der »London und Westminster«, der Name – N. Goliby – und der Betrag klar verzeichnet. Ich brauchte nur meinen Namen darunter zu setzen und am nächsten Morgen eine Bank aufzusuchen und – hurrah! – ein gähnendes Loch in meinen Finanzen wäre augenblicklich ausgefüllt.

Das war das reinste Wunder.

Ich warf einen Blick in das Schlafzimmer und entdeckte, daß es ein kleines Wunder von Komfort und Gemütlichkeit vorstellte. Sicherlich war mein Stern im Aufgehen begriffen, und für eine Weile vergaß ich ganz den »Bericht über einige mineralreiche Ländereien in Norddakota«.

Schließlich dachte ich wieder daran. Ich setzte mich an das Pult, legte den schweren Band vor mich hin und suchte in seinen Inhalt einzudringen. Ich fand, daß es keine leichte Arbeit war, aber eine Stunde lang mühte ich mich ab, Herr darüber zu werden. Schließlich erregte etwas ganz Undefinierbares meine Aufmerksamkeit, etwas geheimnisvoll Lebendiges schien in der Luft zu sein, ich wußte nicht was. Da sah ich auf. Mir gegenüber hing ein Spiegel. Er schien meine Blicke anzuziehen. Als mein Auge darauf fiel, fuhr es mir wie ein Stich durch das Herz: in dem Spiegel erblickte ich ein Frauengesicht, ein geisterhaftes, aber unbeschreiblich schönes Frauenantlitz. Ich sah einen wirren Knoten kohlschwarzen Haares und ein paar funkelnder Augen, die die meinigen anzuglühen schienen. Mein Herz schlug laut. Ich sprang auf und sah mich um. Aber ich konnte nichts erblicken. Ich wandte mich wieder um und schaute von neuem in den Spiegel. Das Gesicht war verschwunden.

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