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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 12
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Elftes Kapitel.

Ich riß die Augen weit auf, als mir Herr Goliby diese Mitteilung machte.

Aber – aber – stammelte ich, wie ist denn das möglich?

Möglich oder nicht, erwiderte er, in einer schroffen Art, die mit seinem sonstigen Benehmen in ungewöhnlichem Gegensatze stand, so ist es gegangen. Sie können französisch, natürlich. Lesen Sie das!

Damit händigte er mir ein Telegramm ein.

Es lautete folgendermaßen:

Telegramm während Abwesenheit bei Hochzeit eines Freundes in Provinz angekommen – nachgesandt – wodurch Verspätung – sechs Uhr in Paris eingetroffen – zu großem Bedauern Papiere daselbst bereits fünf einhalb durch Unbekannten eingelöst, Vignaud.

Ich war wie vom Schlage gerührt, wortlos gab ich ihm das Telegramm zurück, was sollte ich auch dazu sagen? Das Unglück ließ sich nicht mehr ändern.

So steht es, bemerkte er. Die Sache ist sonnenklar. Der Dieb fuhr mit dem Neunuhrzug gestern in Charing Croß ab, den Sie hätten benützen müssen, langte um vier Uhr fünfundvierzig auf dem Pariser Nordbahnhof an, fuhr sofort auf die Bank, wo die Papiere ausbezahlt werden, steckte die Summe ein und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Und ich verliere glatt 20 000 Pfund infolge dieser verwünschten Hochzeit und des mangelhaften Postbetriebes. Empörend, wirklich empörend!

Aber, wandte ich ein, ist nicht Herr Vignaud für dieses unglückliche Zusammentreffen verantwortlich?

Ich glaube kaum. Wenn er es je sein sollte, werden die Versicherungsleute schon Schritte in dieser Richtung unternehmen. Aber ich zweifle sehr daran. Die Summe ist sehr erheblich, vielleicht wird sich ein Teil davon wieder auffinden lassen, aber wie gesagt, ich mache mir wenig Hoffnungen. Es ist eine ganz unglückselige und unerklärliche Geschichte.

Aber, warf ich ein, die Verhaftung des Diebes und die Auffindung des Geldes sollte doch in der Macht der französischen Polizei liegen!

Vielleicht, sagte er. Hoffen wir's! Wenn Sie gefrühstückt haben, wird es gut sein, wenn Sie dieses Telegramm auf die Polizeistation tragen. Uebergeben Sie es dem Inspektor und sagen Sie ihm, daß ich die Angelegenheit nunmehr völlig ihm übergebe! Teilen Sie ihm ferner von mir mit, daß ich der Ansicht bin, man solle die französische Polizei unverzüglich von dem Vorgefallenen benachrichtigen. Es ist sehr möglich, daß ich Sie heute abend nach Paris senden werde. Ich bin mir bis jetzt noch nicht ganz klar darüber, was ich tun will. Die Sache hat eine Wendung genommen, die ich nicht erwartet hatte, und ich hoffe zuversichtlich, daß mir die Versicherungen keine Schwierigkeiten bereiten werden. Die Dinge stehen sehr schlecht. Ich werde dann bei Ihrer Rückkehr sehen, was sich tun läßt.

Damit verließ er hastig das Zimmer.

In aller Eile kleidete ich mich an und klingelte, um mein Frühstück zu bestellen. Ich war in einer schrecklichen Aufregung. In meinen wildesten Träumen hatte ich nichts so Tolles erlebt, wie jetzt in der Wirklichkeit. Die Ereignisse wirbelten durcheinander, ohne Zusammenhang sich überstürzend, eins erstaunlicher als das andere. Die Andeutung Herrn Golibys, er wolle mich an diesem Abend nach Paris schicken, kam mir als eine wahre Erleichterung. Wenn ich nur, dachte ich, aus meiner gegenwärtigen Umgebung, und sei es auch nur für einige Tage, entfliehen konnte. So anziehend das Geheimnisvolle im allgemeinen auch wirkt, ich hatte den Geschmack daran verloren.

Marie warf mir einen scharfen, fragenden Blick zu, als sie mir mein Frühstück hereinbrachte, aber außer den üblichen Redewendungen tauschte ich kein Wort mit ihr aus, da ich das für das Beste hielt. Eine halbe Stunde später saß ich wieder im Privatbüro des Inspektors Walker.

Ohne weitere Einleitung übergab ich ihm das Telegramm.

Das ist ja französisch, sagte er.

Allerdings, erwiderte ich. Soll ich es Ihnen übersetzen?

Wenn Sie so freundlich sein wollen, ja, versetzte er und fügte dann erklärend hinzu: In der Gegend, woher ich stamme – Cumberland –, hat man uns kein Französisch gelehrt.

Das glaube ich, erwiderte ich und übersetzte ihm das Telegramm.

Mit gerunzelter Stirne hörte er zu und überlegte dann einen Moment.

Lesen Sie es mir bitte noch einmal vor, sagte er sodann, ich möchte es mir einprägen.

Ich willfahrte seinem Wunsche und fragte ihn hierauf:

Nun, was halten Sie davon?

Was ich davon halte? Daß es sich um einen der gewandtesten Einbrüche handelt, von denen ich je gehört habe. Und bedenken Sie das Risiko, das der Mann auf sich nahm! Solch einen Streich wagt nur ein ganz gewiegter Verbrecher. Le Noir wird wohl wieder nach Paris zurückkehren. Er hat hier nichts mehr zu tun.

Diese Bemerkung überraschte mich.

Wieso? Hatte er denn Wind davon, daß in der Villa Rabenhorst etwas vorfallen würde?

Jawohl. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß ein Einbruchsdiebstahl geplant sei. Deshalb kam er auch herüber.

Und er dachte, daß Javotte daran beteiligt sein würde?

Möglicherweise – ja. Das ist der Grund, warum er in der Meinung, Sie seien der Kerl, Ihnen folgte und Sie nachher ansprach.

Um mich von dem Verbrechen abzuschrecken?

Sehr wahrscheinlich.

Ich schüttelte den Kopf.

Nein, nein. Wenn er wirklich der gewandte Detektiv ist, als der er gilt, hätte er nicht so ungeschickt gehandelt. Hat er denn das Haus nicht weiter bewacht?

Ah so, das meinen Sie? Natürlich tat er das, und einige von unseren Leuten unterstützten ihn dabei. Sie wußten genau, was sich ereignen sollte und was auch wirklich vorgefallen ist. Und die ganze Nacht hindurch, ja noch lange nach Tagesanbruch, war fortwährend ein Mann auf der Wache. Aber es wurde keine Seele gesehen, kein Laut gehört. Das ist das Unverständlichste an der Geschichte. Die Drähte wurden wirklich durch den Garten gelegt, und eine Leiter stand am Fenster. Aber in der Nacht stieg kein Mensch über die Mauer, und keine Leiter wurde hinübergeschafft. Dafür stehe ich Ihnen. Und dabei sagte die Dienerschaft aus, daß im ganzen Hause keine solche Leiter vorhanden war und will es auch beschwören. Sie werden demnach einsehen, daß es eine ganz tolle Geschichte ist.

Verzweifelt toll, sagte ich.

Sie verstehen, fuhr er fort, daß ich mir dachte. Sie könnten Licht in die Affäre bringen. Aber hol mich der Henker! Sie haben sie durch Ihre Aussage nur noch verwickelter gemacht. Le Noir war auf alle Fälle richtig beraten. Er wußte, daß ein Einbruch beabsichtigt sei, und der Einbruch ist auch ausgeführt worden. Insofern hat er sich auf einer richtigen Fährte befunden, aber er war nicht auf einen so ungewöhnlichen Einbruch gefaßt. Ich werde Scotland Hard sofort drahtlich in Kenntnis setzen, daß die Papiere in Paris eingelöst worden sind, und dann den Direktor aufsuchen, um ihm das Telegramm persönlich zu überbringen. Das wird im Verlauf einer Stunde etwa geschehen sein. Wenn Le Noir davon erfährt, wird er, wie ich glaube, unverzüglich nach Paris abfahren.

Mit diesen Worten erhob sich der Inspektor.

Apropos, sagte ich, indem ich mich ebenfalls erhob, ich habe Javotte gestern abend gesehen.

Der Inspektor sah mich ungläubig, aber überrascht an.

Den wahren Javotte? Den Mann, hinter dem Le Noir her war?

Jawohl.

Wissen Sie das bestimmt?

Bestimmt weiß ich das freilich nicht, aber jedenfalls habe ich einen Doppelgänger gesehen, der eine erstaunliche Aehnlichkeit mit mir aufwies.

Wo?

Im Savoyhotel.

War er allein?

Nein. Am Portal begrüßte er den jungen Baron Romer. Kennen Sie ihn?

Der Direktor lächelte.

Allerdings, sagte er. Ein wenig ein Lebejüngling. Er hat nicht weit von hier eine Villa.

Stimmt, im Wildwoodweg.

Jawohl.

Als er mit Javotte zusammentraf, befand er sich in Gesellschaft einer auffallend schönen Dame, fuhr ich fort.

So? Das kommt öfters vor.

Haben Sie sie auch schon gesehen?

Ja. Es ist ein prächtiges Weib.

Wohnt sie auch in der Villa?

Ich glaube, ja.

Seine Frau?

Ich weiß nicht. Ich glaube es nicht. Was mich indes interessiert, ist die Frage: was hat der Baron mit einem Menschen wie Javotte zu tun? Wird wohl gar nicht Javotte gewesen sein. Auf jeden Fall aber muß ich darüber Bericht erstatten. Sie haben doch nichts dagegen?

Nicht das geringste, antwortete ich. Vielleicht werde ich heute abend nach Paris geschickt. Herr Goliby sprach davon. –

Als ich nach Hause zurückkehrte, berichtete ich Herrn Goliby von meiner Unterredung mit dem Inspektor gerade soviel, als ich für unbedingt nötig erachtete.

Gut, sagte er, vorläufig kann nichts weiter geschehen. Eine abscheuliche Geschichte – eine ganz abscheuliche Geschichte! vielleicht hätte ich gut daran getan, heute abend selbst nach Paris zu fahren, aber ich muß ja dableiben, um mit den Versicherungsleuten zu sprechen. Ich habe mir die Sache überlegt und bin der Ansicht, daß es doch am klügsten ist, wenn Sie an meiner Stelle fahren. Um zwei Uhr zwanzig geht ein Zug von Charing Croß ab.

Er warf einen Blick auf seine Uhr und fuhr dann fort:

Es ist jetzt gerade halb elf Uhr, also bleibt Ihnen genügend Zeit übrig, um Ihre Reisevorbereitungen zu treffen. Richten Sie sich ein, etwa eine Woche dort zu bleiben. Hier sind die zwanzig Pfund, die Sie mir gestern zurückgegeben haben. Steigen Sie im Grand Hotel ab und, wie ich Ihnen schon gesagt habe, lassen Sie sich nichts abgehen! Ich werde Ihnen an diese Adresse schreiben. Ueberbringen Sie morgen diesen Brief dem Herrn Vignaud, Rue St. Marc 223, nahe bei der Börse! Sie werden sein Büro sehr leicht finden. Erzählen Sie ihm ganz genau, was in der Nacht, wo der Einbruch verübt wurde, vorgefallen ist und geben Sie ihm eine möglichst genaue Beschreibung von dem Manne, der Ihnen an jenem Tage gefolgt ist. Sie wird ihm, sowie den Behörden von großem Werte sein. Haben Sie meine Instruktionen genau verstanden, Herr Lart?

Vollständig, Herr Goliby.

Gut. Das ist vorläufig alles. Wie gesagt, werden Sie im Grand Hotel binnen einem oder zwei Tagen weitere Verhaltungsmaßregeln erhalten. Leben Sie wohl und glückliche Reise!

Er schüttelte mir herzlich die Hand und verließ mich.

Ich verlor nicht viel Zeit, um die wenigen Sachen einzupacken, die ich für die Reise benötigte. Ein übermächtiger Trieb, sobald als möglich aus dem Hause wegzukommen, hatte mich befallen. Ich fürchtete mich vor einer Wiederholung der geheimnisvollen Besuche, wenn ich auch für die Schönheit des geheimnisvollen Weibes nicht ganz unempfindlich war. Aber schon der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit einem wahren Schrecken. Ich wagte es nicht einmal mehr, in den Spiegel zu blicken, dem ich fast übernatürliche Kräfte zuschrieb. Das Rascheln des von der Luft bewegten Vorhanges allein reichte hin, mir einen kalten Friesel den Rücken hinablaufen zu lassen. Ich klappte mein Handkofferchen zu, faßte es mit der einen Hand, langte mit der anderen den Hut vom Haken und eilte, ohne jemand zu benachrichtigen, aus dem Zimmer und aus dem Hause, mit dem sehnlichen Wunsche, es nie wieder zu betreten.

Als ich noch nicht weit gegangen war, fragte mich ein Junge, der das Gepäck in meiner Rechten erblickt hatte, ob er es mir nicht tragen solle. Ich wies ihn an, es zum nächsten Droschkenhalteplatz zu schaffen, der bedeutend näher war, als ich bisher gewußt hatte. Wenige Minuten später saß ich in einer Droschke, auf dem Wege zur Station Charing Croß.

Dort angelangt, gab ich mein Gepäck zum Aufbewahren ab und suchte den Temple auf. In diesen stürmischen Tagen war Richard immer meine Zuflucht gewesen und der Himmel weiß, was ich ohne ihn angestellt haben würde. Aber heute hatte ich kein Glück. Richard war nicht im Büro, und sein Schreiber wußte nicht, wann er zurückkehren würde. Daher ließ ich ein Briefchen für ihn zurück, in dem ich ihm meine Pariser Adresse mitteilte. Dann machte ich mich daran, die Zeit totzuschlagen, was in London keine übermäßig schwierige Aufgabe ist. Ich speiste bei Gatti, verbrachte sodann eine Stunde in der Königlichen Akademie, machte hernach vorübergehend Bekanntschaft mit den Auslagen in der New Bond Straße und kehrte zuletzt zum Bahnhofe zurück, wo ich gerade rechtzeitig eintraf, um den Pariser Schnellzug noch zu erreichen.

Ich wählte den Weg über Boulogne, da ich der längeren Seereise den Vorzug gab. In Folkestone kaufte ich mir ein Buch, um die lange Seereise durch Lektüre zu verkürzen. So saß ich denn auf Deck, in meinen Roman vertieft und rauchte gemütlich mein Pfeifchen, als ich bemerkte, daß jemand vor mir stand.

Wären Sie vielleicht so freundlich, mir Feuer zu geben? fragte eine Stimme.

Ich sah auf.

Vor mir stand und schaute mir fest ins Auge der berühmte und gestrenge Monsieur Le Noir.

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