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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 13
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Zwölftes Kapitel.

Als ich aufblickte, nahm er eine überraschte Miene an. Ich war fest überzeugt davon, daß er mich nicht zufällig, sondern nach reiflicher Ueberlegung angesprochen hatte.

Wie? Ist es möglich? Sie sind es, Herr Lart? rief er aus und schüttelte mir freudig die Hand.

Dies verriet mir, daß er in Scotland Yard gewesen war, dort den Inspektor Walker gesprochen hatte und daß es ungeschickt und nutzlos von mir sein würde, mich zu verstellen.

Jawohl, der bin ich, erwiderte ich daher und händigte ihm meine Zündhölzerschachtel ein. Wir haben eine sehr ruhige und angenehme Ueberfahrt, Herr Le Noir.

Er zündete lachend seine Zigarette an.

Wie mir scheint, habe ich mich neulich ein wenig geirrt, bemerkte er und gab mir meine Zündhölzer mit einer Verbeugung zurück.

Sehr wesentlich geirrt, versetzte ich. Es war mir nicht gerade angenehm, zuerst haben Sie mich etwas geängstigt.

Das kann ich mir denken, meinte er. Es tut mir wirklich leid. Bitte entschuldigen Sie mich. Ich verwechselte Sie mit einem anderen.

Ich weiß – Sie hielten mich für Javotte.

Allerdings. Sie haben das auf der Polizeistation erfahren, nicht?

Doch, vom Inspektor Walker.

Er hat es mir mitgeteilt. Ich habe ihn heute mittag in Scotland Yard gesprochen. Er erzählte mir auch, daß Sie diesem Javotte gestern abend im Savoyhotel begegnet sind.

Ich habe wenigstens einen Doppelgänger von mir dort gesehen, erwiderte ich, und ich dachte mir, daß es der Rechte sein könnte.

Das war er auch, ohne allen Zweifel. Er traf dort mit einem anderen Herrn zusammen.

Jawohl. Mit dem Baron Romer.

Und einer Dame.

Die mit dem Baron kam, ja.

Sie sehen, sagte Le Noir nun, daß ich diese Tatsachen schon kenne. Ich weiß auch, daß Javotte heute morgen mit dem Postzuge nach Paris abgefahren ist. Von dem Augenblicke an, wo er dort anlangt, wird er beobachtet werden.

Aber wer ist denn dieser Javotte? fragte ich nunmehr, unfähig, meine Neugier länger zu zügeln. Ist es möglich, daß er in irgend einem Zusammenhang mit dem Einbruche steht?

Bis jetzt kann ich Ihnen das unmöglich sagen, Herr Lart. Es handelt sich um einen sehr geheimnisvollen Fall.

Gewiß, erwiderte ich, der gleichzeitig für mich verflixt unangenehm verlaufen ist.

Fraglos. Es handelt sich um die Papiere, die Sie in der Handtasche trugen, als ich Ihnen in der City begegnete?

Ja.

Wissen Sie bestimmt, daß es die gleichen Papiere waren, die in den Geldschrank eingeschlossen wurden?

Bestimmt.

Sie haben sie selbst hineingetan?

Jawohl.

Und waren anwesend, als der Schrank morgens geöffnet wurde?

Ich mußte das wohl, da ich ja den anderen Schlüssel in meiner Verwahrung hatte.

Die elektrischen Klingeln läuteten dabei im ganzen Hause?

Gewiß.

Und der Schrank war leer?

Vollständig leer.

Er bat mich noch einmal um meine Zündhölzer und zündete sich eine neue Zigarette an. Hierauf dachte er einen Augenblick nach und sagte sodann:

Sie kennen Herrn Goliby noch nicht lange, soviel ich weiß?

Kaum eine Woche.

Wollen Sie so freundlich sein und mir den Mann beschreiben?

Natürlich. Er ist etwa sechzig Jahre alt, hat ein freundliches Gesicht, guten Teint und schneeweißes, ziemlich langes Haar. Einige seiner Vorderzähne fehlen ihm. Trotzdem sieht er sehr gefällig aus, wenn er lächelt. Er trägt eine goldene Brille.

Von gefärbtem Glas?

Ja, es ist leicht gefärbt, bläulich. Er hat gerundete Schultern, ja, ich möchte sagen, er hat eine ziemlich gebeugte Haltung – und – nun, das wäre so ungefähr alles, was ich Ihnen über das Aeußere des Herrn mitteilen könnte.

Gut. Und nun, was für ein Geschäft betreibt er? Hat er überhaupt einen Beruf?

Diese Frage, erwiderte ich, wüßte ich kaum zu beantworten. Ich habe ihn als einen begüterten Herrn angesehen. Er scheint an Minenunternehmungen in Norddakota und anderen Teilen Amerikas beteiligt zu sein und spekuliert, wie mir vorkommt, in verschiedenen Richtungen.

Hat er Familie?

Ich glaube nicht. Er sagte mir, er sei Witwer.

Ein ruhiges Haus?

Sehr.

Wieviel Bediente sind darin?

Fünf und meine Wenigkeit.

Für einen Witwer eine ganz hübsche Zahl, bemerkte Le Noir.

Das habe ich mir auch gedacht.

Empfängt er viel Besuch?

Gar keinen.

Haben Sie den Baron Romer nie im Hause gesehen?

Nein.

Auch die Dame nicht, die mit ihm im Savoyhotel war?

Ich zögerte mit der Antwort und fühlte, daß ich errötete. Da ich überzeugt war, daß er es bemerkte, ärgerte ich mich darüber.

Wozu dieses strenge Kreuzverhör? fragte ich in erregtem Tone. Ich habe diese lange Reihe von Fragen nach bestem Wissen beantwortet. Ich habe Ihnen mitgeteilt, daß niemand in das Haus auf Besuch gekommen ist, seitdem ich darin wohne.

Er lächelte.

Gewiß, gewiß. Entschuldigen Sie – apropos, ich habe heute mittag einen Freund von Ihnen in Scotland Yard getroffen.

Ich blickte erstaunt auf.

Wirklich? sagte ich. Wen, wenn ich fragen darf?

Herrn Rechtsanwalt Hamilton.

Was zum Teufel hat ihn dorthin geführt?

Der Direktor hat ihn bitten lassen.

Wozu?

Um einige Auskünfte über Goliby und ihn selbst zu geben, erklärte Le Noir und fuhr dann, als ich ihn sprachlos vor Erstaunen anstarrte, fort: Ist es Ihnen noch nicht aufgefallen, Herr Lart, daß die Polizei nur Ihren und des Herrn Goliby seltsamen Bericht als Grundlage für ihre Untersuchung hat? Diese Berichte klingen im höchsten Grade unglaublich. Anderen Gemütern könnte sich die Vermutung aufdrängen, daß Sie mit Herrn Goliby unter einer Decke stecken.

Ich schaute ihn bestürzt an.

Ich – ich – folge – hm – Ihnen nicht ganz, stammelte ich.

Nun, wäre es nicht für Sie und Herrn Goliby ein Leichtes gewesen, die Papiere beiseite zu schaffen, sodann die Klingeln in Bewegung zu setzen, den Geldschrank wieder abzuschließen und die Papiere einem Verbündeten zu übergeben, der den ersten Zug nach Paris bestieg und sie dort ohne Schwierigkeit einlöste?

Das Blut schoß mir vor Empörung in den Kopf.

Das ist ja eine monströse, eine entsetzliche Erklärung, rief ich aus, ich bedanke mich schönstens dafür! Habe ich nicht mit eigenen Augen das Telegramm gesehen, mit den Nummern der gestohlenen Papiere, das Herr Goliby nach Paris gesandt hat? Und was sagen Sie dann zu Vignauds Antwort?

Das beweist noch lange nichts. Jedermann kann ein vorher vereinbartes Telegramm unter einem falschen Namen absenden.

Dann bezweifeln Sie also die Tatsache, daß die Papiere eingelöst worden sind?

Le Noir lachte.

Natürlich nicht. Ihre Auffassung steht übrigens mit den liebenswürdigen, aber im Verkehr mit Verbrechern keineswegs vorteilhaften Eigenschaften im Einklang, die mir Ihr Freund von Ihnen erzählt hat. Sie Glücklicher! Welche köstliche Naivität haben Sie sich in diesem materialistischen Zeitalter bewahrt! Sie sollten wahrlich darüber erstaunt sein, daß ich Sie soweit in mein Vertrauen ziehe.

Das bin ich auch, erwiderte ich etwas ärgerlich, wenn Sie mich für einen solchen grünen Jungen halten.

Ich habe das nicht so schlimm gemeint. Es ist ja nicht Ihre Schuld, wenn Sie bisher von den Nachtseiten des Lebens nicht viel gesehen haben. Ich rede übrigens so offen mit Ihnen, weil wir die Ueberzeugung hegen, daß Sie über jeden Verdacht der Teilhaberschaft an diesem Verbrechen hoch erhaben sind. Und dann auch, weil wir der Ansicht sind, daß Sie uns vielleicht am Ende noch einen Dienst in der Sache erweisen könnten. Es bleiben noch eine Menge Dinge darin zu erklären, und Herr Goliby wird, wie ich vermute, bei den Versicherungen auf erheblichen Widerstand stoßen, denn es handelt sich in diesem Falle keineswegs um einen gewöhnlichen Einbruchsdiebstahl. Sie reisen, wie ich annehme, in dieser selben Angelegenheit nach Paris?

Jawohl, antwortete ich, nunmehr völlig besänftigt, aber noch keineswegs beruhigt. Ich soll morgen dem Herrn Vignaud einen Brief überbringen.

Bleiben Sie lange?

Einige Tage, falls ich nicht andere Instruktionen erhalte. Ich wohne im Grand Hotel.

Gut, bemerkte er. So weiß ich, wo ich Sie finden kann, wenn sich etwas ereignen sollte. Ich muß Sie jetzt verlassen, um einen Freund aufzusuchen, der mit mir reist.

Er zog höflich seinen Hut und wollte sich schon zurückziehen, als mir noch etwas einfiel.

Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Le Noir, sagte ich. Halten Sie mich nicht für unhöflich, aber wie kommt es, daß Sie – ein Franzose – so auffallend gut englisch sprechen?

Ah so? erwiderte er lächelnd, das wäre ein großes Kompliment, wenn nicht zufällig meine Mutter eine Engländerin gewesen wäre. Ich bin in England geboren und verließ dieses Land erst, als meine Mutter starb und ich fünfzehn Jahre alt war.

Er zog abermals den Hut und entfernte sich.

Einen Moment später sah ich ihn am anderen Ende des Decks in ernstem Gespräche mit einem Herrn stehen. Nur ein- oder zweimal bemerkte ich ihn noch während der Ueberfahrt, hatte aber keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu sprechen.

Wir kamen pünktlich in Boulogne an. Im Zollamt wurde meine Reisetasche gründlich auf Tabak untersucht, und schließlich machte ich mir's in einem Wagen erster Klasse bequem, der mich eilends in der Richtung Seinebabels entführte.

Ich versank in Gedanken. Hatte ich recht getan, auf Le Noirs scharfe Fragen so freimütig zu antworten? Jedenfalls. Herr Goliby wäre gewiß nicht damit einverstanden gewesen, wenn ich es nicht getan hätte. Auf die Bemühungen der Polizei mußte er nunmehr seine Hoffnungen setzen, wenn er von dem gestohlenen Gelde noch etwas wiedersehen wollte. Jawohl, ich hatte unzweifelhaft das Rechte getan und beschloß, den Dämon der Angst, wenigstens für eine Weile, aus meinen Gedanken zu verbannen. Ich vertiefte mich wieder in meinen Roman, eine spannende Liebes- und Abenteurergeschichte, die mich gut und angenehm unterhielt, bis der Zug in Amiens einlief. Als ich den Ruf »Zehn Minuten Aufenthalt« an mein Ohr gellen hörte, verließ ich meinen Wagen, um meine Lebensgeister durch einen kleinen Imbiß wieder zu kräftigen, wozu ich um diese Zeit ein dringendes Bedürfnis verspürte.

Durch ein halbes Huhn und eine kleine Flasche Beaune gestärkt, bestieg ich in ausgezeichneter Stimmung wieder mein Abteil und langte, ehe ich mich dessen versah, in Paris an.

Die Fahrt vom Nordbahnhof zum Grand Hotel war für mich voller Interesse. Ich war ja zum ersten Male in Paris. Die breiten belebten Straßen, die Myriaden von Lichtern, die zahllosen von Gold und Kristall glitzernden Cafés, die endlosen Reihen von Marmortischchen auf den geräumigen Trottoirs, an denen Tausende in heiterem Geplauder saßen, während Zehntausende in langen Zügen an ihnen vorüberströmten, all das erschien mir wie ein Märchen, und als ich zuletzt über den Opernplatz, der in elektrischem Lichte förmlich gebadet war, fuhr, am Café de la Paix vorbei, in dem sich die elegante Welt in den entzückendsten Toiletten drängte, und mein Wagen in den großen Hof des Grand Hotel einbog, mit seinen plätschernden Springbrunnen, seinem prachtvollen Pflanzenschmuck und seinen luxuriösen, glänzend beleuchteten Sälen, befiel mich ein wahrhaft kindisches Entzücken, und ich sagte mir, daß jetzt endlich mein Schicksal einen gefälligeren Weg einzuschlagen scheine, als bisher.

Nachdem ich mir ein Zimmer bestellt und mich etwas erfrischt hatte, verließ ich das Hotel und bummelte die Boulevards hinab. Da mir die Sprache keine Schwierigkeit machte – eine französische Gouvernante gehört zu den Erinnerungen aus meiner frühesten Jugendzeit –, fühlte ich mich in dem wogenden Leben bald zu Hause. Und so genoß ich das berauschende Gedränge in vollen Zügen, bis ich zuletzt an einem Tischchen vor einem prächtigen Café Platz nahm. Es war eine einschmeichelnde Juninacht. Ich bestellte mir eine Tasse Kaffee und beobachtete behaglich die Spaziergänger, die ohne Unterlaß an mir vorüberzogen.

Jetzt erst kam mir zum Bewußtsein, wie glücklich ich war; der atembeklemmenden Atmosphäre der Villa Rabenhorst entronnen zu sein. Irgend etwas war nicht in Ordnung mit diesem Wohnsitze, trotzdem er den Anschein völliger Harmlosigkeit an sich trug.

Und ungeachtet meiner sorglosen Umgebung schlugen meine Gedanken wieder ernstere Bahnen ein, und das Haus in St. Johns Wood zog mich von neuem in seinen Bann. Je früher ich es für immer verließe, sagte ich mir, desto besser. Die einfachste Ueberlegung, der gesunde Menschenverstand schon, mußte dartun, daß es ganz unmöglich war, daß Einbrecher den großen eisernen Geldschrank hatten öffnen können, ohne Spuren zu hinterlassen und ohne das ganze Haus mit dem Geklingel des elektrischen Läutewerks zu erfüllen. Hier, wo ich dem Zauber der Persönlichkeit des Herrn Goliby entrückt war, überkam mich ein Gefühl des Mißtrauens gegen ihn. Es nahm zwar keine bestimmten Formen an, und ich bemühte mich auch, einigermaßen beschämt, es wieder loszuwerden, aber immerhin regte es einige Fragen in mir an, denen ich jetzt, das ganze, ungewohnte Getriebe um mich vergessend, in Gedanken nachging.

Was trieb das geheimnisvolle Weib in Golibys Haus? Wie war es ihr möglich, es zu betreten? Mußte nicht Goliby mit ihr bekannt sein? Und kannte er infolgedessen nicht auch den Baron Romer? Daß sie in meinem Zimmer gewesen war, daran zweifelte ich ebensowenig, als daß ich jetzt auf den Boulevards saß. Wie war sie in mein Zimmer eingedrungen?

Dieser Gedanke zog sofort einen anderen herbei. Das Weib, das ich im Savoyhotel auf den ersten Blick erkannt hatte, war in Gesellschaftstoilette und strahlte von Juwelen. Dieses selbe Weib hatte ich aber zum ersten Male mit ungekämmtem, wirrem Haar gesehen und im tiefsten Negligé. Wie kam es nun, daß sie in diesem Aufzuge in der Villa Rabenhorst erschien?

Marie, das Zimmermädchen, hatte in einer für mich überzeugenden Weise ausgesagt, daß außer ihr und der Köchin nie ein weibliches Wesen die Schwelle der Villa überschritten habe, soweit sie wenigstens wisse.

Mit einem Male aber schlug mein Verdacht eine andere Richtung ein. Als ich nämlich meinen Kaffee bezahlte, um das Lokal zu verlassen und meinen Reflexionen neue Nahrung zuzuführen, brachte mich meine Geläufigkeit im Französischen mittels einer einfachen Gedankenverbindung auf meine Unterhaltung mit Le Noir zurück. Und plötzlich stieg der Verdacht in mir auf, daß ich gar nicht mit dem berühmten Detektiv, sondern mit einem Mitglied der Einbrecherbande gesprochen hatte. Nur Richard hatte ihn mir als Le Noir bezeichnet. Warum hatte mir der Detektiv so verfängliche Fragen gestellt? War der Frager vielleicht ein Doppelgänger Le Noirs? Konnte der nicht ebensogut einen Doppelgänger haben, wie ich?

Dieser neue Zweifel verdarb mir die ganze Freude an meinem Aufenthalt in der schönen Seinestadt so gründlich, daß ich mich ganz bekümmert in mein Hotel zurückbegab und erst lange nach Mitternacht einschlief.

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