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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 16
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Fünfzehntes Kapitel.

Als Le Noir sich von seinem Erstaunen erholt hatte, brach er ebenfalls in ein Gelächter aus und schüttelte energisch den Kopf. Dann blickte er mich an. Ich stand schweigend vor Entrüstung da, ohne den Beamten eines Blickes zu würdigen.

Le Noir ergriff wieder das Wort.

Sie irren sich, sagte er.

Ich bin meiner Sache absolut gewiß, versetzte der Beamte steif und fest.

Ist ganz unmöglich, beharrte Le Noir. Ich bin gestern mit diesem Herrn im selben Zuge von London gekommen.

Mag dem sein, wie ihm wolle, aber trotz allem ist er der Mann, der die Papiere präsentiert hat. Ich könnte seine Identität auf meinen Eid nehmen. Ich bin wirklich entschlossen, ihn auf meine eigene Verantwortung hin verhaften zu lassen.

Beale, der verstand, daß etwas Außergewöhnliches sich ereignet hatte, bat nun um Aufklärung.

Dieser starrköpfige Beamte da, erklärte Le Noir, besteht darauf, daß unser Freund Lart die Papiere eingelöst und das Geld ausgezahlt erhalten hat.

Tolle Geschichte, nicht? meinte Beale.

Allerdings. Lächerlich. Wenn es auch nur denkbar wäre, so kann er doch unmöglich gleichzeitig an zwei Orten gewesen sein.

Doppelgänger, brummte Beale.

Hat er in Javotte, bemerkte Le Noir, und ganz natürlicherweise sollte man annehmen, daß dieser der Gesuchte ist. Ich glaube ja bestimmt, daß er in die Sache verwickelt ist, aber er hat London erst gestern morgen verlassen. Herr Lart hat ihn am Abend zuvor im Savoyhotel gesehen, und ich selber habe festgestellt, daß er dort einige Tage gewohnt hat. Ueber solche Tatsachen kann man sich nicht hinwegsetzen. Er kann ein unbezweifelbares Alibi nachweisen. Es ist sonnenklar, daß er nicht der Mann gewesen ist, der die Papiere präsentierte. Aber wer zum Henker war es? Das ist ein Schlag ins Kontor, mein Lieber!

Mittlerweile starrte Vignaud, der von der Unterhaltung nichts verstanden hatte und nur wußte, daß ich als der Schuldige bezeichnet worden war, mit offenem Munde einen der Polizeibeamten nach dem andern an. Nunmehr wandte sich Le Noir in scharfem Tone mit den Worten an ihn:

Herr Lart hat Ihnen heute morgen einen Brief von Herrn Goliby überbracht, was stand in diesem Brief?

Anschuldigungen, Herr Le Noir, und Drohungen, weiter nichts. Ein wütender Brief, in dem er mich für den Verlust verantwortlich macht.

Sie sind, denke ich, bereit, mir den Brief zu zeigen?

Vignaud zuckte mit den Achseln.

Sie brauchen mich das nicht zu fragen, erwiderte er, warum denn nicht? Mit dem größten Vergnügen!

Der Beamte mischte sich nun wieder in das Gespräch.

Sie wissen, meine .Herrn, daß meine Zeit nicht mir gehört. Ich habe Ihnen jede Auskunft erteilt, die in meiner Macht lag. Die Papiere waren auf keinen besonderen Namen ausgestellt – »an den Ueberbringer zahlbar« – und wurden ordnungsgemäß von diesem Herrn da präsentiert.

Abermals deutete er auf mich.

Das Geld wurde ihm in Tausendfrankenscheinen ausbezahlt, und damit sind die Papiere ungültig. Weiter habe ich in dieser Angelegenheit nichts mehr zu bemerken, stehe Ihnen aber, Herr Le Noir, jederzeit zu Diensten.

Auf diese Weise entließ er uns, und es blieb uns auch nichts weiter übrig, als uns zu verbeugen und zurückzuziehen, wir waren – wenigstens drei von uns – über das Ergebnis nicht gerade entzückt.

Draußen verabschiedeten wir uns von Vignaud, wie mir schien, zu seiner großen Erleichterung. Als er sich entfernt hatte, ergriff Beale als erster das Wort.

Wir sind nicht viel klüger als zuvor, Le Noir, sagte er.

Kein bißchen, erwiderte dieser. Ich glaube nächstdem, Herr Lart, daß Sie mehr als einen Doppelgänger haben. Unter gewissen Umständen, in einem Mordprozesse zum Beispiel, könnte es vorkommen, daß Sie irrtümlicherweise auf die Guillotine geschickt würden. Ein hübscher Gedanke, was?

Mir kommt er etwas beklemmend vor, antwortete ich.

Parbleu! sagte er lachend. Ich stecke augenblicklich lieber in meiner Haut, als in der Ihrigen, Herr Lart. Aber beruhigen Sie sich. Sie haben in uns Freunde.

Dann fügte er, sich an Beale wendend, hinzu:

Kommen Sie mit mir auf die Präfektur, dem Chef Bericht abstatten!

Ich verstand den Wink und sagte sofort:

Nun, meine Herrn, ich muß Sie jetzt verlassen. Sie kennen ja meine Adresse.

Le Noir nickte.

Grand Hotel? Ganz recht, Herr Lart.

Wir verabschiedeten uns und gingen auseinander. Eine Stunde wanderte ich ziellos, tief in Gedanken versunken, auf den Boulevards umher. Ich kam zu keinem Ergebnis. Das und der Lärm in den Straßen versetzte mich in nervöse Stimmung, und ich beschloß, für den Nachmittag die Stille der Umgebung aufzusuchen. Eine Fahrt auf der Seine nach St. Cloud, sagte ich mir, würde eine gefällige Abwechslung bieten. Daher begab ich mich auf dem nächsten Wege zum Flusse hinab und saß bald auf einem kleinen Dampfer, der mich an reizenden Landschaftsbildern vorüber meinem Ziele entgegentrug.

Es war ein entzückender Tag. Meine Sorgen verflogen bald. Und ich verlebte einen genußreichen Nachmittag in dem schattigen Schloßparke.

Ich speiste in St. Cloud zu Nacht und erreichte Paris gerade noch zu rechter Zeit, um mir im Chatelettheater ein großes Ausstattungsstück ansehen zu können.

Erst nach Mitternacht kehrte ich ins Grand Hotel zurück. Dort fand ich zwei Briefe für mich vor.

Der erste, den ich erbrach, war von Richard und lautete:

Lieber Ted!

Ich habe Dein Briefchen erhalten. Ich wußte bereits von Herrn Goliby, dem ich in Scotland Yard begegnete, daß er Dich nach Paris gesandt habe und daß Deine dortige Adresse das Grand Hotel sei. Ich habe Dir nichts mitzuteilen, als daß die Versicherungsleute sich von der menschlich-allzumenschlichen Seite zeigen. Sie stellen sich auf den Standpunkt, daß in der Villa Rabenhorst nicht ein Einbruchsdiebstahl verübt worden sei, und daß die Wertpapiere von jemand im Hause, der Zutritt zum Geldschrank hatte, beiseite geschafft worden seien. Sie erfrechen sich sogar, Deinen Namen mit der Geschichte in Zusammenhang zu bringen. Unter anderen Umständen könnte das unangenehm für Dich werden, aber laß Dir ja keine grauen Haare darüber wachsen! Ich habe die Polizeibehörden bereits davon überzeugt, daß diese Verdächtigung lächerlich ist. Ich hoffe zuversichtlich, daß die französische Polizei Licht in die geheimnisvolle Angelegenheit bringen und den Schuldigen fassen wird. Schreibe mir umgehend und laß mich alles wissen, was Dir Gutes oder Schlechtes begegnet ist.

Mit den besten Grüßen
Dein
Richard.

Der andere Brief kam von Herrn Goliby. Er hatte folgenden Wortlaut:

Lieber Herr Lart!

Sie werden mich, wie ich denke, unverzüglich von allem, was sich ereignen sollte, in Kenntnis setzen. Insbesondere bin ich gespannt, welche weiteren Erklärungen Ihnen Herr Vignaud gegeben und wie er meinen Brief aufgenommen hat. Ich weiß, daß ich ein wenig streng mit ihm verfuhr, bin aber der Ansicht, daß er diese Behandlung verdient. Der Hauptzweck dieses Briefes ist indes, Ihnen mitzuteilen, daß ein Freund von mir, der Herr von Montpelier, Sie aufsuchen wird, falls er es nicht schon getan hat. Wollen Sie seine Instruktionen befolgen!

Hochachtend
Ihr
N. Goliby.

Ich hatte eben diesen Brief zu Ende gelesen, als es an meiner Türe klopfte. Ein Kellner trat ein und überreichte mir eine Karte.

Entschuldigen Sie, mein Herr, sagte er. Diese Karte wurde heute abend für Sie abgegeben. Der Herr wird morgen um elf Uhr wieder vorsprechen.

Ich warf einen Blick auf die Karte und las die Worte:

Alfons von Montpelier
II rue Montesquieu Paris

Der Kellner entfernte sich wieder.

Immer noch starrte ich auf die Karte. Rue Montesquieu – wo hatte ich von dieser Straße schon gehört? Ich besann mich vergebens, es fiel mir nicht ein. Und so begab ich mich auf das Schreibzimmer, um Richards Bitte zu willfahren. Dort erzählte ich ihm ausführlich meine Erlebnisse und verfaßte dann auch noch einen langen, obzwar ein wenig zurückhaltenden Brief an Herrn Goliby.

Als ich mich schließlich zum Schlafen niederlegte, konnte ich trotz der vorgerückten Stunde keinen Schlaf finden. Immer wieder quälte mich die Frage, wo ich schon etwas von der Rue Montesquieu gehört hatte. Ich hatte das Gefühl, daß es in der Angelegenheit geschehen war, die mich in ihrem Verlaufe hierhergeführt hatte. Aber ich kam nicht mehr darauf. Zuletzt fiel ich in einen Halbschlummer, und nun kam plötzlich wie ein Blitz die Erleuchtung über mich. Ich hörte eine Stimme neben mir den Namen der Straße aussprechen. Als ich mir erstaunt die Augen rieb, merkte ich, daß ich geträumt hatte. Aber den Klang der Stimme hatte ich noch im Ohr: es war die des Polizei-Inspektors Walker.

Mit dem Vorsatze, den Herrn von Montpelier mit dem gebührenden Mißtrauen zu empfangen, schlief ich nun endlich befriedigt ein.

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