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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 15
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Vierzehntes Kapitel.

Le Noir nahm zuerst von Vignaud gar keine Notiz.

Ei, Sie treffe ich hier, Herr Lart? sagte er. Freut mich sehr, Sie wieder zu sehen. Ich stelle Ihnen Herrn Inspektor Beale von Scotland Yard vor.

Der Inspektor schüttelte mir sehr freundschaftlich die Hand und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ich mich wohl befinde.

Ich gab ihm eine, wie ich glaube, befriedigende Erklärung über diesen Punkt, und dann wurde Monsieur Le Noir mit einem Male der Anwesenheit des Monsieur Vignaud gewahr.

Ah, mon cher Monsieur Vignaud, sagte er. wir kennen uns bereits, nicht wahr? Sie sehen gesund und munter aus. Das Geschäft blüht, wenn ich richtig beraten bin.

Könnte schlimmer sein, versetzte der keineswegs verblüffte Vignaud.

So? Freut mich, das zu hören. Sie gestatten doch, daß ich Sie mit einem alten Freund von mir, dem Inspektor Beale von Scotland Yard, bekannt mache? Sie haben doch wohl schon vom Londoner Scotland Yard reden hören, wie ich annehmen darf?

Vignaud zuckte mit den Achseln. Wer hätte nicht schon davon gehört? sagte er. Dann verbeugte er sich vor Beale und fügte hinzu:

Entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen!

Da die ganze Unterhaltung französisch geführt wurde, machte der Inspektor ein verblüfftes Gesicht und bat Le Noir um nähere Erklärungen.

Le Noir willfahrte seiner Bitte, worauf der Mann von Scotland Yard den Franzosen freundlich anlächelte, » Wui, wui, Mungsiäh« sagte und hierauf wieder in Schweigen verfiel. Le Noir nahm den Faden der Unterhaltung wieder auf.

Ich nehme an, Herr Vignaud, sagte er, daß ich Ihnen keine Erklärungen wegen unseres Besuches zu machen brauche.

Nicht im geringsten, lautete die Antwort. Herr Lart hat mich bereits darauf vorbereitet. Ihr Besuch steht natürlich in Beziehung zu dem Diebstahl von Wertpapieren.

Ganz richtig, erwiderte der Detektiv. Sie erhielten von Ihrem Geschäftsfreund Goliby in London ein Telegramm, in dem er Sie anwies, die Papiere, von denen er Ihnen ein Verzeichnis gab, sperren zu lassen.

Stimmt, erwiderte Vignaud, stimmt.

Und, fuhr Le Noir fort, indem er ein Telegramm aus seiner Brieftasche hervorholte, es scheint, daß gewisse Umstände, laut diesem Telegramm – von Ihnen, wenn ich mich nicht irre, ja?

Er zeigte Vignaud das Telegramm. Dieser beugte sich über den Schreibtisch herüber, drückte eines seiner blauen Augen zu und blickte scharf auf das Papier. Dann sagte er:

Stimmt. Es ist von mir.

Gewiß, fuhr Le Noir fort, und wie gesagt, laut diesem Telegramm wurden Sie durch die Umstände verhindert, die darin enthaltenen Instruktionen auszuführen.

Ganz richtig, Herr Le Noir. Sie treffen den Nagel auf den Kopf.

Gut. Nun habe ich gestern in Scotland Yard Herrn Goliby gesprochen. Er gab seiner Unzufriedenheit mit Ihrer – wie er sagte – Nachlässigkeit in der Sache Ausdruck.

Tut mir leid, daß ich das hören muß, versetzte der unerschütterliche Vignaud. Aber der Fehler ist ganz auf seiner Seite. Ich kann ihm den schweren Vorwurf nicht ersparen, daß er mich nicht früher benachrichtigt hat. Wie es scheint, hätte mir Herr Lart diese Papiere überbringen sollen, mit dem Auftrage, sie einzulösen. Ich habe keine diesbezügliche Benachrichtigung erhalten, und da unsereiner doch nicht an den Schreibtisch gefesselt ist und ich kein eiliges Geschäft zu erledigen hatte, begab ich mich zu der Hochzeit eines Freundes nach St. Roch. Ich meine doch, ein solches Vergehen ist so harmlos, daß – was sagen Sie dazu, Herr Le Noir, würden Sie es als Nachlässigkeit bezeichnen?

Gewiß nicht. Und dann?

Und dann? Nun, das Telegramm kam schon mit Verspätung an, und ich erkannte, als ich es endlich in Händen hatte, daß ich nur selbst nach Paris zurückfahren konnte. Ich nahm den nächsten Zug –

Und dann, unterbrach ihn Le Noir etwas ungeduldig, nehme ich an, daß Sie so schnell es sich bewerkstelligen ließ, auf das Rathaus fuhren?

Selbstverständlich.

Und dort erfuhren, daß die gestohlenen Papiere bereits präsentiert und ausbezahlt worden waren?

Ganz, wie Sie annehmen, Herr Le Noir.

In welcher Form wurden die Papiere ausbezahlt?

In Banknoten, erwiderte Vignaud. Welcher Art weiß ich nicht.

Sie haben natürlich eine Beschreibung von dem Manne, der die Papiere einlöste, verlangt?

Gewiß, aber die Auskunft wurde mir verweigert. Man sagte, sie werde der Polizei gegeben werden, sobald sie mit dem Ersuchen an sie herantrete.

Ganz richtig, bestätigte Le Noir mit auffallender Betonung. Das war die angemessene Antwort, und es wäre Ihre Pflicht gewesen, sofort bei der Polizei Bericht zu erstatten.

Zum ersten Male bemerkte ich nunmehr, wie in dem bisher unbewegten und unschuldigen Gesicht Vignauds da und dort kleine Fältchen aufblitzten. Er zögerte eine Sekunde und sagte sodann:

Ich gebe das zu, Herr Le Noir. Es war vielleicht eine sehr bedauerliche Nachlässigkeit von mir, daß ich es unterlassen habe. Ich hätte es wirklich tun sollen. Aber, wie gesagt, glaubte ich und glaube es noch immer, daß mich in dieser Sache keine Schuld trifft. Ich habe mich sofort mit Herrn Goliby in Verbindung gesetzt und natürlicherweise seine Instruktionen abgewartet. Ist nicht Ihre und Ihres Freundes von Scotland Yard Anwesenheit hier der beste Beweis dafür, daß der von mir eingeschlagene Weg nicht der Berechtigung entbehrt?

Diese Worte Vignauds hatten den gesunden Menschenverstand für sich, und Le Noir, der die Richtigkeit seines Gedankengangs sofort einsah, beeilte sich, zu sagen:

Ja, gewiß, wenn man darüber nachdenkt, hat Ihre Handlungsweise manches für sich. Wir wollen uns jetzt auf das Rathaus begeben. Sie haben doch nichts dagegen einzuwenden, uns zu begleiten, mein lieber Herr Vignaud?

Nicht das geringste, mein lieber Herr Le Noir, antwortete Vignaud, ohne mit einer Wimper zu zucken. Im Gegenteil, es wird mir ein Vergnügen sein.

Mit dieser Versicherung sprang Vignaud behende auf und holte von einem über ihm an der Wand angebrachten Haken einen riesenhaften Zylinderhut herunter.

In diesem Augenblick bemerkte ich, daß das Gesicht des würdigen Inspektors von Scotland Yard einen völlig ratlosen Ausdruck angenommen hatte.

Dieses verflixte Kauderwelsch, wandte er sich an seinen französischen Kollegen, geht über meine Kräfte, Was sagt denn der Mann? Und was ist denn jetzt eigentlich los?

Le Noir lachte.

Bis jetzt, erwiderte er, hat er nicht eben sehr viel gesagt, und nun wollen wir uns auf das Büro begeben, wo die Papiere eingelöst worden sind, und versuchen, dort eine Beschreibung des Diebes zu erlangen. Kommen Sie, Herr Lart!

Le Noir hatte keineswegs den schlauen Gesichtsausdruck, den so viele seiner Kollegen besitzen sollen. Kein Mensch hätte nach seinem Aeußeren auf die Gedanken schließen können, die in seinem Kopfe arbeiteten. Beale vollends hatte das Aussehen eines englischen Farmers, der zum ersten Male in seinem Leben nach Paris kommt. Alles an ihm sah ländlich aus, und doch stand er im Rufe, einer der ersten Detektivs von Scotland Yard zu sein. So kam es, daß, als wir einige Minuten später über den Börsenplatz schlenderten, von dem seltsam zusammengesetzten Quartett nur Vignaud die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregte, von denen einige ihn vom Sehen zu kennen schienen.

Beale ging an seiner Seite und versuchte mit seinen paar französischen Brocken eine Unterhaltung mit ihm zu führen. Der kleine Vignaud schien sich auch alle Mühe zu geben, seinen Begleiter zu verstehen. Ich folgte mit Le Noir.

Der Detektiv schien über eine schwierige Frage nachzudenken, plötzlich wandte er sich, nunmehr wieder in meiner Muttersprache, an mich.

Ich habe gestern abend eine seltsame Unterredung einiger meiner Schutzbefohlenen belauscht, sagte er leise. Einer davon ist auch Ihnen bekannt.

Javotte? fragte ich aufs Geratewohl ebenso leise.

Le Noir nickte.

Und? fragte ich hochgespannt.

Sie unterhielten sich über einen gewissen Baron Romer, den Sie ja auch kennen.

Ich nickte erstaunt.

Und eine gewisse Lucette, fuhr er lächelnd fort.

Ich ärgerte mich über sein Lächeln, nickte indes abermals.

Und stellten die Frage auf, ohne sie entscheiden zu können, ob diese Lucette wohl dem Baron noch einen Strick drehen würde.

Ich ließ mir nichts anmerken, daß mich diese Lucette sehr interessierte, sondern fragte in kühlem Töne:

Ist das alles?

Le Noir beobachtete mich einen Moment, dann sagte er:

Nein, noch etwas, das Sie mehr interessieren wird, als diese Lucette, trotzdem sie bei ihrer Schönheit von einem jungen Menschen wie Sie schon mehr Hochachtung beanspruchen dürfte. Javotte ließ noch die Bemerkung fallen, daß sich sein Doppelgänger neuerdings in Paris habe sehen lassen.

Ist das möglich? fragte ich, daß er mich in dieser Riesenstadt gesehen haben sollte?

Sie vergessen, Herr Lart, versetzte Le Noir trocken, daß ich ja auch in dieser Riesenstadt Ihren Doppelgänger gesehen habe.

Damit schritt er voraus, um Vignaud und Beale einzuholen. Ich ersah daraus, daß er nicht die Absicht hatte, sich auf weitere Fragen einzulassen.

Zehn Minuten später betraten wir das Rathaus.

Le Noir führte uns zum Büro des ersten Buchhalters. Hier verlangte er den Chef zu sprechen. Beinahe augenblicklich wurden wir empfangen. Er gab Le Noir die Hand, nickte Vignaud etwas von oben herab zu und warf mir dann, mit hochgezogenen Augenbrauen, ein zynisches Lächeln auf den Lippen, einen seltsamen Blick zu, der mich keineswegs angenehm berührte. Le Noir ging ohne Umschweife auf sein Thema ein.

Ich komme, sagte er, wegen der gestohlenen Papiere zu Ihnen, die vor zwei Tagen eingelöst worden sind. Dieser Herr hier – dabei deutete er auf den Inspektor Beale – vertritt Scotland Yard in der Angelegenheit und wird Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie so freundlich sein würden, uns eine Beschreibung des Mannes zu geben, der die Papiere eingelöst hat.

Der Beamte sah belustigt aus.

Diese Bitte dünkt mich seltsam, sagte er, da Sie doch den Mann selbst mitgebracht haben.

Le Noir blickte ihn erstaunt an.

Den Mann, dem Sie das Geld eingehändigt haben?

Versteht sich!

Wo zum Teufel steckt er denn?

Da steht er ja! antwortete der Beamte lachend und deutete mit seinem Zeigefinger geradenwegs auf mich.

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