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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 17
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Sechzehntes Kapitel.

Am folgenden Vormittag saß ich um elf Uhr im Lesezimmer und überflog die »Times«, als ich bemerkte, daß ein Kellner sich mir näherte. Ihm folgte ein elegant gekleideter Herr, dessen Aeußeres meinem in der vorhergehenden Nacht erwachten Mißtrauen allerdings keine Nahrung gab. Trotzdem beschloß ich, auf meiner Hut zu sein.

Einen Moment später stand er vor mir und verbeugte sich.

Habe ich das Vergnügen, mit Herrn Lart zu sprechen? fragte er.

Gewiß, erwiderte ich, und Sie sind ohne Zweifel Herr von Montpelier?

Ich bat ihn Platz zu nehmen und zog Herrn Golibys Brief aus der Tasche.

Ich bedauere, fuhr ich fort, daß ich abwesend war, als Sie gestern abend vorsprachen. Hoffentlich habe ich Ihnen dadurch keine Unannehmlichkeiten bereitet?

Oh nein, antwortete er, nicht im geringsten. Mein Weg führte mich zufällig vorüber, und so dachte ich, ich könnte Sie möglicherweise im Hotel treffen. – Nach einer kleinen Pause setzte er lächelnd hinzu: Ich erwartete es übrigens nicht. Sie sind zum ersten Male in Paris, nicht?

Allerdings, erwiderte ich, und gestern nachmittag habe ich einen reizenden Ausflug die Seine hinunter gemacht, bis nach St. Cloud – ein entzückender Fleck – und kehrte erst spät nach Hause zurück, wo mich Ihre Karte und Nachricht, sowie dieser Brief von Herrn Goliby erwarteten.

Er verbeugte sich. Ich fuhr nach einem Blick auf den Brief fort:

Sie wissen vermutlich, daß ich sein Privatsekretär bin?

Gewiß.

Gut. In diesem Briefe teilt er mir mit, daß Sie mir gewisse Instruktionen erteilen werden, denen ich Folge leisten soll.

Er nickte.

In diesem Falle, Herr von Montpelier, setzte ich hinzu, stehe ich Ihnen zu Diensten. Welcher Art sind, wenn ich fragen darf, diese Instruktionen?

Sehr einfacher Art, erklärte er. Ich habe für Herrn Goliby ein Geschäft zu erledigen. Falls ich es nun heute schon zu Ende führen kann, so wäre es notwendig, daß Sie noch heute abend abreisen, um einige Dokumente von der allerhöchsten Wichtigkeit nach London zu bringen. Der Nachmittag gehört Ihnen, Sie können ihn verwenden, wie Sie Lust haben. Von sieben Uhr ab möchte ich Sie ersuchen, hier im Hotel zu bleiben, um jeden Augenblick zur Abreise nach London bereit zu sein.

Sehr wohl, Herr von Montpelier, Punkt sieben Uhr werde ich mich hier einfinden und Sie erwarten.

Gut, sagte er und erhob sich. Ich werde Sie nicht allzulange warten lassen. Ihr Zug fährt am St. Lazarebahnhof um neun Uhr ab.

St. Lazare! wiederholte ich überrascht.

Jawohl, bestätigte er. Sie werden über Dieppe zurückkehren. Der Bahnhof ist nur eine kurze Strecke von hier entfernt, und Sie werden die Reise angenehmer finden. Und nun, auf Wiedersehen, Herr Lart!

Er schüttelte mir die Hand und entfernte sich.

Ich begab mich in den Vorhof, ließ mich in einem Rohrsessel nieder und setzte meine Pfeife in Brand.

Solange ich mich mit dem Herrn von Montpelier unterhalten hatte, war mir nicht der leiseste Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit gekommen, und kaum hatte er mich verlassen, so überfiel mich wieder ein unbehagliches Gefühl, daß irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung sein müsse. Zweifellos war der Umstand daran schuld, daß er in der Montesquieustraße wohnte.

Ich versuchte nun, mir wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, was der Inspektor Walker mir von dieser Straße verraten hatte. Er hatte mich gefragt, ob ich sie nicht kenne, und dann? Ob ich behaupten wolle, daß ich nicht Javotte heiße. Somit stand Javotte mit dieser Straße in irgend einem Zusammenhang. Von einem Herrn von Montpelier aber war nicht die Rede gewesen.

Dieser Herr, fuhr ich nun in meinen Betrachtungen fort, stand mit Herrn Goliby in engen Beziehungen. Das ging aus des letzteren Brief, ohne daß ein Zweifel daran möglich war, mit aller Sicherheit hervor. Und doch verband die Montesquieustraße, wenn nicht ein zufälliges Zusammentreffen vorlag, ihn mit meinem Doppelgänger, sowie dem rätselhaften Baron Romer und der noch rätselhafteren Lucette. Was ließ sich daraus schließen, immer vorausgesetzt, daß nicht ein Zufall obwaltete? War mein guter, alter Chef etwa das Opfer einer weitgehenden räuberischen Verschwörung? Und war ich von der Vorsehung dazu erkoren, die Pläne der Verbrecher zu durchkreuzen? Dieser Gedanke erfüllte mich mit frohem Mute. Im Augenblick war meine bange Stimmung verschwunden. Bis jetzt hatten die Verschwörer mich noch nicht im Verdachte, daß ich ihre Machenschaften beargwöhnte. In ihren Augen war ich ein grüner Junge, mit dem sie anfangen konnten, was sie wollten, ein blinder und willkommener Helfershelfer ihrer schlimmen Absichten. Sollte ich nicht die Gelegenheit am Schopfe fassen, ohne zu zögern Le Noir aufsuchen und ihm meine Verdachtsgründe mitteilen?

Das war sicherlich das Beste, was ich tun konnte. Diese Erkenntnis ließ mich aufspringen und mich auf den Weg zur Polizeipräfektur machen. Als ich ihn indes zur Hälfte zurückgelegt hatte, überkam mich eine Ernüchterung.

Mein Verdacht stützte sich im Grunde auf eine sehr anfechtbare Tatsache. Ich erinnerte mich wieder an die Andeutungen Le Noirs über meine Unerfahrenheit. Würde er meine Mitteilung nicht mit einem Hohngelächter oder, was noch schlimmer war, mit einem bedauernden Lächeln aufnehmen? Würde er mich nicht, wie damals Richard, für einen Geisterseher erklären und mich höflichst auffordern, die Obhut über die Verbrecher ruhig ihm zu überlassen. Und dann kam mir noch ein Gedanke, der mich bestimmte, meinen Weg nicht weiter zu verfolgen. Ich war im Grunde gar nicht ermächtigt worden, irgend eine Initiative in dieser Sache zu ergreifen. Am letzten Ende war ich weiter nichts, als ein bezahlter Angestellter des Herrn Goliby, und es kam mir nicht zu, über seine mündlichen und schriftlichen Anweisungen hinauszugehen. Meine Verpflichtungen waren in der gewissenhaften Ausführung dieser Instruktionen gegeben. Nach meiner Ankunft in London konnte ich ihn ja, ohne Anstand, in meine Befürchtungen einweihen. Am nächsten Morgen würde ich ja schon wieder in St. Johns Wood eintreffen.

Ich mußte über mein übereiltes Vorgehen lachen, das mich beinahe dazu gebracht hätte, möglicherweise eine Indiskretion zu begehen, sicherlich, mich lächerlich zu machen. Daher schlug ich mir die Sache aus dem Kopfe und wandte mich einer gefälligeren Ueberlegung zu, wie ich nämlich den Nachmittag angenehm verbringen könnte.

In diesem Augenblicke fuhr ein Tramwagen vorüber, der nach Versailles bestimmt war. Ich sprang auf und kletterte auf das Verdeck empor. Und es währte gar nicht lange, bis ich mich fragte, warum ich mich denn um anderer Leute Angelegenheiten kümmern sollte, wenn die ganze Welt so einladend aussah, und ich nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihrer Freuden teilhaftig zu werden.

Der Nachmittag verstrich nur allzuschnell. Ich speiste zeitig in Versailles und kehrte mit der Bahn nach dem St. Lazarebahnhof zurück. Punkt sieben Uhr nahm ich im Lesezimmer meines Hotels Platz, um Herrn von Montpelier zu erwarten. Eine halbe Stunde verging, dann die nächste. Ich wurde verdrießlich. Als endlich die Uhr Viertel schlug, trat von der Terrasse der Detektiv Le Noir ein. Er ließ seinen Blick durch das ganze Zimmer gehen. Unsere Blicke begegneten sich. Sofort kam er auf mich zu.

So! Sie sind hier? sagte er und setzte sich neben mich. Ich war nicht sicher, Sie zu Hause zu finden.

Wären Sie eine Stunde später gekommen, so hätten Sie mich nicht mehr angetroffen. Ich habe Nachrichten von Herrn Goliby und kehre noch heute abend nach London zurück.

Ei was? versetzte Le Noir erstaunt. Ruft Sie etwas Wichtiges zurück?

Ich denke ja, erwiderte ich etwas diplomatisch.

Er schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

So? meinte er. Nun ja, die Herren Chefs geben nicht immer ihre Gründe an. Sonst etwas Neues für mich?

Ich zögerte einen Moment. Es fiel mir ein, daß Herr Goliby mich angewiesen hatte, der Polizei, soweit es in meiner Macht stünde, in jeder Weise behilflich zu sein. Le Noir bemerkte mein Zögern wohl. Als ich indes das Haupt schüttelte, setzte er, hinzu:

Nun, wenn es nichts gibt, so will ich Ihnen sagen, was mich hierhergeführt hat. Ich möchte Sie nämlich bitten, daß Sie, wenn Sie zufällig einmal bei Ihrem Chef etwas von der Großfürstin Alexina hören, mich benachrichtigen, was zu Ihrer Kenntnis gelangte.

Ich starrte ihn mit offenem Munde an.

Von der Großfürstin Alexina? wiederholte ich.

Von der Großfürstin Alexina, jawohl, sagte er ernst. Ich darf Ihnen nichts weiter davon verraten, aber wir interessieren uns gegenwärtig für diese Persönlichkeit und, wie gesagt –

Gewiß, Herr Le Noir, beeilte ich mich, ihm zu versichern, trotzdem ich mir auf seine Bitte keinen Vers zu machen vermochte.

Unruhig schaute ich auf die Uhr. Herr von Montpelier mußte jeden Moment erscheinen. Es hatte bereits halb neun Uhr geschlagen. Um neun fuhr mein Zug. Ich sprang auf. Ich wollte mich nicht kompromittieren.

Schon so spät! rief ich aus. Und ich muß meine sieben Sachen noch zusammenpacken!

Sie haben recht, bemerkte Le Noir und erhob sich gleichfalls. Nun, Sie wissen ja meine Adresse – Polizeipräfektur. Wenn sich irgend etwas ereignet, in dieser Sache oder in der anderen, so lassen Sie mich's wissen. Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten.

Ich begleitete ihn zu einer der Türen, die auf die Terrasse hinausführten, und über den Vorhof in der Richtung nach dem Boulevard zu. Als ich mich wieder umwandte, sah ich, daß Herr von Montpelier, der offenbar durch einen Seiteneingang gekommen war, auf mich zukam. Er trug eine schwarze Tasche in der Hand, sein Gesicht war sehr blaß, und er schien außerordentlich erregt zu sein.

Ich komme spät, sagte er. Wer war der Herr, mit dem Sie sich eben unterhalten haben?

Herr Le Noir, der berühmte Detektiv, erwiderte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit. Er hat mich über den Einbruch bei Herrn Goliby ausgeholt.

So? Was haben Sie denn gesagt?

Daß es mir nicht möglich sei, ihm mit irgend einer Einzelheit dienen zu können, die geeignet wäre, Licht auf die Angelegenheit zu werfen. Wie könnte ich das auch?

Seine Miene hellte sich auf, trotzdem er immer noch, wie ich deutlich sehen konnte, sehr aufgeregt war.

Versteht sich, wie könnten Sie das? erwiderte er. Aber nun kommen Sie rasch! Sie haben keine Minute zu verlieren.

Er eilte mir durch einen Nebenausgang auf die Rue Scribe voraus.

Aergerlich, daß ich mich so verspätet habe, sagte er. Es ist indes alles zu Ihrer Abreise hergerichtet. Ihre Rechnung ist bezahlt, ein Wagen erwartet Sie draußen, und Ihr Gepäck ist bereits darin. Geben Sie es nach London auf – vergessen Sie das nicht – und hier ist ein Billett erster Klasse nach der Victoriastation für Sie. Und nun zum Wichtigsten!

Hiebei übergab er mir die schwarze Handtasche und fuhr fort:

Was Sie auch tun mögen, lassen Sie diese Tasche nicht einen Moment aus den Augen, bis Sie sie Herrn Goliby einhändigen, verstehen Sie mich?

Völlig.

Recht so. Und nun gute Nacht und fröhliche Reise!

Er hatte mich hastig in die Rue Scribe gedrängt. Dort wartete eine Droschke. Ich sprang hinein und winkte grüßend mit der Hand. Der Kutscher hatte offenbar seine Instruktionen erhalten. Wir rasselten in der Richtung des St. Lazarebahnhofes dahin. In aller Eile ließ ich mein Gepäck direkt bis London einschreiben, hatte gerade noch Zeit, mir einen Platz in einem leeren Abteil erster Klasse zu sichern, und Schlag neun Uhr, eine Minute nach meiner Ankunft, glitt der Zug sanft in die Nacht hinaus.

In Vernon blickte ein Herr mit rötlichem Vollbart durch das Fenster in mein Abteil herein, aber er machte keinen Versuch, einzusteigen. Merkwürdigerweise wiederholte sich das in Rouen. Ich schenkte indes diesem Umstand keine Aufmerksamkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ein Reisender, der einen im selben Zug mitreisenden Freund suchte, wie es ja auf der Reise öfters vorkommt.

Wir befanden uns nun nicht mehr weit von Dieppe. Einmal ließ ich das Fenster herunter, aber rasch zog ich es wieder herauf, als ich bemerkte, daß es in Strömen regnete. Das war eine schlimme Aussicht für meine Pfeife auf Deck, auf die ich mich bereits gefreut hatte. Von Zeit zu Zeit fragte ich mich, welcher Art die wichtigen Dokumente, die ich bei mir hatte, wohl seien. Die schwarze Tasche kam mir weit schwerer vor, als wenn sie nur Papiere enthalten hätte. Aber das ging mich ja nichts an, wenn ich sie nur sicher meinem Chef überbrachte. Und das war keine schwierige Aufgabe. Ich vertrieb mir die Zeit teilweise durch Lektüre. Nunmehr griff ich wieder zu meinem Buche. Ich las darin, bis ich Signallichter von draußen in mein Abteil hereinblitzen sah. Der Zug verminderte seine Geschwindigkeit. Ich schaute auf die Uhr. Es war gerade ein Uhr. Wir waren in Dieppe angekommen.

Langsam fuhren wir in den Bahnhof ein. Im Hafen wurden die Lichter des Dampfschiffs sichtbar. Dann verspürte ich plötzlich einen Ruck, und der Zug stand still. Ich griff nach meiner wertvollen Tasche. Da die Stufen steil und schlüpfrig vom Regen waren, mußte ich beim Aussteigen vorsichtig sein. Eben hatte ich festen Boden unter den Füßen erreicht, als ich einen heftigen Ruck an meinem rechten Handgelenk verspürte, und ehe mir die unglückselige Tatsache noch rechtzeitig zum Bewußtsein kam, stand ich mit leeren Händen da.

Die Handtasche war in Regen und Dunkelheit verschwunden, ohne daß ich hätte sagen können, wie es geschehen war.

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