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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 18
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Siebzehntes Kapitel.

Eine Verfolgung war in der Dunkelheit ausgeschlossen. Der Regen fiel in Strömen, und als ich ganz betäubt dastand und versuchte, meine Gedanken zu sammeln, wurde ich von den Reisenden hin- und hergeschoben, die, vor dem Unwetter Schutz suchend, sich beeilten, auf den Dampfer zu kommen.

Sofort dachte ich daran, nach Paris zu telegraphieren oder beim Stationsvorstand Meldung zu erstatten. Ich überlegte rasch, ob mir die Zeit dazu reichte. Alsbald sah ich ein, daß ich vielleicht den Dampfer verfehlen würde, wenn ich das tun wollte. Ich sagte mir, daß jetzt meine Ankunft in London wichtiger war, als eine Meldung bei Behörden, die meinen Bericht möglicherweise ohne großes Interesse aufnehmen würden und sicherlich nicht in der Lage wären, in dieser Sache viel zu unternehmen. Nein, das Beste war noch, Herrn Goliby möglichst bald zu treffen und ihm die weiteren Schritte zu überlassen, die in der mißlichen Angelegenheit zu tun waren.

Auf dem Quai herrschte ein wirres Durcheinander. Das Zischen ausströmenden Dampfes, das Gepolter des Gepäcks, das verladen wurde, trafen mein Ohr, dann schrie mir jemand auf dem Landungssteg ein rauhes »Obacht«! zu, und zuletzt fand ich mich auf dem schlüpfrigen Verdeck und stolperte wie ein Betrunkener in die Kajüte hinab.

Das Elend dieser stürmischen Ueberfahrt werde ich nie vergessen. Was sollte ich beginnen? Wie konnte ich Herrn Goliby mit leeren Händen unter die Augen treten? Die Aufgabe, die mir zugefallen war, hätte nicht einfacher sein können. Meine Erklärung würde in ihrer Einfachheit geradezu kindisch klingen, was würde er mir darauf erwidern? Ich mochte gar nicht daran denken. Von den folgenden Stunden weiß ich nur noch, daß mich wilde Träume plagten, in denen der Baron Romer, mein Doppelgänger Javotte, der kleine Herr Vignaud, Herr von Montpelier und die Großfürstin Alexina eine große Rolle spielten, welch letztere sich in Lucette, das geheimnisvolle Weib, das mir und Richard erschienen war und das ich im Savoyhotel gesehen hatte, verwandelte.

Als endlich der Tag anbrach, schleppte ich mich müde und niedergeschlagen aufs Verdeck. Aber die weißen Klippen der englischen Küste übten nur die eine Wirkung auf mich aus, daß sie meine Ratlosigkeit noch vergrößerten, denn je mehr ich mich St. Johns Wood näherte, desto größer wurde meine Scheu vor der bevorstehenden Zusammenkunft mit meinem Chef. Bald fuhr der Dampfer in den Hafen von Newhaven ein und legte an. Die Passagiere drängten sich in ihrer Ungeduld an Land zu gehen, in wildem Durcheinander an der Landungsbrücke. Ich hielt mich im Hintergrunde und war der Letzte, der den Steg betrat. Sobald ich den Quai mit einem Fuße berührt, fühlte ich, daß sich eine Hand leicht auf meine Schulter legte.

Ich zuckte zusammen, als ob ich ein schlechtes Gewissen hätte, wandte mich um und begegnete dem scharfen Blick eines Fremden.

Wo ist Ihr Gepäck? fragte er.

Ich habe es bis zur Victoriastation aufgegeben, erwiderte ich, sehr erstaunt über die Frage. Dann fügte ich hinzu: Ich nehme an, daß es hier von der Zollbehörde untersucht werden wird. – Damit zog ich den Gepäckschein aus dem Portemonnaie.

Geben Sie mir das, sagte der Mensch und riß mir den Schein förmlich aus der Hand. Und nun, kommen Sie mit!

Bei jeder anderen Gelegenheit hätte ich ihn für sein unverschämtes Benehmen gebührend zurechtgewiesen, aber in diesem Augenblick hatte ich kein Fünkchen Selbstbewußtsein mehr im Leibe, und so folgte ich ihm kleinlaut auf das Zollamt. Zudem sagte ich mir, daß der Mann nur ein Detektiv sein könne, da sonst kein Mensch wagen würde, sich so anmaßend zu benehmen. Diese Ueberlegung aber benahm mir das letzte Restchen von Mut. Heiliger Gott, schon wieder harrte meiner eine neue Prüfung! Das schien für den Moment tödlich sicher.

Der Mann wartete, bis alles Gepäck in das Lokal eingebracht und auf den langen Holzschragen aufgereiht worden war.

Wo ist nun das Ihrige? fragte er.

Ich deutete auf meinen Handkoffer und holte den Schlüssel aus der Tasche.

Machen Sie es auf! gebot er.

Ich schloß es auf, worauf er einem der Zollbeamten ein Zeichen machte.

Packen Sie das aus, aber gründlich! sagte er. Ich bemerkte, daß die beiden mit den Augen ein Zeichen des Einverständnisses wechselten.

Einen Moment später waren meine wenigen Sachen auf dem Tische ausgebreitet.

Der Mann schien erstaunt, ja verblüfft zu sein.

Ist das Ihr ganzes Gepäck? fragte er.

Ich hatte mir schon überlegt, was ich auf eine solche Frage antworten müßte. Ein gebieterischer Instinkt hatte mir eingegeben, daß er vielleicht gerade die Tasche suchte, deren Verlust ich so tief beklagte. Daher erwiderte ich prompt:

Gewiß, das ist alles.

Hm, machte er und kratzte sich ratlos hinter dem Ohr. Nun, packen Sie das Zeug wieder ein und folgen Sie mir!

Rasch packte ich ein, dann führte er mich zum Zimmer des Stationsvorstands.

Treten Sie nur ein! bemerkte er, immer noch in befehlendem Tone.

Ich trat ein. Wir befanden uns in dem Raume allein.

Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, daß ich Ihnen die Taschen durchsuche? fragte er nunmehr.

Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf stieg.

Nein, antwortete ich dann, trotzdem mir Ihre Frage etwas ungewöhnlich vorkommt. Darf ich fragen, ob Sie ein Detektiv sind?

Gewiß bin ich das. Ich dachte, Sie hätten das bereits erfaßt.

Allerdings habe ich das, aber ich wollte meinen Verdacht nur bestätigt haben. Ganz recht – suchen Sie nur!

Er tat es mit großer Sorgfalt.

Schließlich sah er wieder zu mir auf.

Das genügt, sagte er.

Das sollte auch genügen, bemerkte ich, nunmehr aufgebracht. Was bedeutet denn eigentlich diese Komödie? Für wen zum Teufel halten Sie mich denn?

Für wen ich Sie halte, ist nicht von Belang, erklärte er leichthin. Ich habe nur meine Instruktionen befolgt, die nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt sind.

Da ich keine Lust hatte, mich damit zufrieden zu geben, sagte ich:

Haben Sie vielleicht schon vom Inspektor Beale von Scotland Yard gehört?

Selbstverständlich, erwiderte er.

Und von dem Pariser Detektiv Le Noir?

Er grinste.

Fragen Sie nur weiter! versetzte er.

Gut. wenn Sie wieder einmal einem dieser Herren begegnen, so seien Sie so freundlich und sagen Sie ihnen, daß Sie sich unsterblich blamiert haben, indem Sie den Herrn Lart aus St. Johns Wood durchsucht haben.

Diese Bemerkung brachte ihn indes keinen Augenblick aus seiner gleichmütigen Ruhe.

Das werde ich nicht tun, sagte er. Ich sehe ein, daß ich in der Ausführung meiner Instruktionen einen Fehler gemacht habe. Und nun, wenn Sie Ihren Zug nicht verfehlen wollen, beeilen Sie sich! In zwei Sekunden wird er unterwegs sein.

Er hatte recht. Als ich durch das Fenster auf den Bahnsteig hinausblickte, sah ich den Zugführer mit der grünen Flagge in der Hand am Ende des Perrons stehen, bereit, das Zeichen zur Abfahrt zu geben. Ich schoß wie ein Pfeil aus dem Büro und hatte gerade noch Zeit, auf einen Wagen zu springen, bevor der Zug sich in Bewegung setzte. Auf diese Weise begann der letzte Abschnitt meiner ereignisreichen Reise.

Wenn ich die verschiedenen Gedanken in wenige Worte zusammenfasse, die mich während meiner Fahrt durch das grüne Sussex an diesem schönen Sommermorgen bestürmten, so wäre Folgendes zu sagen:

Meine Verbindung mit Herrn Goliby war im Begriff, für mich einen zweifelhaften Wert anzunehmen. Je früher ich diese Verbindung lösen könnte, desto besser für mich. Ich wurde mit einem Male in einen wahren Strudel von Geheimnissen hineingezogen, die deutlich ein gefährliches Gepräge trugen. Das Neueste und Unangenehmste war die Durchsuchung durch einen Diener des Gesetzes gewesen. Die Erklärung dieser demütigenden Handlung machte mir keine Schwierigkeit: ich wurde mehr und mehr in ein unheimliches und unsauberes Abenteuer verwickelt, das möglicherweise meine ganze Zukunft in Mitleidenschaft ziehen könnte. Wie aber konnte ich mich aus der Affäre ziehen? Allerdings sollte ich binnen Kurzem meinen Chef sprechen, der sicherlich über meine Unfähigkeit, einen so einfachen Auftrag auszuführen, gerechterweise erbost sein würde. Ich konnte ihm ja den Vorschlag machen, er möchte mich entlassen, wenn er aber darauf bestünde, daß ich mich an meinen Vertrag halte, was dann? Aus irgend einem nicht näher bestimmbaren Grunde war ich der Ansicht, daß ich für Herrn Goliby von Wert sei. Nun konnten ihm meine Dienste trotz meines Mißgeschicks auch fernerhin wertvoll sein. Dann wäre es nur denkbar, daß ich durch Flucht das Band zerreißen könnte, das zwischen uns bestand. Die Sachlage war schwierig und peinlich zugleich.

Als der Zug in Redhill einfuhr, bemerkte ich mit einem Male, daß die Londoner Morgenblätter schon angelangt waren. Ich kaufte mir den »Daily Telegraph« und vertiefte mich in die Zeitung, um meine schlimmen Gedanken zu vergessen. Auf den ersten Blick fiel mir die fettgedruckte Ueberschrift auf:

Kolossaler Juwelendiebstahl in Paris.
Die Diamanten der Großfürstin Alexina gestohlen.
Verlust auf 100 000 Pfund geschätzt.

Die Zeitung entfiel meiner Hand. Kalter Schweiß brach mir aus der Stirne. Hatte mir nicht Le Noir noch aufgetragen, ihn zu benachrichtigen, sobald ich von der Großfürstin Alexina hören würde? Das war ja noch kein Grund, mich über den Diebstahl mehr als jeder andere Leser zu entsetzen. Aber es fiel mir jetzt gleichzeitig das außerordentlich aufgeregte Benehmen des Herrn von Montpelier ein, als er mich im Gespräch mit dem Detektiv gesehen hatte. Ich hatte ihm schon von Anfang an mißtraut, jetzt war mein Verdacht zur Gewißheit geworden. Ich erinnerte mich der ungewöhnlichen Weise, in der er mich aus dem Hotel hinausgedrängt, die schwarze Tasche in meine Hand genötigt und mich ermahnt hatte, sie nicht einen Moment aus den Augen zu verlieren. Ich erinnerte mich auch des Gewichtes und Umfangs der Tasche. War es möglich, daß ich in aller Harmlosigkeit ein Mitschuldiger an diesem ungeheuerlichen Diebstahl geworden war? Und daß ich, bis nach meiner Ankunft in Dieppe, 100 000 Pfund gestohlenes Eigentum im Besitze gehabt hatte?

Von diesem Gesichtspunkt aus war das Benehmen des Detektivs in Newhaven ganz erklärlich. In Paris war das Verbrechen gleich ruchbar geworden. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, irgend ein Anhaltspunkt führte die Polizei zum Grand Hotel. Dort war sie benachrichtigt worden, daß ich das Hotel Hals über Kopf verlassen hatte, und zwar unter verdächtigen Begleitumständen. Dann war wohl sofort Scotland Yard in Kenntnis gesetzt und ersucht worden, alle von Frankreich anlaufenden Dampfbote zu überwachen und jeden Passagier, der meiner Beschreibung entsprach, zu durchsuchen.

Aber, wenn diese Theorien der Wirklichkeit entsprachen, warum war ich nicht noch auf französischem Boden festgenommen worden? Ich hatte ihn ja erst um ein Uhr morgens verlassen. Da ging mir ein Licht auf. Kam da nicht wieder mein Doppelgänger ins Spiel? War am Ende Javotte ebenfalls mitgefahren und war er – mit leeren Händen unterwegs, sagen wir in Rouen, verhaftet worden? War diese Verwechslung nicht gar von den Verschwörern vorhergesehen und beabsichtigt? Dann hatte ein Mitschuldiger in Dieppe dem ahnungslosen Träger die gestohlenen Juwelen wieder abgenommen. Das war für mich ein Glück gewesen, denn sonst wäre ich in Newhaven verhaftet worden.

Ich schauderte bei diesem Gedanken.

Aber, wenn alles das stimmte, und Herr von Montpelier in Wahrheit ein Spitzbube war, was hatte Herr Goliby mit ihm zu tun? War er selber ein Opfer einer Verbrecherbande? Welchen Zusammenhang konnte er mit einem solchen Diebstahl oder überhaupt mit einem Verbrechen haben? Und doch hatten meine Instruktionen mit aller Bestimmtheit dahin gelautet, daß ich die Tasche ihm und keinem anderen übergeben sollte. Oder enthielt die Tasche gar nicht die gestohlenen Diamanten? Und sie war mir dann vielleicht aus irgend einem Mißverständnis geraubt worden?

Es war schwer zu entscheiden, welcher Ansicht ich den Vorzug geben sollte, ohne Bestimmteres zu wissen. Während ich über diese Fragen nachgrübelte, lag der »Daily Telegraph« immer noch zu meinen Füßen. Vielleicht, fiel mir jetzt ein, konnte er mich aufklären. Daher nahm ich ihn wieder zur Hand und fand darin folgende Einzelheiten über das Verbrechen:

»Das Hotel Continental war heute abend der Schauplatz eines der sensationellsten und kecksten Diebstähle der letzten Jahre. Die Großfürstin Alexina, die heute morgen von St. Petersburg angekommen ist, hatte im ersten Stock des Hotels eine Reihe von Zimmern inne. Es war bekannt geworden, daß sie für den bevorstehenden Ball im Elisée ihre Diamanten und andere Juwelen von großer Seltenheit und bedeutendem Werte bei sich hatte. Durch irgend eine Nachlässigkeit wurden sie nicht in der Stahlkammer des Hotels zur Aufbewahrung abgegeben. Als die Großfürstin mit ihrer Begleitung beim Diner saß, wurden die Juwelen, während der momentanen Abwesenheit ihrer Dienerschaft, mit hervorragender Schnelligkeit und Gewandtheit aus ihrem Schlafzimmer entwendet.«

Es folgte eine Beschreibung einiger der gestohlenen Juwelen, und der Artikel schloß mit den Worten:

»Es wird versichert, daß die Polizei einen wichtigen Anhaltspunkt besitzt. Während ich dieses schreibe, erfahre ich, daß im Zusammenhang mit der Affäre heute abend in Rouen bei der Ankunft des Schnellzugs nach Dieppe und London eine Verhaftung vorgenommen wurde.«

Diese Nachricht benahm mir den letzten Zweifel an meiner Theorie: Ich hatte die Juwelen von Paris nach Dieppe geschafft! Für den Rest der Reise blieb mir genügend Stoff für meine Gedanken, das brauche ich wohl nicht erst zu versichern.

Als wir in die Victoriastation einfuhren, zeigte die Bahnhofuhr die achte Stunde. Ich holte meinen Handkoffer ab und wollte eben in eine Droschke einsteigen. In diesem Moment sah ich den Mann mit dem roten Backenbart gemächlich den Bahnsteig herunterkommen, der in Vernon und in Rouen in mein Abteil hereingeblickt hatte. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich zufällig bemerkte, daß er eine schwarze Tasche in der Hand trug, die auf ein Haar derjenigen glich, welche mir in Dieppe abhanden gekommen war?

Mit einem Satze stürzte ich dem Manne nach, aber einen Augenblick später war er in der Menge verschwunden.

Als ich in der Droschke saß, sagte ich mir, daß ich ihn doch nicht wegen des Aussehens seiner Handtasche hätte überfallen können und dankte meinem Schicksal, daß er entkommen war. Ich wußte ja, was die Tasche enthielt!

Jetzt kann mich aber nichts mehr in Erstaunen setzen, dachte ich.

Trotzdem war ich hoch erstaunt, als eine halbe Stunde später, in der Nähe der Villa Rabenhorst, eine Droschke an mir vorbeifuhr und ich in ihrem Insassen wieder den Rotbärtigen erkannte. Der Wagen bog in den Wildwoodweg ein.

Hol mich der Henker, sagte ich mir, wenn der Kerl nicht die gestohlenen Juwelen bei sich hat und damit in die Villa des Baron Romer fährt.

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