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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 19
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Achtzehntes Kapitel.

Mochte dem sein, wie ihm wollte, mir stand jetzt als erstes eine Aussprache mit dem bisher in keiner Weise gestrengen Herrn Goliby bevor. Durch die letzten Erlebnisse war ich gewitzigt worden und nun entschlossen, meinem Chef frank und frei vor die Augen zu treten. Ich wollte in meinen Erklärungen aufrichtig sein, ich hatte ja in Wirklichkeit keinen Anlaß, mich zu entschuldigen. Zurückhaltung, diese wertvolle Tugend, hatte ich bisher nicht gekannt. Aber meine neuesten Erfahrungen hatten mich eines Besseren belehrt. Und das war wirklich nötig gewesen. Ich wollte es dem Augenblick überlassen, Herrn Goliby soviel oder so wenig mitzuteilen, als mir gut dünkte.

Diese Ueberlegungen machten mich sicher und selbstbewußt. Ich beschenkte in wiedergewonnener guter Laune meinen Kutscher mit einem unerwartet reichlichen Trinkgeld, schloß das Gartenpförtchen auf und schlenderte erhobenen Hauptes dem Hause zu. Dort angelangt, begab ich mich in mein Zimmer und klingelte. Kaum hatte ich dies getan, als der runzelige Sawkins auf der Schwelle erschien. Ausnahmsweise spielte diesmal ein Lächeln um seine Lippen.

Sie sind wieder zurückgekehrt, wie ich sehe, Herr Lart, begann er.

Jawohl. Wollen Sie Herrn Goliby mitteilen, daß ich ihn gerne sprechen möchte, wenn möglich sofort.

Er ist noch nicht aufgestanden. Er ist nicht ganz auf dem Damm, offenbar durch diese Versicherungsleute aufgebracht, die schon imstande wären, einen Menschen zu Tod zu ärgern. Die sind auch mit gar nichts zufrieden zu stellen. Wozu nehmen sie Versicherungen an, wenn sie keine Lust haben, zu bezahlen?

Allerdings, Sie haben recht, erwiderte ich. Es tut mir leid zu hören, daß sie Schwierigkeiten machen.

Ja und wie! Es ist geradezu ekelig. Haben Sie sich in Paris gut amüsiert, Herr Lart?

Oh ja.

Die Damen sollen dort, wie ich hörte, sehr pikant sein, was?

Sawkins grinste wieder.

Nicht übel, erklärte ich, aber an unsere englischen Mädel können sie nicht hintippen. Nein, wirklich nicht!

Vielleicht etwas freier im Umgang, nicht?

Mag sein. Ich habe es nicht einmal beobachtet. Ich hatte zu viel zu tun. Sobald Herr Goliby erwacht, sagen Sie ihm, daß ich ihn gerne sehen würde, nicht wahr, Sawkins, ich kann mich daraus verlassen?

Gewiß, Herr Lart.

Ich bin etwas hungrig. Sie können Marie sagen, sie möchte mir sofort mein Frühstück bringen.

Wie Sie wünschen, erwiderte Sawkins und verschwand.

In aller Eile wusch ich mir die Müdigkeit aus den Augen, und als ich damit fertig war, erschien Marie mit ihrem Servierbrett und begrüßte mich mit einem frischen Guten Morgen. Ein appetitlicher Duft kam mir von dem Servierbrett entgegen, und zum ersten Male wieder seit vielen Stunden umfing mich eine behagliche Stimmung. Ich setzte mich unverweilt an den Frühstückstisch. Mein Appetit schien dem Mädchen zu gefallen, denn lachend sagte sie:

Haben Sie in Paris keinen Schinken mit Ei bekommen?

Keinen so guten wie diesen, erwiderte ich.

Aber es ist eine lustige Stadt, nicht?

Oh ja, es läßt sich dort schon leben.

Ich habe das einmal von meinem Vater gehört. Mutter wurde ordentlich wild darüber.

So wirklich? – Ist hier alles seinen alten Trab weiter gegangen, während meiner Abwesenheit?

Immer den gleichen Trott. Mir wird es etwas zu eintönig hier. Ich habe gekündigt.

Ei was? Das tut mir aber leid.

Tut es Ihnen leid? Sehr freundlich von Ihnen, Herr Lart. Wissen Sie, es ist hier so unheimlich still – keine Gesellschaften, keine Essen, gar nichts. Der Herr Goliby ist ja ein netter alter Herr und er behandelt mich auch freundlich, aber das genügt eben nicht.

Allerdings, bemerkte ich lachend, aber Sawkins ist ja auch noch da!

Ihre Lippen kräuselten sich verächtlich.

Der, sagte sie, den können wir alle nicht leiden, den heimtückischen Schleicher. Und dann ist auch etwas nicht richtig mit ihm. Bisweilen erschreckt er mich und die Köchin fast zu Tode, der!

So? Wieso denn? fragte ich und spitzte die Ohren.

Die Sache ist so, erwiderte sie und dämpfte ihre Stimme, wobei sie sich ängstlich im Zimmer umsah, im ganzen Hause ist es nicht recht geheuer. Erinnern Sie sich noch, wie Sie mich eines Morgens fragten, ob ich während der Nacht nicht Frauenstimmen gehört habe, und ich nein sagte?

Gewiß, antwortete ich gespannt, ich erinnere mich genau.

Gut, fuhr sie fort und näherte ihren Mund meinem Ohr. Ich habe sie neulich nachts selbst gehört, ja wirklich. Ich hatte abends Kaffee getrunken, das wird es wohl gewesen sein, was mich wach hielt, und um zwei Uhr morgens ging ein solches Lachen und Geschrei und Pfropfenknallen los und was weiß ich sonst noch! Aber nicht wahr, Herr Lart, Sie sagen niemand ein Wort davon?

Nein, mein liebes Kind. Und was dann?

Ja, und dann saß ich im Bett auf und fragte mich: Wo ist denn der Lärm hergekommen? und ich stehe auf und gehe leise an die Türe und – hm – wünschen Sie noch etwas Tee, Herr Lart?

Die Türe ging auf. Als ich aufblickte, sah ich, daß Herr Goliby auf der Schwelle stand. Er trat beiseite, um Marie passieren zu lassen, kam dann auf mich zu und schüttelte mir herzlich die Hand.

Glücklich zurückgekehrt, Herr Lart? fragte er. Nun, und wie haben Sie sich auf Ihrer kleinen Reise amüsiert?

Ich schüttelte etwas niedergeschlagen mein Haupt.

Unter günstigeren Umständen, erwiderte ich, wäre es zweifellos eine sehr angenehme Reise gewesen, aber –

Ich zögerte einen Moment, während er mich forschend ansah, hielt es aber für das Beste, ihm die Wahrheit ungeschminkt mitzuteilen und fuhr daher fort:

Aber unglücklicherweise, Herr Goliby, ist mir ein großes Mißgeschick widerfahren. Die Tasche, welche die Dokumente enthielt, die mir Herr von Montpelier übergeben hatte, ist mir, als ich heute morgen in Dieppe aus dem Eisenbahnzug ausstieg, aus der Hand gerissen worden.

Er zog die Augenbrauen ärgerlich zusammen.

Ich bin sicherlich ein umgänglicher Mensch, Herr Lart, aber das ist mir doch zu bunt. Vollends nach all den Vorsichtsmaßregeln, die ich getroffen hatte. Mein Wort, das geht doch zu weit!

Ich leugne es nicht ab, Herr Goliby, versetzte ich, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie zornig sind.

Ich bin nicht gerade zornig, bemerkte Herr Goliby, aber wie haben Sie auch etwas Derartiges zulassen können?

Zulassen? Ich bin nicht um Erlaubnis gefragt worden. Ich stieg eben vorsichtig aus dem Wagen und hatte den Griff der Tasche fest in der Hand, als sie mir mit solcher Gewalt entrissen wurde, daß ein Widerstand unmöglich war. Es hat mir die Hand fast abgerissen, weiter weiß ich überhaupt nichts davon.

Aber der Dieb! Haben Sie denn sein Gesicht nicht gesehen?

Ich habe nichts gesehen. Es war stichdunkel, wo ich ausstieg, der Regen fiel in Strömen. Alles geschah in einem einzigen Augenblicke.

Großer Gott! murmelte er. Welch eine Folge von Unglücksfällen!

Ja, wahrhaftig, Herr Goliby. Es tut mir sehr leid, daß meine Dienste Ihnen bisher von so geringem Werte gewesen sind. Ich habe Ihnen einen großen Schaden verursacht, allerdings wirklich ohne meine Schuld und ohne einen Moment unachtsam zu sein. Nach dieser Affäre wäre es vielleicht das Beste, wenn ich Ihnen das Geld zurückgeben würde, das Sie so freundlich waren mir vorzustrecken, und mich von meiner Stelle zurückzöge.

Wo denken Sie hin? versetzte er mit seinem wohlwollendsten Lächeln. Einem solchen Vorschlage würde ich nicht stattgeben. Sie haben mir treue Dienste geleistet. Der Fehler liegt in keiner Weise an Ihnen. Ich war nur einen Augenblick überrascht, denn dieses Vorkommnis bedeutet für mich Verschub, und Verzögerungen sind in der Geschäftswelt bisweilen verhängnisvoll. Ich glaube indes im vorliegenden Fall nicht an ein derartiges Ergebnis. Der Verlust ist nicht unersetzlich. Die Dokumente können noch einmal angefertigt werden. Ich werde heute noch Herrn von Montpelier darüber schreiben. Nein, so schlimm ist es nicht. Sie dürfen nicht daran denken, Herr Lart, mich zu verlassen. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Sie haben natürlich Herrn Vignaud gesehen?

Gewiß, wie ich Ihnen in meinem Briefe geschrieben habe.

In Ihrem Briefe? Ich habe keinen Brief von Ihnen erhalten.

Das ist sehr merkwürdig. Nach Empfang des Ihrigen habe ich sofort geantwortet und Ihnen über alles, wie Sie wünschten, genau Bericht erstattet.

Der Brief ist nicht angekommen. Höchst merkwürdig, wie Sie sagen. Das muß untersucht werden. Erzählen Sie mir indes, was vorgefallen ist. Welche Erklärungen hat er Ihnen gegeben?

Gar keine, außer denjenigen, die er bereits in seinem Telegramm angedeutet hat. Er schien, um das Kind beim wahren Namen zu nennen, sich nicht viel daraus zu machen. Der Brief hat ihn, wie mir vorkam, nur gelangweilt.

Nein, wirklich, ist das möglich?

Er lachte über Ihre Drohung, ihn für den Verlust verantwortlich machen zu wollen.

Nicht möglich!

Aber er wurde doch kleinlaut, als Herr Le Noir in seinem Büro erschien. Ich war nämlich gerade anwesend.

Herr Le Noir? Wer ist denn das?

Der berühmte französische Detektiv. Er war es, der mir neulich in die City gefolgt ist. Er verwechselte mich, wie es scheint, mit einem gewissen Javotte, dem ich auffallend gleichen soll.

Ja? Aber wie kamen Sie dazu, diesen Le Noir kennen zu lernen?

Er hat sich mir auf dem Dampfer selbst vorgestellt. Nach einer Entschuldigung wegen seines Irrtums bat er mich, ihm den Einbruchsdiebstahl mit allen Einzelheiten zu schildern.

Das haben Sie getan?

Gewiß. Ich nehme an, daß ich damit in Uebereinstimmung mit Ihren Wünschen handelte?

Gewiß, gewiß, versteht sich! Sie haben recht getan. Hat er über den Gegenstand selbst eine Meinung geäußert?

Nicht eigentlich – er sagte nur, es sei ein sehr dunkler Fall, und er befürchte, Sie möchten mit den Versicherungen Schwierigkeiten haben.

Herr Goliby hob verzweifelt die Hände.

Schwierigkeiten! Reden Sie mir nicht davon, Herr Lart! Der Himmel weiß, wann meine Ansprüche befriedigt werden. Die Affäre ist wirklich ein Unglück für mich, eine höchst beklagenswerte Geschichte! Nun und es scheint, daß Sie diesem Herrn Le Noir nachher in Paris wieder begegneten?

Ja. Bei Herrn Vignaud. Er war in Begleitung des Inspektors Beale von Scotland Yard. Wir vier begaben uns zusammen nach dem Rathause, um dort Nachforschungen anzustellen. Und was denken Sie nun, das sich dort ereignete?

Statt zu antworten, zuckte er mit den Achseln.

Etwas ganz Merkwürdiges, fuhr ich fort. Der Beamte, der die gestohlenen Papiere ausbezahlte, deutete auf die Frage, wer sie präsentierte, ohne einen Moment zu zögern, auf mich. Das hätte unter Umständen sehr unangenehm für mich sein können. Aber Herr Le Noir lächelte nur und erklärte, das sei unmöglich. Der Mann indes blieb auf seiner Aussage bestehen. Da dachte ich nun an jenen Javotte, der mir so auffallend gleichen soll. Kann er das Verbrechen begangen haben? Nein. Als ich nämlich Herrn Le Noir meinen Verdacht mitteilte, sagte er sofort, Javotte könne es nicht gewesen sein, weil dieser am gleichen Abend in London war und im Savoyhotel mit einem englischen Baron dinierte – wie hieß er denn noch –

Ich tat, als ob ich einen Augenblick nachdächte, und sagte sodann:

Ach ja, ich erinnere mich jetzt – Romer – Baron Romer hieß er – und weil er erst am folgenden Tag aus London nach Paris abgereist sei.

Das klingt ja sehr merkwürdig, bemerkte Herr Goliby nach einer kleinen Pause des Nachdenkens.

Ueberraschend merkwürdig, Herr Goliby. Herr Le Noir schien nicht mehr aus noch ein zu wissen.

Glauben Sie, daß er diesen Javotte irgendwie im Verdacht hat?

Ich bin überzeugt davon.

Und das ist alles, was die Polizei in der Sache herausgebracht hat? fragte Herr Goliby.

Alles.

Das ist ja so gut wie gar nichts.

Ich nickte.

Mittlerweile bin ich um 20 000 Pfund ärmer, bemerkte Herr Goliby mit einem leichten Seufzer. Das ist keine sehr angenehme Betrachtung, mein lieber Herr Lart.

Nein, wirklich nicht. Uebrigens, weil wir gerade davon reden, ist Ihnen vielleicht dieser Baron Romer bekannt?

Ich habe den Namen schon gehört, aber ich bin ihm nie begegnet. Soviel ich weiß, ist es ein ganz junger Mensch. Warum interessiert Sie das?

Ich zögerte einen Moment, dann sagte ich:

Ich kann keine bestimmten Gründe dafür angeben, aber ich habe das Gefühl, daß dieser Baron in irgend einer Weise mit dem Einbruchsdiebstahl zusammenhängt.

Mit dem Diebstahl der Wertpapiere? Wieso denn? Das kann ich mir gar nicht denken. Nein, Herr Lart, das kommt mir ganz sinnlos vor. Warten Sie nur, die Geschichte wird sich eines Tages ganz von selber aufklären!

In diesem Augenblick klopfte es an der Türe. Sawkins trat ein und überreichte Herrn Goliby eine Karte.

Ein Herr ist drunten, Herr Goliby, der Sie zu sprechen wünscht.

Herr Goliby rückte seine Brille zurecht und warf einen Blick auf die Karte.

Großer Gott, sagte er sodann überrascht, das ist ja gerade der Mann, von dem wir reden – Baron Romer. Was in aller Welt führt ihn hierher?

Herr Goliby zögerte einen Moment, dann sagte er: Nun, ich denke, ich muß ihn empfangen.

Damit verließ er das Zimmer.

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